Die populärsten Irrtümer

– über die Homöopathie und die konventionelle Medizin – Teil 8

Weil ich in Debatten immer wieder die gleichen falschen Aussagen höre, stelle ich sie hier einmal zusammen mit den entsprechenden Argumenten, Daten und Fakten: Irrtümer, die über die Homöopathie geäußert werden, meistens mit entsprechenden Irrtümern über die Medizin gepaart. Ich hoffe, das entspannt die Debatte, die ich als unnötig polarisiert und wenig konstruktiv wahrnehme.

Es geht weiter mit

Irrtum Nr. 8 –Potenzierung – alles Hokuspokus

von Susann Buchheim-Schmidt

Kritiker der Homöopathie stellen die Wirksamkeit der homöopathischen Therapierichtung per se in Frage, da durch den hohen Verdünnungsgrad keine Wirkung mehr möglich sei. Dabei wird häufig das sogenannte „Bodenseeargument“ ins Feld geführt.

Bezüglich der Technik des Potenzierens kommt immer wieder die Frage auf: „Wodurch ist als Notwendigkeit nachgewiesen, dass man gegen den Erdmittelpunkt schütteln muss?

Verdünnen um zu Detoxifizieren

Hahnemann untersuchte nach dem Chinarindenversuch im Jahre 1790 viele weitere Arzneimittel auf ihre potentielle Wirksamkeit für die Homöopathie. Oft handelte es sich um giftige Stoffe, da von diesen schon eine entsprechende Wirkrichtung bekannt war oder diese schon in der Allopathie verordnet wurden. Er nannte auch klar das Vergiftungsbild als eine der Grundsäulen für ein homöopathisches Arzneimittelbild, neben homöopathischen Arzneimittelprüfungen am Gesunden und klinischen Erfahrungen. Zu nennen als toxische Ausgangsstoffe für homöopathische Arzneien, die auch schon von Hahnemann verwendet wurden, sind beispielsweise die Tollkirsche (Atropa belladonna), der Blaue Eisenhut (Aconitum napellus), Quecksilberpräparate (Mercurius solubilis) oder auch Arsentriooxid (Arsenik; Arsenicum album).

Hahnemann wollte seine Patienten nicht schaden. Dies war z.B. in der damaligen allopathischen Medizin mit hohen Gaben quecksilberhaltiger Arzneien im Falle der Syphilis “Standard“; Franz Schubert etwa dürfte an den Folgen der Quecksilberdampfbäder verstorben sein, die er wegen seiner Syphilis verordnet bekam. Daher verdünnte Hahnemann die Ausgangsstoffe unter die toxische Konzentration, auch weil er feststellte, dass bei ausreichender Symptomähnlichkeit nur sehr kleine Dosen notwendig waren. Diese Verdünnung erfolgte – wie auch heute noch in der Laborarbeit gängige Praxis – schrittweise als Verdünnungsserie, was besonders exakte Konzentrationsverhältnisse garantiert. Als Verdünnungsverhältnis wählte er Hunderterschritte, woraus später die sogenannten C-Potenzen (Centesimalpotenzen) abgeleitet wurden. Um eine Durchmischung der Verdünnungen zu garantieren wurde geschüttelt. Dies alles hatte zunächst nichts mit Potenzierung zu tun, sondern war ein ganz pragmatischer Ansatz.

Daher sprach er bis zum Jahre 1821 auch noch von Verdünnungen. Erst später machte er die Erfahrung, dass mit steigenden Verdünnungsschritten der Arznei auch die Wirkstärke und Wirkdauer anstieg. Der Begriff „Potenzierung“ wurde erst im Jahre 1827 das erste Mal gebraucht. (Schmidt, Taschenatlas Homöopathie)

Potenzierung mittels Schüttelschlägen – Was schreiben die Arzneibücher vor?

Mit der Anzahl der Schüttelschläge experimentierte Hahnemann Zeit seines Lebens und fand mit 10 Schlägen für die C-Potenzen (Verhältnis 1:100) und 100 Schlägen für die LM/ Q-Potenzen (Verhältnis 1:50.000) schließlich das Optimum. (Chronische Krankheiten Band 3 1837; Organon 6. Auflage)

Die starken Schüttelstöße sollten „mit der Hand gegen einen harten, aber elastischen Körper“ ausgeführt werden. „Etwa auf ein mit Leder eingebundenes Buch“ (Organon 6. Auflage).

Von einer „Verschüttelung gegen den Erdmittelpunkt“ ist nirgends die Rede. Allerdings bieten abwärts gerichtete Schüttelschläge naturgemäß die größte Krafteinwirkung auf die Arznei. Mystifiziert wird hier jedoch nichts. 1879 (über 30 Jahre nach Hahnemanns Tod) wurde in Willmar Schwabes Pharmacopoea Homeopathica Polyglotta -dem Vorläufer des heutigen Homöopathischen Arzneibuchs (HAB)- vorgeschrieben, dass die Potenzierung mit 10 kräftigen abwärts gerichteten Schlägen mit dem Arm durchzuführen sei.

Auch hier ist nicht vom Erdmittelpunkt die Rede. Ebenso wenig in allen anderen offiziellen homöopathischen Arzneibüchern in und außerhalb Europas, wie dem deutschen HAB, der Pharmacopée Française (FP), den Monografien zur Herstellung von Homöopathika im Europäischen Arzneibuch (Ph. Eur), der Britischen Homöopathischen Pharmacopoe, der Homöopathic Pharmacopoeia of India (HPI), der Homeopathic Pharmacopoeia of the United States (HPUS) und der Brazilian Homeopathic Pharmacopoeia.

(Arzneinbuchvergleich des Subcommittee Pharmacy im ECH)

Das Märchen vom Erdmittelpunkt hat also seinen Ursprung wohl gar nicht in Homöopathenkreisen, sondern wurde vermutlich von Homöopathiekritikern selbst gestreut, um die Unglaubwürdigkeit der (Herstellungs)methode stärker zu verdeutlichen?

Auch ist keineswegs vorgeschrieben, dass die Schüttelschläge mit der Hand durchzuführen sind. Schon Hahnemann erwähnt im Organon in einer Fußnote des § 270 die Möglichkeit, dass „der Arznei Stöße mittels einer kräftigen Maschine gleichsam eingezwungen“ werden. Auch die oben genannten homöopathischen Arzneibücher lassen die Möglichkeit der mechanischen Verschüttelung zu, insbesondere, wenn „der Bewegungsablauf der manuellen Verschüttelung hinsichtlich Frequenz und Strecke entspricht“. (HAB H.5.4.1.)

Das Bodenseeargument

Ein weiteres Argument der Kritikerszene ist das sogenannte „Bodenseeargument“. Gemeint sind dabei Konzentrationsberechnungen verschiedener homöopathischer Potenzen, um die Unmöglichkeit einer Wirksamkeit zu verdeutlichen.

Beispiel: Ein Tropfen Substanz auf die Menge Wasser im Bodensee würde rein rechnerisch einer D18 entsprechen.

Vergessen wird dabei, dass bei einer homöopathischen Behandlung nicht unbedingt ein potenziertes und damit hoch verdünntes Arzneimittel angewendet werden muss. Das Hauptmerkmal der homöopathischen Therapierichtung ist die Anwendung der Arzneimittel nach dem Ähnlichkeitsprinzip („Simileprinzip“), dies kann durchaus auch mit der Urtinktur oder sehr tiefen Potenzen erfolgen.

Vergessen wird bei solchen Konzentrationsberechnungen auch, dass nicht einfach verdünnt und umgerührt wird (was bei der Riesenmenge Wasser im Bodensee gar nicht möglich wäre), sondern schrittweise verdünnt und dabei -zunächst mittels Verreibung, später mittels Schüttelschlägen- potenziert wird.

Dass es rein auf die Herstellungstechnik bezogen große Unterschiede zwischen einfachem Verdünnen und Potenzieren gibt, soll im Folgenden verdeutlicht werden:

Der Trituarationsprozess

Bei der Milchzuckerverreibung (Trituration) eines Arzneistoffes -von Hahnemann bis zur C3 für fast jede Arznei gefordert- wird die Ausgangssubstanz im Verhältnis 1:100 (für C-Potenzen) oder 1:10 (für D-Potenzen) mit anteiligen Mengen Lactosemonohydrat (jeweils 1/3) in einer rauen Reibschale (Mörser) verrieben. Dabei sind genaue Zeiten einzuhalten, um eine wirkliche Durchmischung der Ausgangssubstanz zu garantieren. Pro Verreibungsschritt ist nach HAB Vorschrift 7 eine Stunde vorgeschrieben.  Durch den Verreibungsprozess wird die Partikelgröße von Arzneistoff und Milchzucker sehr stark verkleinert und es erfolgt ein sehr inniger Durchmischungsprozess. Man hat am Ende der dreistündigen Verreibungszeit in der C3 eine Partikelgröße im Nanometerbereich.

Durch diesen Prozess wird es auch möglich, schwer lösliche Salze oder auch als Grundsubstanz komplett inerte Stoffe (z.B. Lycopodium) für den menschlichen Körper verfügbar zu machen. Zudem hat sich die Löslichkeit des Milchzuckers in Bezug auf Alkohol verändert, man spricht von kolloidaler Löslichkeit.

Ab der 3. Potenz kann dann auf das flüssige Potenzierungsfverfahren (Herstellung von Dilutionen) mittels der oben beschriebenen Verschüttelungsmethode übergegangen werden.

Es gibt einige Theorien darüber, wieso die Information der potenzierten Arznei auf den Trägerstoff (Milchzucker oder Alkohol) übergeht und trotz der Verdünnung eine Wirkung bzw. sogar Wirksteigerung -Voraussetzung ist dabei die Ähnlichkeit zwischen Arznei und Symptomen- zu beobachten ist. Eine abschließende, zufriedenstellende Erklärung warum das so ist, gibt es jedoch tatsächlich noch nicht.

Fakt ist allerdings, dass die Trägersubstanzen in denen ein Arzneistoff potenziert wurde, sich in verschiedenen physikalischen Parametern (NMR-Relaxationszeitmessungen (T1/T2); UV VIS-Untersuchungen) deutlich von einfach nur verschüttelten Kontrollen unterscheiden. Gründe dafür im Herstellungsprozess zu suchen ist naheliegend.

„Ein theoretisches Modell, welches diese Modifikationen als Träger von spezifischen Arzneimittelwirkungen interpretiert, steht jedoch noch aus“; heißt es auch im Forschungsreader der WissHom 2016.

Fazit:

Die Vorschriften des bei der Herstellung von Homöopathika verwendeten Teils des HAB (HAB-Vorschriften 1 bis 17, sowie 43 und 44; jetzt teilweise ins Europäischen Arzneibuch übernommen) sind präzise formuliert und basieren auf Hahnemanns Herstellungsvorschriften im „Organon der Heilkunst“, den „Chronischen Krankheiten“ und der „Reinen Arzneimittellehre“. Mystische Details wie z.B. der Erdmittelpunkt oder Angaben darüber, ob rechts- oder linksherum verrieben oder zu welcher Tageszeit verschüttelt werden sollte, sind dort nicht zu finden und gehören auch nicht zu den Grundlagen der Homöopathie.

Quellen:

https://www.pharmazeutische-zeitung.de/ausgabe-352013/homoeopathie-glaubenskrieg-um-globuli/

Hahnemann, Samuel: Organon der Heilkunst, 6. Auflage: http://www.zeno.org/Kulturgeschichte/M/Hahnemann,+Samuel/Organon+der+Heilkunst+(6.+Auflage)

Schmidt, Josef: Taschenatlas Homöopathie in Wort und Bild, Haug-Verlag, Heidelberg 2001

Hahnemann, Samuel: Chronische Krankheiten Band 3, 1837 – „Vorwort über das Technische in der Homöopathie“

http://www.zeno.org/Kulturgeschichte/M/Hahnemann,+Samuel/Die+chronischen+Krankheiten/Arzneimittel/Dritter+Theil/Vorwort

Schwabe, Willmar: Pharmacopoea Homeopathica Polyglotta; Second Edition; Boericke&Tafel, New York 1880

European Committee for Homeopathy (SC Pharmacy): Comparison of homeopathic preparation methods in pharmacopoeias (2016)

Homöopathisches Arzneibuch (HAB), DAV, Stuttgart 2018

Schwarzbach, R./ Buchheim-Schmidt, S.: Fachrechnen für PTA, DAV, Stuttgart 2013

2nd DynHom Colloquium Mai 2017 organized by Unio Homeopathica Belgica

Baumgartner, S.: Stand der Grundlagenforschung in der Homöopathie 2016

Im WissHom-Forschungsreader: http://www.wisshom.de/dokumente/upload/7cda0_forschungsreader_2016_ergschutzgeb%C3%BChr_180713.pdf

Rissel, R.: Kritische Fragen an die Homöopathie

https://www.muench-akademie.de/shop/publikationen/kritische-fragen-an-die-homoeopathie/

Die populärsten Irrtümer

–  über die Homöopathie und die konventionelle Medizin – Teil 7

Harald Walach

Weil ich in Debatten immer wieder die gleichen falschen Aussagen höre, stelle ich sie hier einmal zusammen mit den entsprechenden Argumenten, Daten und Fakten: Irrtümer, die über die Homöopathie geäussert werden, meistens mit entsprechenden Irrtümern über die Medizin gepaart. Ich hoffe, das entspannt die Debatte, die ich als unnötig polarisiert und wenig konstruktiv wahrnehme. Es geht weiter mit

Irrtum Nr. 7 – Gefährlich

Homöopathie ist potenziell gefährlich, denn sie könnte ja wichtige Behandlungen verhindern. Konventionelle Behandlung hingegen ist auf jeden Fall ratsam.

Das beliebte Argument von Homöopathiekritikern, dass Homöopathie gefährlich ist, weil sie wichtige Behandlungen verzögert und verhindert, ist aus meiner Sicht vor allem eines: unbelegte Polemik.

Theoretisch stimmt das Argument natürlich: wenn zu Zeiten, wo wir wirksame Behandlungen gegen lebensbedrohliche Erkrankungen wie einen akuten Herzinfarkt oder Schlaganfälle haben, jemand erst homöopathische Kügelchen verwendet, dann ist das ein professioneller Fehler.

Praktisch ist es aber meines Wissens nicht belegt, dass dies tatsächlich ein Problem darstellt. Die großen Befragungsstudien, die es gibt, zeigen, dass Patienten Homöopathie und andere komplementäre Verfahren vor allem komplementär, also in Ergänzung, verwenden.1,2 Selten ist Homöopathie die erste Wahl. Meistens kommen Patienten zum homöopathischen Arzt nach einer Odyssee durchs System. Solche Patienten bleiben dann oft dieser Behandlung treu, auch bei anderen und akuten Beschwerden. Dagegen ist aus meiner Sicht kaum was einzuwenden. Denn jeder gute homöopathische Arzt ist zunächst einmal Arzt und kennt die Grenzen seiner Kunst. Das Problem taucht allenfalls da auf, wo weniger gut ausgebildete Heilpraktiker ärztliche Versorgungsfunktion übernehmen. Das hat aber weniger mit der Homöopathie, als mit dem System zu tun. Übersichtsarbeiten, die der Homöopathie Nebenwirkungen bescheinigt haben wollen,3 leiden unter groben handwerklichen Fehlern.4

Und im Übrigen: Entweder ist die Homöopathie wirkungslos, dann kann sie keine Nebenwirkungen haben und die einzige gefährliche Wirkung wäre die Unterlassung. Oder aber die Homöopathie kann Nebenwirkungen haben, dann ist sie aber auch nicht wirkungslos.

Aber wie sieht es denn mit der Unterlassung wirklich aus? Wie gesagt: Daten sprechen eher dagegen, dass das ein Problem wäre. Und sieht man sich die potenziellen Nebenwirkungen konventioneller Medikamente an, dann bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob es nicht eine kluge Strategie ist, im Normalfall, also dann, wenn keine Gefahr im Verzug ist, zunächst eine homöopathische Therapie zu versuchen und erst dann, wenn das nicht funktioniert, zu stärkeren Geschützen zu greifen. Denn immerhin sind tödliche Nebenwirkungen von konventionellen Arzneien je nach Lesart Todesursache Nr. 2, 3 oder 4 in der modernen Welt.5,6 Die Gefahr an den langfristigen Folgen einer Dauermedikation zu sterben ist deutlich höher als die Gefahr durch homöopathische Therapie eine lebensrettende Massnahme zu versäumen und dadurch zu sterben.

Weil diese Frage aber noch niemand untersucht hat, muss dies Spekulation bleiben. Meine Lieblingsstudie wäre: Einer Kohorte von nicht wirklich ernsthaft Kranker in einem Alter von über 50 Jahren alle Medikamente zu entziehen und durch Placebo zu ersetzen (idealerweise ohne dass sie davon wissen) und den Gesundheitszustand nach einem halben Jahr zu untersuchen. Ich wette eine Kiste Champagner, dass er besser wäre. Da ich diese Studie aber nie bewilligt bekomme und jemand anderer sie nicht machen wird, kriege ich mal wieder meinen Champagner nicht.

Links

Der perfekte Mord? Neue Albernheiten zum Thema Homöopathie

Stellungnahme WissHom zu: BELLADONNA-HALTIGE HOMÖOPATHIKA … schwere Störwirkungen und Todesfälle in USA, Arznei-Telegramm 3/17 (a-t 2017; 48: 31-2)

Stellungnahme AEHA: Sicherheit homöopathischer Arzneien in Europa gewährleistet

Stellungnahme AEHA: Fakten zu Homeopathic Teething Tablets

Referenzen

  1. Ostermann T, Vollmar HC, Raak C, Jacobi F, Büssing A, Matthiesen PF. Potenzielle Inanspruchnahme von Gesundheitsprofessionen durch privat Versicherte unter Berücksichtigung komplementärmedizinischer Versorgungsleistungen. Forschende Komplementärmedizin 2015; 22: 369-479.
  2. Linde K, Alscher A, Friedrichs C, Joos S, Schneider A. Die Verwendung von Naturheilverfahren, komplementären und alternativen Therapien in Deutschland – eine systematische Übersicht bundesweiter Erhebungen. Forschende Komplementärmedizin 2014; 21: 111-8.
  3. Posadzki P, Alotaibi A, Ernst E. Adverse effets of homeopathy: a systematic review of published case reports and case series. The International Journal of Clinical Practice 2012; 66: 1178-88.
  4. Walach H, Lewith G, Jonas W. Can you kill your enemy by giving homeopathy? Lack of rigour and lack of logic in the systematic review by Ernst and colleagues on adverse effects of homeopathy. International Journal of Clinical Practice 2013; 67: 385-6.
  5. Gøtzsche PC. Deadly Psychiatry and Organised Denial. Copenhagen: People’s Press; 2015.
  6. Gøtzsche PC. Deadly Medicines and Organised Crime: How Big Pharma Has Corrupted Health Care. London: Radcliff; 2013.

Die populärsten Irrtümer

– über die Homöopathie und die konventionelle Medizin – Teil 5

Weil ich in Debatten immer wieder die gleichen falschen Aussagen höre, stelle ich sie hier einmal zusammen mit den entsprechenden Argumenten, Daten und Fakten: Irrtümer, die über die Homöopathie geäußert werden, meistens mit entsprechenden Irrtümern über die Medizin gepaart. Ich hoffe, das entspannt die Debatte, die ich als unnötig polarisiert und wenig konstruktiv wahrnehme. Es geht weiter mit

Irrtum Nr. 5 –Teurer Zucker

von Susann Buchheim-Schmidt

  1. Homoöpathie ist ein großes Geschäft

Lebostein 21.03.2014

Die Homoöpathie-Freunde regen sich immer über die Geldschneiderei der klassischen Medizin auf. Dabei ist das bei der Homoöpathie viel schlimmer. Das ist ein Riesengeschäft und eine riesige Abzocke! Da wird Wasser und Zucker für ordentlich Geld verkauft…

Fakt ist, dass es sich dabei um Arzneimittel handelt, die behördlich reguliert sind und diversen rechtlichen Anforderungen, wie z.B. dem Arzneimittelgesetz, den hohen Anforderungen an die „Gute Herstellungspraxis“ (GMP) und vielen weiteren – auch europäischen Regularien – genügen müssen.

Die Herstellung von Homöopathika unterscheidet sich bzgl. der gesetzlichen Anforderungen an den Herstellungsprozess in keiner Weise von der Herstellung herkömmlicher Arzneimittel.

Ausgangsstoffe

Die Ausgangsstoffe müssen zunächst entweder selbst angebaut oder beschafft werden. Dies ist vielen Regularien, wie z.B. Anforderungen an Saatgut und Anbau, Verzicht auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, Dokumentation etc. unterworfen.

Vor der eigentlichen Herstellung müssen sämtliche Ausgangsstoffe geprüft werden und den Arzneibuchanforderungen (Homöopathisches Arzneibuch/ Europäisches Arzneibuch) entsprechen. Die aus den Ausgangsstoffen hergestellten Urtinkturen werden vor der Weiterverarbeitung ebenfalls geprüft,  dazu sind bis zu 10 teilweise aufwändige analytische Untersuchungen nötig. Das unterscheidet Homöopathika in keiner Weise von Arzneimitteln der konventionellen Medizin.

Im Gegenteil: Die Prüfung von Pflanzenmaterial ist teilweise aufwändiger und komplexer als die von chemisch genau definierten Ausgangsstoffen.

Herstellung

Der weitere Herstellungsprozess, die Verreibung bzw. Verschüttelung der Ausgangsstoffe (das sogenannte Potenzieren) zum fertigen Produkt, muss selbstverständlich auch den hohen Qualitätsanforderungen an die Arzneimittelherstellung entsprechen und aufwändig kontrolliert und dokumentiert werden.

Teuer ist bei der Herstellung nicht allein das Ausgangsmaterial sondern insbesondere die Hilfsstoffe wie z.B. Ethanol, der gerade bei hohen Potenzen in größeren Mengen anfällt: Potenziert wird nach dem gesetzlich vorgeschriebenen Homöopathischen Arzneibuch (HAB) im Regelfall nicht mit Wasser, sondern mit Ethanol-Wasser-Gemischen. Dabei werden für jeden Potenzierungsschritt größere Mengen an Alkohol (je nach Potenz 51-90 Vol%) verbraucht, der wiederum den pharmazeutischen Qualitätsanforderungen entsprechen muss und nicht gerade preiswert ist. Für jeden Potenzierungsschritt muss bei der in Deutschland vorgeschriebenen Mehrglasmethode zudem ein neues Arzneigläschen verwendet werden.

Die Annahme, dass man mit wenig Ausgangsstoff genug Material für alle Zeiten hätte, ist ebenfalls falsch. Tatsache ist, dass die Haltbarkeit homöopathischer Arzneimittel genau wie die in der konventionellen Medizin max. 5 Jahre beträgt. Auch die Haltbarkeit von Urtinkturen als Ausgangsmaterial ist begrenzt.

Registrierung und Zulassung

Bevor jedoch ein Homöopathikum überhaupt industriell im hergestellt werden kann, muss es von der Behörde registriert werden oder – sofern es eine Indikation beansprucht – zugelassen werden.

Für die Registrierung eines Mittels müssen Dokumente vorgelegt werden, die die Sicherheit des Arzneimittels belegen, dazu sind aufwändige Recherchen im Bereich Toxikologie notwendig. Auch muss bei Registrierungen die homöopathische Verwendung des Mittels belegt werden, mittlerweile z.B. mit zwei Arzneimittelprüfungen, für die die gleichen rechtlichen Anforderungen wie für klinische Prüfungen gelten (Votum der Ethikkommission, Prüfarzt, Probandenversicherung, etc.).

Wenn eine Indikation angegeben werden soll, muss eine Zulassung beantragt werden und dann ist der Aufwand noch wesentlich größer, denn es müssen – ebenso wie für konventionelle Präparate – Studien vorgelegt werden.

Tatsache ist, dass schon die Registrierung eines einzelnen Mittels viele Tausend Euro kostet; dass jede Änderung eines Beipackzettels bei der Behörde angezeigt werden muss und diese berechnet dafür wiederum eine Gebühr.

Demgenüber steht, dass viele der über 1000 Einzelmittel (ABDA-Datenbank) nur selten verwendet werden. Bei manchen Präparaten werden weniger als 10 Packungen im Jahr verkauft und die Hersteller haben diese nur in ihrem Sortiment um den Patienten und Therapeuten ein vollständiges Set an Mitteln in verschiedenen Potenzen anbieten zu können. Ausnahmen wie die sogenannte „1000er Regel“ sind in diesen Fällen zwar nach AMG auch möglich, aber auf viele Einzelmittel nicht anwendbar.

Der Verbrauch ist – insbesondere bei Hochpotenzen – ja sehr gering, weil nur wenige einzelne Globuli in großen Abständen verabreicht werden.

Konventionelle Arzneimittel

Richtig ist, dass die Entwicklung eines neuen Arzneimittels im konventionellen Bereich viele Millionen Euro kostet. Allerdings sind diese Mittel dann auch patentierbar und die Gewinnspannen ungleich höher als bei Homöopathika.

Tatsache ist letztendlich auch, dass für homöopathische Arzneimittel, in Deutschland die gleichen Anforderungen an die Erfassung, Bewertung und Dokumentation von Arzneimittelrisiken gelten wie für die konventionellen Arzneimittel, egal ob die Mittel zugelassen oder registriert sind. Diese Anforderungen an die Arzneimittelsicherheit sind mit einem weiteren hohen organisatorischen und Dokumentationsaufwand verbunden.

Summa summarum reden wir bei homöopathischen Einzelmitteln von einem Apothekenverkaufspreis zwischen 8 und 10 Euro je nach Hersteller für eine Potenz bis C30 pro Fläschchen (ABDA-Datenbank). Dieser Preis steht durchaus im Verhältnis zum Produktionsaufwand und ist, auch verglichen mit anderen Präparaten aus dem Bereich Selbstmedikation, nicht hoch.

Quellen:

http://www.spiegel.de/forum/gesundheit/glaubensfrage-homoeopathie-meine-kinder-bekommen-kuegelchen-thread-121580-6.html

https://www.bfarm.de/DE/Arzneimittel/Arzneimittelzulassung/Zulassungsarten/BesondereTherapierichtungen/Homoeopathische_und_anthroposophische_Arzneimittel/KriterienIndikationen.html

HAB 2018 (Homöopathisches Arzneibuch)

http://www.pharmazie.com (ABDA Datenbank)

https://www.gesetze-im-internet.de/amg_1976/ (Arzneimittelgesetz)

https://www.gesetze-im-internet.de/amg_1976/__63c.html

Die populärsten Irrtümer

– über die Homöopathie und die konventionelle Medizin – Teil 4

Harald Walach

Weil ich in Debatten immer wieder die gleichen falschen Aussagen höre, stelle ich sie hier einmal zusammen mit den entsprechenden Argumenten, Daten und Fakten: Irrtümer, die über die Homöopathie geäussert werden, meistens mit entsprechenden Irrtümern über die Medizin gepaart. Ich hoffe, das entspannt die Debatte, die ich als unnötig polarisiert und wenig konstruktiv wahrnehme. Es geht weiter mit

Irrtum Nr. 4 – Ungeprüfte Medikamente

Konventionelle Medikamente müssen klinisch geprüft werden, homöopathische nicht

Über die Zulassung homöopathischer Arzneien entscheidet nach dem Arzneimittelgesetz das Bundesinstitut für Arzneimittel. Das Arzneimittelgesetz sieht in der Tat für die „Besonderen Therapierichtungen“, wie sie heißen, Sonderregelungen vor. Dazu gehören neben der Homöopathie die Phytotherapie und die anthroposophische Medizin. Für die Homöopathie gilt eine Registrierung der Einzelmittel nach dem Homöopathischen Arzneibuch, einem Herstellungskodex der gleichzeitig Gesetzescharakter hat, weil er vorschreibt, wie homöopathische Arzneien hergestellt werden müssen. Einzelmittel erhalten dann eine Registrierung und dürfen über Apotheken ohne weiteres vertrieben werden und jeder kann sie kaufen. Aufgrund der Komplexität der Verschreibungsregeln kann damit aber nur derjenige etwas anfangen, der weiß, wie man die Homöopathie handhabt. Daher werden diese registrierten Arzneien auch nicht weiter beforscht, denn sie gehen ohne Indikationshinweis in den Markt. Will hingegen ein Hersteller eine Indikation für eine Kombination oder eine Einzelsubstanz xyz beantragen, etwa bei abc-Krankheit, dann müssen dafür Belege vorgelegt werden. Je nachdem wie schwer die abc-Krankheit ist, müssen die Belege dann aus bereits durchgeführten Studien (aus der Literatur) kommen oder auch eigene Studien durchgefürt werden. Die Arzneimittelkommission D hat in ihrer Beratungsfunktion für das BfArm eine Abstufung von Indikationen vorgeschlagen, die dazu führt, dass die Beanspruchung von Indikationen für homöopathische Arzneien durch Hersteller in etwa so gehandhabt werden wie bei konventionellen Arzneien auch: Es müssen Studien vorgelegt werden. Die Registrierung von Einzelmitteln ist aus der Tradition begründet und kann in etwa mit der Rechtssicherheit von Gewohnheitsrecht verglichen werden. Gewisse althergebrachte Kombinationen konnten auch über das Gewohnheitsrecht weitere Zulassung erhalten.

Ähnlich wird es auch bei konventionellen Arzneimitteln gehandelt: Neue Substanzen müssen einen Wirksamkeitsnachweis durch Studien erbringen. Alteingesessene Arzneimittel in der Regel nicht. Penicillin z.B. wurde meines Wissens nie durch eine verblindete Studie in seiner Wirksamkeit bewiesen, einfach weil nach seiner Einführung der Erfolg so offensichtlich war und weil man eine klare Theorie seiner Wirkung hatte. Umgekehrt gab und gibt es viele Stoffe in der konventionellen Pharmakologie, deren Wirkung lange nicht geklärt war, genauer gesagt, bei denen man wusste, dass sie wirken, aber nicht genau wie. Das war etwa der Fall für die Acetylsalicylsäure. Als Präparat aus Weidenrindenextrakt war es der Volksheilkunde seit langer Zeit als Fiebermittel bekannt. Als Aspirin synthetisiert wurde es seit 1899 als Patent geführt. Die Wirkweise, nämlich die Hemmung der Prostaglandinsynthese, wurde erst 1971 aufgeklärt. Es gibt viele Beispiele von Arzneimitteln, die nie auf ihre Wirksamkeit geprüft wurden, aber über Traditionsargumente im Arzneischatz geblieben sind. Es gibt Beispiele für Medikamente die gut geprüft wurden, auch Wirsamkeitsnachweise erbracht haben, aber trotzdem nur begrenzt brauchbar sind. Die in dem ersten Beitrag dieser Reihe kurz genannten SRRIs sind dafür ein gutes Beispiel. Das kommt daher, dass zu Zulassungszwecken je nach Verfahren nur ein bis zwei positive Studien vorliegen müssen und es egal ist, wieviele negative Befunde vorhanden sind, solange positive Belege nachweisbar sind.

Anders gesprochen: Die Zulassung prüft nur, ob im Prinzip Wirksamkeit vorhanden ist, nicht ob diese Wirksamkeit klinisch tauglich ist. Im Fall der Homöopathie ist dies über das Traditionsargument geschehen. Denn hier haben Arzneien auch eine deutlich andere Rolle: Sie werden nicht für Krankheiten, sondern im Wesentlichen für Symptomkonstellationen, ober überspitzt für Personen verwendet. Daher scheidet das übliche Prüfverfahren hier aus und der Gesetzgeber hat das erkannt und konsequent übernommen. Wird hingegen eine Krankheitsindikation beansprucht, dann greift auch hier die indikationsbezogene Überprüfung, wie in der konventionellen Medizin auch.