Aktuelle Forschungsergebnisse

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Es wird ja immer wieder behauptet, es gäbe keine Forschungsergebnisse zur Homöopathie. Diese Behauptung ist falsch. Um aktuelle Ergebnisse zu illustrieren, werden wir in dieser Reihe eine bunte Mischung aktueller Forschung präsentieren: von Grundlagenforschung über Fallserien bis hin zu neueren klinischen randomisierten Studien. Von diesen gibt es natürlicherweise weniger. Denn sie sind langwierig und teuer.

Allerdings gibt es solche Studien in der  homöopathischen Literatur durchaus. Eine andere Reihe „Klassische klinische Studien“, die teilweise auch über den „Forschungsreader“ von WissHom zugänglich sind, besprechen wir parallel in einer anderen Reihe.

Wir setzen diese Reihe fort mit einer klinischen Studie:

Klassische Homöopathie bei chronischer Schlaflosigkeit –

eine randomisierte, placebokontrollierte Doppelblindstudie

Harald Walach

Michael, J., Singh, S., Sadhukhan, S., Nath, A., Kundu, N., Magotra, N., et al. (2019). Efficacy of individualized homeopathic treatment of insomnia: Double-blind, randomized, placebo-controlled clinical trial. Complementary Therapies in Medicine, 43, 53-59. https://doi.org/10.1016/j.ctim.2019.01.007

Aktueller geht es kaum: gerade sind wir alle von der Zeitumstellung in unserem Schlafrhythmus gestört worden. Auch diejenigen unter uns, wie ich beispielsweise, mit einem relativ robusten Schlaf-Wachrhythmus und vergleichsweise wenig Schlafstörungen merken, wie sehr sogar ein Eingriff in den Schlafrhythmus – wie die Umstellung auf Sommerzeit – sich bemerkbar macht. Da kann man sich ein bisschen besser in diejenigen Zeitgenossen einfühlen, die dauernd mit Schlafproblemen zu kämpfen haben – weil sie schlecht einschlafen können und oft Stunden wachliegen, oder in der Nacht aufwachen und nicht mehr einschlafen können, oder zu früh aufwachen und nicht mehr zurück in den Schlaf finden. Wenn das öfter als dreimal pro Woche auftritt und länger als einen Monat andauert, geben die Schlafforscher diesem Syndrom den Namen „chronische Schlaflosigkeit“. Etwa 10-30% der Bevölkerung eines Landes leiden unter einem solchen Problem – es ist also ein klinisch wichtiges Thema. [1]

In dieser neuen Studie haben nun indische Forscher mit klassischer Homöopathie in einer drei Monate dauernden Studie bei insgesamt 60 Patienten mit chronischen Schlafstörungen gezeigt, dass individualisierte homöopathische Therapie bei chronischen Schlafstörungen einem Placebo überlegen ist. Die Studie war doppelt verblindet. Das Placebo war ununterscheidbar. Die meisten Items für sorgfältige Studiendurchführung kann man mit Ja beantworten: die Studie war verblindet; der Randomisationscode war ebenfalls verblindet; Patienten und Therapeuten/Beurteiler auch; die Auswertung erfolgte erst, nachdem die Datenbank „eingefroren“, also fertiggestellt war; die Studie hatte eine zwar etwas wacklige, aber immerhin prospektive Fallzahlplanung; sie wurde prospektiv in einem Studienregister eingetragen, damit keine Protokolländerungen nach der Auswertung möglich sind; sie wurde nach den Standardregeln berichtet und einigermaßen sauber ausgewertet.

Methodik

Die homöopathische Therapie erfolgte individualisiert: D.h. für jeden Patienten wurde individuell das passende Arzneimittel ausgewählt. Anschließend erhielten die Patienten von einem Apotheker, der der einzige war, der den Randomisationscode hatte, entweder das Arzneimittel oder das Placebo. Die Arzneien wurden in allen Fällen als sog. Q-Potenzen verabreicht, obwohl laut Protokoll auch C-Potenzen möglich gewesen wären. Das Spezielle an Q-Potenzen ist, dass sie zum einen stärker verdünnt sind (eben etwa im Verhältnis 1:50.000; daraus leitet sich das Kürzel „Q“ für „Quinquagesimillesimal“ – ein 50.Tausendstel ab) und daher auch öfter, normalerweise täglich, genommen werden können. Sie sind eine Spätentdeckung Hahnemanns und wurden dementsprechend spät, erst mit der Entdeckung der letzten Auflage des Organons 1921 bekannt und wurden zum ersten Mal von Flury 1942 hergestellt [2]. Im Wesentlichen wird dabei als Ausgangspotenz eine durch Verreibung bis zur C3 erzeugte Potenz verwendet, mit der dann in alkoholischer Lösung eine Anzahl Kügelchen imprägniert werden. Diese Kügelchen werden dann in alkoholischer Lösung aufgelöst, so dass das Mengenverhältnis in etwa 1:50.000 beträgt. Dies ergibt die Q1. Diese Lösung wird dann durch Schütteln weiter potenziert und mit ihr wiederum Kügelchen imprägniert, usw. Mit den Kügelchen wird dann eine Gebrauchslösung hergestellt, in diesem Fall aus destilliertem Wasser und 10% Alkohol (zu Konservierungszwecken) mit vier darin aufgelösten etwa mohnsamengroßen Streukügelchen – also die der ganz kleinen Sorte. Diese Lösung wird jedes Mal beim Einnehmen, in diesem Falle täglich, 10mal fest geschüttelt. Dann wird daraus etwa die Menge eines Löffels in eine Tasse Wasser gegeben, umgerührt, davon ein Mund voll eingenommen; der Rest der Tasse wird weggeleert. Das ist also wirklich die Extremform der Verdünnung und Streckung: die ursprünglich schon 1:50.000mal verdünnte und potenzierte Lösung wird auf kleine Kügelchen aufgebracht, diese nochmals verdünnt und von dieser Verdünnung wird nochmals ein kleiner Teil verdünnt. Daher werden solche Q-Potenzen auch täglich gegeben.

In dieser Studie wurden also ausschließlich solche Q-Potenzen verwendet; diese aber offenbar durchaus in einem konstitutionellen Sinn. Das sieht man an den verordneten Substanzen: vor allem Nux vomica, Natrium muriaticum, Calcium carbonicum, Thuja, Lycopopdium, Phosphor, Sulfur, Pulsatilla, Sepia; also lauter homöopathische „Polychreste“, häufig verordnete Konstitutionsarzneien.

Als Haupt-Ergebnismaß wurde ein tägliches Schlaftagebuch verwendet, das aus insgesamt 6 Items besteht und ein weit verbreiteter Standard ist (u.a. verwendet das amerikanische Militär dieses Instrument): Latenz bis zum Einschlafen, Aufwachen in der Nacht, zu frühes Erwachen, Zeit im Bett, Schlafzeit, Schlafeffizienz. Dieses Tagebuch wurde täglich geführt, kann also als prospektives Outcome-Maß gewertet werden, obwohl es natürlich naturgemäß nur nach jeder Nacht bewertet werden kann. Zusätzlich wurde ein Schlafindex geführt. Das ist ein relativ ähnliches Instrument, das aber eher globale Einschätzungen über einen längeren Zeitraum vornimmt. Beides ist in der Schlafforschung üblich. Manche Studien nehmen auch polysomnographische Maße – also objektive Maße wie EEG, Bewegungsmessung, oder andere physiologische Maße. Meistens sind solche Variablen aber an ein Labor gebunden und werden daher bei klinischen Studien, bei denen die Patienten in ihrer gewohnten Umgebung sind, in der Regel nicht eingesetzt.

Weil das Hauptmaß aus 6 Items besteht, haben die Autoren vernünftigerweise das Niveau der Irrtumswahrscheinlichkeit von 5% auf 1% reduziert; das ist eine Möglichkeit der Anpassung für multiples Testen (geschickter wäre es aus meiner Sicht gewesen, entweder einen Gesamtwert zu bilden oder eine multivariate Testprozedur einzuführen). Die Autoren haben sich so vor einer Überschätzung geschützt. Von ihren 6 Items zeigen insgesamt 3 Items einen Gruppenunterschied auf, der das apriori postulierte Signifikanzniveau erreicht oder unterschreitet, nämlich die drei letzten Items „Zeit im Bett“ (unter Homöopathie etwas länger, während die Placebo-Gruppe weniger Zeit im Bett verbringt), „Schlafzeit“ (unter Homöopathie etwa eine Stunde länger, während die Placebo-Gruppe weniger Schlaf hat) und „Schlafeffizienz“(ein Anstieg um 11 Punkte, bei der Placebo-Gruppe um 4 Punkte). Bei den anderen Items gibt es ebenfalls Verbesserungen, diese heben sich aber statistisch nicht von den Veränderungen in der Placebogruppe ab. Nach den Regeln der klinischen Forschung haben die Autoren aber mit dem Erreichen der vorher geforderten Signifikanzgrenze bei 3 von 6 Items ihr Ziel mehr als erreicht; denn es hätte gereicht, wenn eines der Items die Grenze von p < 0.01 erreicht hätte. Außerdem ist auch das sekundäre Kriterium, der Schlafindex in der Verum-Gruppe mit p = 0.013 deutlich besser.

Sind die Effekte auch klinisch bedeutsam?

Das halte ich ja sowieso für die wichtigere Frage, vor allem angesichts der Tatsache, dass vor Kurzem eine große Gruppe von mehr als 800 Forschern einen in Nature publizierten Aufruf unterzeichnet hat, man solle doch endlich ein Ende machen mit der absurden Signifikanztesterei [3] (siehe hierzu auch meinen aktuellen Methodenblog https://harald-walach.de/2019/03/27/der-signifikanz-mythos-broeckelt/). Ja, die Effekte sind klinisch bedeutsam. Ich bin zwar bei meinen Berechnungen auf leicht niedrigere Effektstärken gekommen als die Autoren. Das liegt vermutlich daran, dass ich eine pi-mal-Daumen-gemittelte Standardabweichung zur Berechnung genommen habe; die Unterschiede sind aber nicht drastisch. Die Effektgrößen zwischen den Gruppen, die die Autoren berichten, liegen zwischen d = 0.6 für den Schlafindex und d = 1.1 für das Item „Schlafeffizienz“, bzw. ca. d = 0.9 und d = 1.0 für die anderen signifikanten Items (meine leicht konservativere Schätzung). Für die nicht-signifikanten Items sind die Effektstärken klein und liegen bei d = 0.2. (Was eine Effektgröße ist, habe ich in meinen Methodenblogs ausführlicher erläutert (https://harald-walach.de/methodenlehre-fuer-anfaenger/13-power-analyse-die-magie-der-statistik-oder-der-unterschied-zwischen-signifikanz-und-relevanz/). Effektgrößen sind dimensionslose Maße, die beschreiben, wie groß ein Unterschied zwischen zwei Gruppen oder ein Zusammenhang von Variablen ist. Sie sind unabhängig von der Größe der Studie; diese bestimmt einfach, ob ein gegebener Unterschied signifikant belegt werden kann bzw. wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Unterschied signifikant gefunden werden kann. Die hier dokumentierten Effektgrößen zwischen d = 0.6 und d = 1.1 kann man als große und klinisch relevante Effekte bezeichnen, zumal sie gegen aktive Kontrolle, also Placebo, gesichert worden sind. Zur Kalibrierung: NICE, der englische Regulator, fordert, dass ein neu eingeführtes Antidepressivum mindestens eine Effektgröße von d = 0.5 gegenüber Placebo aufweisen muss; tatsächlich weisen alle Antidrepressiva-Studien zusammen in einer Meta-Analyse Effektgrößen gemittelt gegen Placebo von d = 0.38 auf [4]. Wir haben es hier also mit einem klinisch bedeutsamen Effekt zu tun, der statistisch gegen das Rauschen einer Placebo-Gruppe abgesichert ist. Auch in dieser findet man positive klinische Effekte. Diese sind aber kleiner.

Dies ist also eine unzweideutig signifikante Studie die zeigt, dass verblindete individualisierte homöopathische Therapie bei Schlaflosigkeit hilfreich sein kann und besser wirkt als ein Placebo. Die Autoren weisen darauf hin, dass es bereits eine Reihe anderer positiver Studien zu diesem Thema gibt, die meisten allerdings nicht individualisiert. Eine ältere brasilianische Studie zeigte ebenfalls positive Effekte einer verblindeten individualisierten homöopathischen Therapie [5]. Ich hatte sie mir vor langer Zeit einmal durchgesehen und ebenfalls eine mittlere Effektgröße von d = 0.40 errechnet, wenn ich recht erinnere. Iris Bell hat einige Forschung zum Thema Schlaf gemacht und konnte zeigen, dass Menschen mit unterschiedlichem Persönlichkeitsprofil (ängstlich versus aggressiv) und Schlaflosigkeit, die durch Kaffeemissbrauch induziert war, mit unterschiedlichen EEG-Mustern auf die Gabe von unterschiedlichen Arzneien (Nux vom. vs. Coffea in der C30) reagieren, je nachdem welches Persönlichkeitsprofil sie hatten. In dieser Studie wurde nach einer Placebo-Run-in-Periode die beiden Homöopathika doppelt verblindet gegeben und alle Masse erfolgten in einem Schlaflabor mit Polysomnographie (also mit EEG, Bewegungsmessung, Okulogramm) [6].

In diesen Kontext reiht sich diese kleine Studie gut ein. Die Poweranalyse war etwas wacklig; aber die Autoren hatten Glück und einen deutlichen Effekt gefunden; wäre sie negativ ausgegangen, hätten sie vermutlich mit zu geringer Power argumentiert, was bei einer kleinen Studie immer möglich ist und dann eine Folgestudie nötig gemacht hätte. Die Präsentation zeigt ein paar handwerkliche Schwächen: Es ist beispielsweise ein weit verbreiteter Unsinn, das Randomisationsergebnis auf statistische Imbalancen hin zu testen; darauf verweist auch die CONSORT Gruppe [7]. Denn schließlich haben wir es bei der Randomisation mit einer theoretischen Größe zu tun, die nicht durch ein einmaliges empirisches Ereignis getestet werden kann. Ich finde auch, die Autoren hätten sich im Vorfeld überlegen können, die Schlafitems zu einem Gesamtwert zu vereinen, was ihre Statistik etwas klarer gemacht hätte, oder aber sie hätten die Daten anhand eines linearen Modells mit entsprechenden Kovarianten (Baseline-Werte, andere mögliche Prädiktoren) auswerten können, wie das mittlerweile üblich ist. Aber so robust wie die Daten sind, spielt das eine relativ geringe Rolle und ist eher kosmetische Kritik. Man hätte die Studie länger laufen lassen können als drei Monate und hätte dann vermutlich deutlichere Effekte gesehen. Allerdings ist bei verblindeter individualisierter Homöopathie eine längere Studie meistens etwas komplex und von daher kann man verstehen, dass die Autoren nach drei Monaten aufgehört haben.

Die Schlussfolgerungen bleiben: Wir haben eine Studie vor uns, die belegt, dass klassisch angewandte Homöopathie bei chronischen Schlafstörungen wirksam ist. Sie tut dies in einem Kontext einiger anderer positiver Studien.

Literatur

[1] Roth, T. (2007). Insomnia: definition, prevalence, etiology, and consequences. Journal of Clinical Sleep Medicine, 3(5 Suppl), S7-S10. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1978319/

[2] De Schepper, L. (1999). LM potencies: one of the hidden treasures of the sixth edition of the Organon. British Homeopathic Journal, 88, 128-134.

Mayr, S. (2014). Herstellung homöopathischer Arzneimittel – Von Hahnemann bis zu Schwabes Pharmakopöe. Essen: KVC Verlag.

[3] Amrhein, V., Greenland, S., & MCShane, B. (2019). Retire statistical significance. Nature, 567, 305-307. https://www.nature.com/articles/d41586-019-00857-9

[4] Turner, E. H., Matthews, A. M., Linardatos, E., Tell, R. A., & Rosenthal, R. (2008). Selective publication of antidepressant trials and its influence on apparent efficacy. New England Journal of Medicine, 358, 252-260. https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMsa065779

Kirsch, I., Deacon, B. J., Huedo-Medina, T. B., Scoboria, A., Moore, T. J., & Johnson, B. T. (2008). Initial severity and antidepressant benefits: A meta-analysis of data submitted to the food and drug administration. PLoS Medicine, 5(2), e45. https://journals.plos.org/plosmedicine/article?id=10.1371/journal.pmed.0050045

[5] Carlini, E. A., Braz, S., Troncone, L. R., Tufik, S., Romanach, A. K., Pustiglione, M., et al. (1987). Efeito hipnotico de medicacao homeopatica e do placebo. Avaliacao pela técnica de „duplo-cego“ e „cruzamento“. Revista de Associacao medica brasileira, 33, 83-88. https://europepmc.org/abstract/med/3329355

[6] Bell, I. R., Howerter, A., Jackson, N., Aickin, M., Baldwin, C. M., & Bootzin, R. R. (2011). Effects of homeopathic medicines on polysomnographic sleep of young adults with histories of coffee-related insomnia. Sleep Medicine, 12(5), 505-511. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1389945710001735?via%3Dihub

[7] Moher, D., Hopewell, S., Schulz, K. F., Montori, V. M., Gøtzsche, P. C., Devereaux, P. J., et al. (2010). CONSORT 2010 Explanation and Elaboration: updated guidelines for reporting parallel group randomised trials. BMJ, 340, c869. https://www.bmj.com/content/340/bmj.c869

Schulz, K. F., Altman, D. G., Moher, D., & CONSORT Group. (2010). CONSORT 2010 Statement: updated guidelines for reporting parallel group randomised trials. BMC Medicine, 8(1), 18. https://bmcmedicine.biomedcentral.com/articles/10.1186/1741-7015-8-18

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Aktuelle Forschungsergebnisse

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Es wird ja immer wieder behauptet, es gäbe keine Forschungsergebnisse zur Homöopathie. Diese Behauptung ist falsch. Um aktuelle Ergebnisse zu illustrieren, werden wir in dieser Reihe eine bunte Mischung aktueller Forschung präsentieren: von Grundlagenforschung über Fallserien bis hin zu neueren klinischen randomisierten Studien. Von diesen gibt es natürlicherweise weniger. Denn sie sind langwierig und teuer.

Allerdings gibt es solche Studien in der  homöopathischen Literatur durchaus. Eine andere Reihe „Klassische klinische Studien“, die teilweise auch über den „Forschungsreader“ von WissHom zugänglich sind, besprechen wir parallel in einer anderen Reihe.

Effektivität von Homöopathie zur Schmerzlinderung bei Gelenksblutung bei Hämophilie-Patienten

Harald Walach

Kundu, T., Ghosh, K., Shaikh, A., Singh, P., Shaikh, A., Shah, H., et al. (2018). Homeopathic medicine reduces pain and hemarthrosis in moderate and severe hemophilia: A multicentric study. Complementary Medicine Research, 25(5), 306-312. https://www.karger.com/Article/Abstract/486557

Es gibt manche Situationen, in denen benötigt man keine kontrollierte Studie, um einen klinischen Effekt zu dokumentieren. Das ist in der Regel dann der Fall, wenn die Effekte überdeutlich sind, oder wenn man ziemlich genau weiss, was passieren würde, wenn man nicht behandeln würde. Daher muss keiner eine randomisierte Studie zur Wirksamkeit von Fallschirmen durchführen, wie einmal ein paar Witzbolde in der Weihnachtsausgabe des British Medical Journals angemerkt haben [1]. Auch viele wichtige und lebensrettende Interventionen in der klinischen Medizin wurden nie in einer randomisierten Studie untersucht, z.B. die Wirksamkeit von Penicillin, oder die Nützlichkeit der Schienung gebrochener Knochen, oder Bypassoperationen zur Blutversorgung des Herzens bei verschlossenen Arterien, und andere Interventionen der Chirurgie. Daher ist aus meiner Sicht der allgemeine Ruf nach randomisierten, placebo-kontrollierten Studien als einzige rationale Methode der klinischen Forschung insgesamt ziemlich kurzsichtig. Ich habe dazu an verschiedenen Stellen auch noch eine Reihe Argumente geliefert, auf die ich jetzt nicht eingehe [2].

Die hier besprochene Studie ist eine solche klinische Situation, in der keine randomisierte Studie nötig ist, wenngleich eine ranomisierte Studie vielleicht eine noch klarere Schlußfolgerung zugelassen hätte. In dieser Studie indischer Forscher aus Mumbai, Nashik im Bundesstaat Maharashtra und Surat in Gujarat wurden alle Patienten, die an erblich bedingter Hämophilie – also der Bluterkrankung – litten in die Studie eingeschlossen, die in ihren Krankenhäusern in homöopathischer Betreuung waren. Dazu muss man wissen: Die Erkrankung ist erblich und kann nicht geheilt werden. Es können allenfalls Symptome gelindert werden und durch Plasmagaben von Gerinnungsfaktoren akute Probleme so behandelt werden, dass die Patienten nicht sterben bzw. dass innere Blutungen gestoppt werden. Probleme treten auf, wenn etwa Blutungen in die Gelenke auftreten und keine sofortige Plasmagabe zur Verfügung steht. Wenn ein Mensch mit normalen Gerinnungsfaktoren eine dumme Bewegung macht oder sich stößt, hat er vielleicht eine Mikroverletzung in einem Gelenk oder Band mit einer kleinen Blutung, die aber sofort zum Stillstand kommt. Wenn das bei einem Bluter passiert, dann fliesst sehr lange Blut und löst natürlich Entzündungen und Schmerzen aus. Klassische Entzündungshemmer sind dort oft nicht sinnvoll, weil sie das Problem schlimmer machen. Opiate sind auch nur bedingt nützlich, weil man nicht dauernd zu Opiaten greifen will. In Indien kommt erschwerend hinzu, dass nicht immer Plasmakonzentrate zur Akutbehandlung genau dann vorhanden sind, wenn sie gebraucht werden. Daher wird in Indien durchaus auch in solchen relativ schweren Erkrankungsfällen Homöopathie verwendet.

Da in Indien Homöopathie durch das Gesundheitsministerium gestützt und verbreitet wird – unter dem ministeriumseigenen Department AYUSH (das ist eine Abkürzung für Ayurveda, Yoga, Unani, Siddhi, Homeopathy, also die fünf in Indien anerkannten traditionellen Heilweisen) – gibt es dort auch staatliche Krankenhäuser und Ambulanzen, die sie anwenden. Meistens, das muss man auch sagen, ist es in Indien eine Medizin der armen Leute, weil Homöopathie eben billig ist.

In der hier vorliegenden Studie wurden nun retrospektiv alle in einem Krankenhaus in Behandlung befindlichen Hämophilie-Kranke eingeschlossen, deren Episode von Einblutung in ein Gelenk nicht durch konventionelle Mittel behandelt werden konnten, entweder weil es keine Plasmaprodukte gab oder weil die Patienten aus anderen Gründen keine konventionelle Behandlung hatten. Alle Patienten waren genetisch getestete Hämophilie-Patienten, also echte Bluter-Kranke.

Insgesamt 343 Patienten von ursprünglich 430 durchgesehenen gingen in die Analyse ein. 23 Patienten hatten vorher anderswo Plasmafaktoren erhalten; bei weiteren 38 Fällen waren die Daten unvollständig und bei 26 Patienten hatte keinerlei Gelenksblutung vorgelegen. 287 von den eingeschlossenen Patienten hatten eine schwere und 56 eine mässig schwere Hämophilie. Insgesamt 1.679 Blutungsepisoden waren die Datenbasis. Die Patienten hatten im Durschnitt 6.9 Gelenksblutungen pro Monat und wurden homöopathisch behandelt. Schwellungen und Untersuchungen von Schmerzen wurden von unabhängigen allopathischen Ärzten dokumentiert.

Die homöopathische Behandlung erfolgte dreistufig: alle Patienten bekamen Hamamelis in der Urtinktur zur äusserlichen Anwendung, um die Blutung zu stillen. Ausserdem bekamen alle eine homöopathische Akutverordnung und danach eine homöopathische Konstitutionsverordnung. Die Idee bei der Akutverordnung ist natürlich, dass das akute Geschehen kontrolliert werden soll, und zwar möglichst rasch. Und die Konstitutionsverordnung soll nach Möglichkeit die Gefahr weiterer Blutungen reduzieren oder die Konstitution so gut als möglich stärken. Die homöopathischen Arzneimittel die dort verwendet wurden sind sehr vielfältig. Bryonia, das Arzneimittel mit der Modalität „Schmerz, verschlimmert durch kleinste Bewegung“ und Rhus toxicodendron, das Arzneimittel das bei Bänderzerrungen sehr hilfreich sein kann, weil es starke Schmerzen in Gelenken hat die langsam duch Bewegung gebessert werden, waren dabei die häufigsten akuten Verordnungen und ansonsten die typischen homöopathischen Konstitutionsmittel. Neben Lachesis waren das Calcium carbonicum, Sulphur, Arsenicum album, Lycopodium, Calc. fluoratum, Nux vomica und Ruta, um nur die häufigeren zu nennen. Alle wurden in C200 oder C1.000 (oft auch als „M“ abgekürzt) gegeben.

Nach einem halben Jahr waren die Gelenksblutungen mit 2.9 pro Monat verlgichen mit den 6.9 zu Beginn deutlich weniger. Die Effekte waren in der Regel schon nach 6 Stunden sichtbar und nach 48 Stunden deutlich. Die Schwellungen hatten nach 24 Stunden um 1,1 (beim Knöchel) bis 3,1 cm abgenommen. Die Schmerzen nahmen ab von durchschnittlich 6,1 (Knie) bis 8,4 (Schulter) auf einer numerischen Ratingskala zu Beginn der Behandlung (die von 0 bis 10 reicht) auf 1,5 (Knie) und 1,7 (Schulter); bei den anderen Gelenken waren die Schmerzen noch besser. Insgesamt 3,9% bis 6,8% der Patienten waren als Therapieversager kategorisiert, also als solche, die nach 48 Stunden weniger als 50% Verbesserung erlebt hatten.

Es wäre nun natürlich schön, wenn man eine Kontrollgruppe hätte, bei der mit Gerinnungsfaktor behandelt worden wäre oder alle Patienten nach Einsatz des Gerinnungsfaktors entweder mit Homöopathie oder anders weiterbehandelt worden wären. Dann hätten wir einen wirklich klaren Vergleichsstandard. Aber auch so zeigt uns die Studie: homöopathische Behandlung kann offenbar einen positiven Einfluß auf innere Blutung und die damit verbundenen Entzündungs- und Schmerzprozesse nehmen und offenbar auch langfristig die Tendenzen beeinflussen. Das soll nun natürlich kein Aufruf sein, Plasmabehandlungen einzustellen. Wir erinnern uns: in Entwicklungsländern ist Plasmabehandlung nicht überall und immer möglich. Hier stellt Homöopathie eine günstige und klinisch effektive Ergänzung bereit, wenn und solange keine Plasmabehandlung möglich ist oder nicht verwendet werden kann. Die große Zahl der Patienten, die Konsistenz der Ergebnisse und der relativ deutliche klinische Effekt scheinen mir durchaus interessant zu sein, vor allem weil bei dieser Erkrankung Alternativerklärungen – Placebo-Effekte, natürliche Verbesserungen, Spontanverläufe – eher unwahrscheinlich sind als Erklärungsmodelle.

Referenzen

[1] Smith, G. C. S., & Pell, J. P. (2003). Parachute use to prevent death and major trauma related to gravitational challenge: systematic review of randomised controlled trials. British Medical Journal, 327, 1459-1561. https://www.bmj.com/content/327/7429/1459

[2] Walach, H., Falkenberg, T., Fonnebo, V., Lewith, G., & Jonas, W. (2006). Circular instead of hierarchical – Methodological principles for the evaluation of complex interventions. BMC Medical Research Methodology, 6(29). https://bmcmedresmethodol.biomedcentral.com/articles/10.1186/1471-2288-6-29

Walach, H., & Loef, M. (2015). Using a matrix-analytical approach to synthesizing evidence solved incompatibility problem in the hierarchy of evidence. Journal of Clinical Epidemiology, 68, 1251-1260. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0895435615003212

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H. Walach

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Aktuelle Forschungsergebnisse

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Es wird ja immer wieder behauptet, es gäbe keine Forschungsergebnisse zur Homöopathie. Diese Behauptung ist falsch. Um aktuelle Ergebnisse zu illustrieren, werden wir in dieser Reihe eine bunte Mischung aktueller Forschung präsentieren: von Grundlagenforschung über Fallserien bis hin zu neueren klinischen randomisierten Studien. Von diesen gibt es natürlicherweise weniger. Denn sie sind langwierig und teuer.

Allerdings gibt es solche Studien in der homöopathischen Literatur durchaus. Eine andere Reihe „Klassische klinische Studien“, die teilweise auch über den „Forschungsreader“ von WissHom zugänglich sind, besprechen wir demnächst in einer anderen Reihe.

Wir beginnen mit einer Grundlagenstudie und einer klinischen Studie.

Grundlagenforschung: Anti-Enzündlicher Efekt durch Arsenicum Album C200 –

und Silicea (Glaspartikel) spielen dabei keine Rolle

Harald Walach

Dalboni, L. C., Coelho, C. d. P., Palombo Pedro, R. R., Correia, M. S., de Santana, F. R., Cardoso, T. N., et al. (2019). Biological actions, electrical conductance and silicon-containing microparticles of arsenicum album prepared in plastic and glass vials. Homeopathy, 108(1), 12-23. https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/s-0038-1670675

Die Zeitschrift “Homeopathy” gibt es seit mehr als 100 Jahren. Sie gehört damit zu einer der ältesten Forschungzeitschriften in der Medizinlandschaft. Früher hiess sie „British Homoeopathic Journal“. Sie ist peer-reviewed und wird derzeit von Robert Mathie herausgegeben, nachdem der frühere Editor, Peter Fisher, im Sommer tragisch verunglückt ist (https://www.karger.com/Article/FullText/494076). Sie publiziert vor allem Forschungsartikel. Ich weise hier auf einen aktuellen hin, der aus zwei Gründen interessant ist: Zum einen hat die braslianische Arbeitsgruppe um Leoni Bonamin aus Sao Paolo einen klaren Immuneffekt von höchstverdünntem Arsenicum album C200 belegt. Zum anderen hat sie dabei nebenbei auch die sog. „Silica-Hypothese“ der homöopathischen Arzneimittelwirkung unwahrscheinlich gemacht.

Das Grundlagenforschungsmodell arbeitet mit einem bekannten immunologischen Assay: Makrophagen, also die Fresszellen und die erste Linie der immunologischen Abwehr, wurden mit Hefezellen gefüttert. Makrophagen sind diejenigen Zellen, die bei jeder immunologischen Bedrohung die erste Linie der Abwehr darstellen. Sie identifizieren den Eindringling, verleiben ihn sich durch Phagozytose ein, zerlegen ihn und präsentieren dann die entsprechenden Merkmale auf ihrer Oberfläche, so dass andere Elemente des Immunsystems wissen, was sie attackieren müssen. Damit diese anderen Immunzellen verständigt werden, schütten die Makrophagen eine Reihe von Botenstoffen aus, wenn sie aktiviert sind – sogenannten Interleukine (Il), von denen es eine ganze Reihe gibt. Aktivierte Makrophagen schütten vor allem pro-entzündliche Interleukine aus, davon sind die wichtigsten Interleukin 1 (Il 1) und 6.

In dem hier untersuchten Modell erhielten Makrophagen also Hefezellen zum Fressen. Dieses Assay ist beliebt, weil man sowohl die aufgefressenen Hefezellen zählen kann, die Ausbreitung, als auch die Interleukine messen kann. Man kann den Status der Makrophagen untersuchen und sehen, wie stark sie aktiviert sind. Das alles geht unter dem Mikroskop, mit Hilfe automatisierter Zählvorrichtungen, oder mit standardisierten immunologischen Assays.

Den Makrophagen wurde nun zusätzlich zu ihrer Nahrung, homöopathisches Arsenicum album gegeben (Arsenoxid, das typische Gift, das zum Beispiel von Flaubert in Madame Bovary so meisterhaft in seiner klinischen Wirkung beschrieben worden ist). Das Arsenicum album wurde nach allen Regeln der Kunst erst bis zur CH3, also je eine Stunde in einem Mörser mit Milchzucker, verrieben und ab da in flüssiger Lösung verschüttelt, wie es das Arzneibuch vorschreibt. Das bedeutet: Mehrglasmethode, für jede Potenz ein neues Gefäß. Die Verschüttelungen fanden nun in PET-Flaschen und in gewöhnlichen Glasflaschen statt. Denn vor allem wollten die Forscher die sog. Silicea-Hypothese testen. Das ist eine Hypothese, die meine Kollegen John Ives und David Anick vor Jahren in die Welt gesetzt haben [1]. Sie besagt, dass die Homöopathie-Wirkung zum einen vor allem eine unspezifische Stimulierung des Immunsystems durch niedrige Dosen von Glas (Silicea, Kieselsäure) darstellt, das bei der Potenzierung aus den Potenziergläsern herausgelöst wird. Und zum anderen, dass diese Mikropartikel von Silicea womöglich auch noch zu Trägern von Information werden könnten, indem sie durch irgendeine Konfiguration die ursprünglich gelöste Substanz binden und in dieser Konfiguration die Information durch den Potenzierungsprozess bringen.

Um diese Silicea-Hypothese zu testen, wurde nun von einem Teil der Hochpotenz Ars. alb. C200 durch Mikrozentrifugierung auch noch das Glas wegzentifugiert. Es wurden also insgesamt, neben Kontrolle, Ars. alb. C6 in PET, C6 in Glas, C200 in Pet, C200 in Glas und C200 in Glas und zentrifugiert getestet. Dass die Beseitigung der Silicea Partikel funktioniert hatte, wurde elektronenmikroskopisch nachgewiesen.

Es zeigt sich, dass die Hochpotenz C200 eine klare immunsuppressive Wirkung auf die Makrophagen hat: Die Ausscheidung des (pro-entzündlichen) IL6 wird sehr deutlich und signifikant reduziert gegenüber den Kontrollen, und zwar völlig unabhängig davon, in welchem Gefäss sie zubereitet wurden; kleine Unterschiede zwischen den unterschiedlich zubereiteten Ars. alb.-Potenzen gibt es, aber sie sind nicht drastisch. Das spezielle sind die sehr hohen Effektstärken in dem Assay. Wäre Silicea für diesen Effekt verantworlich gewesen, so hätte man diesen Effekt nicht in den PET-potenzierten und nicht in den zentrifugierten Potenzen sehen dürfen. Das spricht also eher gegen einen unspezifischen Effekt von homöopathischer Potenz aufgrund von Silicea. Ausserdem unterdrückt Ars. alb. C200 im Glas auch die Ausbreitung der Makrophagen gegenüber Kontrollen und gegenüber Ars. C200, das in Plastikgefäßen potenziert wurde.

Ars. C6 in PET potenziert scheint eher einen immunstimulierenden Effekt zu zeigen: veschiedene Cytokine, nämlich IL1, Il 6, vascular endothelial growth factor und monocyte chemoattractant protein 1 nehmen deutlich zu gegenüber Kontrollen und Ars C6 im Glas. Auch der Phagozytose-Index und die Ausscheidung von Stickoxid – ein Radikal-Molekül das die Phagozyten sozusagen als Nah-Waffe ausscheiden – nehmen zu. Das führen die Autoren auf mögliche aus dem Plastik gelöste organische Stoffe zurück.

Die Autoren schlußfolgern, dass die Befunde dafür sprechen, dass zum einen Ars. alb. C200 eine spezifische anti-inflammatorische Wirkung aufweist, die nicht von Glaspartikeln herrührt und dass die in Plastik potenzierten Arsen-Potenzen, vermutlich durch organische Moleküle aus dem PET, eher immunstimulierend wirken.

Kritisch ließe sich anmerken, dass 11 Cytokine und Chemokine getestet wurden, von denen bei insgesamt 4 ein signifikanter Effekt gefunden wurde. Allerdings ist der starke Effekt von Il6 immer noch so stark, dass eine konservative Anpassung der Testung für eine multiple Prozedur noch immer eine Signifikanz übrig lassen würde. Auch scheint mir die Überzeugungskraft eher im konsistenten Bild und in der Effektstärke als in einzelnen Signifikanzen zu liegen. Außerdem dürften die Proben nicht verblindet gewesen sein, jedenfalls liest man darüber nichts im Aufsatz. Das ist allerdings bei Grundlagenforschern leider überall unüblich, auch in der konventionellen Physik, Chemie und Biochemie, wie Rupert Sheldrake vor vielen Jahren durch eine Befragung dokumentiert hat [2]. Ich will nicht wissen, wieviel an konventioneller Forschung im Prinzip auf den Erwartungseffekten von Experimentalleitern beruht, aber das wäre ein weites und weiteres Feld.

Mit gleichem Maß gemessen muss man also festhalten: hier hat eine Arbeitsgruppe an einem einfachen, eigentlich leicht replizierbaren Modell, gezeigt, dass Arsenicum album in einer C200 einen klaren immunsyuppressiven, entzündngshemmenden Effekt aufweist. Dieser ist nicht abhängig von Glaspartikeln. Damit scheidet wohl auch die Silicea-Hypothese als elegante, unspezifische Erklärungshypothese zur Erklärung homöopathischer Effekte aus.

Referenzen

[1] Anick, D. J., & Ives, J. A. (2007). The silica hypothesis for homeopathy: physical chemistry. Homeopathy, 96, 189-195.

[2] Sheldrake, R. (1998). Could experimenter effects occur in the physical and biological sciences? Skeptical Inquirer, 22(May/June), 57-58.

Sheldrake, R. (1998). Experimenter effects in scientific research: How widely are they neglected? Journal of Scientific Exploration, 12, 73-78.

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H. Walach

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Die populärsten Irrtümer über die Homöopathie

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– und die konventionelle Medizin

Zusammenfassung und Abschluß: Der Status der Homöopathie und die derzeitige Kampagne

Harald Walach

In dieser Serie haben wir die wichtigsten Irrtümer über die Homöopathie und am Rande auch einige über die konventionelle Medizin aufgeklärt. Damit kommt diese kleine Reihe vorläufig zum Abschluß.

Homöopathie verwendet ein altes und bewährtes Therapiekonzept. Das Ähnlichkeitsprinzip ist ein therapeutisches Prinzip, das auch in der konventionellen Medizin angewandt wird. Die Homöopathie hat eine Methode gefunden, es nutzbar zu machen, nämlich durch die Arzneimittelprüfung am Gesunden. Diese hilft dabei, die Arzneimittelbilder zu erzeugen. Das Potenzierungsprinzip ermöglicht es, auch giftige oder chemisch träge Stoffe durch eine Art der Erschließung nutzbar zu machen, die wir noch nicht verstanden haben. Dass höhere Potenzen bei guter Passung der Arzneimittelbilder besonders gut zu wirken scheinen ist ein Paradox, das die Homöopathie rein empirisch entdeckt hat und für das wir keine Erklärung haben. Aber das macht die Homöopathie nicht zu einer Absurdität, wie die Kritiker meinen, sondern zu einer wissenschaftlichen Anomalie. Die Konsequenz sollte sein: jetzt erst recht versuchen zu verstehen, was da passiert. Für die Praxis heisst das: Homöopathie erzeugt offenbar gerade mit den hohen Potenzen Effekte. Das belegen nicht nur klinische, sondern auch Grundlagenforschungsstudien. Dass hier die Datenlage zwar nicht eindeutig, aber doch deutlich positiv ist, zeigen eine ganze Reihe von Meta-Analysen und Überblicksarbeiten. Natürlich, man kann sie alle ignorieren und, wie manche, nur 5% der Daten zur Bewertung heranziehen und dann zur oft gehörten, aber deswegen nicht weniger falschen Ansicht kommen, es gäbe keine wissenschaftlichen Belege. Diese Aussage ist nachweisbar falsch. Ihre Wiederholung hat nichts mit Aufklärung zu tun, sondern ist reine Propaganda über deren Motivation wir anschließend noch ein bisschen spekulieren wollen. Dass die Datenlage zu Homöopathie zwar positiv, aber nicht eindeutig ist, hat sie mit der konventionellen Medizin gemeinsam. Legt man auch bei der konventionellen Medizin strenge Massstäbe an, so ist nur der geringste Teil aller standardmäßigen Anwendungen wirklich gut belegt, und sehr beliebte Massnahmen sind weniger gut untersucht, als man das gerne hätte. Fast die gesamte Chirurgie beruht, ähnlich wie die Homöopathie, auf Empirie, auf Erfahrungswissen. Viele kardiologische Interventionen, z.B., sind noch nie in einer verblindeten randomisierten Studie evaluiert worden [1]. Im Fall der Chirurgie kommt unterstützend hinzu, dass wir dort auch noch ein paar mechanistische Argumente haben. Aber diese sind, wie so manche Studie gezeigt hat, nicht immer richtig [2]. Sollte man daher die ganze Chirurgie zum Fenster hinauswerfen? Ich glaube, es ist nützlich, wenn man, wie jeder klinische Praktiker das tut [3], unterschiedliche Typen von Daten heranzieht, um sich ein Bild über ein Fachgebiet zu machen. Klinische Studien gehören sicher dazu, aber auch andere Informationen, z.B. unmittelbare Erfahrungen, langfristige Beobachtungsstudien, Fallsammlungen und Fallbeschreibungen von Heilungen bei Einzelfällen mit schlechter Prognose [z.B. 4]. Gerade solche Fälle füllen die homöopathische Materia Medica seit es Homöopathie gibt und sie haben u.a. zur Verbreitung der Homöopathie beigetragen. Natürlich könnte man da sagen: alles Placebo-Effekte. Möglicherweise ist die Homöopathie ja wirkliche eine extrem kluge Art und Weise, Selbstheilungseffekte hervorzurufen. Das wäre es nämlich, was man unter dem Begriff „Placebo-Effekt“ verstehen müsste: Effekte der Selbstheilung [5]. Und vielleicht würde eine sorgfältige Untersuchung der Homöopathie ja dazu beitragen, diese besser zu verstehen und nutzbar machen zu können.

Die empirische Befundlage zur Homöopathie ist also nicht sehr viel anders als die in der konventionellen Medizin; darauf haben verschiedene Autoren immer wieder hingewiesen [6]. Der Unterschied besteht darin, dass wir für die konventionelle Medizin ein akzeptiertes theoretisches Narrativ haben: das Maschinenmodell vom menschlichen Organismus, das vermeintlich so manches erklärt. Dass dies sehr häufig auf Abstraktionen und auch falschen Konstruktionen beruht, steht auf einem anderen Blatt, das wir jetzt nicht umdrehen wollen. Im Gegensatz dazu haben wir zur Homöopathie kein brauchbares theoretisches Narrativ, das erklären könnte, wie Homöopathie wirkt. Alles was es gibt sind Spekulationen. Das ist wichtig zu wissen und anzuerkennen. Das bedeutet aber nicht, dass Homöopathie deswegen stümperhaft ist und nicht funktioniert. Es bedeutet: Wir haben keine Ahnung, wie wir diese emprischen Befunde und die klinischen Erfolge der Homöopathie verstehen können und in den Gesamtbestand des wissenschaftlichen Wissens einordnen sollen. Da würden auch ehrliche Homöopathiebefürworter und ich selber allen Kritikern zustimmen. Ein etwas gesteltzer Begriff für diesen Sachverhalt ist: die Homöopathie ist eine wissenschaftliche Anomalie. Wissenschaftliche Anomalien sollten, das zeigt die wissenschaftshistorische und wissenschaftstheoretische Diskussion und der gesunde Menschenverstand, untersucht und ernstgenommen werden, nicht ausgegrenzt. Ich persönlich bin der Meinung, dass dies komplexer ist, als viele denken, weil aus meiner Sicht die empirische Signatur der Homöopathie darauf hinweist, dass wir es mit einer Klasse von Phänomenen zu tun haben, die sich nicht ins gängige Schema der klassischen Effekte von Ursache-Wirkung einordnen lassen.

Wolfgang Pauli, einer der Begründer der Quantenmechanik, und Carl Gustav Jung, einer der Gründerväter der Tiefenpsychologie, haben in ihrem Dialog eine neue Klasse von Phänomenen regelhafter, aber nicht-kausaler Beziehung gefordert, die sie mit dem etwas unglücklichen Namen „Synchronizität“ belegt haben [7]. Damit meinten sie regelhafte Beziehungen, die nicht durch Ursache-Wirkung zustande kommen, sondern durch Sinnentsprechung und die zwar regelhaft, aber nicht kausal vermittelt sind, also durch Austausch von Energie und Signalübertragung. Sie haben damit aus meiner Sicht einen weitsichtigen Schritt getan, der noch wenig verstanden ist. Möglicherweise gibt es ja eine solche Art der regelhaften Bezogenheit, die dennoch nicht klassisch-kausaler Natur ist. Homöopathie wäre dann möglicherweise, neben anderen Phänomenen, ein Beispiel dafür.

Daraus die Unwissenschaftlichkeit der Homöopathie konstruieren zu wollen, wie das die Homöopathiekritik tut, ist wissenschaftshistorisch schlecht informiert und sachlich falsch. Daraus lässt sich allenfalls konstruieren, dass die Homöopathie mit den gängigen Modellen von wissenschaftlicher Regelhaftigkeit nur schwer verstehbar ist. Das würde, glaube ich, nur schwer bestreitbar sein. Aber das heisst noch lange nicht, dass Homöopathie unwissenschaftlich ist. Eine Definition von Wissenschaftlichkeit, so haben wir gesehen, aus dem Horizont dessen heraus, was wir derzeit wissen, war schon immer die Methode der ewig Gestrigen, die sich jedem Fortschritt und jeder Neuerung verschlossen haben. Das klassische Argument einer solchen Haltung ist: Es ist unmöglich, weil … [setzen Sie alle möglichen derzeitigen Wissensbestände ein]. Und der Beweis, dass es doch möglich ist, hat noch in beinahe jedem Fall unser Wissen und unsere Handlungsmöglichkeit bereichert. Eisenbahnen sind möglich geworden und haben uns nicht geschadet. Flugzeuge sind möglich geworden, staubsaugende und rasenmähende Roboter und weiss der Geier was sonst noch alles, von dem man zuvor sagte, es sei unmöglich.

Damit sind wir auch bei des Pudels Kern angelangt:

Die Homöopathie ist in zweierlei Hinsicht ein Stein des Anstoßes und darum wird sie so heftig bekämpft. Zum einen widersteht sie der Analyse des mechanistisch-materialistischen Mainstream-Paradigmas und ist daher ein theoretisches Ärgernis, das bekämpft werden muss. Zum anderen ist Homöopathie pragmatisch-klinische erfolgreich und würde, wenn breiter verwendet und allgemein akzeptiert, so manche derzeit gängige Methode der Therapie wenn nicht überflüssig machen, so doch deutlich in ihrer Beliebtheit einschränken. Das ist ein Wirtschaftsfaktor, der den meisten im Gesundheitswesen tätigen Akteuren nicht angenehm ist. Denn alle Akteure verdienen damit, dass sich nichts ändert.

Es gibt derzeit eine extrem aggressive Kampagne gegen die Homöopathie, die ich seit mindestens 2006 beobachte. Sie ging los, als sich in der wissenschaftlichen Literatur die Erkenntnis durchzusetzen begann, dass manche vielversprechenden pharmakologischen Mainstreaminterventionen weniger wirksam sind, als man dachte und verschiedene Hoffnungsträger der pharmakologischen Industrie sich als nicht tragfähig erwiesen, wie etwa eine ganze Palette von Antidementiva [8]. Sie dürfte damit vergesellschaftet sein, dass wirtschaftliche Vorhersagen der Homöopathie eine drastische Nachfragesteierung prophezeit haben [s. Beitrag zu dem EASAC-Statement]. Aber vielleicht ist ja die theoretisch-ideologische Motivation sogar nocht stärker: Die Homöopathie fordert das herrschende Mainstream-Paradigma heraus, das implizit behauptet ein materialistisches Weltbild würde ausreichen, um uns Menschen, unser Leben, unser Handeln, unser Bewusstsein zu erklären, wie es der momentane implizite Konsens von Wissenschaftsakteuren, Wissenschaftsjournalisten und einer materialistisch-ökonomisch getriebenen Zeitströmung zu sein scheint. Dass diese Haltung alles andere als bewiesen ist und nichts anderes als eine ideologische Vermutung, steht auf einem anderen Blatt (vgl. https://www.galileocommission.org/). Denn im Rahmen dieses Paradigmas lässt sich Homöopathie nicht verorten, und die liebedienernden Versuche von Seiten der Homöopathie, dies zu tun, halte ich persönlich für die größte Schnapsidee innerhalb der Homöopathieforschung. Die Homöopathie ist ein Stein des Anstoßes, der unser scheinbar so klares und eindeutiges Bild der Wirklichkeit verunstaltet, weil sie nicht hineinpasst. Darum wird sie so aggressiv bekämpft.

Oder kann mir jemand verraten, welches sonst die Motivation sein sollte? Es hat sich noch immer das, was nichts taugt, von selber abgeschafft. Das ist das Prinzip der Evolution, dachte ich, oder? Warum also Zeit, Energie, Druckerschwärze, Speicherkapazität auf etwas verwenden, das sowieso nichts als Blödsinn ist? Kommt etwa jemand auf die Idee, eine Kampagne gegen Spielautomaten, oder noch besser, gegen Autos und Computerspiele anzuzetteln, obwohl man in diesen Bereichen vermutlich mehr Gefährdungs- und Problempotenzial verorten kann, als bei der Homöopathie? Ich denke, diese Kampagne zeigt, dass die Homöopathie von verschiedenen Aktivisten als potenziell gefährlich eingestuft wird: gefährlich nicht für Menschen, auch nicht für Patienten, sondern gefährlich für die allgemeine Akzeptanz eines materialistisch-naturalistischen Weltbildes, wie es einige selbsternannte Wissenschaftspäpste vertreten, von Daniel Dennett über Sam Harris und Steven Pinker [9] und viele andere, die sich in der Bewegung der „Brights“ zusammengetan haben (http://www.the-brights.net/). Und gefährlich auch für den momentanen Konsens dessen, was Krankheit und Heilung ist. Aber wenn man in die Geschichte der Wissenschaft blickt, dann war das vermeintliche Wissen immer schon der größte Feind der wirklichen Erkenntnis. In diesem Sinne ist das vermeintliche Wissen über die Homöopathie, das die Homöopathiekritik zu verbreiten versucht reaktionär: es versucht eigentliche Erkenntnis zu verhindern, auch wenn die Homöopathiekritiker selber das vermutlich gar nicht verstehen, weil sie ohne historischen und wissenschaftstheoretischen Horizont agieren.

Die populärsten Irrtümer über die Homöopathie und die konventionelle Medizin

–          Irrtum Nr. 1  – Therapieprinzip unbewiesen

–          Irrtum Nr. 2  – Unwissenschaftlich

–          Irrtum Nr. 3  – Fehlende Diagnostik

–          Irrtum Nr. 4  – Ungeprüfte Medikamente

–          Irrtum Nr. 5  – Teurer Zucker

–          Irrtum Nr. 6  – Widerwärtige Arzneimittel

–          Irrtum Nr. 7  – Gefährlich

–          Irrtum Nr. 8  – Potenzierung – alles Hokuspokus

–          Irrtum Nr. 9  – Unmöglich

–          Irrtum Nr. 10 – Nichts drin

–          Irrtum Nr. 11 – Veraltete Theorie

Referenzen

[1] Tricocci, P., Allen, J. M., Kramer, J. M., Califf, R. M., & Smith Jr, S. C. (2009). Scientific evidence underlying the ACC/AHA clinical practice guidelines. Journal of the American Medical Association, 301, 831-841.

[2] Moseley, J. B., O’Malley, K., Petersen, N. J., Menke, T. J., Brody, B. A., Kuykendall, D. H., et al. (2002). A controlled trial of arthroscopic surgery for osteoarthritis of the knee. New England Journal of Medicine, 347, 81-88.

[3] Gabbay, J., & le May, A. (2004). Evidence based guidelines or collectively constructed „mindlines“? Ethnographic study of knowledge management in primary care. British Medical Journal, 329, 1013-1017.

[4] Mahesh, S., Mallappa, M., & Vithoulkas, G. (2017). Embryonal carcinoma with immature teratoma: A homeopathic case report. Complementary Medicine Research, online first(DOI: 10.1159/000481819). https://www.karger.com/Article/Abstract/481819

Nwabudike, L. C. (2018). Case reports of acne and homeopathy. Complementary Medicine Research, 25, 52-55. https://www.karger.com/Article/Abstract/486309

Teut, M., & Dippler, C. (Eds.). (2017). Homöopathie bei Demenz: Eine Fallsammlung. Pohlheim: Ahlbrecht.

[5] Walach, H. (2015). Reconstructing the meaning effect – The capacity to self-heal emerges from the placebo concept. Tidsskrift for Forskning i Sygdom og Samfund, 23, 111-139. https://www.galileocommission.org/wp-content/uploads/2018/06/Walach_Placebo-Effect_Tijdskrit-for-Forsning_2015.pdf

Walach, H. (2018). Heilung kommt von innen: Selbstverantwortung für die eigene Gesundheit übernehmen. München: Knaur Verlag.

Walach, H., & Breitkreutz, F. (2018). Placebo und Placeboeffekte. In H. Walach, S. Michael & S. Schlett (Eds.), Das große Komplementärhandbuch für Apotheker und Ärzte (pp. 356-374). Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft.

[6] Milgrom, L. R. (2012). Homeopathy UK: The sick man of Europe? Forschende Komplementärmedizin, 19, 120-122. https://www.karger.com/Article/Abstract/339950

[7] Meier, C. A. (Ed.). (1992). Wolfgang Pauli und C.G. Jung. Ein Briefwechsel 1932-1958. Heidelberg: Springer.

Walach, H. (1998). Der Komplementaritätsgedanke in der Interaktion zwischen Psychologie und Physik. In J. Jahnke, J. Fahrenberg, R. Stegie & E. Bauer (Eds.), Psychologiegeschichte – Beziehungen zu Philosophie und Grenzgebieten (pp. 85-108). München: Profil.

Walach, H. (2000). Magic of signs: a non-local interpretation of homeopathy. British Homeopathic Journal, 89, 127-140. https://www.researchgate.net/publication/12380520_Magic_of_signs_A_non-local_interpretation_of_homeopathy

[8] Turner, E. H., Matthews, A. M., Linardatos, E., Tell, R. A., & Rosenthal, R. (2008). Selective publication of antidepressant trials and its influence on apparent efficacy. New England Journal of Medicine, 358, 252-260.

Kirsch, I., Deacon, B. J., Huedo-Medina, T. B., Scoboria, A., Moore, T. J., & Johnson, B. T. (2008). Initial severity and antidepressant benefits: A meta-analysis of data submitted to the food and drug administration. PLoS Medicine, 5(2), e45.

NICE. (2006). Dementia: Supporting people with dementia and their carers in health and social care. London: National Institute for Clinical Excellence.

NICE. (2009). Donepezil, galantamine, rivastigmine (review) and memantine for the treatment of Alzheimer’s disease (amenden). London: National Institute for Clinical Excellence.

Walach, H. (2009). The campaign against CAM and the notion of „evidence-based“. Journal of Alternative & Complementary Medicine, 10, 1139-1142. https://www.liebertpub.com/doi/abs/10.1089/acm.2009.0423

[9] Walach, H. (2019, im Druck). Schöne neue Welt? Ein Essay über Steven Pinker (2018) Enlightenment Now. Aufklärung und Kritik, im Druck(2), 181-193. http://www.gkpn.de/aufklaerung_und_kritik.htm

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Die populärsten Irrtümer

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– über die Homöopathie und die konventionelle Medizin – Teil 11

Harald Walach

Weil ich in Debatten immer wieder die gleichen falschen Aussagen höre, stelle ich sie hier einmal zusammen mit den entsprechenden Argumenten, Daten und Fakten: Irrtümer, die über die Homöopathie geäussert werden, meistens mit entsprechenden Irrtümern über die Medizin gepaart. Ich hoffe, das entspannt die Debatte, die ich als unnötig polarisiert und wenig konstruktiv wahrnehme. Es geht weiter mit

Irrtum Nr 11 – Veraltete Theorie

Die Homöopathie ist in ihrem theoretischen Modell im 18. Jahrhundert stecken geblieben, die moderne Medizin hingegen hat ein klares wissenschaftliches Modell der Theorie- und Therapieentwicklung

Die Homöopathie ist in der Tat ein Kind des 18. Jahrhunderts, der Aufklärung und des Versuchs, medizinische Praxis auf rationale, d.h. in diesem Falle empirisch beobachtbare Grundlagen zu stellen. Sie ist eine rein empirisch gefundene und weiter entwickelte Methode. Das ist ihre Stärke und Schwäche zugleich. Die Stärke: Sie ist der Erfahrung verpflichtet. Die Schwäche: Sie hat keine wirklich gute Theorie, die ihre Wirkweise verstehen lassen könnte. Dass sie sich seither nicht weiterentwickelt hätte, wie oft zu hören ist, ist hingegen falsch. Die Homöopathie hat die Methode der Entdeckung von Arzneimitteln, die homöopathische Prüfung am Gesunden, verfeinert.1-3 Dabei nehmen Freiwillige homöopathische Substanzen zu sich und beobachten die Veränderungen, die dabei auftreten. Während bei Hahnemann und seinen Schülern diese Versuche noch ohne Verblindung und Kontrollen und oft mit niedrig potenzierten und giftigen Stoffen durchgeführt wurden, werden solche Versuche heutzutage in aller Regel verblindet gemacht – d.h. die Prüfer wissen nicht, was sie zu sich nehmen, oder wenn sie die Substanz kennen, die geprüft wird, wissen sie nicht, ob sie in der Versuchs- oder Kontrollgruppe sind. Es gibt klare Regeln, die sich im Laufe der Praxis gebildet haben, wann man davon ausgeht, dass ein beobachtetes Symptom von einer Prüfssubstanz herrührt und wann nicht: z.B. wenn das Symptom dem Prüfer vorher unbekannt war, also noch nie so etwas erlebt hat und in deutlicher zeitlicher Nähe zur Einnahme stand; wenn es wiederholt bei verschiedenen Prüfern vorkommt; wenn ein lange bereits bestehendes Symptom plötzlich und dauerhaft verschwindet; um nur ein paar wichtige Regeln zu nennen.4,5 Und ausserdem müssen dann diese Symptome in der klinischen Praxis bestätigt werden. Das bedeutet, sie müssen dazu führen, dass das Arzneimittel dann auch im Krankheitsfalle therapeutisch wirkt. Daher ist das Vorgehen zirkulär und hat viel Ähnlichkeit mit der Methode der qualitativen Sozialforschung (wie sie etwa in der „Grounded Theory“ sichtbar wird6): Symptome werden in Arzneimittelprüfungen dokumentiert. Sie werden dann beim Kranken zur Arzneimittelfindung verwendet. Und wenn sie sich bewähren, gehen sie in die sog. Materia Medica, also den Arzneimittelbestand und die Repertorien ein, die Verzeichnisse, mit denen Arzneimittel gefunden werden. Damit hat die Homöopathie ein klares, empirisch-fundiertes methodisches Modell.7 Sie hat in der Tat keine gute Theorie.

Aber auch an anderen Stellen hat sich die Homöopathie weiter entwickelt:

  • Die Höhe der verwendeten Potenzen wurde immer wieder neu diskutiert; letzten Endes haben sich heute überwiegend deutlich höhere Potenzen durchgesetzt, als die noch von Hahnemann verwendeten.
  • Während Hahnemann gegenüber der Verwendung von so genannten Nosoden noch deutliche Vorbehalte hatte, gehören sie heute zum gut etablierten Standard.

Aber auch die Verschreibungstechniken insbesondere bei chronischen Erkrankungen haben sich deutlich weiter entwickelt; die gegenwärtige Vielfalt der Ansätze zeigt allerdings auch, dass es offenbar noch ungeklärte Fragen gibt.

Die moderne Medizin orientiert sich an dem theoretischen Modell, das durch Descartes eingeführt wurde und von Virchow kodifiziert wurde8,9. Es betrachtet den Organismus als Maschine und Krankheit als zelluläre, mittlerweile enzymatisch oder genetisch dingfest zu machende Störung dieser Maschine. Daraus leitet sich ab, dass man zuerst versuchen muss, diesen Fehler zu finden und ihn dann zu beheben, etwa, indem man chirurgisch oder pharmakologisch eingreift. Der Organismus wird dabei eher als passiv zu Beeinflussendes gesehen. Dies halte ich für eine nützliche Abstraktion, die aus der Entstehungsgeschichte der modernen westlichen Medizin her gut verstehbar ist und die im Akutfall auch bestens funktioniert. Diese Medizin entstand ja aus der Akutversorgung von Menschen, die im Krieg verletzt wurden, von Infektionskranken und akut Erkrankten, deren Leben bedroht war. In all diesen Fällen ist dieses Denken sehr nützlich, wie uns die großen Erfolge der akuten und Notfallmedizin zeigen.

Allerdings hat sich die Theoriebildung weiterentwickelt. Der menschliche Organismus, so hat sich gezeigt, ist keine passive Maschine, sondern ein höchst aktives System. Die moderne Theorie nicht-linearer und komplexer Systeme, die sich in den letzten 20-30 Jahren in der Biologie allmählich breit macht, hilft dies zu verstehen10,11. Als Resultat dieses Verstehens zeigt sich: Der Organismus reagiert nie passiv auf irgendeine Intervention, sondern immer aktiv. Daher haben alle Reize – das Eindringen immunologischer Fremdkörper, wie Bakterien oder Viren, die Einnahme einer pharmakologischen Substanz – zunächst einmal unmittelbare Erst-Wirkungen. Sie haben aber auch mittelbare Zweit-Wirkungen. Das ist das, was der Organismus daraus macht: Die Entzündung, die er in die Wege leitet, um mit dem immunologischen Fremdkörper fertig zu werden, oder die Gegenregulation auf den pharmakologischen Reiz. Diese komplexe Systemdynamik lässt sich mit Hilfe der einfachen Maschinenmodelle, die immer noch in den Köpfen der Meisten herumspuken, nicht mehr adäquat theoretisch begreifen12. Zugespitzt formuliert: Die moderne Medizin folgt immer noch einem theoretischen Paradigma, das im 16. Jahrhundert gegründet wurde, im 19. Jahrhundert verfeinert wurde und im wesentlichen die modernen Entwicklungen der Theoriebildungen ignoriert. Das geht gut, solange man sich nur um akute Probleme zu kümmern hat. Das funktioniert weniger gut bei allen anderen Problemen. Und das sind etwa 70-80% aller Probleme, deretwegen Menschen heute Ärzte aufsuchen.

In diesem Sinne ist vielleicht die Homöopathie sogar die implizt fortschrittlichere Methode. Denn sie gibt gar nicht erst vor in einen maschinellen Vorgang einzugreifen, den es so ohnehin nicht gibt, der nur eine Abstraktion auf einer bestimmten Handlungsebene ist. Folgt man den modernsten Theoriebildungen, dann ist die Homöopathie eher als eine Regulationstherapie einzustufen, die den Organismus zu therapeutischer Selbstregulation anregt13. Denn sie greift auf keinen Fall molekular ins physiologische Geschehen ein. Das, was ihr viele Kritiker zum Vorwurf machen, ist am Ende sogar ihr großes Plus?

Literatur

  1. Shah R. HIV Nosode: The Homeopathic Pathogenetic Trial. Forschende Komplementärmedizin / Research in Complementary Medicine 2015; 22(3): 156-62.
  2. Endler PC, Schulte J, Stock-Schöer B. Ultra High Dilutions Revisted After 21 Years. Homeopathy 2015; 194(4 Special Issue): 221-342.
  3. Walach H, Teut M. Scientific provings of ultra high dilutions in humans. Homeopathy 2015; 104: 322-7.
  4. Bayr G, Stübler M. Haplopappus baylahuen. Eine Prüfung mit den Potenzen D2, D3, D6 und D12. Heidelberg: Haug; 1986.
  5. Riley DS. Homöopathische Arzneimittelprüfungen in der Antihomotoxischen Medizin. Biologische Medizin 1998; 27: 23-8.
  6. Glaser BG, Strauss AL. Grounded Theory. Strategien qualitativer Forschung. Bern: Huber; 1998.
  7. Walach H, Schüppel R. Homöopathieforschung – Eine Taxonomie. Forschende Komplementärmedizin 1997; 4: 344-7.
  8. Uexküll Tv, Wesiack W. Theorie der Humanmedizin. Grundlagen ärztlichen Denkens und Handelns [Theory of Medicine. Foundations of Medical Thinking and Action]. München: Urban & Schwarzenberg; 1988.
  9. Meyer-Abich KM. Was es bedeutet, gesund zu sein. Philosophie der Medizin. München: Hanser; 2010.
  10. Capra F, Luisi PL. The Systems View of Life. A Unifying Vision. Cambridge: Cambridge University Press; 2014.
  11. Hyland ME. The Origins of Health and Disease. Cambridge: Cambridge University Press; 2011.
  12. Schlage WK, Westra JW, Gebel S, et al. A computable cellular stress network model for non-diseased pulmonary and cardiovascular tissue. BMC Systems Biology 2011; 5(1): 1-15.
  13. Walach H. Homöopathie als Basistherapie. Plädoyer für die wissenschaftliche Ernsthaftigkeit der Homöopathie. Heidelberg: Haug; 1986.

 

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Die populärsten Irrtümer

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– über die Homöopathie und die konventionelle Medizin – Teil 10

Weil ich in Debatten immer wieder die gleichen falschen Aussagen höre, stelle ich sie hier einmal zusammen mit den entsprechenden Argumenten, Daten und Fakten: Irrtümer, die über die Homöopathie geäußert werden, meistens mit entsprechenden Irrtümern über die Medizin gepaart. Ich hoffe, das entspannt die Debatte, die ich als unnötig polarisiert und wenig konstruktiv wahrnehme. Es geht weiter mit

Irrtum Nr. 10 –  „Nichts drin“

Curt Kösters

Dr. Norbert Aust von der Initiative „Netzwerk Homöopathie“:

Er betont, dass es sich bei Homöopathie um „Pseudomedizin“ handelt – und er bezweifelt, dass stark verdünnte Stoffe wirken können, wenn sie sich nicht mehr nachweisen lassen. „Es ist deshalb unmöglich, weil ein Wirkstoff, der nicht vorhanden ist, nicht wirken kann.“ [1]

Nun ist „unmöglich“ in der Naturwissenschaft immer ein großes Wort (s. Irrtum 9 „unmöglich“ – daran haben sich schon manche die Finger verbrannt. Auch die seinerzeit neu entdeckte Radioaktivität schien ja zunächst mal gegen ein fundamentales Prinzip, den Energieerhaltungssatz, zu verstoßen und wurde entsprechend skeptisch kommentiert.

Dennoch

Weitgehend unstrittig ist ja, dass zumindest in Hochpotenzen keine Substanz mehr enthalten ist (wenn man die Nanopartikel hier mal außen vor lässt).

Und wenn nichts drin ist, kann auch nichts wirken. – Dieses Argument ist hoch plausibel – weit plausibler zum Beispiel, als das Schwingen der Ekel-Keule.

Dieses Argument versteht jeder – und es ist daher nicht überraschend, dass es als zentrales Argument der Anti-Homöopathie-Kampagne Verwendung findet, mit entsprechenden Buttons und anderen Werbe-Acessoires verbreitet und mit öffentlichen Aktionen medienwirksam in Szene gesetzt wird („10:23“ – „Nichts drin – nichts dran“).

Das einzige (wirklich nur klitzekleine) Problem mit diesem Argument ist eigentlich nur, dass diese Hochpotenzen doch eine Wirkung zeigen.

Und wenn sie eine Wirkung zeigen, dann muss „etwas drin“ sein – sei dies nun Substanz oder Energie oder sonst etwas [2].

Die Wirkung, die wir täglich in der Praxis sehen – auch bei schweren Erkrankungen – lässt sich ja noch trefflich weg diskutieren, solange man das nicht selbst gesehen hat [3].

Bei klinischen Studien, insbesondere Doppelblindstudien, wird es da schon schwieriger [4]. Doppelblindstudien wurden ja gerade entwickelt, um Placebo-Effekte von echten Arzneiwirkungen zu unterscheiden. Und die Mehrzahl der Doppelblindstudien in der Homöopathie zeigt einen Effekt. Hier spaltet sich bereits die Skeptiker-Gemeinde bei dem Versuch, diese schwer verdauliche Tatsache hinweg zu erklären [5].

So richtig schwierig wird es aber bei der Grundlagenforschung [4]. Wenn man in einem Labor zeigen kann, dass Hochpotenzen einen Effekt haben der sich von dem Kontrollversuch unterscheidet, dann muss „etwas drin“ sein. Und solche Experimente gibt es mittlerweile in großer Zahl – darunter auch erfolgreich replizierte Modelle.

Da wird es zunehmend schwieriger mit dem wegdiskutieren und der Zeitpunkt, dass das auch in der wissenschaftlichen Community akzeptiert wird, ist einigermaßen absehbar (eher Jahre als Jahrzehnte).

Gut erkennbar ist der sich anbahnende Wandel aber auch schon daran, dass das zentrale Sprachrohr der Skeptiker-Gemeinde in Deutschland für die Anti-Homöopathie-Kampagne, das so genannte Informationsnetzwerk Homöopathie, mittlerweile eine Doppelstrategie zum Thema Grundlagenforschung fährt:

Während Norbert Aust einerseits noch in bewährter Manier versucht das Haar in der Suppe der einzelnen Studien zu finden [6], erklärt er andererseits vorsichtshalber schon mal die gesamte Grundlagenforschung zu Hochpotenzen als irrelevant für die Diskussion um die Homöopathie [7].

Das ist auch insofern bemerkenswert, als noch Weymayr in seinem Buch „Die Homöopathie-Lüge“ (2012) zwar gleich die gesamte klinische Forschung zur Homöopathie als irrelevant erklärte, dann aber doch großzügig einräumte, dass ihn relevante Ergebnisse aus der Grundlagen-Forschung überzeugen könnten.

Norbert Aust ist hier deutlich vorausschauender.

Die Irrelevanz der Grundlagenforschung

Die Stellungnahme von Dr. Aust in seinem Blog „Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie“ zeigt einen der wichtigsten Aspekte für die Beurteilung der „homöopathischen Grundlagenforschung“ auf, zu der die high dilution research zweifellos gehört: Den fehlenden Bedeutungszusammenhang solcher Forschungen (und ihrer Ergebnisse) für die Grundfrage der Richtigkeit des homöopathischen Gedankengebäudes und vor allem des Nachweises einer spezifischen Wirksamkeit. [7]

[…]

Das Erforschen extremer Verdünnungen, also über den Punkt hinaus, an dem vom Ursprungsstoff noch etwas vorhanden ist, ist sehr weit weg vom behaupteten Phänomen und der angeblich erheblichen klinischen Wirksamkeit der Homöopathie. Es müsste erst die Brücke aufgebaut werden, dass die Differenzen, die da gefunden worden sind, Bestand haben und irgendeinen Bezug zur Wirkung der Homöopathie hätten. [7]

[Hervorhebung im Original]

Man immunisiert sich schon mal dagegen – dass die Ergebnisse in der Grundlagenforschung mittlerweile doch recht konsistent sind und dass da in der Zukunft noch mehr drohen könnte. – Allerdings entlarvt sich auch das ganze Informationsnetzwerk Homöopathie mit eben diesem Versuch einer Immunisierung als rein ideologisches Unterfangen.

Begründet wird das in der Darstellung des INH mit folgenden Argumenten:

  1. Worin besteht die Heilkraft / das Agens, das beim Patienten wirksam werden soll? Ein identifizierbarer Wirkstoff ist es nicht, denn schon ab recht niedrigen Potenzen ist das Lösungsmittel von der Lösung nicht mehr unterscheidbar.

Stimmt! – Den genauen Wirkungsmechanismus kennen wir noch nicht. Aber replizierbare Modelle schaffen überhaupt erst die Grundlage für dessen Erforschung. Mit replizierbaren Labor-Modellen kann man dann anfangen zu untersuchen, wodurch sich z.B. der Effekt blockieren lässt – und so die Natur des Effektes allmählich eingrenzen. So funktioniert Wissenschaft.

  1. Wie wird der richtige Grundstoff dafür aus dem Einsatzmittel selektiert? Beispiel: In der Homöopathie verwendet man die ganze Biene („Apis mellifica“), die aus tausenden verschiedenen Stoffen besteht. Wie wird der Richtige daraus selektiert?

Was ist das Problem? – Wenn ein bestimmtes Stoffgemisch in einer homöopathischen Arzneimittelprüfung untersucht wurde, und deren Symptome dann wiederum in der klinischen Anwendung verifiziert werden, dann ist dieses Stoffgemisch ein Einzelmittel im Sinne der Homöopathie. Jedes Mittel pflanzlicher oder tierischer Herkunft beruht auf einem solchen Stoffgemisch. Selektiert werden muss da gar nichts. Es geht eben um die Wirkung des geprüften Stoffes.

Apis mellifica ist allerdings tatsächlich ein problematisches Beispiel, weil die ursprüngliche Prüfung auf der Wirkung des Bienengiftes beruht.

Einzelne Hersteller sind daher auch dazu übergegangen das Bienengift selbst anzubieten unter der Bezeichnung Apisinum.

In der Praxis funktioniert allerdings auch Apis mellifica bei Symptomen, die an die Wirkung von Bienengift erinnern. Eine gewisse Großzügigkeit scheint dem Ähnlichkeitsprinzip inhärent zu sein (bei akuten Verschreibungen allerdings eher als bei chronischen).

  1. Warum werden die unvermeidlichen Verunreinigungen des Lösungsmittels nicht potenziert?

  2. Was wird potenziert, wenn der Urstoff nicht mehr vorhanden ist?

  3. Wie wird die zu potenzierende Eigenschaft selektiert? Beispiel: Warum wird nicht die Giftwirkung von Arsen durch das Potenzieren verstärkt, sondern nur die heilende Wirkung?

  4. Wie wird die Wirkung der Heilkraft durch Schütteln auf die zehn- oder hundertfache Menge übertragen?

  5. Wie wird die Wirksamkeit dabei verstärkt? Warum merkt man im normalen Leben hingegen nichts von der verstärkenden Wirkung des Schüttelns? Was ist der Unterschied, ob ich ein homöopathisches Präparat schüttele oder meinen Kaffee?

  6. Wie wird diese verstärkte Heilkraft auf dem Zucker gespeichert, nachdem die Lösung verdunstet ist?

  7. Wie wird die Heilkraft vom Zucker gelöst und im menschlichen Körper transportiert?

Das alles sind äußerst interessante Fragen, die sich eben nur mit Hilfe weiterer Grundlagenforschung beantworten lassen. – Aber stabil replizierbare Modelle sind dafür eine conditio sine qua non.

Replizierbar sind einzelne Modelle inzwischen – und das ist doch auch schon mal schön, weil es eben zeigt, dass doch „etwas drin“ ist, auch wenn sie noch nicht ganz stabil sind.

  1. Wie wird die Stelle identifiziert, an denen die Heilkraft ihre Wirkung entfalten soll, was nach homöopathischer Auffassung sehr spezifisch ist und von sehr vielen Faktoren außerhalb der Zelle bestimmt wird, etwa davon, was der Proband / Patient nachts träumt?

Was genau soll damit gesagt werden? Die Vorstellung in der Homöopathie ist zumindest, dass das jeweilige Mittel auf den gesamten Organismus wirkt. Aber selbstverständlich reagiert nicht jeder Teil in gleicher Weise. Der Darm zum Beispiel kann bei der Gabe entsprechender Substanzen Durchfälle entwickeln – das Hirn neigt in der Regel nicht dazu.

Und übrigens: Bitte diese Frage auch an die konventionelle Pharma-Forschung richten! – Meines Wissens sind die meisten der postulierten Rezeptoren bisher nicht wirklich nachgewiesen, und wenn, dann gibt es sie an vielen Stellen. Warum also dann eine „spezifische“ Wirkung postulieren? Opiatrezeptoren gibt es im Darm, an Blutzellen, in Gefäßen und nicht nur im Gehirn!

  1. Wie unterscheidet die Heilkraft, ob sie durch einen Gesunden oder durch einen Kranken eingenommen wurde? Im ersten Fall müsste sie Prüfsymptome erzeugen, im zweiten nicht, denn das wären dann unerwünschte Nebenwirkungen, die in der Homöopathie ja nicht auftreten.

Eine Einmalgabe erzeugt recht selten Symptome (und das gilt übrigens auch für ein ganzes Fläschchen auf einmal). Wenn man im Rahmen einer homöopathischen Arzneimittelprüfung Symptome gezielt hervorrufen möchte, muss das Mittel in kürzeren Abständen häufiger wiederholt eingenommen werden. Und das erzeugt dann Symptome – auch nicht bei allen Prüfern, aber doch bei ausreichend vielen. (Und warum das so ist, weiß niemand.)

Sehr selten erzeugt aber auch die Einmalgabe Symptome, die für das Arzneimittel typisch sind. Voraussetzung dafür ist eine hohe Empfindlichkeit des Probanden bzw. Patienten und wahrscheinlich auch ein bestimmter Grad an Übereinstimmung zwischen den Symptomen des Mittels und den konstitutionellen Symptomen des Prüfers.

Diese Reaktion ist aber erstens selten, zweitens sind die Symptome dann nicht persistierend und drittens sind sie funktioneller Natur [8].

Bei Kranken genügt in der Regel die einmalige Gabe eines passenden homöopathischen Arzneimittels um eine Reaktion zu erzeugen. – Das hat offenbar mit dem Prinzip der Kritikalität zu tun (s.u.).

Offenbar ist es eben so, dass ein kranker Organismus etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist, so dass eine kleine Arzneimittelgabe ihn anregt, während ein gesunder Organismus relativ stabil ist und von einer einmaligen Arzneigabe nur sehr selten berührt wird.

  1. Wie unterscheidet die Heilkraft, ob sich die vorgefundene Zelle in der richtigen Region des Körpers befindet, also auf der rechten oder linken Seite zum Beispiel?“

s. Antwort auf Frage 10 – Und: Die Frage ist doch eigentlich umgekehrt: Warum tendieren manche Menschen dazu, Symptome an unterschiedlichen Stellen und möglicherweise auch zu unterschiedlichen Zeiten aber immer auf der gleichen Körperseite zu bekommen? (z.B. Halsentzündung rechts, Schmerzen im Handgelenk rechts und Schmerzen im großen Zeh wiederum rechts) – Klassisch pathophysiologisch ist das kaum zu erklären (vielleicht wäre dies mit einer Pathophysiologie, die sich auf die Theorie komplexer Systeme gründet zu erklären, aber die gibt es leider noch nicht); aber es kommt eben vor; und für eine homöopathische Verschreibung ist so etwas interessant und wichtig. Manche homöopathische Mittel zeigen in der Arzneimittelprüfung eben auch bevorzugt Symptome auf einer Körperseite.

  1. Wie unterscheidet die Heilkraft gesunde von kranken Zellen? Wenn die Zelle gesund ist, muss die Heilkraft an dieser Stelle die spezifischen Symptome erzeugen, die sie heilen kann, wenn die Zelle krank ist. Dies aber auch nur dann, wenn der Patient gesund ist, und nicht anderweitig krank (s. oben). Eine kranke Zelle muss sie hingegen heilen.

Das hat mit dem Prinzip der Kritikalität zu tun. Einfach gesagt: Eine Lawine kann man eben nur dort auslösen, wo genug Schnee liegt

  1. Wieso ist nach homöopathischer Auffassung weniger Wirkstoff in den Präparaten wirksamer, allerdings darf man von Hochpotenzen nicht zu viele nehmen, weil die Wirkung sonst zu stark wird? Welche Dosis-Wirkungs-Beziehung gilt denn nun?

Eine wirklich schöne Frage – und die Antwort ist nicht unkompliziert; z.T. muss man sicherlich auf die noch ausstehenden Ergebnisse künftiger Grundlagenforschung verweisen.

Warum das Prinzip der Potenzierung überhaupt funktioniert, wissen wir eben auch noch nicht. – In früheren Beiträgen zum Ähnlichkeitsprinzip und zur Potenzierung wurde aber schon darauf hingewiesen, dass dieses Prinzip rein pragmatisch entstanden ist aus dem Versuch, die Toxizität von Substanzen zu verringern. Mit einiger Überraschung stellte Hahnemann dann fest, dass die Heilwirkung bei einigen Patienten durch diese spezifische Form der Verdünnung sogar zunahm.

Aus dieser klinischen Beobachtung entstand dann innerhalb von etwa zehn Jahren das Prinzip der Potenzierung.

Allerdings: Die Heilwirkung nimmt nur bei ausreichender Passgenauigkeit zu (d.h. Übereinstimmung der Symptome des Patienten mit den Symptomen, die das Mittel hervorrufen kann). D.h. die Anforderung an die Präzision der Verschreibung steigt tendenziell mit der Höhe der Potenz. – Während Baldrian-Extrakt bei recht vielen Menschen einen arzneilichen Effekt hat, sind die Anforderungen an eine Verschreibung von Valeriana officinalis in einer Hochpotenz doch wesentlich höher.

Genau genommen ist die Heilwirkung auch keine Wirkung des Mittels; sie ist vielmehr eine Reaktion des Organismus auf den Reiz, also die Provokation durch das Arzneimittel. (Wenn man jemanden mit kaltem Wasser überschüttet, wird ihm oder ihr anschließend warm)

Man kann damit natürlich auch nur Reaktionen auslösen, die in der Möglichkeit des Organismus liegen. Genau genommen erhöht man also nur die statistische Wahrscheinlichkeit einer Spontanheilung – das aber wiederum offenbar sehr deutlich. (vgl. Norbert Aust – der Regenmacher)

Und um das Ganze jetzt noch komplizierter zu machen:

Manchmal sind Patienten sehr empfindlich und entwickeln Prüfungssymptome aufgrund einer Einmalgabe. Manchmal ist auch die Reaktion auf das Mittel zu stark.

In solchen Fällen kann man das Mittel bei der nächsten Einnahme dann verdünnen um die Reaktion abzuschwächen. – Aber das ist dann eben eine Verdünnung ohne weiteres Schütteln (oder eben eine recht hohe Verdünnung mit nur wenig Schütteln).

Und soweit sich das aus klinischer Erfahrung sagen lässt: Auch diese Verdünnung folgt nicht ganz einer klassischen pharmakologischen Dosis-Wirkungs-Kurve. Eine Halbierung der Dosis führt nicht zu einer Halbierung der Reaktion. Vielmehr scheint das eher einer logarithmischen Skala zu folgen: Eine Halbierung der Reaktion erfordert in etwa eine Verdünnung im Verhältnis von 1:50 (etwas zwischen 1:10 und 1:100 – ganz exakt lässt sich das nicht quantifizieren).

Anmerkungen

[1] Norbert Aust hier zitiert nach <http://www.br.de/radio/bayern2/gesellschaft/tagesgespraech/homoeopathie-medizin-heilkunst-hokuspokus-100.html>

[2] Bezüglich „sonst etwas“: Ich bin selbst kein Physiker und werde mich daher hüten, physikalische Hypothesen zu formulieren. Aber ich kann Physiker fragen.

Vor Jahren habe ich einmal Hans-Peter Dürr gefragt ob es denkbar sei, dass neben der Materie und der Energie noch Struktur bzw. Information als eine dritte Kategorie betrachtet werden könne.

Der Hintergrund meiner Frage: Wenn man einen Eisenstab magnetisiert (z.B. durch einfaches Reiben), ändert man eigentlich nur die Anordnung der Teilchen (aber nicht deren Chemie) – aber diese strukturelle Änderung hat dann einen physikalischen Effekt (nämlich den Magnetismus) – und eben dieser Effekt kann auch zur Speicherung von Informationen verwandt werden.

Die Antwort von Dürr war, dass dem so sei – nur sei die Information die eigentliche und grundlegende Kategorie, vor Energie und Materie.

Und diese Antwort fasziniert mich bis heute, auch weil sie bereits im Johannesevangelium formuliert ist mit Bezug auf die Genesis. („Am Anfang war das Wort … „)

Siehe auch Galileo-Report.

[3] Ich kenne eigentlich nur einen einzigen Fall, wo jemand das selbst gesehen hat und die Wirkung dennoch bestreitet –  Dieser Fall ist faszinierend und schwer zu erklären; ich versuche es daher gar nicht erst.

In aller Regel aber sind Menschen, die die gelegentlich doch sehr eindrucksvolle Wirkung eines passenden homöopathischen Mittels bei einer schweren akuten Krankheit gesehen haben (wenn sich der Zustand innert weniger Minuten deutlich bessert) sofort und unmittelbar überzeugt.

Und so nährt sich die ganze Diskussion um die Wirksamkeit von homöopathischen Mitteln aus dem Spannungsverhältnis zwischen dem Begriff Evidenz und dem englischen evidence.

Evidenz bezeichnet das unmittelbar aus eigener Anschauung Einleuchtende. – Wer einen Fallschirmabsprung erlebt oder auch nur gesehen hat, braucht keine Studie, um die Wirksamkeit von Fallschirmen zu beurteilen – und schon gar keine randomisierte Studie.

Menschen, die diese Erfahrung nicht gemacht haben, aber genau wissen dass „nichts drin“ ist fragen verständlicherweise nach den wissenschaftlichen Beweisen (evidence).

Aber wie überzeugt man Blinde von der Existenz von Farben?

[4] Forschungreader WissHom

[5] Die wichtigsten Erklärungsstrategien von Skeptiker-Seite um zu erklären, wieso die Mehrzahl der Doppelblindstudien einen signifikanten Effekt zeigt:

Publikations-Bias – die negativen Studien werden einfach nicht veröffentlicht und der Rest ist dann durch den statistischen Zufall zu erklären. – Das Problem ist nur, dass es dann eine recht große Zahl von unveröffentlichten Studien geben müsste, was wiederum schwer in Einklang damit zu bringen ist, dass Studien in der Homöopathie überwiegend nicht von Arzneimittelfirmen finanziert werden sondern von Stiftungen und öffentlichen Geldern; und bei diesen Finanzierungen lassen sich negative Ergebnisse kaum unterschlagen. Weiterhin zeigen eben auch die Ergebnisse der Funnel-Plot-Analyse bei der Meta-Analyse von Shang et al., dass es einen Publikations-Bias bei den Homöopathie-Studien nicht in größerem Maßstab geben kann.

Methodische Schwächen – Die meisten Studien genügen nicht mehr heutigen methodischen Standards. – Stimmt bedingt! – Nur ist das in der konventionellen Medizin nicht anders (s. Irrtum Nr. 2 – Unwissenschaftlich; Die Europäischen Wissenschaftsakademien und die Homöopathie) und ohnehin wird eine Studie dadurch noch nicht irrelevant. Ferner zeigen eben auch die methodisch hochwertigen Studien einen Effekt (ein Problem, mit dem sich auch schon Shang et al. herumschlagen musste, aber die fanden eine elegante Lösung s.u.; schon Shang und Kollegen bescheinigten übrigens den Homöopathiestudien insgesamt gute methodische Qualität).

Fälschung – Diese Behauptung wurde von Edzard Ernst aufgestellt, nur leider völlig ohne irgendeinen Beleg.

Indiskutabel – Dieser wissenschaftstheoretisch eher kühne aber immerhin originelle Ausweg stammt von Christian Weymayr (Die Homöopathie-Lüge). – Positive Homöopathie-Studien seien irrelevant, weil die Homöopathie per se unmöglich sei und daher wissenschaftlich gar nicht untersuchbar. (s. Irrtum „unmöglich“).

Siehe dazu auch die Widerlegung des sog. „Szientibilitätsarguments“ durch Walach und Fischer: Walach, H., & Fischer, K. (2014). Leserbrief zu Christian Weymayr: „Scientabilität – ein Konzept zum Umgang der EbM mit homöopathischen Arzneimitteln“. Z. Evid. Fortbild. Qual. Gesundh.wesen (ZEFQ) (2013) 107, 606-610. Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen, 108(1), 80.e81-e83.

Irrelevant – Eine ebenfalls sehr originelle Lösung dieses Dilemmas wurde erstmals in der Metaanalyse von Shang et al. präsentiert und in dem Review von NHMRC noch verfeinert. Man schließe einfach alle Studien unterhalb einer willkürlich festgelegten Probandenzahl aus der Betrachtung aus und der Rest zeigt dann keinen relevanten Effekt mehr. Das ist nun zwar methodisch höchst fragwürdig (Bei einer Metaanalyse werden die Ergebnisse der Einzelstudien zusammengefasst und der Effekt dann neu gerechnet, die Größe der Einzelstudien ist daher nur von geringer Relevanz) und auch völlig unüblich bei Metaanalysen, aber äußerst elegant und wirksam.

[6] s. Blog von Norbert Aust Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie. Seine Kritik an einzelnen Studien schreibt er durchaus mit einigem Sachverstand und nicht alle seine Einwände gegen einzelne Studien sind irrelevant. Bedauerlich ist nur die Einseitigkeit seiner Darstellung (die fundamentale Kritik an Shang et al. z.B. formuliert er so, dass die Aussage der Studie damit nicht in Frage gestellt wird – Schade!). Bedauerlich ist aber auch, dass er seine Kritik nicht an die wissenschaftlichen Journals schickt, in denen die Originalarbeiten der jeweiligen Autoren publiziert wurden. Damit würde er sich in den wissenschaftlichen Diskurs begeben, müsste dann allerdings auch damit leben, dass einige seiner Argumente auch leicht zu entkräften sind.

[7] Forschung an ultrahohen Verdünnungen – relevant oder nicht?

[8] Es ist aber durchaus Gegenstand der Diskussion, ob diese Reaktionen als Unerwünschte Arzneiwirkungen (UAW) gesehen werden sollten. – Seitens des Bundesamtes für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) werden sie jedenfalls so gewertet.

Meine persönliche Meinung dazu:

Es handelt sich ja nicht um pharmakologische Wirkungen (dazu ist die Dosis zu niedrig) sondern um sehr individuelle wenn auch spezifische Reaktionen.  Und jetzt mal etwas spitzfindig: Wenn es keine pharmakologische Wirkung gibt, kann es auch keine unerwünschten Wirkungen geben. – Allerdings bin ich durchaus auch der Meinung, dass etliche der seltenen UAWs (<1:100.000 – unter Einbeziehung des bekannten Underreporting von UAWs de facto also ca. 1:10.000) bei konventionellen Pharmaka wahrscheinlich auch in diesen Bereich fallen. Das sind möglicherweise zum Teil auch keine wirklichen UAWs sondern individuelle aber doch spezifische Reaktionen. Idiosynkrasie nannte man so etwas früher auch.

Es geht dabei auch um die Unterscheidung:

  • Wenn ich auf jemanden schieße und der fällt tot um, dann ist das nachvollziehbarerweise strafbar (je nach der Situation als Mord oder Totschlag – mindestens aber Körperverletzung mit Todesfolge)
  • Wenn ich ein Buch schreibe und nach dem Lesen dieses Buches bringen sich reihenweise Leute um, dann ist das auch nicht schön – aber nicht strafbar.

Der wesentliche Unterschied nämlich: Das Erstere ist eine Wirkung – das Zweite eine Reaktion. – Für Wirkungen bin ich verantwortlich, für Reaktionen nur sehr begrenzt.

Und nicht einmal in dem deutlich restriktiveren 19. Jh wurden „Die Leiden des jungen Werther“ verboten, obwohl sich nach dessen Lektüre reihenweise junge Männer umbrachten.

Bild

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Ankündigungen

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Ärztliche Weiterbildung „Integrative Onkologie“

Die erste ärztliche Weiterbildung „Integrative Onkologie“ findet von Donnerstag, 21. bis Sonntag, 24. März 2019 in Berlin statt. Sie wird im Rahmen der Europäischen Akademie für Naturheilverfahren (EANU) von Dr. Wasylweski und Prof. Walach organisiert. Dozenten sind neben den beiden u. a. Prof. Michalsen, Prof. Matthes, Dr. Schad, Dr. Spahn, Dr. Heinrich, Dr. Kessler und Prof. Frass. Dabei kommt auch die Erfahrung von Prof. Frass mit der Homöopathie zu Wort sowie immunologische, naturheilkundliche, umweltmedizinische, spirituelle Aspekte und Perspektiven der TCM, des Ayurveda und die momentan beste Praxis der wichtigsten Tumorentitäten.

Nähere Informationen und Anmeldung auf www.eanu.de/akademie.

Homöopathie –– eine akzeptable „Heilmethode“ in der heutigen Zeit ?

Veranstaltung der Gesellschaft der Freunde der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

Dienstag, 26. Februar 2019 – 19 Uhr

Österreichische Akademie der Wissenschaften, Theatersaal

Wien I, Sonnenfelsgasse 19

Vortrag

Prof. Helmut Denk – ehemals Vorstand des Instituts für Pathologische Anatomie an der Universität Graz, von 2009 bis 2013 Präsident der ÖAW.

Statements

Prof. Michael Frass – Leiter der Informationsambulanz Homöopathie bei malignen Erkrankungen, Klinik für Innere Medizin I, AKH Wien; Leiter des Instituts für Homöopathieforschung e.V.; Vorsitzender WissHom

Prof. Michael Freissmuth – Leiter, Zentrum für Physiologie und Pharmakologie, Medizinische Universität Wien

Moderation

Prof. Hubert Christian Ehalt – Präsident der Gesellschaft der Freunde der ÖAW

Anmeldung:

Gesellschaft der Freunde der ÖAW · Sekretariat: andrea.traxler@oeaw.ac.at · 0 664 80 515 1 15 10

www.oeaw.ac.at/gesellschaftderfreunde

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Die populärsten Irrtümer

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– über die Homöopathie und die konventionelle Medizin – Teil 9

Harald Walach

Weil ich in Debatten immer wieder die gleichen falschen Aussagen höre, stelle ich sie hier einmal zusammen mit den entsprechenden Argumenten, Daten und Fakten: Irrtümer, die über die Homöopathie geäußert werden, meistens mit entsprechenden Irrtümern über die Medizin gepaart. Ich hoffe, das entspannt die Debatte, die ich als unnötig polarisiert und wenig konstruktiv wahrnehme. Es geht weiter mit

Irrtum Nr. 9 – Unmöglich

Homöopathie ist unmöglich. Sie widerspricht allem, was wir über die Natur wissen und ist daher rein theoretisch so unwahrscheinlich, dass wir uns gar nicht erst mit ihr befassen müssen

Ich halte das für das dümmste von allen Argumenten. Und zwar aus folgendem Grund: Auch nur eine kursorische Kenntnis der Wissenschaftsgeschichte zeigt uns, dass dieses Argument das Argument der konservativen, ängstlichen Geister war, die auf einem bestimmten Status Quo der Erkenntnis beharrt haben und mit diesem Argument Neuerungen aller Art begegnet sind. Und in fast jedem bekannten prominenten Fall – nicht in jedem, aber in vielen Fällen – hat es sich als falsch erwiesen. Die Beispiele würden eine lange Liste füllen. Hier sind ein paar prominente Beispiele:

Emilio Parisano meinte, unter Rückgriff auf die Physiologie des Aristoteles, es könne keinen Herzschlag geben und keiner in Venedig hätte je einen Herzschlag gehört (und das meinte er durchaus ernst).1p 107

In der Diskussion um die Bewegung der Erde wurde argumentiert, es wäre unmöglich, dass sich die Erde bewege, denn dann würde ja nichts an seinem Platz bleiben; außerdem würden die Menschen an der anderen Seite der Erde, wenn sie denn rund wäre, herunterpurzeln.2

Der Mond könne keine Unebenheiten haben, meinten die Astronomen vor der Benutzung von Teleskopen, weil er lt. Aristoteles ein perfekter Himmelskörper wäre.3,4

Die Umwandlung von Elementen wurde vor der Entdeckung der Radioaktivität als unmöglich angesehen und auch diese wurde höchst skeptisch beäugt.5

Lange dachte man, es wäre unmöglich, oder zumindest höchst unwahrscheinlich, dass es außerhalb unseres Sonnensystems Sterne mit Planeten gäbe. Heute kennt man viele hundert solcher Planeten in anderen Sonnensystemen.6

Bis vor etwa 150 Jahren dachte man, es wäre unmöglich, dass die Winkelsumme eines Dreiecks größer oder kleiner als 180° sein könne, bis die Riemannsche Geometrie, die sich mit gekrümmten Räumen befasste, zeigte, dass in gekrümmten Räumen dies eben sehr wohl der Fall sein kann. Dies ist die Basis für Einsteins Relativitätstheorie und viele andere Entwicklungen.7

Als die erste Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth in Betrieb genommen wurde, meinten Kritiker, es wäre höchst gefährlich, bei solchen Geschwindigkeiten unterwegs zu sein und dem Menschen wäre es unmöglich, sie auszuhalten.

Die jüngere Medizin ist voll von solchen Beispielen der angeblichen Unmöglichkeit:

Es wäre unmöglich, Blut, Organe oder andere Körperbestandteile zu transplantieren, sagte man, bis man die immunologischen Voraussetzungen verstand und beherrschen konnte. Das Nervensystem und das Immunsystem seien getrennte Systeme, die keinerlei Kontakt miteinander hätten. Das galt, bis man im Rahmen psychoneuroimmunologischer Forschungen entdeckte, dass das Immunsystem konditionierbar ist und in der Tat kein Neurotransmitter existiert, der nicht auch immunologische Funktionen hat und umgekehrt.8,9

Es gibt natürlich auch Gegenbeispiele: Irrtümer, bei denen man eine Weile dachte, etwas Neues gefunden zu haben: Blondlet dachte etwa, er hätte neue Strahlen gefunden, die N-Strahlen. Sie lösten sich relativ rasch in Nichts auf.10 Aber bei diesen und allen anderen Irrtümern wird man finden: Keiner hat sich länger als eine Generation gehalten. Falls die Homöopathie zu solchen Irrtümern zählt, dann hat sie sich mehr als 200 Jahre gehalten und damit mehr als 7 Generationen. Rein historisch gesprochen ist allein dies eine Anomalie. Denn andere Theorien, wie etwa der Brownianismus, der zur selben Zeit entstand und dem damals die intellektuelle Elite anhing und der damit viel einflussreicher war als die Homöopathie, sind sang und klanglos im Boden der Geschichte verschwunden.11 Irrtümer haben sich historisch gesehen relativ rasch geklärt.

Das Unmöglichkeitsargument macht, wann immer es angewandt wird, eine fatale Voraussetzung: dass nämlich der derzeitige Stand des Wissens der unhintergehbare Horizont der Wissenschaft sei. Damit ist es implizit fortschrittsfeindlich, konservativ und wenn es dann noch im Verein mit publizistischen und politischen Einschüchterungsversuchen wie im Fall der Homöopathiekritik auftritt, dann nimmt es faschistoide Züge an. Dass es grundsätzlich töricht ist, sich eines solchen Arguments zu bedienen, zeigen nicht nur die Geschichte, sondern ein paar grundlegende Überlegungen. Wenn es stimmen würde, dann hätten wir heute einen Stand des Wissens erreicht, der nicht mehr revidierbar wäre, bzw. dann wären Bestandteile unseres Wissens grundlegend und für alle Zeiten festgeschrieben. Das wäre zwar grundsätzlich denkbar, ist aber der Sache nach höchst unwahrscheinlich und der Logik nach nicht gut argumentiert.

Das Sache nach würde es bedeuten, dass unsere Naturwissenschaft im Prinzip schon alles Wesentliche erkannt hat und nur noch ein paar Details auszufüllen sind, bis wir das perfekte Bild der Welt haben. Abgesehen davon, dass das seit Menschen Wissenschaft betrieben haben, fast alle Generationen so gesehen haben, ist es ein schlecht informiertes Bild unserer Wissenschaft. Wir haben zwar viele wichtige Erkenntnisse erworben, deren Revision unwahrscheinlich ist. Eine neue Art der Physik müsste sicher so beschaffen sein, dass sie die bekannten und bewährten Gesetze integriert. Die Bernouilleschen Auftriebsgesetze werden sicher auch in einer anderen Art der Physik funktionieren und Flugzeuge auch dann fliegen, wenn jemand einmal eine Theorie vorschlägt, die Quantenphysik und Relativitätstheorie integriert. Aber das heißt nicht, dass wir alles wissen, was wichtig ist zu wissen. Unsere Wissenschaft hat z.B. überhaupt keine Ahnung, wo sich etwa 95% der Energie und Materie im Universum befinden.6,12,13 Jedenfalls sind sie nicht sichtbar und mit unseren Mitteln erkennbar – schwarze Löcher zählen nicht, denn sie sind schon bei der erkennbaren Materie eingerechnet. Unsere Wissenschaft weiß auch nicht, wie die Physik des ganz Großen, die Relativitätstheorie, mit der Physik des ganz Kleinen, der Quantentheorie, zu verbinden ist. Die Evolutionstheorie, so fruchtbar sie ist, lässt sehr vieles im Dunkeln, angefangen von der Frage, wie es kam, dass die Grundkonstanten so beschaffen sind, wie sie es sind, damit unser Universum entstehen konnte, bis zu den Detailfragen wie genau sich Wettbewerb und Kooperation zueinander verhalten.6 Bis vor Kurzem dachte man, Quanteneffekte würden nur den subatomaren Bereich betreffen. Mittlerweile wissen wir, dass die Photosynthese ein makroskopischer Quanteneffekt ist, dass Pflanzen Photonen zur Speicherung von Information verwenden können und wer weiß zu was sonst noch.14,15 Empirisch gesehen ist das Umöglichkeitsargument, das von einem fixen, unveränderten und wahren Bestand von Wissen ausgeht also im einfachsten Falle töricht, im schlimmsten Falle destruktiv.

Logisch ist die Vermutung, wir hätten schon alles Wissen oder wären kurz davor, die wichtigsten Sachen zu wissen, falsch. Denn die Wahrheit einer Theorie lässt sich gar nicht erweisen; das hat Popper gesehen16,17. Wir können höchstens Theorien aufbauen, die viele Versuche der Widerlegung überstehen, so wie etwa die Quantentheorie, die weit mehr als 300 Versuche sie zu widerlegen überstanden hat. Aber ist sie deswegen wahr? Nein. Sie ist brauchbar. Sie ist höchstwahrscheinlich nicht wahr in einem philosophischen Sinne17. Denn sie ist mit anderen Theorien, eben der Relativitätstheorie, unvereinbar. Also wird es höchstwahrscheinlich eine theoretische Struktur geben müssen, die beide auf einer tieferen Ebene vereinigt. Zu behaupten, man könne die Unmöglichkeit von etwas aufweisen, setzt voraus, man hätte einen absoluten, unbezweifelbaren und nicht mehr wegzudiskutierenden Grund des Wissens. Und genau den gibt es im Rahmen der Wissenschaft nicht. Denn jede theoretische Struktur, das hat Gödel klar gesehen, muss auf ein System außerhalb ihrer selbst zurückgreifen, die sie als gegeben oder akzeptiert voraussetzt.18-20

Daher wird es immer nur relativ gut gesichertes Wissen geben, das immer unter Revisionsvorbehalt steht. Die Unmöglichkeit oder das Nichtvorhandensein von etwas kann man nicht beweisen. Denn das setzt voraus, dass man das ganze Universum zu allen Zeiten und an allen Orten untersuchen könnte und das ist nicht möglich.

Insofern müsste das Unmöglichkeitsargument lauten: Die Homöopathie ist unmöglich unter der Maßgabe, dass Wirkungen nur von Molekülen ausgehen können. Das ist ein Satz, der sicher schwer zu bezweifeln ist. Die Frage ist nur: Wie gehaltvoll ist er? Wer sagt, dass Wirkungen nur von Molekülen ausgehen können? Das ist nur sinnvoll unter einer bestimmten im tieferen Sinne unausgesprochenen Voraussetzung, nämlich der Voraussetzung einer materialistischen Interpretation der Welt und der Naturwissenschaft. Aber wer weiß ob sie stimmt? Wir machen im Alltagsleben laufend die Erfahrung, dass eine nichtmaterielle Ursache, etwa mein Wunsch, oder sonst ein mentaler Vorgang, eine Wirkung in der materiellen Welt hat. Das ist ein Paradox, das noch immer nicht gelöst ist und auf das Peter Bieri vor Zeiten einmal hingewiesen hat.21 Ich will mich jetzt nicht in die Tiefen des Bewusstseinsproblems verlieren; das habe ich andernorts getan.22-27 Nur so viel: die allseits weit verbreitete Meinung, man könne Bewusstsein als Resultat der Neuronenaktivität und damit als materielles Phänomen verstehen halte ich für ein postmodernes Märchen. Mit dieser Idee bin ich in zunehmend größerer und illustrerer Gesellschaft von Philosophen und anderen Psychlogen28-34. Wir können sogar im Rahmen der Physik die Paradoxie beleuchten: Am Ursprung der materiellen Eigenschaften von Molekülen und Atomen liegt eigentlich nichts anderes als mathematische Information. Denn Materie löst sich immer mehr ins Nirwana des Formalismus auf, je tiefer man blickt.35,36 Und wenn man ganz strikt argumentiert, dann ist die eigentliche Ursache von Ereignissen keine materielle, sondern eine formale, nämlich die formale Struktur von Gesetzen, die sich irgendwann im Materiellen bemerkbar machen. Komisch oder?

Das heißt nun alles nicht, dass damit die Homöopathie erklärt oder verstanden wäre. Es heißt nur: das Argument von der Unmöglichkeit der Homöopathie ist kein Argument sondern Ideologie, die ihre eigenen Voraussetzungen noch nicht durchschaut hat. Und eine Ideologie, die ihre eigenen Voraussetzungen nicht kennt, ist Fanatismus. Und sie hat sogar einen Namen: Szientismus.37-39

Das früher als unmöglich Gesehene wurde im Laufe der Wissenschaftsgeschichte dann in den Corpus des Wissens und des Möglichen aufgenommen, wenn sich empirisch gezeigt hat, dass es doch möglich ist, und wenn sich theoretisch gezeigt hat, wie es möglich ist. Allerdings mussten dazu häufig die Grenzen der Methodik verschoben werden. William Harvey hat die Vivisektion eingeführt und Hunde bei lebendigem Leibe aufgeschnitten an denen er ein schlagendes Herz sehen und zeigen konnte, eigentlich eine methodische Unappetitlichkeit. Galileo benutzte das kurz zuvor erfundene Fernrohr, um die Landschaft des Mondes, die Phasen der Venus und die Monde des Jupiters zu zeigen. Ob wir die Wirksamkeit oder die Effekte der Homöopathie mit den vorhandenen empirischen Mitteln zweifelsfrei klären können, weiß ich nicht. Wir können mit randomisierten Systemvergleichen klären, ob Homöopathie, verglichen mit konventioneller Medizin, gleich gut, besser oder schlechter ist. Solche Studien gibt es leider nur wenige, und wo es sie gibt, zeigen sie in der Regel mindestens Gleichwertigkeit. Wir können mit Placebo-kontrollierten Studien klären, ob Homöopathie im Sinne einer klassischen lokalen pharmakologischen Ursache wirkt. Diesen Befund habe ich anderweitig immer mal wieder diskutiert (s. unten Links zur Studienlage) und ich werde noch darauf zurückkommen. Ich persönlich habe meine Zweifel, ob sich eine solche lokale Kausalität wird nachweisen lassen. Ich denke, wir haben es bei der Homöopathie mit einem nicht-klassischen Phänomen zu tun, dem wir mit den vorhandenen Denkschemata und Forschungsmodellen nur begrenzt gerecht werden können. Daher scheint sie „unmöglich“ zu sein. Aber wenn wir sie als Herausforderung auffassen, sie besser zu verstehen und nicht als „unmöglich“ abkanzeln, dann haben wir eher eine Chance, etwas Neues zu entdecken, das wir bisher noch nicht gekannt haben. Die Analyse des Fortschritts in der Wissenschaft und in der Medizin zeigt, dass das die klügere Heuristik ist.

Links zur Studienlage

Die Europäischen Wissenschaftsakademien und die Homöopathie

Ist Homöopathie also nun ein Placebo? Pros, Cons, und einige Fälle zum Nachdenken

Plausibilitätsbias und die weit verbreitete Meinung, die Homöopathie sei „widerlegt“

Die populärsten Irrtümer – Nr. 2 – Unwissenschaftlich

Referenzen

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  23. Walach H. The Problem of Consciousness. In: Runehov ALC, Oviedo L, eds. Encyclopedia of Sciences and Religion. Drodrecht: Springer; 2013: 476-83.
  24. Walach H, Römer H. Generalized entanglement – A nonreductive option for a phenomenologically dualist and ontologically monist view of consciousness. In: Walach H, Schmidt S, Jonas WB, eds. Neuroscience, Consciousness and Spirituality. Dordrecht: Springer; 2011: 81-95.
  25. Walach H. Mind – body – spirituality. Mind and Matter 2007; 5: 215-40.
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Die populärsten Irrtümer

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– über die Homöopathie und die konventionelle Medizin – Teil 8

Weil ich in Debatten immer wieder die gleichen falschen Aussagen höre, stelle ich sie hier einmal zusammen mit den entsprechenden Argumenten, Daten und Fakten: Irrtümer, die über die Homöopathie geäußert werden, meistens mit entsprechenden Irrtümern über die Medizin gepaart. Ich hoffe, das entspannt die Debatte, die ich als unnötig polarisiert und wenig konstruktiv wahrnehme.

Es geht weiter mit

Irrtum Nr. 8 –Potenzierung – alles Hokuspokus

von Susann Buchheim-Schmidt

Kritiker der Homöopathie stellen die Wirksamkeit der homöopathischen Therapierichtung per se in Frage, da durch den hohen Verdünnungsgrad keine Wirkung mehr möglich sei. Dabei wird häufig das sogenannte „Bodenseeargument“ ins Feld geführt.

Bezüglich der Technik des Potenzierens kommt immer wieder die Frage auf: „Wodurch ist als Notwendigkeit nachgewiesen, dass man gegen den Erdmittelpunkt schütteln muss?

Verdünnen um zu Detoxifizieren

Hahnemann untersuchte nach dem Chinarindenversuch im Jahre 1790 viele weitere Arzneimittel auf ihre potentielle Wirksamkeit für die Homöopathie. Oft handelte es sich um giftige Stoffe, da von diesen schon eine entsprechende Wirkrichtung bekannt war oder diese schon in der Allopathie verordnet wurden. Er nannte auch klar das Vergiftungsbild als eine der Grundsäulen für ein homöopathisches Arzneimittelbild, neben homöopathischen Arzneimittelprüfungen am Gesunden und klinischen Erfahrungen. Zu nennen als toxische Ausgangsstoffe für homöopathische Arzneien, die auch schon von Hahnemann verwendet wurden, sind beispielsweise die Tollkirsche (Atropa belladonna), der Blaue Eisenhut (Aconitum napellus), Quecksilberpräparate (Mercurius solubilis) oder auch Arsentriooxid (Arsenik; Arsenicum album).

Hahnemann wollte seine Patienten nicht schaden. Dies war z.B. in der damaligen allopathischen Medizin mit hohen Gaben quecksilberhaltiger Arzneien im Falle der Syphilis “Standard“; Franz Schubert etwa dürfte an den Folgen der Quecksilberdampfbäder verstorben sein, die er wegen seiner Syphilis verordnet bekam. Daher verdünnte Hahnemann die Ausgangsstoffe unter die toxische Konzentration, auch weil er feststellte, dass bei ausreichender Symptomähnlichkeit nur sehr kleine Dosen notwendig waren. Diese Verdünnung erfolgte – wie auch heute noch in der Laborarbeit gängige Praxis – schrittweise als Verdünnungsserie, was besonders exakte Konzentrationsverhältnisse garantiert. Als Verdünnungsverhältnis wählte er Hunderterschritte, woraus später die sogenannten C-Potenzen (Centesimalpotenzen) abgeleitet wurden. Um eine Durchmischung der Verdünnungen zu garantieren wurde geschüttelt. Dies alles hatte zunächst nichts mit Potenzierung zu tun, sondern war ein ganz pragmatischer Ansatz.

Daher sprach er bis zum Jahre 1821 auch noch von Verdünnungen. Erst später machte er die Erfahrung, dass mit steigenden Verdünnungsschritten der Arznei auch die Wirkstärke und Wirkdauer anstieg. Der Begriff „Potenzierung“ wurde erst im Jahre 1827 das erste Mal gebraucht. (Schmidt, Taschenatlas Homöopathie)

Potenzierung mittels Schüttelschlägen – Was schreiben die Arzneibücher vor?

Mit der Anzahl der Schüttelschläge experimentierte Hahnemann Zeit seines Lebens und fand mit 10 Schlägen für die C-Potenzen (Verhältnis 1:100) und 100 Schlägen für die LM/ Q-Potenzen (Verhältnis 1:50.000) schließlich das Optimum. (Chronische Krankheiten Band 3 1837; Organon 6. Auflage)

Die starken Schüttelstöße sollten „mit der Hand gegen einen harten, aber elastischen Körper“ ausgeführt werden. „Etwa auf ein mit Leder eingebundenes Buch“ (Organon 6. Auflage).

Von einer „Verschüttelung gegen den Erdmittelpunkt“ ist nirgends die Rede. Allerdings bieten abwärts gerichtete Schüttelschläge naturgemäß die größte Krafteinwirkung auf die Arznei. Mystifiziert wird hier jedoch nichts. 1879 (über 30 Jahre nach Hahnemanns Tod) wurde in Willmar Schwabes Pharmacopoea Homeopathica Polyglotta -dem Vorläufer des heutigen Homöopathischen Arzneibuchs (HAB)- vorgeschrieben, dass die Potenzierung mit 10 kräftigen abwärts gerichteten Schlägen mit dem Arm durchzuführen sei.

Auch hier ist nicht vom Erdmittelpunkt die Rede. Ebenso wenig in allen anderen offiziellen homöopathischen Arzneibüchern in und außerhalb Europas, wie dem deutschen HAB, der Pharmacopée Française (FP), den Monografien zur Herstellung von Homöopathika im Europäischen Arzneibuch (Ph. Eur), der Britischen Homöopathischen Pharmacopoe, der Homöopathic Pharmacopoeia of India (HPI), der Homeopathic Pharmacopoeia of the United States (HPUS) und der Brazilian Homeopathic Pharmacopoeia.

(Arzneinbuchvergleich des Subcommittee Pharmacy im ECH)

Das Märchen vom Erdmittelpunkt hat also seinen Ursprung wohl gar nicht in Homöopathenkreisen, sondern wurde vermutlich von Homöopathiekritikern selbst gestreut, um die Unglaubwürdigkeit der (Herstellungs)methode stärker zu verdeutlichen?

Auch ist keineswegs vorgeschrieben, dass die Schüttelschläge mit der Hand durchzuführen sind. Schon Hahnemann erwähnt im Organon in einer Fußnote des § 270 die Möglichkeit, dass „der Arznei Stöße mittels einer kräftigen Maschine gleichsam eingezwungen“ werden. Auch die oben genannten homöopathischen Arzneibücher lassen die Möglichkeit der mechanischen Verschüttelung zu, insbesondere, wenn „der Bewegungsablauf der manuellen Verschüttelung hinsichtlich Frequenz und Strecke entspricht“. (HAB H.5.4.1.)

Das Bodenseeargument

Ein weiteres Argument der Kritikerszene ist das sogenannte „Bodenseeargument“. Gemeint sind dabei Konzentrationsberechnungen verschiedener homöopathischer Potenzen, um die Unmöglichkeit einer Wirksamkeit zu verdeutlichen.

Beispiel: Ein Tropfen Substanz auf die Menge Wasser im Bodensee würde rein rechnerisch einer D18 entsprechen.

Vergessen wird dabei, dass bei einer homöopathischen Behandlung nicht unbedingt ein potenziertes und damit hoch verdünntes Arzneimittel angewendet werden muss. Das Hauptmerkmal der homöopathischen Therapierichtung ist die Anwendung der Arzneimittel nach dem Ähnlichkeitsprinzip („Simileprinzip“), dies kann durchaus auch mit der Urtinktur oder sehr tiefen Potenzen erfolgen.

Vergessen wird bei solchen Konzentrationsberechnungen auch, dass nicht einfach verdünnt und umgerührt wird (was bei der Riesenmenge Wasser im Bodensee gar nicht möglich wäre), sondern schrittweise verdünnt und dabei -zunächst mittels Verreibung, später mittels Schüttelschlägen- potenziert wird.

Dass es rein auf die Herstellungstechnik bezogen große Unterschiede zwischen einfachem Verdünnen und Potenzieren gibt, soll im Folgenden verdeutlicht werden:

Der Trituarationsprozess

Bei der Milchzuckerverreibung (Trituration) eines Arzneistoffes -von Hahnemann bis zur C3 für fast jede Arznei gefordert- wird die Ausgangssubstanz im Verhältnis 1:100 (für C-Potenzen) oder 1:10 (für D-Potenzen) mit anteiligen Mengen Lactosemonohydrat (jeweils 1/3) in einer rauen Reibschale (Mörser) verrieben. Dabei sind genaue Zeiten einzuhalten, um eine wirkliche Durchmischung der Ausgangssubstanz zu garantieren. Pro Verreibungsschritt ist nach HAB Vorschrift 7 eine Stunde vorgeschrieben.  Durch den Verreibungsprozess wird die Partikelgröße von Arzneistoff und Milchzucker sehr stark verkleinert und es erfolgt ein sehr inniger Durchmischungsprozess. Man hat am Ende der dreistündigen Verreibungszeit in der C3 eine Partikelgröße im Nanometerbereich.

Durch diesen Prozess wird es auch möglich, schwer lösliche Salze oder auch als Grundsubstanz komplett inerte Stoffe (z.B. Lycopodium) für den menschlichen Körper verfügbar zu machen. Zudem hat sich die Löslichkeit des Milchzuckers in Bezug auf Alkohol verändert, man spricht von kolloidaler Löslichkeit.

Ab der 3. Potenz kann dann auf das flüssige Potenzierungsfverfahren (Herstellung von Dilutionen) mittels der oben beschriebenen Verschüttelungsmethode übergegangen werden.

Es gibt einige Theorien darüber, wieso die Information der potenzierten Arznei auf den Trägerstoff (Milchzucker oder Alkohol) übergeht und trotz der Verdünnung eine Wirkung bzw. sogar Wirksteigerung -Voraussetzung ist dabei die Ähnlichkeit zwischen Arznei und Symptomen- zu beobachten ist. Eine abschließende, zufriedenstellende Erklärung warum das so ist, gibt es jedoch tatsächlich noch nicht.

Fakt ist allerdings, dass die Trägersubstanzen in denen ein Arzneistoff potenziert wurde, sich in verschiedenen physikalischen Parametern (NMR-Relaxationszeitmessungen (T1/T2); UV VIS-Untersuchungen) deutlich von einfach nur verschüttelten Kontrollen unterscheiden. Gründe dafür im Herstellungsprozess zu suchen ist naheliegend.

„Ein theoretisches Modell, welches diese Modifikationen als Träger von spezifischen Arzneimittelwirkungen interpretiert, steht jedoch noch aus“; heißt es auch im Forschungsreader der WissHom 2016.

Fazit:

Die Vorschriften des bei der Herstellung von Homöopathika verwendeten Teils des HAB (HAB-Vorschriften 1 bis 17, sowie 43 und 44; jetzt teilweise ins Europäischen Arzneibuch übernommen) sind präzise formuliert und basieren auf Hahnemanns Herstellungsvorschriften im „Organon der Heilkunst“, den „Chronischen Krankheiten“ und der „Reinen Arzneimittellehre“. Mystische Details wie z.B. der Erdmittelpunkt oder Angaben darüber, ob rechts- oder linksherum verrieben oder zu welcher Tageszeit verschüttelt werden sollte, sind dort nicht zu finden und gehören auch nicht zu den Grundlagen der Homöopathie.

Quellen:

https://www.pharmazeutische-zeitung.de/ausgabe-352013/homoeopathie-glaubenskrieg-um-globuli/

Hahnemann, Samuel: Organon der Heilkunst, 6. Auflage: http://www.zeno.org/Kulturgeschichte/M/Hahnemann,+Samuel/Organon+der+Heilkunst+(6.+Auflage)

Schmidt, Josef: Taschenatlas Homöopathie in Wort und Bild, Haug-Verlag, Heidelberg 2001

Hahnemann, Samuel: Chronische Krankheiten Band 3, 1837 – „Vorwort über das Technische in der Homöopathie“

http://www.zeno.org/Kulturgeschichte/M/Hahnemann,+Samuel/Die+chronischen+Krankheiten/Arzneimittel/Dritter+Theil/Vorwort

Schwabe, Willmar: Pharmacopoea Homeopathica Polyglotta; Second Edition; Boericke&Tafel, New York 1880

European Committee for Homeopathy (SC Pharmacy): Comparison of homeopathic preparation methods in pharmacopoeias (2016)

Homöopathisches Arzneibuch (HAB), DAV, Stuttgart 2018

Schwarzbach, R./ Buchheim-Schmidt, S.: Fachrechnen für PTA, DAV, Stuttgart 2013

2nd DynHom Colloquium Mai 2017 organized by Unio Homeopathica Belgica

Baumgartner, S.: Stand der Grundlagenforschung in der Homöopathie 2016

Im WissHom-Forschungsreader: http://www.wisshom.de/dokumente/upload/7cda0_forschungsreader_2016_ergschutzgeb%C3%BChr_180713.pdf

Rissel, R.: Kritische Fragen an die Homöopathie

https://www.muench-akademie.de/shop/publikationen/kritische-fragen-an-die-homoeopathie/

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Potenzierung – S. Buchheim-Schmidt

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Die populärsten Irrtümer

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–  über die Homöopathie und die konventionelle Medizin – Teil 7

Harald Walach

Weil ich in Debatten immer wieder die gleichen falschen Aussagen höre, stelle ich sie hier einmal zusammen mit den entsprechenden Argumenten, Daten und Fakten: Irrtümer, die über die Homöopathie geäussert werden, meistens mit entsprechenden Irrtümern über die Medizin gepaart. Ich hoffe, das entspannt die Debatte, die ich als unnötig polarisiert und wenig konstruktiv wahrnehme. Es geht weiter mit

Irrtum Nr. 7 – Gefährlich

Homöopathie ist potenziell gefährlich, denn sie könnte ja wichtige Behandlungen verhindern. Konventionelle Behandlung hingegen ist auf jeden Fall ratsam.

Das beliebte Argument von Homöopathiekritikern, dass Homöopathie gefährlich ist, weil sie wichtige Behandlungen verzögert und verhindert, ist aus meiner Sicht vor allem eines: unbelegte Polemik.

Theoretisch stimmt das Argument natürlich: wenn zu Zeiten, wo wir wirksame Behandlungen gegen lebensbedrohliche Erkrankungen wie einen akuten Herzinfarkt oder Schlaganfälle haben, jemand erst homöopathische Kügelchen verwendet, dann ist das ein professioneller Fehler.

Praktisch ist es aber meines Wissens nicht belegt, dass dies tatsächlich ein Problem darstellt. Die großen Befragungsstudien, die es gibt, zeigen, dass Patienten Homöopathie und andere komplementäre Verfahren vor allem komplementär, also in Ergänzung, verwenden.1,2 Selten ist Homöopathie die erste Wahl. Meistens kommen Patienten zum homöopathischen Arzt nach einer Odyssee durchs System. Solche Patienten bleiben dann oft dieser Behandlung treu, auch bei anderen und akuten Beschwerden. Dagegen ist aus meiner Sicht kaum was einzuwenden. Denn jeder gute homöopathische Arzt ist zunächst einmal Arzt und kennt die Grenzen seiner Kunst. Übersichtsarbeiten, die der Homöopathie Nebenwirkungen bescheinigt haben wollen,3 leiden unter groben handwerklichen Fehlern.4

Und im Übrigen: Entweder ist die Homöopathie wirkungslos, dann kann sie keine Nebenwirkungen haben und die einzige gefährliche Wirkung wäre die Unterlassung. Oder aber die Homöopathie kann Nebenwirkungen haben, dann ist sie aber auch nicht wirkungslos.

Aber wie sieht es denn mit der Unterlassung wirklich aus? Wie gesagt: Daten sprechen eher dagegen, dass das ein Problem wäre. Und sieht man sich die potenziellen Nebenwirkungen konventioneller Medikamente an, dann bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob es nicht eine kluge Strategie ist, im Normalfall, also dann, wenn keine Gefahr im Verzug ist, zunächst eine homöopathische Therapie zu versuchen und erst dann, wenn das nicht funktioniert, zu stärkeren Geschützen zu greifen. Denn immerhin sind tödliche Nebenwirkungen von konventionellen Arzneien je nach Lesart Todesursache Nr. 2, 3 oder 4 in der modernen Welt.5,6 Die Gefahr an den langfristigen Folgen einer Dauermedikation zu sterben ist deutlich höher als die Gefahr durch homöopathische Therapie eine lebensrettende Massnahme zu versäumen und dadurch zu sterben.

Weil diese Frage aber noch niemand untersucht hat, muss dies Spekulation bleiben. Meine Lieblingsstudie wäre: Einer Kohorte von nicht wirklich ernsthaft Kranker in einem Alter von über 50 Jahren alle Medikamente zu entziehen und durch Placebo zu ersetzen (idealerweise ohne dass sie davon wissen) und den Gesundheitszustand nach einem halben Jahr zu untersuchen. Ich wette eine Kiste Champagner, dass er besser wäre. Da ich diese Studie aber nie bewilligt bekomme und jemand anderer sie nicht machen wird, kriege ich mal wieder meinen Champagner nicht.

Anmerkung 23.2.2019

In diesem Dokument wurden zwei Sätze gestrichen:

„Das Problem taucht allenfalls da auf, wo weniger gut ausgebildete Heilpraktiker ärztliche Versorgungsfunktion übernehmen. Das hat aber weniger mit der Homöopathie, als mit dem System zu tun.“

Diese Sätze waren missverständlich und wurden missverstanden. – Und ich bedaure das.

Es ging mir nicht um eine Diskreditierung von Heilpraktikern.

Dass Heilpraktiker heutzutage viel lernen und wissen müssen, ist mir durchaus bekannt. Wir hatten in unserem Studiengang in Frankfurt/Oder auch viele Heilpraktiker und alle, die ich kennengelernt habe, haben mir viel Respekt abgerungen.

Aber wenn Heilpraktiker ärztliche Versorgungsfunktionen übernehmen und auch schwere Krankheiten behandeln, müssen sie sich darüber klar sein, dass sie sich außerhalb des ärztlichen Versorgungssystems bewegen und damit eine besondere Verantwortung haben.

Erfahrene Heilpraktiker wissen das und kennen die Grenzen.

Das Problem ist aber, dass die Heilpraktiker-Ausbildung keinen zwingenden klinischen  Teil hat.

Auch frisch gebackene Ärzte haben nach Absolvierung ihres Studiums und der Staatsexamina zunächst mal nur viel Wissen angehäuft – und haben noch wenig eigene Erfahrung mit richtigen Patienten und echten Krankheiten.

In ihrer klinischen Ausbildung sehen sie dann in der Regel auch schwerere Krankheitsfälle und  bekommen ein Gefühl für die Schwere von Krankheiten, für Situationen, wo es heikel wird, wo man jemanden um Hilfe bitten muss (im Krankenhaus dann den Oberarzt).

Ausreichende Praxiserfahrung kompensiert diesen Mangel an klinischer Ausbildung – aber bei den Anfängern ist es die klinische Ausbildung, die den Unterschied macht.

Und dass Ärzte dennoch Fehler machen – auch gravierende Fehler – ist hinlänglich allgemein bekannt. – Vielleicht sollte ich diesen Punkt gelegentlich noch vertiefen.

Worum es mir in dem Artikel eigentlich nur ging: Mit der Homöopathie als Methode hat das alles nichts zu tun.

Links

Der perfekte Mord? Neue Albernheiten zum Thema Homöopathie

Stellungnahme WissHom zu: BELLADONNA-HALTIGE HOMÖOPATHIKA … schwere Störwirkungen und Todesfälle in USA, Arznei-Telegramm 3/17 (a-t 2017; 48: 31-2)

Stellungnahme AEHA: Sicherheit homöopathischer Arzneien in Europa gewährleistet

Stellungnahme AEHA: Fakten zu Homeopathic Teething Tablets

Referenzen

  1. Ostermann T, Vollmar HC, Raak C, Jacobi F, Büssing A, Matthiesen PF. Potenzielle Inanspruchnahme von Gesundheitsprofessionen durch privat Versicherte unter Berücksichtigung komplementärmedizinischer Versorgungsleistungen. Forschende Komplementärmedizin 2015; 22: 369-479.
  2. Linde K, Alscher A, Friedrichs C, Joos S, Schneider A. Die Verwendung von Naturheilverfahren, komplementären und alternativen Therapien in Deutschland – eine systematische Übersicht bundesweiter Erhebungen. Forschende Komplementärmedizin 2014; 21: 111-8.
  3. Posadzki P, Alotaibi A, Ernst E. Adverse effets of homeopathy: a systematic review of published case reports and case series. The International Journal of Clinical Practice 2012; 66: 1178-88.
  4. Walach H, Lewith G, Jonas W. Can you kill your enemy by giving homeopathy? Lack of rigour and lack of logic in the systematic review by Ernst and colleagues on adverse effects of homeopathy. International Journal of Clinical Practice 2013; 67: 385-6.
  5. Gøtzsche PC. Deadly Psychiatry and Organised Denial. Copenhagen: People’s Press; 2015.
  6. Gøtzsche PC. Deadly Medicines and Organised Crime: How Big Pharma Has Corrupted Health Care. London: Radcliff; 2013.

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