Die populärsten Irrtümer

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–  über die Homöopathie und die konventionelle Medizin – Teil 7

Harald Walach

Weil ich in Debatten immer wieder die gleichen falschen Aussagen höre, stelle ich sie hier einmal zusammen mit den entsprechenden Argumenten, Daten und Fakten: Irrtümer, die über die Homöopathie geäussert werden, meistens mit entsprechenden Irrtümern über die Medizin gepaart. Ich hoffe, das entspannt die Debatte, die ich als unnötig polarisiert und wenig konstruktiv wahrnehme. Es geht weiter mit

Irrtum Nr. 7 – Gefährlich

Homöopathie ist potenziell gefährlich, denn sie könnte ja wichtige Behandlungen verhindern. Konventionelle Behandlung hingegen ist auf jeden Fall ratsam.

Das beliebte Argument von Homöopathiekritikern, dass Homöopathie gefährlich ist, weil sie wichtige Behandlungen verzögert und verhindert, ist aus meiner Sicht vor allem eines: unbelegte Polemik.

Theoretisch stimmt das Argument natürlich: wenn zu Zeiten, wo wir wirksame Behandlungen gegen lebensbedrohliche Erkrankungen wie einen akuten Herzinfarkt oder Schlaganfälle haben, jemand erst homöopathische Kügelchen verwendet, dann ist das ein professioneller Fehler.

Praktisch ist es aber meines Wissens nicht belegt, dass dies tatsächlich ein Problem darstellt. Die großen Befragungsstudien, die es gibt, zeigen, dass Patienten Homöopathie und andere komplementäre Verfahren vor allem komplementär, also in Ergänzung, verwenden.1,2 Selten ist Homöopathie die erste Wahl. Meistens kommen Patienten zum homöopathischen Arzt nach einer Odyssee durchs System. Solche Patienten bleiben dann oft dieser Behandlung treu, auch bei anderen und akuten Beschwerden. Dagegen ist aus meiner Sicht kaum was einzuwenden. Denn jeder gute homöopathische Arzt ist zunächst einmal Arzt und kennt die Grenzen seiner Kunst. Übersichtsarbeiten, die der Homöopathie Nebenwirkungen bescheinigt haben wollen,3 leiden unter groben handwerklichen Fehlern.4

Und im Übrigen: Entweder ist die Homöopathie wirkungslos, dann kann sie keine Nebenwirkungen haben und die einzige gefährliche Wirkung wäre die Unterlassung. Oder aber die Homöopathie kann Nebenwirkungen haben, dann ist sie aber auch nicht wirkungslos.

Aber wie sieht es denn mit der Unterlassung wirklich aus? Wie gesagt: Daten sprechen eher dagegen, dass das ein Problem wäre. Und sieht man sich die potenziellen Nebenwirkungen konventioneller Medikamente an, dann bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob es nicht eine kluge Strategie ist, im Normalfall, also dann, wenn keine Gefahr im Verzug ist, zunächst eine homöopathische Therapie zu versuchen und erst dann, wenn das nicht funktioniert, zu stärkeren Geschützen zu greifen. Denn immerhin sind tödliche Nebenwirkungen von konventionellen Arzneien je nach Lesart Todesursache Nr. 2, 3 oder 4 in der modernen Welt.5,6 Die Gefahr an den langfristigen Folgen einer Dauermedikation zu sterben ist deutlich höher als die Gefahr durch homöopathische Therapie eine lebensrettende Massnahme zu versäumen und dadurch zu sterben.

Weil diese Frage aber noch niemand untersucht hat, muss dies Spekulation bleiben. Meine Lieblingsstudie wäre: Einer Kohorte von nicht wirklich ernsthaft Kranker in einem Alter von über 50 Jahren alle Medikamente zu entziehen und durch Placebo zu ersetzen (idealerweise ohne dass sie davon wissen) und den Gesundheitszustand nach einem halben Jahr zu untersuchen. Ich wette eine Kiste Champagner, dass er besser wäre. Da ich diese Studie aber nie bewilligt bekomme und jemand anderer sie nicht machen wird, kriege ich mal wieder meinen Champagner nicht.

Anmerkung 23.2.2019

In diesem Dokument wurden zwei Sätze gestrichen:

„Das Problem taucht allenfalls da auf, wo weniger gut ausgebildete Heilpraktiker ärztliche Versorgungsfunktion übernehmen. Das hat aber weniger mit der Homöopathie, als mit dem System zu tun.“

Diese Sätze waren missverständlich und wurden missverstanden. – Und ich bedaure das.

Es ging mir nicht um eine Diskreditierung von Heilpraktikern.

Dass Heilpraktiker heutzutage viel lernen und wissen müssen, ist mir durchaus bekannt. Wir hatten in unserem Studiengang in Frankfurt/Oder auch viele Heilpraktiker und alle, die ich kennengelernt habe, haben mir viel Respekt abgerungen.

Aber wenn Heilpraktiker ärztliche Versorgungsfunktionen übernehmen und auch schwere Krankheiten behandeln, müssen sie sich darüber klar sein, dass sie sich außerhalb des ärztlichen Versorgungssystems bewegen und damit eine besondere Verantwortung haben.

Erfahrene Heilpraktiker wissen das und kennen die Grenzen.

Das Problem ist aber, dass die Heilpraktiker-Ausbildung keinen zwingenden klinischen  Teil hat.

Auch frisch gebackene Ärzte haben nach Absolvierung ihres Studiums und der Staatsexamina zunächst mal nur viel Wissen angehäuft – und haben noch wenig eigene Erfahrung mit richtigen Patienten und echten Krankheiten.

In ihrer klinischen Ausbildung sehen sie dann in der Regel auch schwerere Krankheitsfälle und  bekommen ein Gefühl für die Schwere von Krankheiten, für Situationen, wo es heikel wird, wo man jemanden um Hilfe bitten muss (im Krankenhaus dann den Oberarzt).

Ausreichende Praxiserfahrung kompensiert diesen Mangel an klinischer Ausbildung – aber bei den Anfängern ist es die klinische Ausbildung, die den Unterschied macht.

Und dass Ärzte dennoch Fehler machen – auch gravierende Fehler – ist hinlänglich allgemein bekannt. – Vielleicht sollte ich diesen Punkt gelegentlich noch vertiefen.

Worum es mir in dem Artikel eigentlich nur ging: Mit der Homöopathie als Methode hat das alles nichts zu tun.

Links

Der perfekte Mord? Neue Albernheiten zum Thema Homöopathie

Stellungnahme WissHom zu: BELLADONNA-HALTIGE HOMÖOPATHIKA … schwere Störwirkungen und Todesfälle in USA, Arznei-Telegramm 3/17 (a-t 2017; 48: 31-2)

Stellungnahme AEHA: Sicherheit homöopathischer Arzneien in Europa gewährleistet

Stellungnahme AEHA: Fakten zu Homeopathic Teething Tablets

Referenzen

  1. Ostermann T, Vollmar HC, Raak C, Jacobi F, Büssing A, Matthiesen PF. Potenzielle Inanspruchnahme von Gesundheitsprofessionen durch privat Versicherte unter Berücksichtigung komplementärmedizinischer Versorgungsleistungen. Forschende Komplementärmedizin 2015; 22: 369-479.
  2. Linde K, Alscher A, Friedrichs C, Joos S, Schneider A. Die Verwendung von Naturheilverfahren, komplementären und alternativen Therapien in Deutschland – eine systematische Übersicht bundesweiter Erhebungen. Forschende Komplementärmedizin 2014; 21: 111-8.
  3. Posadzki P, Alotaibi A, Ernst E. Adverse effets of homeopathy: a systematic review of published case reports and case series. The International Journal of Clinical Practice 2012; 66: 1178-88.
  4. Walach H, Lewith G, Jonas W. Can you kill your enemy by giving homeopathy? Lack of rigour and lack of logic in the systematic review by Ernst and colleagues on adverse effects of homeopathy. International Journal of Clinical Practice 2013; 67: 385-6.
  5. Gøtzsche PC. Deadly Psychiatry and Organised Denial. Copenhagen: People’s Press; 2015.
  6. Gøtzsche PC. Deadly Medicines and Organised Crime: How Big Pharma Has Corrupted Health Care. London: Radcliff; 2013.

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Die populärsten Irrtümer

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– über die Homöopathie und die konventionelle Medizin – Teil 6

Weil ich in Debatten immer wieder die gleichen falschen Aussagen höre, stelle ich sie hier einmal zusammen mit den entsprechenden Argumenten, Daten und Fakten: Irrtümer, die über die Homöopathie geäußert werden, meistens mit entsprechenden Irrtümern über die Medizin gepaart. Ich hoffe, das entspannt die Debatte, die ich als unnötig polarisiert und wenig konstruktiv wahrnehme. Es geht weiter mit

Irrtum Nr. 6 – Widerwärtige Arzneimittel

Curt Kösters

Die Inhaltsstoffe der homöopathischen Mittel sind widerwärtig. Wenn die Leute nur wüssten, was sie da zu sich nehmen …

Und damit eben diese Leute das dann auch erfahren, wird dann gerne auch die Forderung nach einer deutschen Bezeichnung der Arzneimittel erhoben mit dem hehren Ziel der Transparenz.

Deutsche Bezeichnung

Zuletzt wurde diese Forderung nach mehr Transparenz 2017 von der Verbraucherschutzbeauftragten der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Mechthild Heil, erneut erhoben

– und eigentlich ist dazu auch alles schon gesagt.

Hier finden Sie den Kommentar des Anwenderbündnisses für den Erhalt homöopathischer Einzelmittel und im Anschluss an diesen Beitrag dokumentiere ich auch noch meinen Kommentar seinerzeit.

Worum geht es?

Es geht hier um die Ausgangssubstanzen für die Herstellung homöopathischer Mittel und deren behauptete Widerwärtigkeit.

Nun wurden und werden in der Medizin immer schon seltsame Dinge verwendet – und manche vielleicht sogar mit Erfolg: Angeblich haben z.B. die alten Ägypter infizierte Wunden mit Schimmel behandelt; und wenn es denn stimmt, war das vielleicht sogar wirksam: Immerhin wurde das erste wirkliche Antibiotikum – das Penicillin – in einem Schimmelpilz entdeckt.

Aber auch heute noch finden sich in der Medizin Dinge, die locker in die Unterhaltung bei Tisch eingestreut, unter Garantie dem einen oder anderen den Appetit verderben wird – und Ihnen den Zugriff auf den Löwenanteil des Desserts sichern werden.

Was halten Sie von Wundbehandlung mit lebenden Fliegenmaden? Diese Behandlung wurde entdeckt, nachdem man in den Kriegen gesehen hatte, dass Patienten, deren Wunden von Maden infiziert war, weniger häufiger Sepsis bekamen.

Die Einnahme von Würmern ist eine effektive (und sinnvolle) Behandlung bei entzündlichen Darmerkrankungen.

Der neueste Hit sind allerdings Stuhltransplantationen.

Für das gesunde deutsche Geschmacksempfinden können aber auch schon Blutegel zur Belastung werden, eine alte Behandlungsmethode, die bei Arthrose nachweislich wirksam ist. (Michalsen, A., Kotz, S., Lüdtke, R., Moebus, S., Spahn, G., & Dobos, G. J. (2003). Effectiveness of leech therapy in osteoarthritis of the knee. Annals of Internal Medicine, 139, 724-730.)

Aber auch konventionelle Arzneimittel haben manchmal eine Herkunft, die man sich ungern im Detail vorstellt – eben z.B. Blutegel (bzw. deren Speichel).

Und leider sind sogar Lebensmittel gelegentlich nicht ganz frei von Bestandteilen mit Ekel-Faktor (s. unten).

Manchmal sind die Bestandteile auch gefährlich.

Und es ist jetzt doch noch eine wirklich interessante Frage: Was ist denn eigentlich schlimmer? – eklig oder gefährlich?

In der Tat gibt es seltsame Mittel in der Homöopathie: „Kakerlaken, Kellerasseln, Krötengift oder faules Rindfleisch“ – um Mechthild Heil im Original zu zitieren – und die war immerhin die Verbraucherschutz-Beauftragte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion!

Und auch wenn die Kellerassel jetzt etwas unpräzise ist – (die Kellerassel, Porcellio scaber, kommt in der homöopathischen Materia medica definitiv nicht vor – gemeint ist hier wahrscheinlich die Mauerassel, Orniscus asellus, – und die gehört zu einer ganz anderen Familie der Asseln – so ist das mit den deutschen Bezeichnungen), so ist diese Aufzählung doch schön in ihrer Ausdruckskraft.

In der Homöopathie wird vieles verwendet, was

  • Sich in irgendeiner Form als toxikologisch bzw. arzneilich wirksam erwies (darunter auch zahlreiche konventionelle Pharmaka – wenn auch selten – und dann natürlich in potenzierter Form )
  • Bereits in der Volksheilkunde verschiedener Länder Verwendung fand
  • Sich in einer homöopathischen Arzneimittelprüfung als symptomträchtig erwies

Homöopathen sind neugierig und experimentierfreudig. Die Bedingungen für die homöopathische Verwendung einer Substanz sind allerdings, dass es:

  • Toxikologische Berichte
  • Homöopathische Arzneimittelprüfungen
  • Präzise beschriebene Symptome von erfolgreich behandelten Patienten

gibt.

Idealerweise sind alle drei Punkte erfüllt. Weniger bekannte und erprobte Mittel erfüllen auch nur zwei, oder gar nur einen dieser Punkte.

Die Kriterien des Bundesamtes für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) sind allerdings ohnehin wesentlich strenger.

Derzeit hat ein neues homöopathisches Mittel dort kaum eine Chance in der Registrierung.

Neben etlichen anderen Kriterien (wie z.B. zwei Arzneimittelprüfungen) muss auch die spezifische homöopathische Bekanntheit und die bereits erfolgreiche Verwendung in der Homöopathie für ein Mittel nachgewiesen werden, bevor dieses Mittel registriert und auf den Markt gebracht werden kann (warum nur erinnert mich das an den klassischen Test aus Catch-22?) – Aber auch das nur am Rande.

Was ich mich hier eigentlich frage: Was genau ist das Problem mit seltsamen Ausgangssubstanzen homöopathischer Mittel?

Bekanntlich ist ja „nichts drin“, wie die gleichen Skeptiker nicht müde werden zu betonen.

Sind das die gleichen selbsternannten Hyper-Rationalisten – die letzten Verteidiger der bedrohten Aufklärung wider die Flut der Barbarei – die einzig wahren Gläubigen der neuen Religion des Szientismus – die jetzt meinen eine Ekel-Kampagne betreiben zu müssen?

Sind das die gleichen Leute, die in der ersten Panik – nach der Publikation des Atropin-Versuchs an Rattendärmen zu dem etwas verzweifelten und äußerst zweifelhaften (aber doch wunderschön spitzfindigen) Argument griffen, dass man eine Belladonna C 30 ja gar nicht herstellen könne (weil in jedem beliebigen Wasser bereits vor der Herstellung mehr Belladonna sei)?

Diese Art von Kritikern müsste sich mal entscheiden: nichts drin oder eklig? Beides zusammen geht nicht.

Aber die logische Inkonsistenz hindert offenbar nicht daran einfach beide Argumente zu verwenden.

Diese Ekel-Kampagne leidet aber nicht nur unter logischer Inkonsistenz:

Die Forderung nach deutschen Arzneimittelbezeichnungen war und ist:

  • albern – deutsche Arzneimittelbezeichnungen würden nicht zu mehr Transparenz führen, sondern vielmehr zu völliger Verwirrung (s. unten)
  • irrational – wenn ohnehin „nichts drin“ ist, dann bezeichnet der Name ja nicht die Inhaltsstoffe, sondern nur deren Herkunft bzw. die Geschichte der Herstellung
  • undurchfühbar, denn dann müssten auch alle konventionellen Arzneistoffe mit deutschen Namen ausgezeichnet werden, und das geht gar nicht, weil sie chemischer Natur sind und chemische Namen sind in der Regel keine deutschen, sondern Kunstbezeichnungen. Oder wie sollte man den chemischen Namen Sulfonamid eindeutschen? Schwefeleiweiss? Und Acetylsalicylsäure? Essigsaureweidenrindensäure? Und Pentobarbital?
  • Diese Forderung ist politisch auch gar nicht durchsetzbar – schon gar nicht im Kontext der EU. In der logischen Konsequenz würde sie dazu führen, dass z.B. Penicillin fortan als „Schimmelpilz-Extrakt“ bezeichnet werden müsste – und spätestens dann würden verschiedene sehr einflussreiche Pharma-Konzerne aktiv werden.

Und wenn man die erfahrene Abgeordnete Mechthild Heil (seit 2009 Mitglied des Deutschen Bundestages, seit 2016 Mitglied des Bundesvorstandes der CDU) nicht für unterbelichtet hält, darf man annehmen, dass ihr das auch klar war.

Worum geht es wirklich

Um Rationalität geht es jedenfalls nicht bei der Ekel-Kampagne.

Kommen wir zurück auf die interessante Frage, was denn eigentlich schlimmer ist: eklig oder gefährlich?

Unser Verstand würde jederzeit sagen: Gefährlich ist schlimmer als eklig – unser Gefühl sagt etwas anderes.

Die Botschaft mag im Einzelfall irrational sein – aber um rational abgelehnt zu werden müsste sie zunächst die Großhirnrinde erreichen.

Über Ekel wird in tieferen, uralten Hirnarealen entschieden; der Verstand sucht dann nach Argumenten um eine emotional längst getroffene Entscheidung zu rationalisieren. Ekel-Botschaften sind daher recht wirksam um Verhaltensänderungen hervorzurufen.

Die rational absurde Forderung nach deutschen Arzneimittelbezeichnungen wird in diesem Kontext dann doch sinnvoll. Sie dient als Vehikel um die Ekelbotschaft elegant zu transportieren.

Ähnlich verhält es sich mit der Forderung nach Abschaffung der Apothekenpflicht für Homöopathika.

Auch diese Forderung ist nicht durchsetzbar. – Mechthild Heil bekam nicht nur Widerspruch aus anderen Fraktionen, sie wurde auch prompt von einem Fraktionskollegen zurückgepfiffen.

Auch diese Forderung ist vorwiegend ein Vehikel für eine Negativbotschaft: Homöopathika sind unwirksam!

Die Tatsache, dass sie sehr wohl wirksam sind und die Tatsache, dass die Beweislage dafür jedenfalls nicht schlechter ist als für viele konventionelle Präparate wurde hier schon in verschiedenen Beiträgen erörtert:

Zwei wesentliche Erkenntnisse

können wir also aus dieser Geschichte ziehen:

Erstens: Es gibt eine gut koordinierte und strategisch geplante Kampagne gegen die Homöopathie. Diese bedient sich höchst professioneller Medienstrategien um Negativ-Botschaften in den Köpfen zu verankern. Gezielt wird dabei mit Mitteln der Assoziationsumsteuerung gearbeitet. Begriffe wie „unwirksam“, „nichts drin“, „Pseudomedizin“, „Quacksalber“ spielen dabei eine zentrale Rolle. Bestimmte Zielgruppen (wie Schwangere, Eltern) werden dabei gezielt mit Assoziationen wie „gefährlich“, „eklig“ angesprochen.

Zweitens: Mechthild Heil ist eine Aktivistin in dieser Kampagne. Das lässt sich bereits aus dieser gezielten Platzierung von Negativbotschaften ablesen und dazu muss man gar nicht wissen, dass sie auch bei GWUP Blog-Beiträge schreibt. Insbesondere die Ekel-Botschaft wird praktisch nur von echten Aktivisten verwendet; ansonsten hat sie bisher keine große Verbreitung gefunden, da sie eben weder logisch, noch richtig ist.

Die hartnäckige Wiederholung von einigen wenigen Kernbotschaften ist ein klassisches und wirksames Instrument der Propaganda. Bei ausreichender Hartnäckigkeit kommt es auf den Wahrheitsgehalt dann gar nicht mehr an.

Und da ich mich nicht auch noch für diese Kampagne instrumentalisieren lassen möchte und deren Botschaften transportieren, habe ich einen Moment darüber nachgedacht, ob ich diesen Beitrag nicht doch lieber mit einem freundlichen Maikäfer-Bild illustrieren sollte (auch der wird ja in der Homöopathie verwendet). – Ich habe mich dann doch für die Schabe entschieden.

Dokumentation

Und hier nun die Dokumentation eines Kommentars zu dem damaligen Artikel in der DAZ:

CDU/CSU und der Verbraucherschutz

Die Verbraucherschutzbeauftragte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Mechthild Heil, fordert eine deutsche Benennung der homöopathischen Mittel.

„Die Menschen erwarten heutzutage, dass sie in allen Bereichen unseres täglichen Lebens angemessen und verständlich informiert werden. Was für das morgendliche Frühstück und den Mietvertrag gilt, sollte auch für die Homöopathie gelten.“

2014 hatte Mechthild Heil diese Forderung schon einmal aufgestellt und begründet dass „sich in homöopathischen Mitteln teils abenteuerliche Inhaltsstoffe fänden: Kakerlaken, Kellerasseln, Krötengift oder faules Rindfleisch. Der Verbraucher müsste verständlich darüber informiert werden, was er zu sich nimmt.“

Die CDU/CSU möchte also harte Kante zeigen im Verbraucherschutz und fordert eine umfassende und vollständige Verbraucherinformation – in allen Bereichen unseres täglichen Lebens. Das ist doch mal eine gute Nachricht – insbesondere für das Frühstück.

Foodwatch wird es freuen; diese Organisation hatte zuletzt in einem Offenen Brief an den Bundesminister der Ernährung Christian Schmidt (CSU) vom 17.3.2014 und in einer Presseerklärung vom 04.07.2016 gefordert, die staatliche Lebensmittelbuch-Kommission abzuschaffen, „weil diese immer wieder irreführende Produktbezeichnungen als Standard festsetzt“ – „Zitronenlimonade ohne eine Spur Zitronensaft oder ‚Alaska-Seelachs‘ aus gefärbtem Lachsersatz.“ Foodwatch bezeichnet das als „Staatlich legitimierte Verbrauchertäuschung.“ Auch „Geflügelwürstchen“, die überwiegend aus Schweinefleisch hergestellt werden, finden keinen Beifall von Foodwatch.

Viele Verbraucherverbände fordern eine transparentere Deklaration von Lebensmitteln. In Zukunft wird sich die CDU/CSU also an die Spitze dieser Bewegung setzen und auch das Zustandekommen von EU-Handelsabkommen entsprechend kritisch begleiten.

Vielleicht sollte sich Frau Heil zunächst einmal etwas umfassender informieren über das Thema – vielleicht bei einer guten Tasse des Edelkaffees Kopi Luwak. Der Verkäufer garantiert nicht nur für die Echtheit, sondern auch für die artgerechte Tierhaltung!

Der Kaffee wird nämlich aus Affenexkrementen hergestellt. Die Kaffeebohnen werden zunächst von den Affen verzehrt und anschließend ausgeschieden. Aus den Exkrementen werden sie dann mit großer Mühe wieder heraus gelesen. Möglicherweise ist das eine besonders schonende Form der Fermentierung – möglicherweise aber auch nur eine geniale Werbeidee für extrem teuren Kaffee – letztendlich lässt sich das wahrscheinlich nur anhand des Geschmacks entscheiden. Ich vermeide hier die deutsche Bezeichnung für das Wort Exkremente und verstoße damit wohl bereits gegen die strenge Verbraucher-Informations-Richtlinie, die Frau Heil dann ja wohl initiieren wird.

Einige Informationen stelle ich vorab gerne schon mal zur Verfügung – allerdings ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

  • Eßbares aus Klärschlamm
  • Food, Inc. – Was essen wir wirklich? (Film)
  • Die Ernährungslüge: Wie uns die Lebensmittelindustrie um den Verstand bringt – Buch von Hans-Ulrich Grimm

Übrigens: Eine handelsübliche Tafel Schokolade enthält wohl mehr Kakerlaken-Bestandteile als die jährliche Gesamtproduktion des homöopathischen Arzneimittels Blatta orientalis in Deutschland – im Unterschied zu dem Arzneimittel allerdings völlig undeklariert – noch nicht mal auf lateinisch.

Dass Schokolade in den USA bis zu 4% Kakerlaken-Anteile enthalten darf, ist aber wahrscheinlich ein Gerücht – Nämlich: „Anything less than 60 insect pieces per 100 grams of chocolate (two chocolate bars‘ worth) is deemed safe for consumption.“ – In Gewichtsprozenten sind das sicherlich wesentlich weniger als 4%.

Und weil es so nett ist, hier gleich noch ein paar denkwürdige Nahrungsbestandteile:

11 Horrifying (and Sometimes Sexy) Ingredients Hidden in Popular Foods

Und was nun die offenbar vordringlicheren homöopathischen Mittel angeht:

  • Wenn ich in Google Nux vomica eingebe habe ich 849.000 Ergebnisse (darunter auch die bekanntesten deutschen Bezeichnungen Krähenauge oder Brechnuss auf der ersten Ergebnis-Seite) mit allen relevanten Informationen zu diesem homöopathischen Mittel.
  • Bei der Suche nach Krähenauge wiederum habe ich 21.500 Ergebnisse – auf der ersten Seite allerdings vorwiegend Hinweise zur Behandlung von Hühneraugen.
  • Die Suche nach der Brechnuss liefert wenigstens 61.800 Ergebnisse – auf der ersten Seite allerdings schon den Hinweis, dass Brechnuss eine Sammelbezeichnung ist und dass es verschiedene Brechnüsse gibt mit auch sehr unterschiedlicher Giftigkeit (und sehr unterschiedlicher Bedeutung in der Homöopathie).

Die deutschen Bezeichnungen sind also eher verwirrend und es scheint mir daher, dass die eindeutige (taxonomisch begründete) lateinische Bezeichnung doch klarere Verbraucherinformationen liefert als jede mögliche deutsche Bezeichnung. – Und das ist ja auch der Sinn eindeutiger Nomenklaturen.

Und das gilt übrigens auch für Blatta orientalis. Was ist nun die deutsche Bezeichnung? – Kakerlake? – Küchenschabe? – Schabe?

Kakerlake ist eine taxonomisch unklare Bezeichnung – als Kakerlaken werden etwa auch die Braunbandschabe (Supella longipalpa), Braune Schabe (Periplaneta brunnea) und die Australische Schabe (Periplaneta australasiae) bezeichnet.

Wikipedia leitet die Suche nach Kakerlake daher weiter auf die Küchenschabe – die Küchenschabe ist aber nicht Blatta orientalis sondern Blattella germanica.

Blatta orientalis ist die Bäckerschabe, was sich auch rasch herausfinden lässt, wenn man mit der eindeutigen Bezeichnung Blatta orientalis sucht.

Anmerkung

Dieser Kommentar wurde ursprünglich nur als Leserbrief verfasst. Für die Dokumentation hier wurden nur die Schreibweisen geprüft und ein erklärender Satz eingefügt. Inhaltlich wurde nichts verändert, da der Kommentar sich auf einen bereits zurückliegenden Vorgang bezieht; Mechthild Heil ist ja nicht mehr Verbraucherschutzbeauftragte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

Die angegebenen Zahlen zu der Google-Recherche sind daher vermutlich nicht mehr ganz aktuell. – Ferner: Wikipedia bezeichnet mittlerweile auch Blatta orientalis als „Küchenschabe“ – so ist das mit den deutschen Bezeichnungen.

Ergänzend dann aber auch noch aus Wikipedia:

Eine Studie, die 2005 in den USA vom “National Institute of Environmental Health Sciences“ (NIEHS) und dem “National Institute of Allergy and Infectious Diseases“ (NIAID) durchgeführt wurde, stellte fest, dass Allergene, die von Schaben stammen, Asthmasymptome in stärkerem Maße hervorrufen können als andere bekannte Auslöser.

Und wofür und warum wird nun Blatta orientalis in der Homöopathie verwendet?

Als ein Patient Tee trank, bei dem eine Küchenschabe aufgegossen worden war, wurde zufällig entdeckt, dass Blatta orientalis Asthma bessert. Seitdem konnte man seine Wirkung auf eine ganze Reihe von Asthmaanfällen nachweisen (Ray in Hom. Recorder, 1890, S. 193).

(Zitiert nach Der Neue Clarke – Eine Enzyklopädie für den homöopathischen Praktiker, Stefanovic 1991)

Bitte schließen Sie jetzt nicht daraus, dass Blatta orientalis für jede Form von Asthma das richtige Mittel wäre.

Interessant ist das eher als Hinweis zum Ähnlichkeitsprinzip.

Bildnachweis:

Amerikanische Großschabe  – Wikipedia – von Von User Preiselbeere on de.wikipedia – Eigenes Werk, CC BY-SA 2.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=919616

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Die populärsten Irrtümer

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– über die Homöopathie und die konventionelle Medizin – Teil 5

Weil ich in Debatten immer wieder die gleichen falschen Aussagen höre, stelle ich sie hier einmal zusammen mit den entsprechenden Argumenten, Daten und Fakten: Irrtümer, die über die Homöopathie geäußert werden, meistens mit entsprechenden Irrtümern über die Medizin gepaart. Ich hoffe, das entspannt die Debatte, die ich als unnötig polarisiert und wenig konstruktiv wahrnehme. Es geht weiter mit

Irrtum Nr. 5 –Teurer Zucker

von Susann Buchheim-Schmidt

  1. Homoöpathie ist ein großes Geschäft

Lebostein 21.03.2014

Die Homoöpathie-Freunde regen sich immer über die Geldschneiderei der klassischen Medizin auf. Dabei ist das bei der Homoöpathie viel schlimmer. Das ist ein Riesengeschäft und eine riesige Abzocke! Da wird Wasser und Zucker für ordentlich Geld verkauft…

Fakt ist, dass es sich dabei um Arzneimittel handelt, die behördlich reguliert sind und diversen rechtlichen Anforderungen, wie z.B. dem Arzneimittelgesetz, den hohen Anforderungen an die „Gute Herstellungspraxis“ (GMP) und vielen weiteren – auch europäischen Regularien – genügen müssen.

Die Herstellung von Homöopathika unterscheidet sich bzgl. der gesetzlichen Anforderungen an den Herstellungsprozess in keiner Weise von der Herstellung herkömmlicher Arzneimittel.

Ausgangsstoffe

Die Ausgangsstoffe müssen zunächst entweder selbst angebaut oder beschafft werden. Dies ist vielen Regularien, wie z.B. Anforderungen an Saatgut und Anbau, Verzicht auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, Dokumentation etc. unterworfen.

Vor der eigentlichen Herstellung müssen sämtliche Ausgangsstoffe geprüft werden und den Arzneibuchanforderungen (Homöopathisches Arzneibuch/ Europäisches Arzneibuch) entsprechen. Die aus den Ausgangsstoffen hergestellten Urtinkturen werden vor der Weiterverarbeitung ebenfalls geprüft,  dazu sind bis zu 10 teilweise aufwändige analytische Untersuchungen nötig. Das unterscheidet Homöopathika in keiner Weise von Arzneimitteln der konventionellen Medizin.

Im Gegenteil: Die Prüfung von Pflanzenmaterial ist teilweise aufwändiger und komplexer als die von chemisch genau definierten Ausgangsstoffen.

Herstellung

Der weitere Herstellungsprozess, die Verreibung bzw. Verschüttelung der Ausgangsstoffe (das sogenannte Potenzieren) zum fertigen Produkt, muss selbstverständlich auch den hohen Qualitätsanforderungen an die Arzneimittelherstellung entsprechen und aufwändig kontrolliert und dokumentiert werden.

Teuer ist bei der Herstellung nicht allein das Ausgangsmaterial sondern insbesondere die Hilfsstoffe wie z.B. Ethanol, der gerade bei hohen Potenzen in größeren Mengen anfällt: Potenziert wird nach dem gesetzlich vorgeschriebenen Homöopathischen Arzneibuch (HAB) im Regelfall nicht mit Wasser, sondern mit Ethanol-Wasser-Gemischen. Dabei werden für jeden Potenzierungsschritt größere Mengen an Alkohol (je nach Potenz 51-90 Vol%) verbraucht, der wiederum den pharmazeutischen Qualitätsanforderungen entsprechen muss und nicht gerade preiswert ist. Für jeden Potenzierungsschritt muss bei der in Deutschland vorgeschriebenen Mehrglasmethode zudem ein neues Arzneigläschen verwendet werden.

Die Annahme, dass man mit wenig Ausgangsstoff genug Material für alle Zeiten hätte, ist ebenfalls falsch. Tatsache ist, dass die Haltbarkeit homöopathischer Arzneimittel genau wie die in der konventionellen Medizin max. 5 Jahre beträgt. Auch die Haltbarkeit von Urtinkturen als Ausgangsmaterial ist begrenzt.

Registrierung und Zulassung

Bevor jedoch ein Homöopathikum überhaupt industriell im hergestellt werden kann, muss es von der Behörde registriert werden oder – sofern es eine Indikation beansprucht – zugelassen werden.

Für die Registrierung eines Mittels müssen Dokumente vorgelegt werden, die die Sicherheit des Arzneimittels belegen, dazu sind aufwändige Recherchen im Bereich Toxikologie notwendig. Auch muss bei Registrierungen die homöopathische Verwendung des Mittels belegt werden, mittlerweile z.B. mit zwei Arzneimittelprüfungen, für die die gleichen rechtlichen Anforderungen wie für klinische Prüfungen gelten (Votum der Ethikkommission, Prüfarzt, Probandenversicherung, etc.).

Wenn eine Indikation angegeben werden soll, muss eine Zulassung beantragt werden und dann ist der Aufwand noch wesentlich größer, denn es müssen – ebenso wie für konventionelle Präparate – Studien vorgelegt werden.

Tatsache ist, dass schon die Registrierung eines einzelnen Mittels viele Tausend Euro kostet; dass jede Änderung eines Beipackzettels bei der Behörde angezeigt werden muss und diese berechnet dafür wiederum eine Gebühr.

Demgenüber steht, dass viele der über 1000 Einzelmittel (ABDA-Datenbank) nur selten verwendet werden. Bei manchen Präparaten werden weniger als 10 Packungen im Jahr verkauft und die Hersteller haben diese nur in ihrem Sortiment um den Patienten und Therapeuten ein vollständiges Set an Mitteln in verschiedenen Potenzen anbieten zu können. Ausnahmen wie die sogenannte „1000er Regel“ sind in diesen Fällen zwar nach AMG auch möglich, aber auf viele Einzelmittel nicht anwendbar.

Der Verbrauch ist – insbesondere bei Hochpotenzen – ja sehr gering, weil nur wenige einzelne Globuli in großen Abständen verabreicht werden.

Konventionelle Arzneimittel

Richtig ist, dass die Entwicklung eines neuen Arzneimittels im konventionellen Bereich viele Millionen Euro kostet. Allerdings sind diese Mittel dann auch patentierbar und die Gewinnspannen ungleich höher als bei Homöopathika.

Tatsache ist letztendlich auch, dass für homöopathische Arzneimittel, in Deutschland die gleichen Anforderungen an die Erfassung, Bewertung und Dokumentation von Arzneimittelrisiken gelten wie für die konventionellen Arzneimittel, egal ob die Mittel zugelassen oder registriert sind. Diese Anforderungen an die Arzneimittelsicherheit sind mit einem weiteren hohen organisatorischen und Dokumentationsaufwand verbunden.

Summa summarum reden wir bei homöopathischen Einzelmitteln von einem Apothekenverkaufspreis zwischen 8 und 10 Euro je nach Hersteller für eine Potenz bis C30 pro Fläschchen (ABDA-Datenbank). Dieser Preis steht durchaus im Verhältnis zum Produktionsaufwand und ist, auch verglichen mit anderen Präparaten aus dem Bereich Selbstmedikation, nicht hoch.

Quellen:

http://www.spiegel.de/forum/gesundheit/glaubensfrage-homoeopathie-meine-kinder-bekommen-kuegelchen-thread-121580-6.html

https://www.bfarm.de/DE/Arzneimittel/Arzneimittelzulassung/Zulassungsarten/BesondereTherapierichtungen/Homoeopathische_und_anthroposophische_Arzneimittel/KriterienIndikationen.html

HAB 2018 (Homöopathisches Arzneibuch)

http://www.pharmazie.com (ABDA Datenbank)

https://www.gesetze-im-internet.de/amg_1976/ (Arzneimittelgesetz)

https://www.gesetze-im-internet.de/amg_1976/__63c.html

Bild

S. Buchheim-Schmidt

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– über die Homöopathie und die konventionelle Medizin – Teil 4

Harald Walach

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Irrtum Nr. 4 – Ungeprüfte Medikamente

Konventionelle Medikamente müssen klinisch geprüft werden, homöopathische nicht

Über die Zulassung homöopathischer Arzneien entscheidet nach dem Arzneimittelgesetz das Bundesinstitut für Arzneimittel. Das Arzneimittelgesetz sieht in der Tat für die „Besonderen Therapierichtungen“, wie sie heißen, Sonderregelungen vor. Dazu gehören neben der Homöopathie die Phytotherapie und die anthroposophische Medizin. Für die Homöopathie gilt eine Registrierung der Einzelmittel nach dem Homöopathischen Arzneibuch, einem Herstellungskodex der gleichzeitig Gesetzescharakter hat, weil er vorschreibt, wie homöopathische Arzneien hergestellt werden müssen. Einzelmittel erhalten dann eine Registrierung und dürfen über Apotheken ohne weiteres vertrieben werden und jeder kann sie kaufen. Aufgrund der Komplexität der Verschreibungsregeln kann damit aber nur derjenige etwas anfangen, der weiß, wie man die Homöopathie handhabt. Daher werden diese registrierten Arzneien auch nicht weiter beforscht, denn sie gehen ohne Indikationshinweis in den Markt. Will hingegen ein Hersteller eine Indikation für eine Kombination oder eine Einzelsubstanz xyz beantragen, etwa bei abc-Krankheit, dann müssen dafür Belege vorgelegt werden. Je nachdem wie schwer die abc-Krankheit ist, müssen die Belege dann aus bereits durchgeführten Studien (aus der Literatur) kommen oder auch eigene Studien durchgefürt werden. Die Arzneimittelkommission D hat in ihrer Beratungsfunktion für das BfArm eine Abstufung von Indikationen vorgeschlagen, die dazu führt, dass die Beanspruchung von Indikationen für homöopathische Arzneien durch Hersteller in etwa so gehandhabt werden wie bei konventionellen Arzneien auch: Es müssen Studien vorgelegt werden. Die Registrierung von Einzelmitteln ist aus der Tradition begründet und kann in etwa mit der Rechtssicherheit von Gewohnheitsrecht verglichen werden. Gewisse althergebrachte Kombinationen konnten auch über das Gewohnheitsrecht weitere Zulassung erhalten.

Ähnlich wird es auch bei konventionellen Arzneimitteln gehandelt: Neue Substanzen müssen einen Wirksamkeitsnachweis durch Studien erbringen. Alteingesessene Arzneimittel in der Regel nicht. Penicillin z.B. wurde meines Wissens nie durch eine verblindete Studie in seiner Wirksamkeit bewiesen, einfach weil nach seiner Einführung der Erfolg so offensichtlich war und weil man eine klare Theorie seiner Wirkung hatte. Umgekehrt gab und gibt es viele Stoffe in der konventionellen Pharmakologie, deren Wirkung lange nicht geklärt war, genauer gesagt, bei denen man wusste, dass sie wirken, aber nicht genau wie. Das war etwa der Fall für die Acetylsalicylsäure. Als Präparat aus Weidenrindenextrakt war es der Volksheilkunde seit langer Zeit als Fiebermittel bekannt. Als Aspirin synthetisiert wurde es seit 1899 als Patent geführt. Die Wirkweise, nämlich die Hemmung der Prostaglandinsynthese, wurde erst 1971 aufgeklärt. Es gibt viele Beispiele von Arzneimitteln, die nie auf ihre Wirksamkeit geprüft wurden, aber über Traditionsargumente im Arzneischatz geblieben sind. Es gibt Beispiele für Medikamente die gut geprüft wurden, auch Wirsamkeitsnachweise erbracht haben, aber trotzdem nur begrenzt brauchbar sind. Die in dem ersten Beitrag dieser Reihe kurz genannten SRRIs sind dafür ein gutes Beispiel. Das kommt daher, dass zu Zulassungszwecken je nach Verfahren nur ein bis zwei positive Studien vorliegen müssen und es egal ist, wieviele negative Befunde vorhanden sind, solange positive Belege nachweisbar sind.

Anders gesprochen: Die Zulassung prüft nur, ob im Prinzip Wirksamkeit vorhanden ist, nicht ob diese Wirksamkeit klinisch tauglich ist. Im Fall der Homöopathie ist dies über das Traditionsargument geschehen. Denn hier haben Arzneien auch eine deutlich andere Rolle: Sie werden nicht für Krankheiten, sondern im Wesentlichen für Symptomkonstellationen, ober überspitzt für Personen verwendet. Daher scheidet das übliche Prüfverfahren hier aus und der Gesetzgeber hat das erkannt und konsequent übernommen. Wird hingegen eine Krankheitsindikation beansprucht, dann greift auch hier die indikationsbezogene Überprüfung, wie in der konventionellen Medizin auch.

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Die populärsten Irrtümer

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– über die Homöopathie und die konventionelle Medizin – Teil 3

Harald Walach

Weil ich in Debatten immer wieder die gleichen falschen Aussagen höre, stelle ich sie hier einmal zusammen mit den entsprechenden Argumenten, Daten und Fakten: Irrtümer, die über die Homöopathie geäussert werden, meistens mit entsprechenden Irrtümern über die Medizin gepaart. Ich hoffe, das entspannt die Debatte, die ich als unnötig polarisiert und wenig konstruktiv wahrnehme. Es geht weiter mit

Irrtum Nr 3 – Fehlende Diagnostik

Die Homöopathie kennt keine vernünftige Diagnostik, wohingegen die konventionelle Medizin eine klare Basis für ihre Therapie hat, nämlich die moderne Diagnostik

Diagnostik kommt vom Griechischen und heisst „gründliche Kenntnis“. Damit ist natürlich die gründliche Kenntnis der Krankheit gemeint, und dass diese Kenntnis vom Krankheitsbegriff abhängt, dürfte einsichtig sein.

Der Krankheitsbegriff der Homöopathie ist ein deskriptiv-phänomenologischer: Homöopathie beschreibt Krankheit als die Sammlung aller individuell vorliegenden Symptome. Wenn jemand einen Schmerz im Bauch hat, dann interessiert in der Homöopathie zunächst nicht die pathophysiologische Ursache des Schmerzes, sondern wie er sich genau anfühlt, wie er zu beschreiben ist, wann er sich bessert und verschlimmert, und vor allem, was genau ihn ausgelöst hat. So kann dann etwa ein Schmerz im Bauch, der aufgetaucht ist, nachdem man vom Tod der geliebten Großmutter erfahren hat eine ganz andere Bewertung erfahren als einer, der aufgetaucht ist, als man den Brief bekommen hat, dass man in einer Woche das Examen antreten muss, und der wird wieder anders gewertet als einer, der aufgetaucht ist, nachdem man beim ansonsten so guten Italiener ein vielleicht schon etwas merkwürdig riechendes Vitello tonnato gegessen hat, usw. Denn in jedem Falle führt die „causa“, also die Umstände,1 unter denen der Schmerz aufgetaucht ist, zu einer anderen Arzneimittelwahl, die in dem Fall weniger aus den Arzneimittelprüfungen selber, als aus der gründlichen Kenntnis der homöopathischen Materia medica herrührt, in die neben den Vergiftungssymptomen und den Arzneimittelprüfsymptomen auch die klinische Erfahrung eingegangen ist. Und diese lehrt, dass die Umstände einer akuten Erkrankung für die Wahl der Arznei wichtig sind. Daher kann der gleiche Typ von Bauchschmerz im Falle eines Verlustes einer geliebten Person mit großer Trauer z.B. zu der Indikation „Ignatia“ führen, im Falle der Antizipationsangst vielleicht zu „Gelsemium“ oder „Argentum nitricum“, und im Falle einer Magenverstimmung aufgrund einer Vergiftung vielleicht zu „Arsenicum album“, „Nux vomica“ oder „Okoubaka“, je nachdem, welche anderen Symptome noch vorhanden sind.

Zentral und wegweisend für die homöopathische Arzneimittelfindung ist die Gesamtheit der vorhandenen Symptome. Diese werden je nach Fall, ob akut oder chronisch, ob langdauernd oder kurzfristig, jeweils anders gewichtet und sind Teil eines komplexen Diskurses in der Homöopathie, der seit Hahnemann noch nicht beendet ist, welche Symptome am wichtigsten sind. Im akuten Fall sind das wie gesagt die verursachenden Umständen, die „causa“; dann vor allem die Modalitäten, also was ein Symptom verschlimmert, was es bessert; sodann die begleitenden anderen Symptome. Eine akute Magenverstimmung etwa, die mit Durchfall und Erbrechen einhergeht führt dann zu einer anderen Arzneimittelwahl als eine, die mit Kopfschmerz und Verstopfung einhergeht. Im ersten Fall wird man eher an Arsenicum album denken, im zweiten Fall eher an Nux vomica. Dann spielen vor allem bei akuten somatischen, aber auch anderen Erkrankungen, die psychischen Symptome, eine wichtige Rolle, weil sie differenzieren helfen. Wenn man etwa im Repertorium unter „trockenem Husten“ nachsieht, dann wird man dort ca. 200 Arzneimittel finden, die „trockenen Husten“ im Angebot haben. Das ist also ein relativ nutzloses Symptom, wenn es ohne weitere Charakterisierung kommt. Daher kann es ausschlaggebend sein, wenn man dazu weiß: Das ist der trockene Husten einer Person, die sonst immer fröhlich und gut gelaunt ist, aber seit diesem Husten plötzlich weinerlich und verzagt wirkt. Denn der ist anders zu behandeln, d.h. mit einer anderen Arznei, als der trockene Husten einer Person, die schon immer eher ärgerlich und leicht gereizt ist, aber seither nicht mehr auszuhalten, weil sie bei dem geringsten Anlass an die Decke geht.

Und so dienen die vorliegenden Symptome der Diagnostik: nämlich der Kenntnis des Arzneimittels, das im konkreten Falle Hilfe verspricht. Im Idealfall ist in der Homöopathie Diagnose identisch mit der therapeutischen Handlungsanweisung: Nimm das Arzneimittel, das die Gesamtheit der Symptome abdeckt: similia similibus curentur – Ähnliches soll man mit Ähnlichem heilen. Denn der Name des homöopathischen diagnostischen Ergebnisses ist der Name des Therapeutikums: der angezeigten, indizierten Arznei.

Der praktische Fallstrick ist dabei das unverfänglich erscheinende Wort von der „Gesamtheit der Symptome“ und vor allem ihrer Gewichtung bei der Wahl der Arznei. Hier herrscht – insbesondere bei der Behandlung chronischer Erkrankungen –  innerhalb der Homöopathie ein buntes Gemisch von Meinungen und Schulen vor. Die einen stützen sich dabei mehr auf eine phänomenologische Essenz. Andere gehen ganz klassich vor und suchen die vorstechenden Symptome mit ihren Modalitäten. Wieder andere haben andere Systeme im Kopf. Hahnemann hat darauf hingewiesen, in seinem berühmten § 153 des Organons,2 dass vor allem die besonderen, herausragenden und eigentümlichen Symptome wichtig für die Arzneimittelwahl sind. Denn sie helfen zwischen konkurrierenden Arzneien differenzieren. Auf jeden Fall macht die Bewertung und das Verständnis, vor allem eines komplexen therapeutischen Falles, die homöopathische Kunst aus, auf die ich jetzt nicht eingehe. Denn das ist das, was ein guter homöopathischer Arzt in einer langen Zusatzausbildung lernt: wie mit den Symptomen umzugehen ist, wie man sie am besten versteht und ordnet, welche wann wichtig und wann unwichtig sind. Nur als kleines Beispiel: Psychische Symptome spielen in der Homöopathie immer eine große Rolle und können, vor allem im akuten Falle, den differenzierenden Ausschlag geben. Aber wenn der Hauptgrund der Therapie in einer Verstimmung der Psyche besteht, dann sind die wichtigen differenzierenden Symptome gerade nicht die psychischen, sondern die unscheinbaren körperlichen, ob etwa bei Traurigkeit jemand Appetit auf bestimmte Speisen hat oder eine sonst vorhandene Essens- oder Getränkevorliebe plötzlich verschwindet, etc.

Auf jeden Fall ist homöopathische Diagnostik im Rahmen des Möglichen immer auch die therapeutische Handlungsanweisung: das homöopathische Arzneimittel. Im Grunde ist homöopathische Diagnostik Mustererkennung. Sie versucht das Muster der vorhandenen Symptome mit dem Muster der Symptome, wie sie aus der Arzneimittellehre bekannt sind, in Deckung zu bringen. Dieser Vorgang ist naturgemäß „fransig“, „fuzzy“, wie das moderne Wort heißt. Denn viele Symptome sind Teil vieler Arzneimittelbilder, etwa der trockene Husten, oder Kopfschmerzen in der Stirne. Manche Symptome sind sehr typisch für bestimmte Arzneien, kommen also sehr häufig, oder fast immer vor, wie etwa der große Durst beim Arzneimittel Bryonia, oder die Durstlosigkeit bei Apis, so dass es schon fast ein Ausschluß ist, wenn jemand dieses Symptom nicht vorweist.

Moderne statistische Verfahren können solche komplexe Mustererkennungsprozesse erleichtern. Wir haben zum Beispiel einmal gezeigt, dass man mit einer sog. „Grade of Membership“- Analyse, die eine Art „fuzzy-set“ Statistik darstellt, Symptome von Belladonna von solchen unter Placebo in einer Arzneimittelprüfung trennen kann3. Andere haben gezeigt, dass man mit entsprechenden Verfahren durchaus statistische Trennungen zwischen solchen Kategorien vornehmen kann4,5. Das hat in der Konsequenz dazu geführt, dass heute mächtige Computerprogramme vorliegen, die mit entsprechenden Algorithmen die Mustererkennung zwischen Symptomen und Arzneimitteln unterstützen.

Wir halten fest: Homöopathie kennt sehr wohl eine klare Diagnostik. Deren Resultat ist die Handlungsanweisung: das indizierte Arzneimittel.

Und zur Mustererkennung: Wenn Sie sich das Computertomogramm am Anfang noch einmal anschauen finden Sie den Gorilla!

Wie sieht es mit der Diagnostik in der modernen Medizin aus? Diese ist ja klarerweise dafür bekannt, dass die Diagnostik der Behandlung vorausgeht. Zuerst muss die Ursache einer Erkrankung erkannt werden. Daher ist diagnostische, pathophysiologische Forschung einer der Haupttreiber medizinischer Forschung überhaupt. Denn, so das implizite Modell, wenn man erst die Ursache der Erkrankung erkannt hat, dann kann man sie auch – idealerweise ursächlich – behandeln. Auch hier stimmt die Theorie im Prinzip durchaus und ist vor allem für akute Krankheiten und Notfälle sehr einleuchtend: Ich erkenne diagnostisch, ob ein gebrochener Arm einfach gebrochen ist oder kompliziert und kann danach entscheiden, ob er durch eine einfache Schienung oder eine komplexere Prozedur (z.B. eine Operation) wieder gerichtet wird. Die Diagnostik, in dem Fall vermutlich Röntgen – oder MRT, legt eine klare Entscheidung nahe. So ähnlich ist es mit anderen akuten Zuständen auch: Ein akuter Herzinfarkt führt zunächst einmal zu klar indizierten therapeutischen Massnahmen, die gut untersucht und in aller Regel wirksam sind, von der pharmakologischen Blutverdünnung bis zur chirurgischen Unterstützungen.

Im Falle der Infektionskrankheiten hat die Diagnostik der Erreger dazu geführt, dass man auch hier entsprechende Maßnahmen entwickeln konnte: Antibiotika für bakterielle Erreger und spezifische antivirale Medikamente für bestimmte Viren. Mittlerweile kann sogar festgestellt werden, welche Erreger gegen welche Antibiotika resistent sind und wir können entsprechend differenziert reagieren.

Aber schon wenn es um komplexere klinische Entitäten geht, wird die Passung zwischen Diagnose und Handlungsanweisung vage. Denn nicht immer ist klar, wie eine zugrundeliegende Krankheit denn nun behandelt werden soll. Diagnostisch ist unsere moderne Medizin extrem weit fortgeschritten. Aber die Überlegung, wie aus der Erkenntnis der Ursachen auch eine Erkenntnis der Therapie folgt, ist in den meisten Fällen nicht zwingend. Hier sind ein paar Beispiele, um dies zu illustrieren:

In allen Fällen psychiatrisch-klinischer Diagnosen stellen die Diagnosen keinerlei kausale Erkenntnis bereit, sondern sind eine sich im Laufe der Jahre verändernde Ansammlung von Symptomen.6,7 Je nach Fachgebiet und Krankheit kann eine Diagnose eine deskriptiv-symptomatologische Kategorie sein, wie zum Beispiel die Diagnosen „Psoriasis“ oder „Fibromyalgie“, oder eine generisch-kausale wie die Diagnose „Arthritis“, oder „Krebs“, oder „atopische Dermatitis“, oder eine spezifisch kausale wie etwa „MRSA bedingte Sepsis“. In keinem Falle ist mit dieser Diagnose eine ein-eindeutige Handlungsanweisung verbunden. Vielmehr hängt es dann sehr von der vertieften Kenntnis des Krankheitsprozesses ab, wie die Handlungsanweisung aussieht. Daher gibt es Verzweigungen und Unterverzweigungen der Spezialisierung. Und oft führen auch diese Erkenntnisse zwar zu einem besseren Verständnis dessen, wie es zu der Krankheit hat kommen können, aber nicht immer zu einer Erkenntnis, wie man sie behandeln sollte. Das heisst: Es ist ein weit verbreitetes Missverständnis, dass in der konventionellen Medizin die Diagnose zwingend zur Behandlung führt. Zwar ist Diagnose eine Voraussetzung für gute Behandlung. Aber nicht immer führt eine gute Diagnostik zu einer guten und wirksamen Behandlung.

Ich will das an einigen Beispielen illustrieren:

Wir wissen z.B. mittlerweile, dass „Fibromyalgie“ ein generalisiertes Schmerzsyndrom darstellt. Lokale Entzündungen spielen dabei keine Rolle. Vielmehr handelt es sich höchstwahrscheinlich entweder um eine generalisierte autonome Dysregulationsstörung oder um eine zentrale Schmerzverarbeitungsstörung oder eine Mischung davon.8-12 Konsequenzen für die Behandlung: nur teilweise. Gestufte Bewegungstherapie kann helfen, kognitive Verhaltenstherapie kann helfen,13,14 manchmal kann sogar Meditation und Achtsamkeit helfen,15-19, obwohl sie anscheinend nicht die autonome Erregbarkeit verändert,20 auch Homöopathie kann helfen,21-24 aber ob sich von all dem die zugrundeliegenden Probleme bessern oder verändern, wissen wir nicht.

Atopische Dermatitis („Neurodermitis“), oder andere atopische Erkrankungen (Heuschnupfen, Asthma) sind Störungen der immunologischen Erregbarkeit, die zu lokalen Entzündungen führen. Wo sie herkommen, wird diskutiert. Vermutlich ist ein Teil erblich bedingt, ein anderer Teil auf frühkindliche Sensibilisierung mit Allergenen zurückzuführen bzw. auf mangelndes Allergentraining aufgrund zu steriler kindlicher Umwelt. Homöopathen behaupten schon seit bald einem Jahrhundert dass die atopischen Erkrankungen zusammenhängen und eine topische Behandlung der Haut bei Neurodermitis zu einer Gefahr von Asthmaerkrankung führt und dass eine homöopathische Asthmabehandlung über den Genesungsprozess zu einem Wiederaufflammen der Hauterscheinungen der atopischen Dermatitis führt, bis diese dann verschwindet.25 Das ist ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich die Sichtweisen sind: Für die konventionelle Medizin sind atopische Erkrankungen unterschiedliche Erkrankungen mit ähnlichem mechanistischem Hintergrund – Immunregulationsstörungen – für die Homöopathie sind sie verschiedene Gestalten einer Krankheit einer Person. Jedenfalls kann die Diagnose „atopische Dermatitis“ dazu führen, dass man die immunologischen Entzündungsprozesse lokal behandelt, lokal oder systemisch unterdrückt oder dass man versucht, potenzielle Allergene zu finden und diese zu meiden. Lange wurde den pharmakologischen Methoden der Vorzug gegeben, obwohl schon lange bekannt war, dass möglicherweise Nahrungsmittelunverträglichkeiten die Basis für eine atopische Störung bieten können.26 Weil die zugrundeliegende Immunologie höchst komplex und daher umstritten ist, wurde diese Erklärung bisher nicht allgemein akzeptiert, obwohl es dafür gute Gründe und einige Daten gibt.25,27,28 Wie also ist genau an dieser Stelle die „Ursache“ der Erkrankung definiert? Ist es der aktuelle Immunprozess, der zu einer Entzündung führt? Ist es die erworbene oder genetische immunologische Übererregbarkeit? Ist es die vorhandene oder fehlende Exposition? Ist es das Antigen im Essen? Die Eingrenzung der Ursache als solche ist, wenn man genauer hinsieht, gar nicht so einfach und eindeutig, genausowenig wie die therapeutische Konsequenz.

Selbst bei anscheinend klaren Diagnosen ist die Klarheit bald zerronnen, wenn man tiefer blickt und weiter denkt. Koronare Herzkrankheit – eine scheinbar klare Diagnose: Unterversorgung des Herzmuskels, weil zu wenig Blut fliesst, da die Koronararterien teilweise verstopft sind. Ursache? Nicht ganz klar. Immunologisch? Evtl. bedingt und angestossen durch mangelnde positive Beziehung?29 Das sprichwörtliche „gebrochene Herz“? Zu viel Fett im Blut? Oder zu viel Zucker? Oder beides?30,31 Oder zu wenig Bewegung? Oder zu viel Stress? Oder die falsche Persönlichkeit? Oder alles miteinander? Diagnose klar, Ursachen unklar. Handlungsanweisung? Operieren? Mit Bypass? Oder Stent? Oder gar nicht? Oder lieber mal medikamentös? Oder mit Ernährungsumstellung? Alles möglich, alles probiert worden, alles nicht so einfach und alles nicht ganz klar in der finalen Wirksamkeit.

Nicht dass ich jetzt nahelegen will: Dann lieber doch zu Kügelchen greifen, wenn jemand an koronarer Herzkrankheit leidet. Denn wenn ein Krankheitsprozess schon so weit fortgeschritten ist, dass es zu strukturellen Veränderungen im Organismus gekommen ist – Verengung der Gefässe, Krebswachstum, Arthrose wären typische Beispiele dafür – , dann ist es auch mit Homöopathika sehr schwer, eine Heilung zu erreichen. Aber die Beispiele zeigen: So einfach ist es mit der Entweder-Oder-Logik auch hier nicht.

Die Diagnose führt bei der Homöopathie idealerweise zum richtigen, indizierten Arzneimittel und das führt idealerweise zu einer Heilung oder Besserung. Nicht immer ist die Diagnose einfach. Nicht immer findet man das Arzneimittel beim ersten Griff. Und manchmal hilft auch das scheinbar best-indizierte Arzneimittel nichts. Auch das gibt es.

Aber das ist bei der konventionellen Medizin oft auch so. Manchmal ist die Diagnose klar und ergibt eine einfache, klare Handlungsanweisung. Sehr oft ist die Diagnose klar, aber die Handlungsanweisung hängt von der Kenntnis, der Vorliebe und den Umständen ab. Und manchmal hat man eine klare Diagnose und weiß nicht, was das nun konkret therapeutisch heißen soll.

Wir sehen: Die Medizin ist wie das Leben. Unaufgeräumt, weniger klar, als wir es gerne hätten und endet trotz aller Bemühungen meistens mit dem Tod.

Literatur

  1. Köhler G. Lehrbuch der Homöopathie. (Bd.1: Grundlagen und Anwendungen). Stuttgart: Hippokrates; 1982.
  2. Hahnemann S. Organon der Heilkunst. (6. Aufl., Nachdruck herausgegeben von R. Haehl). Stuttgart: Hippokrates; 1979, orig. 1921.
  3. Walach H, Kohls N. Grade-of-Membership (GoM) – analysis as a sensitive method for evaluating categorical data – introduction and some examples. In: Beauducel A, Biehl B, Bosniak M, Conrad W, Schönberger G, Wagener D, eds. Multivariate Research Strategies – Festschrift for Werner W Wittmann. Aachen: Shaker; 2005: 151-72.
  4. Davidson J, Woodbury M, Morrison R, Shore J, Bedayn G. Multivariate analysis of five homoeopathic medicines in a psychiatric population. British Homoeopathic Journal 1995; 84: 195-202.
  5. Rutten ALB, Stolper CF, Lutgen RFG, Barthels RWJM. Repertory and likelihood ratio: time for structural changes. Homeopathy 2004; 93: 120-4.
  6. Fava GA, Sonino N. Psychosomatic assessment. Psychotherapy and Psychosomatics 2009; 78: 333-41.
  7. Fava GA. The intellectual crisis of psychiatric research. Psychotherapy and Psychosomatics 2006; 75: 202-8.
  8. Hyland ME, Hinton C, Hill C, Whalley B, Jones RC, Davies AF. Explaining unexplained pain to fibromyalgia patients: finding a narrative that is acceptable to patients and provides a rationale for evidence based interventions. British Journal of Pain 2016; 10(3): 156-61.
  9. Pütz P. Hypercortisolemic disorders. In: Hellhammer DH, Hellhammer J, eds. Stress: The Brain-Body Connection. Basel: Karger; 2008: 39-59.
  10. Julien N, Goffaux P, Arsenault P, Marchand S. Widespread pain in fibromyalgia is related to a deficit of endogenous pain inhibition. Pain 2005; 114: 295-302.
  11. Raison CL, Miller AH. When not enough is too much: the role of insufficient glucocorticoid signaling in the pathophysiology of stress-related disorders. American Journal of Psychiatry 2003; 160(9): 1554-65.
  12. Cohen H, Neumann L, Shore M, Amir M, Cassuto Y, Buskila D. Autonomic dysfunction in patients with fibromyalgia: application of power spectral analysis of heart rate variability. Seminars in Arthritis and Rheumatism 2000; 29: 217-27.
  13. Sprott H. What can rehabilitation interventions achieve in patients with primary fibromyalgia? Current Opinion in Rheumatology 2003; 15: 145-50.
  14. Sim J, Adams N. Systematic review of randomized controlled trials of nonpharmacological interventions for fibromyalgia. Clinical Journal of Pain 2002; 18: 324-36.
  15. Van Gordon W, Shonin E, Dunn TJ, Garcia-Campayo J, Griffiths MD. Meditation awareness training for the treatment of fibromyalgia syndrome: A randomized controlled trial. British Journal of Health Psychology 2016: n/a-n/a.
  16. Lauche R, Cramer H, Dobos G, Langhorst J, Schmidt S. A systematic review and meta-analysis of mindfulness-based stress reduction for the fibromyalgia syndrome. Journal of Psychosomatic Research 2013; 75: 500-10.
  17. Schmidt S, Grossman P, Schwarzer B, Jena S, Naumann J, Walach H. Treating fibromyalgia with mindfulness-based stress reduction: Results from a 3-armed randomized controlled trial. Pain 2011; 152: 361-9
  18. Astin JA, Berman BM, Bausell B, Lee W-L, Hochberg M, Forys KL. The efficacy of mindfulness meditation plus Qigong movement therapy in the treatment of fibromyalgia: a randomized controlled trial. Journal of Rheumatology 2003; 30: 2257-62.
  19. Grossman P, Tiefenthaler-Gilmer U, Raysz A, Kesper U. Mindfulness training as intervention for fibromyalgia: Evidence of post-intervention and three-year follow-up benefits in well-being. Psychotherapy and Psychosomatics 2007; 76: 226-33.
  20. Grossman P, Deuring G, Walach H, Schwarzer B, Schmidt S. Mindfulness-based intervention does not influence cardiac autonomic control or pattern of physical activity in fibromyalgia during daily life: An ambulatory, multi-measure randomized dontrolled trial. Clinical Journal of Pain 2017; 33: 385-94.
  21. Davidson JRT, Crawford C, Ives JA, Jonas WB. Homeopathic treatments in psychiatry: A systematic review of randomized placebo-controlled studies. Journal of Clinical Psychiatry 2011; 72: 795-805.
  22. Bell IR, Lewis II DA, Brooks A, et al. Improved clinical status in fibromyalgia patients treated with individualized homoepathic remedies versus placebo. Rheumatology 2004; 43: 577-82.
  23. Bell IR, Lewis II DA, Brooks AJ, et al. Individual differences in response to randomly assigned active individualized homeopathic and placebo treatment in fibromylagia: Implications of a double-blinded optional crossover design. Journal of Alternative and Complementary Medicine 2004; 10: 269-83.
  24. Bell IR, Lewis II DA, Schwartz GE, et al. Electroencephalographic cordance patterns distinguish exceptional clinical responders with fibromyalgia to individualized homeopathic medicines. Journal of Alternative and Complementary Medicine 2004; 10: 285-99.
  25. Dangela G. Homöopathie, Diäthetik und Psychotherapie bei Neurodermitis. therapeutikon 1991; 5: 182-90.
  26. Ventura A, Longo G, Longo P, Florean P, Scornavacca G. Diet and atopic exzema in children. Allergy 1989; 44 Suppl.9: 159-64.
  27. Walach H, Linsenmann E, Reisenegger I. Wirksamkeit einer komplementärmedizinischen stationären Behandlung der atopischen Dermatitis – Ergebnisse einer katamnestischen Fragebogenstudie. Forschende Komplementärmedizin 1994; 1: 216-24.
  28. Platzer G, Irmey G. Fasten und Allergien. Erfahrungsheilkunde 1992; 41: 258-61.
  29. von Känel R, Mills PJ, Fainman C, Dimsdale JE. Effects of psychological stress and psychiatric disorders on blood coagulation and fibrinolysis. A biobehavioral pathway to coronary artery disease? Psychosomatic Medicine 2001; 63: 531-44.
  30. Walach H. Bröckelnde Mythen: Böckelnde Mythen: Der Cholesterin Mythos schmilzt dahin – Ein Lust- oder Schelemnstück in 5 Akten; Akt 4-5. 2017.
  31. Walach H. Bröckelnde Mythen: Der Cholesterin Mythos schmilzt – nächster Teil. 2017.

 

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Die populärsten Irrtümer

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– über die Homöopathie und die konventionelle Medizin – Teil 2

Harald Walach

Weil ich in Debatten immer wieder die gleichen falschen Aussagen höre, stelle ich sie hier einmal zusammen mit den entsprechenden Argumenten, Daten und Fakten: Irrtümer, die über die Homöopathie geäussert werden, meistens mit entsprechenden Irrtümern über die Medizin gepaart. Ich hoffe, das entspannt die Debatte, die ich als unnötig polarisiert und wenig konstruktiv wahrnehme. Es geht weiter mit

Irrtum Nr. 2 – Unwissenschaftlich

Die Homöopathie ist empirisch nicht belegt, wohingegen die konventionellen medizinischen Interventionen gut gesichert sind

Das Lieblingsargument aller Homöopathiekritiker ist das der mangelnden empirischen Belegbarkeit homöopathischer Therapie. Ich habe dazu in früheren Blogs immer mal wieder Stellung genommen, daher hier nur so viel: Man kann der Homöopathie nur dann empirische Unwirksamkeit bestätigen, wenn man gewillt ist, etwa 95% aller Befunde zu ignorieren. Das hat damals schon Hahn festgestellt, ein schwedischer Intensivmedizinforscher, der von Homöopathie keinerlei Ahnung hatte und einfach einmal neugierig die Literatur sichtete und bemerkte, dass es erstaunlich viele auch relativ robuste Befunde, gibt: Meta-Analysen, die der Homöopathie signifikante Überlegenheit über Placebo bestätigen.1 Dazu kommt eine große Zahl von Tierversuchen und Pflanzenexperimenten. Man kann all das ignorieren. Aber ist das redlich, frage ich mich?

Ich würde zwei Argumenten zustimmen: Die konventionelle Statistik geht eigentlich davon aus, dass wir keinerlei Vorwissen haben und daher die Ausgangschance auf einen signifikanten Befund 50:50 ist. Das ist aber bei der Homöopathie sicherlich nicht richtig. Denn eigentlich würden wir keinen Effekt erwarten, aufgrund theoretischer Überlegungen (umso erstaunlicher ist es, dass man trotzdem so viele positive Effekte findet, übrigens). Daher gehen Kritiker der Homöopathie davon aus, dass man diese Befunde, die es gibt, anders gewichten muss. Das Argument stimmt zwar theoretisch. Dann müsste man aber eine solche Denkhaltung auch auf alle anderen Interventionen anwenden und eine entsprechende Statistik, nämlich eine Bayes’sche Statistik, und davon sind wir weit entfernt.

Das zweite Argument geht davon aus, dass es in einem Bereich replizierbare Serien von Befunden geben muss. Diese sind in der Homöopathie in der Tat selten. Meistens gibt es viele einzelne klinische Befunde, und dort, wo Wiederholungen vorliegen, gehen Effekte oftmals zurück oder sind schwer zu replizieren. Ich persönlich finde, dies ist eine spezielle empirische Signatur. Denn wenn kein Effekt vorhanden ist, dann würde man nicht erwarten, dass –  wie das in der Regel der Fall ist –  erste Studien riesige Effekte zeigen. Dann würde man erwarten, dass sie manchmal Effekte zeigen und manchmal nicht, statistische Schwankung eben. Aber genau das ist nicht der Fall. Daher scheint mir hinter dieser Signatur ein Effekt verborgen zu sein, den wir noch nicht verstanden haben. Er ist kein klassisch-kausaler. Sonst liesse er sich leichter replizieren. Aber er ist auch nicht einfach ein statistisches Placebo-Rauschen. Sonst würden wir nämlich nicht so konsistent in Meta-Analysen Effekte finden, und in Systemen, in denen nicht mit Placebo-Effekten zu rechnen ist, wie bei gut kontrollierten Pflanzenexperimenten.2-5

Die empirische Situation dürfte ungefähr so wie in der konventionellen Medizin auch sein: das, was wir wirklich wissen, ist nur ein geringer Prozentsatz. Eine Überblicksarbeit über eine Zufallsauswahl von 1016 Reviews aus der Cochrane-Datenbank, also nach harten Kriterien erarbeiteten Zusammenfassungsarbeiten, kam zu dem Schluss, dass wir nur in 3.4% aller Fälle Klarheit über die tatsächliche Wirksamkeit haben (1.4% tatsächlich wirksam; knapp 2% tatsächlich schädlich).6 Bei 43% vermutet man Wirksamkeit, benötigt aber noch mehr Forschungm, bei 48% war es unklar. Bedenkt man, dass wir es hier mit anerkannten, in der klinischen Praxis eingesetzten und von den Kassen in der Regel bezahlten Interventionen zu tun haben, die nach dem vermeintlich rationalen Modell der modernen Medizin entwickelt und beforscht wurden, handelt es sich dabei eigentlich um ein Armutszeugnis. Auch das soll die konventionelle Medizin nicht schlecht machen sondern zeigen: So groß ist der Unterschied zwischen Homöpathie und konventioneller Medizin nicht, was Datenlage und Kenntnisstand angeht.

Links:

Die Europäischen Wissenschaftsakademien und die Homöopathie

Ist Homöopathie also nun ein Placebo? Pros, Cons, und einige Fälle zum Nachdenken

Plausibilitätsbias und die weit verbreitete Meinung, die Homöopathie sei „widerlegt“

Forschungsreader WissHom 2016

Faktencheck Homöopathie (Carstens Stiftung)

FAQ’s HRI (Homeopathy Research Institute)

Referenzen zu diesem Beitrag:

  1. Hahn RG. Homeopathy: Meta-Analyses of pooled clinical data. Forschende Komplementärmedizin 2013; 20: 376-81. https://www.karger.com/Article/FullText/355916
  2. Jäger T, Scherr C, Shah D, et al. Use of homeopathic preparations in experimental studies with abiotically stressed plants. Homeopathy 2011; 100: 275-87.
  3. Jäger T, Scherr C, Simon M, Heusser P, Baumgartner S. Effects of homeopathic arsenicum album, noside, and gibberellic acid preparations on the growth rate of arscenic-impaired duckwee (Lamna gibba L.). Scientific World Journal 2010; 10: 2112-29.
  4. Scherr C, Simon M, Spranger J, Baumgartner S. Effects of potentised substances on growth rate of the water plant Lemna gibba L. Complementary Therapies in Medicine 2009; 17: 63-70.
  5. Majewsky V, Arlt S, Shah D, et al. Use of homeopathic preparations in experimental studies with healthy plants. Homeopathy 2009; 98: 228-43.
  6. El Dib RP, Atallah AN, Andriolo RB. Mapping the Cochrane evidence for decision making in health care. Journal of Evaluation in Clinical Practice 2007; 13: 689-92.

 

 

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Die populärsten Irrtümer

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– über die Homöopathie und die konventionelle Medizin – Teil 1

Harald Walach

Weil ich in Debatten immer wieder die gleichen falschen Aussagen höre, stelle ich sie hier einmal zusammen mit den entsprechenden Argumenten, Daten und Fakten: Irrtümer, die über die Homöopathie geäussert werden, meistens mit entsprechenden Irrtümern über die Medizin gepaart. Ich hoffe, das entspannt die Debatte, die ich als unnötig polarisiert und wenig konstruktiv wahrnehme. Es geht los mit

Irrtum Nr. 1 – Therapieprinzip unbewiesen

Die therapeutischen Prinzipien der Homöopathie, das Ähnlichkeitsprinzip, das Prinzip der Potenzierung und das Individualisierungprinzip sind wissenschaftlich nicht bewiesen. Die therapeutischen Prinzipien der konventionellen Medizin hingegen sind rational ableitbar und belegt.

Abbildung 1: Telephos; Relief aus einem Haus in Herculaneum (Foto privat)

Die Homöopathie fußt im Wesentlichen auf drei therapeutischen Prinzipien, dem Ähnlichkeitsprinzip, dem Potenzierungsprinzip und dem Prinzip der Individualisierung. Das erste, das Ähnlichkeitsprinzip, ist dabei das zentrale, die andern beiden haben Hilfs- und Brückenfunktion. Das Ähnlichkeitsprinzip wurde von Hahnemann, dem Begründer der Homöopathie so formuliert: similia similibus curentur – Ähnliches soll man mit Ähnlichem heilen (das „curentur“ ist grammatikalisch ein Konjunktiv und drückt damit die Aufforderung, die Injunktion aus). Fälschlicherweise meinen viele Kritiker, Hahnemann habe dieses Prinzip erfunden und aus seinem Chinarindenversuch abgeleitet. Bei diesem hatte er ein damals populäres Arzneimittel zur Fieberbekämpfung, Chinarinde, im Selbstversuch in massiver Dosis eingenommen und fieberähnliche Symptome bemerkt (wohlgemerkt: Es handelte sich um Symptome wie Schüttelfrost, nicht um veränderte Körpertemperatur).1 China wird in Form des Alkaloids Chinin heute noch verwendet in der Malaria-Behandlung (insbesondere bei ansonsten resistenten Erregern) und ist als Chinin auch traditioneller Bestandteil von Getränken wie Schweppes, die genau auf diese Erkenntnis zurückzuführen sind, dass China bei Fiebern wie Malaria nützlich sein könnte. Allerdings hat Hahnemann das Prinzip weder erfunden, noch aus diesem Versuch abgeleitet, noch hat dieser Versuch irgendeine andere als eine historisch-heuristische Funktion. Das Ähnlichkeitsprinzip gibt es schon bei Hippokrates. Es dürfte wesentlich älter sein. Denn schon der Telephos-Mythos, der noch vor-homerisch ist, bildet es ab (Abb. 1).2

In dieser Geschichte wird Telephos, der König der Mysier, von den Griechen, die auf dem Weg nach Troja sind, genauer vom Speer des Achill, verwundet. Als die Griechen abgezogen sind und die Wunde nicht heilen will, schickt Telephos nach Delphi um zu fragen, was er machen solle und erhält die kryptische Antwort: „Ho trosas kai iasetai – der, der die Wunde schlug, wird sie auch wieder heilen“. Das ist der erste kulturell nachweisebare Klang des Ähnlichkeitsprizips, wohl etwa um 1000 v. Chr. in unserer Kultur zu verorten. In der Geschichte reist Telephos dann ins Heerlager der Griechen und wird dort durch den Rost von Achilles‘ Speer – die Handlung in der Abbildung – behandelt und geheilt.

Die Ähnlichkeitsregel ist also uralter Bestand abendländischer Medizin. Hippokrates und die großen römischen Ärzte nach ihm kannten sie. Bei Paracelsus spielt sie eine wichtige Rolle, und Hahnemann kannte sie natürlich, weil zu seiner Zeit eine Paracelsus-Rennaissance im Gange war.3-5 Das Verdienst Hahnemanns war die Operationalisierung dieser Regel, durch die Arzneimittelprüfung am Gesunden. Aber auch das ist nicht Hahnemanns Erfindung. Andere große Ärzte seiner Zeit, Albrecht von Haller etwa, hatten sie schon – wenn nicht selber betrieben –  dann doch gefordert.6 Hahnemann setzte diese Forderung nach einer empirischen Fundierung der Medizin um und kam so auf die Idee, dass die Ähnlichkeit, von der die Regel sprach zwischen den Symptomen der Kranken und den Symptomen besteht, die eine Substanz beim Gesunden erzeugen kann: Die Tollkirschenvergiftung führt zu geweiteten Pupillen, hochrotem Kopf, rasendem Puls und verrückten Ideen, großer Hitze und noch einigen anderen Symptomen. Kranke, die durch Belladonna, die Tollkirsche, geheilt werden, haben ähnliche Symptome. Deshalb ist diese Arznei sehr nützlich bei bestimmten Typen von Fiebern mit diesen Symptomen. Davon kann sich jeder überzeugen, der Kinder hat, die diese Art von Fieber häufig bekommen. Wenn die Symptome stimmen, geht das Fieber i.d.R. innerhalb weniger Stunden zurück und das Kind ist wieder putzmunter.

Hahnemann entwickelte das Potenzierungsprinzip erst später, indem er seine Arzneien aufbereitete und sie dabei verdünnte. Das war ein zunächst rein empirisch und intuitiv naheliegender Vorgang. Denn manche Stoffe, wie etwa Belladonna, oder Aconit, der Eisenhut, sind sehr giftig und konnten daher nur verdünnt gegeben werden. Es war daher naheliegend, damals apothkerübliche Methoden einer stufenweisen Verdünnung zu verwenden. Bevor man die heutigen Möglichkeiten der Analytik hatte, war man gut beraten stufenweise zu verdünnen. Manche Stoffe waren fest und konnten nur duch feine Verreibung löslich gemacht werden. Bei dieser Gelegenheit entdeckte Hahnemann die kolloidale Löslichkeit: Feste Stoffe gehen nach Zerkleinerung und einer Verdünnung von etwa 100-3 (eine homöopathische Potenz von C 3) in einen löslichen Zustand über. Erst später experimentierte Hahnemann dann mit höher verünnten und verriebenen/verschüttelten Stoffen. Dabei wurden die Stoffe meistens mit einer Alkohol-Wasserlösung verdünnt, im Verhältnis 1:100 und dann geschüttelt. Davon wieder der hunderste Teil, usw. Diese Potenzierungsreihe nennt man Centesimal-Reihe (von lateinisch „centum – hundert“). Die Ordnungszahl gibt die Anzahl der Verdünnungs- und Verschüttelungsschritte an, also die Potenzierung. Eine C30-Potenz wäre dann also 30mal im Verhältnis 1:00 verdünnt und verschüttelt worden.

Was Hahnemann noch nicht wusste, aber ahnte: Ab einer Verdünnung von 10-23, D23 oder C12, ist die statistische Wahrscheinlichkeit, dass sich noch Moleküle der Ausgangssubstanz in der Arznei befinden, sehr gering. Ausserdem lösen sich durch die Potenzierung eine Reihe von Stoffen – Silikate, Bor, etc. – aus der Glaswand, so dass, molekular gesehen, homöopathische Potenzen eigentlich immer Stoffgemische sind, bei denen die Ausgangssubstanz nur eine sehr geringe Rolle spielt. Es gibt zwar Untersuchungen die zeigen, dass je nach Herstellung auch bei Hochpotenzen noch Ausgangssubstanz vorhanden ist, aber ich glaube es ist fair zu sagen: Die Substanz, also die Moleküle selber, dürften für die homöopathische Arzneimittelwirkung keine Rolle spielen. Das ahnte schon Hahnemann. Daher sprach er von der „geistartigen Wirkung“ der Arznei und sprach von „Dynamisierung“. Denn er machte die paradoxe Entdeckung: je höher verdünnt und potenziert die Arzneien, desto höher die Anforderung an die Ähnlichkeit zwischen Arzneiwirkung und Patienten-Symptomen, desto größer aber offenbar die Wirkung bei hinreichender Ähnlichkeit. Es ist diese große Paradoxie, die der Homöopathie den größten Spott einträgt. Und man muß fairerweise zugeben: Es gibt im Moment kein kluges Argument, mit dem man verstehbar machen kann, warum eine solche Arznei Wirkung entfalten könnte, ausser dem empirischen, dass man das immer wieder beobachtet hat. Nicht nur in der klinischen Praxis, sondern auch in kontrollierten Studien, in Tier- und in Pflanzenexperimenten. Warum? Kein Mensch weiss es. Es gibt ein paar abgedrehte Theorieversuche, auch von mir;7 aber ich finde nicht, dass irgend eine dieser Theorien ausreichend gut gestützt oder akzeptiert ist. Daher sollten wir fairerweise sagen: Warum potenzierte Arzneien wirken sollten, weiss kein Mensch. Wenn sie es allerdings tun, dann wäre dies eine wissenschaftliche Anomalie allererster Güte, die es zu erkunden gilt. Denn Wissenschaft schreitet in der Regel voran, indem sie sich darum kümmert wie man Anomalien, die nichts ins herrschende Weltbild passen, verstehen kann.8

Aus dem Ähnlichkeitsprinzip ergibt sich das Individualisierungsprinzip: Man wendet Arzneien nicht für bestimmte Krankheitsentitäten an – also Belladonna bei Fieber und irgendwas anderes bei Kopfschmerzen – sondern bei Symptomkonstellationen. Und diese sind mehr oder weniger individuell. Zwar gibt es immer wieder Typen – daher kann man auch häufig vorkommende Arzneimittel bei bestimmten Krankheitsentitäten zusammengeben und eine Art Schrotschussarznei basteln, die dann vielleicht bei 70% aller Zustände funktioniert – aber die rechte Kunst ist es, für die Gesamtheit aller Symptome eines Patienten, auch die in der Vergangenheit vorhandenen oder die scheinbar nicht mit der Krankheit in Verbindung zu bringenden, eine passende Arznei zu finden. Dieses Prinzip wurde wohl von der Homöopathie zum ersten Mal so konsequent in der Medizin angewandt.

Nun, wie sieht es in der modernen konventionellen Medizin aus. Fangen wir von hinten an. Der neueste theoretische Schrei der modernen Pharmakologie ist die „personalisierte“ oder „individualisierte“ Medizin. Sie hat damit, Halleluja, ein Prinzip entdeckt, das die Homöopathie schon seit über 200 Jahren anwendet. In der modernen Medizin ergibt sich dies aus der Einsicht, dass es sehr unterschiedliche genetische Typen gibt, die die enzymatische Verstoffwechslung von pharmakologischen Substanzen definieren und dass es genetische Untertypen von Krankheiten, z.B. Tumoren, gibt, die verschiedene therapeutische Ziele bieten. Wir kennen das: Die einen nehmen irgendeine Tablette und haben schreckliche Nebenwirkungen, die anderen nehmen drei davon und merken nichts. Der Hintergrund ist die enzymatische Effektivität im Umbau der Substanzen: Wieviel davon für den Organismus verfügbar ist bestimmt der individuelle Metabolismus. Aus dieser Einsicht heraus lernt man langsam zu verstehen, dass man pharmakologische Rezepturen fein abstimmen muss, eben individualisieren. Bei Tumoren hat man begonnen zu verstehen, dass sie ganz unterschiedliche genetische Marker tragen, die sie für unterschiedliche therapeutische Massnahmen empfindlich machen. Das nennt sich dann „personalisierte Medizin“: man beginnt den individuellen Konstitutionstyp eines Menschen aufgrund seiner Genetik bei der Therapie in Rechnung zu stellen. Der Unterschied zur homöopathischen Individualisierung besteht darin, dass die Homöopathie auf der phänomenologischen Oberfläche bleibt, also die Ebene der Symptomatik für die Individualisierung verwendet und die moderne Medizin diese versucht aufgrund der Genetik besser zu verstehen. Ich finde: Das ist beides Individualisierung, für den Patienten gut und sinnvoll und muss sich nicht ausschließen. Nicht entweder oder, sondern sowohl als auch.

Die moderne Medizin verwendet auch das Ähnlichkeitsprinzip und in Grenzen das Potenzierungsprinzip. Weniger sichtbar zwar, aber immerhin. In der Allergologie wird etwa damit gearbeitet, dass Substanzen, die eine Allergie verursachen, in absteigender Verdünnungsreihe als Medikamente verabreicht werden. Hier wird der umgekehrte Weg wie bei der Homöopathie beschritten: Man sucht die Verdünnung des Allergens, die gerade keine oder nur eine minimale Allergie auslöst, gewöhnt den Organismus daran und nimmt dann die nächst höhere Konzentration. Man kann auch die Psychotherapie als eine Anwendung des Ähnlichkeitsprinzips verstehen, zumindest bestimmte Formen: Der Krankheitsauslöser wird in veränderter Form präsentiert – durch Verstehen, durch Imagination, durch sprachliche Verarbeitung aufbereitet.

Abgesehen davon verwendet die Medizin als praktische Wissenschaft sehr viele Erkenntnisse und nicht nur einen einzigen Erkenntnisweg. Es ist ein weit verbreitetes (Selbst-)Missverständnis der Medizin, sie sei eine Naturwissenschaft. Das ist sie definitiv nicht.9-11 Sie ist eine Handlungswissenschaft, die u.a. naturwissenschaftliche Erkenntnisse verwendet, aber auch andere, z.B. sozialwissenschaftliche und psychologische. Das führt dazu, dass es nicht DEN Erkenntnisweg in der Medizin gibt, oder DIE rationale Therapeutik. Es gibt viele. Einer von den vielen ist der, den die moderne Pharmakologie beschreitet. Dort versucht man, aufgrund pathophysiologischer Erkenntnisse zu verstehen, wie man intervenieren kann. Dann werden Substanzen entwickelt, die etwa ein bestimmtes Enzym blockieren, oder einen bestimmten Rezeptor aktivieren. Dieser Weg funktioniert so einigermassen, ist aber erstens alles andere als rational, ist zweitens nicht immer zielführend und drittens nicht sehr kostengünstig. Denn welche der Erkenntnisse aufgegriffen werden, hängt oft davon ab, wo man sich einen großen Markt verspricht. Dort wird dann geforscht. Vieles, was erforscht wird, funktioniert im Tiermodell ganz gut. Aber nur sehr wenig von dem, was dort funktioniert, findet seinen Weg in die klinische Anwendung. Einfach deshalb, weil es beim Menschen eben nicht funktioniert oder weil das Ganze doch etwas komplexer ist als anfangs gedacht. Alles in allem betrachtet ist es ein extrem aufwändiger Weg. Wir begehen ihn, weil er sich eben so eingebürgert hat und weil wir meinen, er sei gut. Ob er das wirklich ist, wage ich sehr zu bezweifeln.

Hier sind zwei Beispiele, die sich vermehren liessen, und die zeigen, dass es mit der vermeintlichen Rationalität nicht so weit her ist:

Irgendwann – im Laufe der 60er Jahre oder so – kam die Idee auf, psychiatrische Erkrankungen seien Erkrankungen des Gehirnstoffwechsels. Die biologische Psychiatrie war geboren. Auf dieser Idee aufbauend entwickelte man eine ganze Reihe von Substanzen, die die vermeintlichen Entgleisungen des Gehirnstoffwechsels wieder richten sollten. Berühmt geworden sind die selektiven Serotonin-Reuptake Inhibitoren (SSRIs). Diese wurden übrigens ursprünglich, das weiß kaum jemand, für ganz andere Probleme entwickelt: zur Schmerztherapie; später dachte man, sie könnten bei Gewichtsproblemen nützlich sein, bis wer auf die Idee kam sie für Depression einzusetzen. Dann wurden sie als „happy pills“ vermarktet. Spezialisten in der Psychiatrie geben seit einiger Zeit unumwunden zu dass die Serotoninhypothese bankrott sei12,13: Sie sei wissenschaftlich nie bewiesen, sie funktioniere therapeutisch nicht richtig und das Festhalten an ihr blockiert den Fortschritt. Die modernen Antidepressiva sind manchmal Serotoninwiederaufnahmenhemmer, die Serotonin zur Verfügung stellen, sie sind manchmal Serotoninblocker, die Serotonin aus dem System entnehmen, sie sind manchmal ganz anderer Natur.14,15 Wo genau sind hier die Rationalität und der Fortschritt, frage ich mich? Möglicherweise ist Depression etwas ganz anderes? Eine komplexe Störung, bei der Traurigkeit ein Symtpom ist? Manchmal durch Ernährung verursacht, manchmal durch soziale Umstände, manchmal durch persönliches Fehlverhalten, manchmal genetisch, manchmal durch ein Zusammenwirken all dieser Faktoren. Und wer sagt, dass eine Krankheit auf der Ebene zu behandeln sei, auf der sie sich äußert? Wenn man etwas tiefer schürft merkt man schnell, wie tönern die Beine und wie schief sie sind, auf denen dieses Gebäude ruht. Und überlegt man, wieviel Geld nicht nur die Industrie, sondern die öffentliche Hand durch Subventionierung dieses Modells in die Entwicklung dieses Wolkenkuckucksheims der biologischen Psychiatrie, der Serotoninhypothese der Depression zumal, gepumpt hat, dann muss man sich wahrlich fragen, wie rational es hier wirklich zugeht.16

Ein zweites Beispiel: Die Alzheimer Demenz wird gemeinhin als eine komplexe Entzündung des Gehirns verstanden, die durch die Ansammlung von Amyloid-Beta, einem Protein und die Hyperphosporylierung von Tau, einem anderen Protein, ausgelöst wird, wodurch eine Entzündungspirale entsteht, die zum Untergang der Neuronen und am Ende zur Demenz führt.17 Aufbauend auf diesem biologischen Modell wurden Arzneien entwickelt, die entweder die Actylcholinesterase hemmen sollen – denn Acetylcholinerzeugende Neuronen gehen zuerst zugrunde -, oder die das Erregungsniveau durch den neurotoxischen Transmitter Glutamat hemmen sollen. Oder Impfungen gegen das Amyloid Beta. Alle diese Ansätze haben im Tierversuch sehr gut funktioniert, sind theoretisch-pathologisch irgendwie einsichtig und rational, funktionieren aber beim Menschen gar nicht oder nur in Grenzen. Die Impfversuche wurden eingestellt. Die auf dem Markt befindlichen Medikamente haben sehr schwache Wirkungen und erhebliche Nebenwirkungen. Seitens der pharmazeutischen Firmen, die sich eine Weile am Rennen um die Blockbusterarznei beteiligt haben, wurde ein höherer dreistelliger Milliardenbetrag in die Entwicklung gesteckt. Das Resultat ist ärmlich: es ist keinerlei pharmakologische Therapie in Sicht.18 Die vier derzeit zugelassenen Arznein sind allenfalls kurzfristig palliativ und in keinem Fall therapeutisch dauerhaft wirksam.19 Alternative Denkrahmen und Handlungsansätze gibt es,20,21 sie werden aber derzeit nicht priorisiert. Warum? Vermutlich weil alle auf den großen pharmakologischen Durchbruch warten und weil das herrschende Denkmodell die Phantasie hat verarmen lassen – scheint mir.

Das waren zwei Beispiele im Kurzdurchgang die zeigen, dass es um die theoretisch-therapeutische Rationalität in der modernen Medizin nicht so gut bestellt ist, wie man das gerne hätte. Ich weiss, das ist ein bisschen unfair: Ich habe zwei deutliche Negativbeispiele gewählt. Ich finde aber, sie sind durchaus repräsentativ. Denn sie betreffen weit verbreitete Probleme. Es gäbe viele andere Beispiele: die mangelnde Wirksamkeit pharmakologischer Ansätze bei der Schmerztherapie,22-25 die langfristigen Nebenwirkungen vieler akut sehr gut wirksamer Therapien,26 die Tatsache, dass die Krebsinzidenz steigt trotz eines nunmehr Dekaden währenden „Krieges gegen den Krebs“,27,28 die Tatsache, dass immer mehr Kinder mit ernsthaften neurologischen Störungen diagnostiziert werden,29,30 usw. Es geht mir auch nicht darum, die moderne Medizin schlecht zu reden sondern plausibel zu machen: Was im Akutfall gut funktioniert ist nicht unbedingt auch wirksam und hilfreich im chronischen oder funktionellen Fall. Das Denkmodell der Medizin, so hilfreich es im Notfall ist, erweist sich als Bumerang, der im chronischen und funktionellen Fall auf denjenigen zurückkommt, der ihn verwendet hat. Und das erinnert mich an die alte Geschichte von dem Mann, der sich darüber beschwerte, dass er seinen alten Bumerang nicht los wird, weil er immer wieder zurückkommt…

Literatur

  1. Bayr G. Hahnemanns Selbstversuch mit der Chinarinde im Jahre 1790. Heidelberg: Haug; 1989.
  2. Vonessen F. Was krank macht, ist auch heilsam. Mythisches Gleichheitsdenken, Aristoteles‘ Katharsis Lehre und die Idee der homöopathischen Heilkunst. Heidelberg: Haug; 1980.
  3. Gantenbein UL. Similia Similibus: Samuel Hahnemann und sein Schatten Paracelsus. Nova Acta ParacelsicaBeiträge zur Paracelsusforschung 1999; 13: 293-328.
  4. Schadewaldt H. Der Ähnlichkeitsgedanke bei Paracelsus. Allgemeine Homöopathische Zeitung 1972; 217: 265-8.
  5. Schadewaldt H. Der Ähnlichkeitsgedanke bei Paracelsus. Allgemeine Homöopathische Zeitung 1973; 218: 12-20.
  6. Walach H. Wissenschaftliche Homöopathische Arzneimittelprüfung. Doppelblinde Crossover-Studie einer homöopathischen Hochpotenz gegen Placebo. Heidelberg: Haug; 1992.
  7. Walach H. Entanglement model of homeopathy as an example of generalizsed entanglement predicted by Weak Quantum Theory. Forschende Komplementärmedizin und Klassische Naturheilkunde 2003; 10: 192-200.
  8. Laudan L. Science and Hypothesis. Dordrecht: Reidel; 1981.
  9. Wieland W. Diagnose. Überlegungen zur Medizintheorie. Berlin: de Gruyter; 1975.
  10. Meyer-Abich KM. Wie naturwissenschaftlich ist die Medizin? Das Leitbild Gesundheit in der Medizin und in den Umweltwissenschaften. Forschende Komplementärmedizin und Klassische Naturheilkunde 2001; 8: 34-8.
  11. Meyer-Abich KM. Was es bedeutet, gesund zu sein. Philosophie der Medizin. München: Hanser; 2010.
  12. Healy D. Serotonin and depression. British Medical Journal 2015; 350: h1771.
  13. Kleinman A. Rebalancing academic psychiatry: why it needs to happen – and soon. The British Journal of Psychiatry 2012; 201(6): 421-2.
  14. Kirsch I. Der Placeboeffekt in der antidepressiven Behandlung. Verhaltenstherapie 2016; 26: 55-61.
  15. Blease C, Kirsch I. Special Issue: The Placebo Effect and Psychotherapy: Implications for Theory, Research, and Practice. Psychology of Consciousness: Theory, Research, and Practice 2016; 3(2): 105-98.
  16. Gøtzsche PC. Deadly Psychiatry and Organised Denial. Copenhagen: People’s Press; 2015.
  17. Pantel J. Alzheimer Demenz von Auguste Deter bis Heute. Fortschritte, Enttäuschungen und offene Fragen. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie 2017; 50: 576-87.
  18. Mangialasche F, Solomon A, Winblad B, Mecocci P, Kivipelto M. Alzheimer’s disease: clinical trials and drug development. Lancet Neurology 2011; 9: 702-16.
  19. Ströhle A, Schmidt DK, Schultz F, et al. Drug and exercise treatment of Alzheimer disease and mild cognitive impairment: A systematic review and meta-analysis of effects on cognition in randomized controlled trials. American Journal of Geriatric Psychiatry 2015; 23: 1234-49.
  20. Walach H, Loef M. Alzheimer’s dementia and lifestyle: Towards a primary prevention. In: Hall PA, ed. Social Neuroscience and Public Health: Foundations for the Science of Chronic Disease Prevention. Heidelberg, New York: Springer; 2013: 193-213.
  21. Loef M. Moderner Lebensstil und Demenzrisiko – Empirische Untersuchungen. Essen: KVC Verlag; 2013.
  22. Gregori D, Giacovelli G, Barbetta B, et al. Association of pharmacological treatments with long-term pain control in patients with knee osteoarthritis: A systematic review and meta-analysis. JAMA 2018; 320(24): 2564-79.
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  24. Chaparro LE, Furlan AD, Deshpande A, Mailis-Gagnon A, Atlas S, Turk DC. Opioids compared to placebo or other treatments for chronic low-back pain. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013; (8).
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  26. Gøtzsche PC. Deadly Medicines and Organised Crime: How Big Pharma Has Corrupted Health Care. London: Radcliff; 2013.
  27. Global Burden of Disease Study 2013 Collaborators, Vos T, Barber RM, et al. Global, regional, and national incidence, prevalence, and years lived with disability for 301 acute and chronic diseases and injuries in 188 countries, 1990-2013;2013: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2013. The Lancet 2015; 386(9995): 743-800.
  28. Allemani C, Matsuda T, Di Carlo V, et al. Global surveillance of trends in cancer survival 2000-14 (CONCORD-3): analysis of individual records for 37 513 025 patients diagnosed with one of 18 cancers from 322 population-based registries in 71 countries. The Lancet 2018; online first: https://doi.org/10.1016/S0140-6736(17)33326-3.
  29. Copeland WE, Shanahan L, Hinesley J, et al. Association of childhood trauma exposure with adult psychiatric disorders and functional outcomes. JAMA Network Open 2018; 1(7): e184493.
  30. Boyle CA, Boulet S, Schieve LA, et al. Trends in the prevalence of developmental disabilities in US children, 1997–2008. Pediatrics 2011; 127(6): 1034-42.
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Diskutieren statt debattieren: Den kranken Menschen in den Mittelpunkt stellen!

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Hartmut Schröder

Die gegenwärtigen Angriffe gegen die Homöopathie, die in der Forderung nach einer Abschaffung der ärztlichen Zusatzbezeichnung gipfelten, sehe ich keineswegs als Beitrag zu einer (durchaus erwünschten und auch notwendigen) kritischen Diskussion zur Homöopathie. Es handelt sich vielmehr um eine Debatte, die vor allem emotional und mit dem Ziel des kompletten Ausschlusses einer traditionellen Richtung der Medizin geführt wird. Diskussion und Debatte unterscheiden sich grundlegend voneinander. Während es in einer Diskussion darum geht, Ansichten und Meinungen auszutauschen sowie eine Übereinstimmung herzustellen, geht es in der Debatte darum, einen vermeintlichen Gegner mit der Macht des Wortes zu schlagen, die eigene Position durchzusetzen und die andere zu vernichten. Die Debatte kennt nur ein entweder-oder – für die Diskussion ist auch ein sowohl-als-auch möglich. Ist die Debatte eher eine Art Gegeneinander, so ist die Diskussion immer ein Miteinander.

Als Sprachwissenschaftler fällt mir in der gegenwärtigen Debatte zur Homöopathie besonders auf, dass es hier keineswegs um die Sache bzw. den Austausch von Meinungen geht. Vielmehr sollten Menschen emotional beeinflusst werden. Dies lässt sich am gewählten Wortschatz und an den benutzten Argumentationsmustern gut erkennen, soll hier aber nicht weiter Gegenstand der Betrachtungen sein. Stattdessen möchte ich ein zentrales Argument aufgreifen, dass in der Debatte eine besonders wichtige Rolle spielt: „Homöopathie als reiner Placebo-Effekt“.

Die Aussage „Homöopathie ist ja nur ein Placebo“ ist als Vorwurf gedacht und soll Globuli in den Bereich der Irrationalität und Pseudowissenschaft verbannen. Dabei wird schlicht übersehen, dass der Placebo in gewisser Weise der am besten erforschte Effekt in der Medizin ist und in keinem Heilprozess fehlt. Bei diesem Effekt geht es auch keineswegs nur um Glauben und Erwartung, sondern es geht um die Wirkmächtigkeit von Sprache und Information in einem bestimmten Kontext. Und hier wird es interessant: bloße Informationen, d.h. etwas Immaterielles ohne jedweden Wirkstoff, können zugleich heilen und schaden.

Dazu ein beeindruckendes Beispiel zum Potenzial von Information, Kommunikation und Sprache als Stimuli für innere Wirkprozesse. In einer renommierten Studie von Silvestri et al. (2003) [1] wurde aufgezeigt, wie durch Information unerwünschte Nebenwirkungen verursacht bzw. durch das Fehlen von Information vermieden werden können. In der Studie geht es um erektile Dysfunktion im Kontext der Einnahme eines Betablockers. Gefragt wird, ob durch Information erektile Dysfunktion erzeugt bzw. verstärkt werden kann. Männliche Patienten, denen ein Betablocker verordnet worden war, wurden in drei Gruppen eingeteilt: Die erste Gruppe erhielt keine Information darüber, dass sie einen Betablocker einnimmt. Die zweite Gruppe bekam die Information, dass ein Betablocker verordnet wurde. Und die dritte Gruppe wurde explizit darüber aufgeklärt, dass das Medikament als unerwünschte Nebenwirkung auch „gelegentlich“ eine Störung der Erektion auslösen kann. Drei Monate später wurde in allen Gruppen die Häufigkeit einer erektilen Dysfunktion per Befragung erhoben. In der ersten Gruppe betrug sie 3,1 Prozent, in der zweiten Gruppe 15,6 Prozent und schließlich in der dritten Gruppe 31,2 Prozent. Eine spätere ähnlich angelegte Studie von Cocco (2009) [2] bestätigte die Ergebnisse der Studie von Silvestri et al. (2003) weitgehend.

Kann man den Teilnehmern dieser Studien, die erektile Dysfunktion entwickelt haben, nun – in tröstender Absicht – mitteilen, dass das alles nur ein Nocebo war? Würde diese Information ihr Problem dann lösen? Vermutlich nicht, denn das „Wirken des vermeintlich Wirkungslosen“ entsteht in einem sehr komplexen Prozess der Interaktion zwischen Arzt und Patient. Prof. Jütte, der Vorstand des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer argumentiert in einer Stellungnahme der Bundesärztekammer zum Thema „Placebo in der Medizin“: „Die Arzt-Patienten-Interaktion ist ganz zentral. Mit seinem Verhalten kann der Arzt ungemein viel erreichen – mit Empathie, Vertrauen und dem therapeutischen Setting. All das muss stimmen, damit der Arzt mit seiner Maßnahme – auch wenn sie noch so evidenzbasiert sein mag – Erfolg haben kann.“ Und weiter: „Es kommt also nicht selten vor, dass eine Maßnahme mit geringerer Evidenz effektiver ist, weil die Umstände besser passen und der Gesamteffekt damit größer wird.“ [3]

So gesehen wäre der Placeboeffekt also unverzichtbarer und wünschenswerter Kern einer jeden Behandlung. Allerdings kann er sich – und das ist die Gefahr in der gegenwärtigen Debatte – in bestimmten Kontexten auch in einen Noceboeffekt verwandeln bzw. neutralisiert werden. Die Ideologie eines Arztes und Berichte in den Medien können zu einem Nocebo-Reiz für Patienten werden. Viele Ärzte der komplementären Medizin machen in dieser Hinsicht die Erfahrung, dass ihre Patienten durch direktes Infragestellen und/oder implizite Verunglimpfung bzw. in milderer Form durch Lächerlichmachen durch zusätzlich konsultierte Schulmediziner zumindest verunsichert werden. Damit können diese Ärzte diesen Patienten schaden, ohne dass dies ihre Absicht ist.

Die gegenwärtigen Angriffe gegen die Homöopathie leisten also nicht nur keinen konstruktiven Beitrag in einer durchaus zu führenden Diskussion zur Homöopathie, sondern sie schaden objektiv all den Patienten, die homöopathisch behandelt werden. Auf diesen Umstand hat vor einigen Jahren in einem Editorial der Münchner Medizinischen Wochenschrift Prof. Füeßl, der damalige Chefredakteur dieser sicher nicht unter Esoterik-Verdacht stehen Fachzeitschrift, hingewiesen. Er schreibt: „Schließlich wird das Befinden eines Patienten und damit die tatsächliche oder empfundene Besserung seiner Beschwerden ganz wesentlich vom Vertrauensverhältnis zu seinem Arzt beeinflusst. Doch dieses ist mit wissenschaftlichen Methoden kaum zu untersuchen, da es von irrationalen Momenten gefördert oder gestört wird. Die Wirkung alternativer Verfahren anzuzweifeln könnte genau dieses Vertrauensverhältnis stören und dadurch per se kontraproduktiv sein.“ [4]

Es ist zutiefst unethisch, wenn auf Grund von unterschiedlichen Ideologien in polemisch geführten Debatten kranke Menschen verunsichert werden, ihnen das Vertrauen genommen wird und letztendlich heilende Placebo-Reize in schadende Nocebo-Reize verwandelt werden. Selbst wenn Homöopathie nicht über einen reinen Placeboeffekt hinausgehen würde, so ist sie dennoch für eine patientengerechte Versorgung von großer Bedeutung. Einen Streit darüber zu führen ist nicht zielführend – in einem pauschalen entweder-oder kann der kranke Mensch nur verlieren. Schul- und Komplementärmedizin können und sollen (durchaus auch in einem Spannungsfeld) miteinander diskutieren, sich aber mit gegenseitigem Respekt und in einer Haltung des sowohl-als-auch begegnen. Das Wissen über den Placebo- und Nocebo-Effekt kann neuen Wind in die Medizin bringen und zu einer Kulturheilkunde erweitern, die spezifische Wirkmittel keineswegs ausschließt, sondern diese durch die sogenannten unspezifischen Wirkmittel bzw. Kontextfaktoren noch wirksamer machen könnte. Eine solche Kulturheilkunde wirkt durch folgende Faktoren:

  • Autonomie, Kompetenz und Selbstwirksamkeit des Patienten;
  • Empathie, Haltung und Intuition des Therapeuten;
  • Passung und Resonanz zwischen Patienten und Therapeuten;
  • sowie durch ein heilendes Umfeld in Gesellschaft, Medien und Politik, das Resilienz und Salutogenese fördert.

Wir brauchen also keine Debatte, wir brauchen eine Diskussion, die den kranken Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Hartmut Schröder ist Inhaber des Lehrstuhls für Sprachgebrauch und Therapeutische Kommunikation an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).

Korrespondenzadresse:

Prof. Dr. Hartmut Schröder

Therapeium – Zentrum für Natur- und Kulturheilkunde

Hohenzollernstr. 12

14163 Berlin

E-Mail: h.schroeder@therapeium.de

Literatur:

[1] Silvestri A, Galetta P, Cerquetani E, Marazzi G, Patrizi R, Fini M, Rosano GM: Report of erectile dysfunction after therapy with beta-blockers is related to patient knowledge of side effects and is reversed by placebo. Eur Heart J. 2003 Nov; 24(21):1928-32.

[2] Cocco G: Erectile dysfunction after therapy with metoprolol: the Hawthorne effect. Cardiology. 2009;112(3):174-7.

[3] Deutsches Ärzteblatt, 19. Juli 2010.

[4] MMW-Online, 3-4/2009

 

 

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Spieglein, Spieglein in dem Sand…

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Homöopathie und grössere Kosten? Schlechte Daten falsch interpretiert.

Ein paar Anmerkungen zum Artikel „Die Macht der Heiler“, Spiegel Nr. 34 2018

Harald Walach

Regelmässig im Sommerloch geht das Homöopathie-Bashing los, weil man ja sonst nichts Besseres zu berichten hat. So verkündet Frau Hackenbroich wieder einmal im Spiegel: Homöopathie sei die „absurdeste aller Heilmethoden“ und alles sei „ein großer Bluff“. Ich habe Frau Hackenbroich einmal auf dem Podium einer Fachkonferenz der Journalisten in Bremen erlebt. Dort sagte sie: „Die Homöopathie gehört in die Medizingeschichte und meine Aufgabe ist es, sie dorthin zu befördern.“ Das finde ich bedenklich, wenn Journalisten sich zu Vollstreckern der Geschichte machen (wollen), aber das nur am Rande.

 

SPIEGEL 34/2018

Als eine der Argumente zitiert sie dann eine Studie aus dem Online Fachjournal PLoS One (steht für „Public Library of Science“; und ist ein allgemeines Journal mit normalerweise robustem Peer-Review) [1]. Die Studie wurde von Kollegen der Charité durchgeführt anhand eines großen Datensatzes der Technikerkrankenkasse. Dort wurden die Kosten von Menschen mit und ohne integrierter Versorgung „Homöopathie“ verglichen. Es wurde ein sehr aufwändiges Vergleichsverfahren gewählt, bei dem aufgrund von verschiedenen bekannten Variablen eine Person der Vergleichsgruppe – hier: normale Versicherte – mit einer Person der Testgruppe – hier: Versicherte mit Einschreibung in den Homöopathie-Vertrag – verglichen wurde, so dass beide möglichst ähnlich sind. Das Verfahren – technisch: propensity score matching – ist höchst aufwändig und ergibt sehr gute Ergebnisse. Die Voraussetzung: man weiss, was man mit was vergleicht und man hat die wirklich entscheidenden Variablen gefunden, auf Grund derer man den Vergleich anstellt.

Aber schon dem kursorischen Leser fällt beim Lesen dieser Studie auf: Hier wurden nicht Menschen, die Homöopathie wirklich benützt haben mit solchen verglichen, die Homöopathie nicht verwendet haben. Sondern hier wurden diejenigen Menschen verglichen, die ein Zusatzangebot gebuchte hatten, egal ob sie Homöopathie benützt haben oder nicht. Wörtlich heisst es: „For this analysis patients belonged to the homeopathy group if they subscribed to the integrated care contract in 2011 and if they were continuously insured through the TK for the observational period (12 months before and 18 months after subscription to the integrated care contract), regardless of whether they used homeopathy during the study period.“ (S. 2 der Publikation, 2. Satz in “Methods”)

Also, nochmals zum Mitschreiben, liebe Frau Hackenbroich, auf Deutsch: In dieser Analyse gehörten Patienten zur “Homöopathie-Gruppe”, wenn sie im Jahre 2011 einen integrierten Versorgungsvertrag über die zusätzliche Behandlung mt Homöopathie abgeschlossen hatten, völlig unabhängig davon, ob jemand wirklich Homöopathie in Anspruch genommen hat. Und dennoch wird hinfort davon geredet, dass die Benützung von Homöopathie, der Konsum von Homöopathie etc. mehr Kosten verursacht. Solide?

Ich finde es nicht sonderlich erstaunlich, dass Leute, die Homöopathie zusätzlich zur konventionellen Versorung in Anspruch nehmen, mehr Kosten verursachen. Nur: das Extra-Angebot der integrierten Versorgung an Patienten, die einfach mal kurz ausprobieren wollen, wie das mit der Homöopathie ist, aber nebenher noch allerhand andere Dinge machen bildet nicht die reale Situation ab. Die ist vielfach untersucht und sieht eher so aus, dass Menschen dann, wenn ihnen die gewöhnliche Versorung durch ihren Haus- oder Spezialarzt nicht mehr weiterhilft oder zu viele Nebenwirkungen produziertzum homöopathischen Arzt begeben oder manchmal zum Heilpraktiker, und dort nach Linderung Ausschau halten. Es wäre also für eine wirklich gute Untersuchung zwingend nötig, dass man konkret untersucht, wieviele Patienten die Behandlung nun auch wirklich richtig in Anspruch genommen haben, wie lange und ob und wie sich ihr Gesundheitszustand verändert hat. Das ist, soweit aus den bisher publizierten Daten ersichtlich, nicht erfolgt. Aber aus der Folgestudie wissen wir: Nur etwa ein Drittel der Patienten ist dabeigeblieben [2]. Die Studie dürfte also eher die höheren Kosten abbilden, die durch „doctor hopping“ entstehen, und das wundert eigentlich keinen. Sie aber als Beleg für gesteigerte Kosten durch Homöopathie zu verwenden, erscheint mir fragwürdig.

Auf jeden Fall dient diese Studie weder dazu, irgendwas über die Kosten der Homöopathie zu sagen, noch als Argument dafür, wie schlimm die Homöopathie denn nun ist. Sie dient eigentlich zu gar nichts ausser dazu, zu sagen, Menschen, die Zusatzangebote in Anspruch nehmen, erzeugen mehr Kosten. Vielleicht sind sie ängstlicher und gehen häufiger zum Arzt? Vielleicht haben sie mehr chronische Krankheiten oder haben mehr Probleme? Vielleicht nehmen sie mehr verschiedenen Behandlungen in Anspruch?

Da wäre es schon zielführender, die Studie von Baars und Kollegen zu zitieren, die ich auf meiner Homepage vor einer Weile besprochen hatte [2] (https://harald-walach.de/2014/10/14/versicherungen-herhoeren-komplementaermedizin-ist-billiger/). Diese hatte nämlich eine Kohorte über 6 Jahre verfolgt, die wirklich komplementärmedizinisch – homöopathisch und anthroposophisch-medizinisch – versorgt worden ist. Die Versorgung war nicht nur billiger, der Gesundheitszustand war besser. Die Autoren extrapolierten eine Kostenersparnis von 3.2 Milliarden Euro für Holland, wenn sich alle Menschen so behandeln liessen.

Liebes Spieglein: das war in den Sand gesetzt.


Hier noch Beiträge, die diesen Text von anderen Seiten beleuchten

Ein Leserbrief, der im SPIEGEL nicht abgedruckt wurde

Ein Beitrag im Tagesspiegel: Für eine Medizin auf Beweis- und Erfahrungsbasis

Fairplay bitte!

Spieglein, Spieglein an der Wand…

Die Europäischen Wissenschaftsakademien und die Homöopathie


Literatur

[1] Ostermann, J. K., Reinhold, T., & Witt, C. M. (2015). Can additional homeopathic treatment save costs? A retrospective cost-analysis based on 44.500 insured persons. PLoS One, 10(7), e0134657. https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0134657

[2] Ostermann, J. K., Witt, C. M., & Reinhold, T. (2017). A retrospective cost-analysis of additional homeopathic treatment in Germany: Long-term economic outcomes. PLOS ONE, 12(9), e0182897. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0182897

[3] Baars, E. W., & Kooreman, P. (2014). A 6-year comparative economic evaluation of healthcare costs and mortality rates of Dutch patients from conventional and CAM GPs. BMJ Open, 4, e005332. https://bmjopen.bmj.com/content/4/8/e005332

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Fairplay bitte!

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Ein Plädoyer für unparteiische Berichterstattung und Forschung in der Homöopathie

Einige Gedanken zu aktuellen Berichterstattungen zur Homöopathie und warum Homöopathie in der Kinderonkologie weder gefährlich noch irreführend ist

«To be free is not merely to cast off ones chains, but to live in a way that respects and enhances the freedom of others»  Nelson Mandela

Katharina Gaertner, Universität und Inselspital Bern

Es ist schon verwunderlich, wie viel Misstrauen homöopathischen Arzneimitteln und ihren Anwendern entgegengebracht wird. Kritiker werden nicht müde sich in Wortspielereien oder wiederholten Zitaten von unwissenschaftlichen Artikeln und Falschmeldungen zu ergehen, ohne eigene Untersuchungen anzustellen oder wissenschaftliches Arbeiten zu unterstützen um offene Fragen zu beantworten. So kam es kürzlich wieder zu diversen Anschuldigungen auf universitäre Einrichtungen, welche integrative Konzepte mit unterstützenden, zusätzlich zur konventionellen Therapie eingesetzten, homöopathischen Interventionen verfolgen [1 – 3]. In der Argumentation stützen  sich die Autoren dabei erneut hauptsächlich auf eine sinnlose, indikationsübergreifende und wissenschaftlich höchst fragwürdige [4] Untersuchung des australischen Gesundheitsministeriums [5] und lassen ausser Acht, dass es unzählige gegensätzliche Untersuchungen gibt [e.g. 6, 7].

Wäre es nicht an der Zeit, dem Wunsch der Bevölkerung (auch in Deutschland) [8, 9] nachzukommen und genauer hinzusehen, anstatt sich in Allgemeinplätzen zu verlieren und ein und dasselbe, bereits widerlegte Argument [6, 7], es gäbe keine wissenschaftlichen Beweise wieder und wieder herunterzubeten und als einzigen Beleg dafür ein oder zwei „Expertenmeinungen“ zu zitieren? Wäre es nicht an der Zeit, sich auf ein Fairplay zu einigen, Transparenz für die Bevölkerung zu schaffen und die Universitäten ihre Arbeit machen zu lassen?

Beginnen wir also mit Fairplay von unserer Seite:

Ja, über alle verschiedenen medizinischen Anwendungen homöopathischer Arzneien für die unterschiedlichsten Krankheitsbilder kann keine allgemeine Aussage hinsichtlich der Wirksamkeit getroffen werden. Bei genauerem Hinsehen finden sich jedoch 53 unterschiedliche Indikationen zu denen mindestens zwei kontrollierte Studien vorliegen, welche eine spezifische Intervention mit einer oder mehreren spezifischen homöopathischen Arzneie(n) testen [10]. Zumindest diese Studien sollten für diese spezifischen Fragestellungen hinsichtlich Ihrer Güte näher untersucht werden. Betrachten wir also zum Beispiel die gerade so in Verruf geratene, zusätzlich homöopathische Behandlung in der (Kinder-)onkologie: In der laufend aktualisierten, auf den «Clinical Practice Guidelines» des Institute of Medicine basierenden, online Version für therapeutische Praxisempfehlungen «uptodate» wird hierzu eine Kohortenstudie [11] und zwei unkontrollierte Beobachtungsstudien [12, 13] bezüglich der Symptomkontrolle durch individualisierten homöopathischen Verschreibungen zitiert. Die Autoren sehen damit genügend empirische Grundlage diese Therapie in dem so schwierigen Feld austherapierter Patientinnen als additive Therapie einzusetzen [14]. Dem könnten nach ausführlicher Recherche sogar noch weitere pragmatische randomisiert-kontrollierte Studien mit gutem klinischen Erfolg hinzugefügt werden [15, 16]. Ebenfalls existieren Studien zu homöopathischen Routineverschreibungen, mit positiven Effekten bei der Nebenwirkungskontrolle von Krebspatienten [17, 18]. Nun beziehen sich diese Empfehlungen natürlich auf erwachsene Patientinnen und noch liegt keine Evidenz durch kontrollierte Studien im Bereich der pädiatrischen Krebspatientinnen vor, jedoch zeigen Fallserien und langjährige positive Erfahrung durch Betroffene und Behandelnde [19], dass es längst an der Zeit wäre eine weitere kontrollierte Studie finanziell zu unterstützen. Das wäre dann, nun ja, fairplay eben.

Die angesprochenen Universitäten tragen mit ihrem Angebot zu der Möglichkeit der weiteren Erforschung der subjektiv und objektiv erfolgsversprechenden homöopathischen Therapien bei. Sie handeln damit ganz im Sinne universitärer Grundsätze. Wir können als faire Player in einer demokratischen Gesellschaft natürlich dieser Kakophonie der Hetzer nicht die Meinungsäusserungen verbieten,  jedoch plädiere ich dafür, dass Universitätskrankenhäuser sich nicht durch das Foulplay einiger mächtiger Unwissender beirren lassen und Patienten und Ärzten weiterhin die Möglichkeit und Freiheit lassen, sich nach bestem Wissen und Gewissen, und auf Basis der vorliegenden international anerkannten Empfehlungen [11], für die im Einzelfall als beste erscheinende Therapie entscheiden zu dürfen.

Referenzen

[1] Karberg S & Woratschka R. Heftige Kritik an Berliner Uniklinik: Charité-Webseite enthielt Lob für Homöopathie gegen Krebs [Internet, 22.08.2018: https://www.tagesspiegel.de/politik/heftige-kritik-an-berliner-uniklinik-charite-webseite-enthielt-lob-fuer-homoeopathie-gegen-krebs/22941508.html, zitiert am 12. September 2018].

[2] Feldwisch Drentrup H. Charité in der Kritik: «Homöopathie hat an Uniklinika keinen Platz» [Internet, 06.08.2018: https://medwatch.de/2018/08/06/charite-in-der-kritik-homoeopathie-hat-an-uniklinika-keinen-platz/, zitiert am 12. September 2018].

[3] Winnat C. Münchener Uniklinik wegen Homöopathie in der Kritik [Internet, 20.08.2018: https://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/gesundheitswirtschaft/article/966347/muensteraner-kreis-uniklinik-wegen-homoeopathie-kritik.html, zitiert am 12. September 2018].

[4] Tournier A & Roberts R. Response by the Homeopathy Research Institute to ‘the Australian Report’ NHMRC Information Paper: ‘Evidence on the Effectiveness of Homeopathy for Treating Health Conditions’ National Health and Medical Research Council, März 2015.[Pressemitteilung]. Homeopathy Research Institute, 2016. [Internet: https://www.hri-research.org/wp-content/uploads/2016/02/HRI-Response-to-NHMRC-Information-Paper.pdf, zitiert am 15. August 2018].

[5] Council AHaMR. NHMRC Information Paper: Evidence on the effectiveness of homeopathy for treating health conditions. National Health and Medical Research Council; 2015. [Internet: www.nhmrc.gov.au/guidelines-publications/cam02, zitiert am 15. August 2018].

[6] Bornhöft G, Wolf U, von Ammon K, Righetti M, Maxion-Bergemann S, Baumgartner S, Thurneysen AE, Matthiessen PF. Effectiveness, safety and cost-effectiveness of homeopathy in general practice – summarized health technology assessment. Forsch Komplementmed. 2006;13 Suppl 2:19-29. Epub 2006 Jun 26.

[7] WissHom. Forschungsbericht Homöopathie: Der aktuelle Stand der Forschung zur Homöopathie: Versorgungsforschung, Randomisierte kontrollierte klinische Studien, Meta-Analysen und Grundlagenforschung. Hrsg.: Wissenschaftliche Gesellschaft für Homöopathie (WissHom). Köthen (Anhalt), Mai 2016. 56 Seiten.

[8] De Sombre S. Homöopathische Arzneimittel 2014. Bekanntheit, Verwendung und Image. Ergebnisse einer bevölkerungsrepräsentativen Umfrage. Allensbach: Institut für Demoskopie Allensbach; 2014 [Internet: https://www.bah- bonn.de/index.php?eID=dumpFile&t=f&f=4233&token=8724d36ab6615321300b76f72312 6d5e07d6e21e, zitiert am 07.08.2015]

[9] DHU Pressemitteilung.  August 2018 [Internet: http://httpwww.dhu.n2g32.com/cnyhl59z-nnkgk907-mtyc76jn-qza, zitiert am 12.09.2018]

[10] Gaertner K, Torchetti L, Kundi M, Mittal R, Khurana A, Manchanda RK, Frass M. Literature overview of Controlled clinical studies with Homeopathic Medicines and Interventions. 72nd LMHI-Kongress, 05.-08. September, Kapstadt, Südafrika. Vortrag

[11] Guethlin C, Walach H, Naumann J, et al. Characteristics of cancer patients using homeopathy compared with those in conventional care: a cross-sectional study. Ann Oncol 2010; 21:1094.

[12] Thompson EA, Mathie RT, Baitson ES, et al. Towards standard setting for patient-reported outcomes in the NHS homeopathic hospitals. Homeopathy 2008; 97:114.

[13] Thompson EA, Reilly D. The homeopathic approach to the treatment of symptoms of oestrogen withdrawal in breast cancer patients. A prospective observational study. Homeopathy 2003; 92:131.

[14] Strada EA, Russel KP. Psychological, rehabilitative, and integrative therapies for cancer pain. Abraham J, ed. UpToDate. Savarese, DMF: UpToDate Inc. http://www.uptodate.com [Internet: https://www.uptodate.com/contents/psychological-rehabilitative-and-integrative-therapies-for-cancer-pain?topicRef=14248&source=see_link#H44713537, zitiert am 12. September 2018]

[15] Frass M, Friehs H, Thallinger C, Sohal NK, Marosi C, Muchitsch I, Gaertner K, Gleiss A, Schuster E, Oberbaum M. Influence of adjunctive classical homeopathy on global health status and subjective wellbeing in cancer patients -a pragmatic randomized controlled trial. Complement Ther Med. 2015;23(3):309-317.

[16] Thompson E, Montgomery A, Douglas D, Reilly D. A Pilot, Randomized, Double-Blinded, Placebo-Controlled Trial of Individualized Homeopathy for Symptoms of Estrogen Withdrawal in Breast-Cancer Survivors. J Altern Complement Med. 2005;11(1):13-20.

[17] Balzarini A, Felisi E, Martini A, De Conno F. Efficacy of homeopathic treatment of skin reactions during radiotherapy for breast cancer: a randomised, double-blind clinical trial. Br Homeopath J. 2000;89:8-12.

[18] Schlappack O. Homeopathic treatment of radiation-induced itching in breast cancer patients. A prospective observational study. Homeopathy 2004; 93:210.

[19] Magi T, Kuehni CE, Torchetti L, Wengenroth L, Lüer S, Frei-Erb M. Use of Complementary and Alternative Medicine in Children with Cancer: A Study at a Swiss University Hospital. PLoS One. 2015 Dec 22;10(12):e0145787. doi: 10.1371/journal.pone.0145787. eCollection 2015.

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