Diskutieren statt debattieren: Den kranken Menschen in den Mittelpunkt stellen!

Hartmut Schröder

Die gegenwärtigen Angriffe gegen die Homöopathie, die in der Forderung nach einer Abschaffung der ärztlichen Zusatzbezeichnung gipfelten, sehe ich keineswegs als Beitrag zu einer (durchaus erwünschten und auch notwendigen) kritischen Diskussion zur Homöopathie. Es handelt sich vielmehr um eine Debatte, die vor allem emotional und mit dem Ziel des kompletten Ausschlusses einer traditionellen Richtung der Medizin geführt wird. Diskussion und Debatte unterscheiden sich grundlegend voneinander. Während es in einer Diskussion darum geht, Ansichten und Meinungen auszutauschen sowie eine Übereinstimmung herzustellen, geht es in der Debatte darum, einen vermeintlichen Gegner mit der Macht des Wortes zu schlagen, die eigene Position durchzusetzen und die andere zu vernichten. Die Debatte kennt nur ein entweder-oder – für die Diskussion ist auch ein sowohl-als-auch möglich. Ist die Debatte eher eine Art Gegeneinander, so ist die Diskussion immer ein Miteinander.

Als Sprachwissenschaftler fällt mir in der gegenwärtigen Debatte zur Homöopathie besonders auf, dass es hier keineswegs um die Sache bzw. den Austausch von Meinungen geht. Vielmehr sollten Menschen emotional beeinflusst werden. Dies lässt sich am gewählten Wortschatz und an den benutzten Argumentationsmustern gut erkennen, soll hier aber nicht weiter Gegenstand der Betrachtungen sein. Stattdessen möchte ich ein zentrales Argument aufgreifen, dass in der Debatte eine besonders wichtige Rolle spielt: „Homöopathie als reiner Placebo-Effekt“.

Die Aussage „Homöopathie ist ja nur ein Placebo“ ist als Vorwurf gedacht und soll Globuli in den Bereich der Irrationalität und Pseudowissenschaft verbannen. Dabei wird schlicht übersehen, dass der Placebo in gewisser Weise der am besten erforschte Effekt in der Medizin ist und in keinem Heilprozess fehlt. Bei diesem Effekt geht es auch keineswegs nur um Glauben und Erwartung, sondern es geht um die Wirkmächtigkeit von Sprache und Information in einem bestimmten Kontext. Und hier wird es interessant: bloße Informationen, d.h. etwas Immaterielles ohne jedweden Wirkstoff, können zugleich heilen und schaden.

Dazu ein beeindruckendes Beispiel zum Potenzial von Information, Kommunikation und Sprache als Stimuli für innere Wirkprozesse. In einer renommierten Studie von Silvestri et al. (2003) [1] wurde aufgezeigt, wie durch Information unerwünschte Nebenwirkungen verursacht bzw. durch das Fehlen von Information vermieden werden können. In der Studie geht es um erektile Dysfunktion im Kontext der Einnahme eines Betablockers. Gefragt wird, ob durch Information erektile Dysfunktion erzeugt bzw. verstärkt werden kann. Männliche Patienten, denen ein Betablocker verordnet worden war, wurden in drei Gruppen eingeteilt: Die erste Gruppe erhielt keine Information darüber, dass sie einen Betablocker einnimmt. Die zweite Gruppe bekam die Information, dass ein Betablocker verordnet wurde. Und die dritte Gruppe wurde explizit darüber aufgeklärt, dass das Medikament als unerwünschte Nebenwirkung auch „gelegentlich“ eine Störung der Erektion auslösen kann. Drei Monate später wurde in allen Gruppen die Häufigkeit einer erektilen Dysfunktion per Befragung erhoben. In der ersten Gruppe betrug sie 3,1 Prozent, in der zweiten Gruppe 15,6 Prozent und schließlich in der dritten Gruppe 31,2 Prozent. Eine spätere ähnlich angelegte Studie von Cocco (2009) [2] bestätigte die Ergebnisse der Studie von Silvestri et al. (2003) weitgehend.

Kann man den Teilnehmern dieser Studien, die erektile Dysfunktion entwickelt haben, nun – in tröstender Absicht – mitteilen, dass das alles nur ein Nocebo war? Würde diese Information ihr Problem dann lösen? Vermutlich nicht, denn das „Wirken des vermeintlich Wirkungslosen“ entsteht in einem sehr komplexen Prozess der Interaktion zwischen Arzt und Patient. Prof. Jütte, der Vorstand des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer argumentiert in einer Stellungnahme der Bundesärztekammer zum Thema „Placebo in der Medizin“: „Die Arzt-Patienten-Interaktion ist ganz zentral. Mit seinem Verhalten kann der Arzt ungemein viel erreichen – mit Empathie, Vertrauen und dem therapeutischen Setting. All das muss stimmen, damit der Arzt mit seiner Maßnahme – auch wenn sie noch so evidenzbasiert sein mag – Erfolg haben kann.“ Und weiter: „Es kommt also nicht selten vor, dass eine Maßnahme mit geringerer Evidenz effektiver ist, weil die Umstände besser passen und der Gesamteffekt damit größer wird.“ [3]

So gesehen wäre der Placeboeffekt also unverzichtbarer und wünschenswerter Kern einer jeden Behandlung. Allerdings kann er sich – und das ist die Gefahr in der gegenwärtigen Debatte – in bestimmten Kontexten auch in einen Noceboeffekt verwandeln bzw. neutralisiert werden. Die Ideologie eines Arztes und Berichte in den Medien können zu einem Nocebo-Reiz für Patienten werden. Viele Ärzte der komplementären Medizin machen in dieser Hinsicht die Erfahrung, dass ihre Patienten durch direktes Infragestellen und/oder implizite Verunglimpfung bzw. in milderer Form durch Lächerlichmachen durch zusätzlich konsultierte Schulmediziner zumindest verunsichert werden. Damit können diese Ärzte diesen Patienten schaden, ohne dass dies ihre Absicht ist.

Die gegenwärtigen Angriffe gegen die Homöopathie leisten also nicht nur keinen konstruktiven Beitrag in einer durchaus zu führenden Diskussion zur Homöopathie, sondern sie schaden objektiv all den Patienten, die homöopathisch behandelt werden. Auf diesen Umstand hat vor einigen Jahren in einem Editorial der Münchner Medizinischen Wochenschrift Prof. Füeßl, der damalige Chefredakteur dieser sicher nicht unter Esoterik-Verdacht stehen Fachzeitschrift, hingewiesen. Er schreibt: „Schließlich wird das Befinden eines Patienten und damit die tatsächliche oder empfundene Besserung seiner Beschwerden ganz wesentlich vom Vertrauensverhältnis zu seinem Arzt beeinflusst. Doch dieses ist mit wissenschaftlichen Methoden kaum zu untersuchen, da es von irrationalen Momenten gefördert oder gestört wird. Die Wirkung alternativer Verfahren anzuzweifeln könnte genau dieses Vertrauensverhältnis stören und dadurch per se kontraproduktiv sein.“ [4]

Es ist zutiefst unethisch, wenn auf Grund von unterschiedlichen Ideologien in polemisch geführten Debatten kranke Menschen verunsichert werden, ihnen das Vertrauen genommen wird und letztendlich heilende Placebo-Reize in schadende Nocebo-Reize verwandelt werden. Selbst wenn Homöopathie nicht über einen reinen Placeboeffekt hinausgehen würde, so ist sie dennoch für eine patientengerechte Versorgung von großer Bedeutung. Einen Streit darüber zu führen ist nicht zielführend – in einem pauschalen entweder-oder kann der kranke Mensch nur verlieren. Schul- und Komplementärmedizin können und sollen (durchaus auch in einem Spannungsfeld) miteinander diskutieren, sich aber mit gegenseitigem Respekt und in einer Haltung des sowohl-als-auch begegnen. Das Wissen über den Placebo- und Nocebo-Effekt kann neuen Wind in die Medizin bringen und zu einer Kulturheilkunde erweitern, die spezifische Wirkmittel keineswegs ausschließt, sondern diese durch die sogenannten unspezifischen Wirkmittel bzw. Kontextfaktoren noch wirksamer machen könnte. Eine solche Kulturheilkunde wirkt durch folgende Faktoren:

  • Autonomie, Kompetenz und Selbstwirksamkeit des Patienten;
  • Empathie, Haltung und Intuition des Therapeuten;
  • Passung und Resonanz zwischen Patienten und Therapeuten;
  • sowie durch ein heilendes Umfeld in Gesellschaft, Medien und Politik, das Resilienz und Salutogenese fördert.

Wir brauchen also keine Debatte, wir brauchen eine Diskussion, die den kranken Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Hartmut Schröder ist Inhaber des Lehrstuhls für Sprachgebrauch und Therapeutische Kommunikation an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).

Korrespondenzadresse:

Prof. Dr. Hartmut Schröder

Therapeium – Zentrum für Natur- und Kulturheilkunde

Hohenzollernstr. 12

14163 Berlin

E-Mail: h.schroeder@therapeium.de

Literatur:

[1] Silvestri A, Galetta P, Cerquetani E, Marazzi G, Patrizi R, Fini M, Rosano GM: Report of erectile dysfunction after therapy with beta-blockers is related to patient knowledge of side effects and is reversed by placebo. Eur Heart J. 2003 Nov; 24(21):1928-32.

[2] Cocco G: Erectile dysfunction after therapy with metoprolol: the Hawthorne effect. Cardiology. 2009;112(3):174-7.

[3] Deutsches Ärzteblatt, 19. Juli 2010.

[4] MMW-Online, 3-4/2009

 

 

Spieglein, Spieglein in dem Sand…

Homöopathie und grössere Kosten? Schlechte Daten falsch interpretiert.

Ein paar Anmerkungen zum Artikel „Die Macht der Heiler“, Spiegel Nr. 34 2018

Harald Walach

Regelmässig im Sommerloch geht das Homöopathie-Bashing los, weil man ja sonst nichts Besseres zu berichten hat. So verkündet Frau Hackenbroich wieder einmal im Spiegel: Homöopathie sei die „absurdeste aller Heilmethoden“ und alles sei „ein großer Bluff“. Ich habe Frau Hackenbroich einmal auf dem Podium einer Fachkonferenz der Journalisten in Bremen erlebt. Dort sagte sie: „Die Homöopathie gehört in die Medizingeschichte und meine Aufgabe ist es, sie dorthin zu befördern.“ Das finde ich bedenklich, wenn Journalisten sich zu Vollstreckern der Geschichte machen (wollen), aber das nur am Rande.

 

SPIEGEL 34/2018

Als eine der Argumente zitiert sie dann eine Studie aus dem Online Fachjournal PLoS One (steht für „Public Library of Science“; und ist ein allgemeines Journal mit normalerweise robustem Peer-Review) [1]. Die Studie wurde von Kollegen der Charité durchgeführt anhand eines großen Datensatzes der Technikerkrankenkasse. Dort wurden die Kosten von Menschen mit und ohne integrierter Versorgung „Homöopathie“ verglichen. Es wurde ein sehr aufwändiges Vergleichsverfahren gewählt, bei dem aufgrund von verschiedenen bekannten Variablen eine Person der Vergleichsgruppe – hier: normale Versicherte – mit einer Person der Testgruppe – hier: Versicherte mit Einschreibung in den Homöopathie-Vertrag – verglichen wurde, so dass beide möglichst ähnlich sind. Das Verfahren – technisch: propensity score matching – ist höchst aufwändig und ergibt sehr gute Ergebnisse. Die Voraussetzung: man weiss, was man mit was vergleicht und man hat die wirklich entscheidenden Variablen gefunden, auf Grund derer man den Vergleich anstellt.

Aber schon dem kursorischen Leser fällt beim Lesen dieser Studie auf: Hier wurden nicht Menschen, die Homöopathie wirklich benützt haben mit solchen verglichen, die Homöopathie nicht verwendet haben. Sondern hier wurden diejenigen Menschen verglichen, die ein Zusatzangebot gebuchte hatten, egal ob sie Homöopathie benützt haben oder nicht. Wörtlich heisst es: „For this analysis patients belonged to the homeopathy group if they subscribed to the integrated care contract in 2011 and if they were continuously insured through the TK for the observational period (12 months before and 18 months after subscription to the integrated care contract), regardless of whether they used homeopathy during the study period.“ (S. 2 der Publikation, 2. Satz in “Methods”)

Also, nochmals zum Mitschreiben, liebe Frau Hackenbroich, auf Deutsch: In dieser Analyse gehörten Patienten zur “Homöopathie-Gruppe”, wenn sie im Jahre 2011 einen integrierten Versorgungsvertrag über die zusätzliche Behandlung mt Homöopathie abgeschlossen hatten, völlig unabhängig davon, ob jemand wirklich Homöopathie in Anspruch genommen hat. Und dennoch wird hinfort davon geredet, dass die Benützung von Homöopathie, der Konsum von Homöopathie etc. mehr Kosten verursacht. Solide?

Ich finde es nicht sonderlich erstaunlich, dass Leute, die Homöopathie zusätzlich zur konventionellen Versorung in Anspruch nehmen, mehr Kosten verursachen. Nur: das Extra-Angebot der integrierten Versorgung an Patienten, die einfach mal kurz ausprobieren wollen, wie das mit der Homöopathie ist, aber nebenher noch allerhand andere Dinge machen bildet nicht die reale Situation ab. Die ist vielfach untersucht und sieht eher so aus, dass Menschen dann, wenn ihnen die gewöhnliche Versorung durch ihren Haus- oder Spezialarzt nicht mehr weiterhilft oder zu viele Nebenwirkungen produziertzum homöopathischen Arzt begeben oder manchmal zum Heilpraktiker, und dort nach Linderung Ausschau halten. Es wäre also für eine wirklich gute Untersuchung zwingend nötig, dass man konkret untersucht, wieviele Patienten die Behandlung nun auch wirklich richtig in Anspruch genommen haben, wie lange und ob und wie sich ihr Gesundheitszustand verändert hat. Das ist, soweit aus den bisher publizierten Daten ersichtlich, nicht erfolgt. Aber aus der Folgestudie wissen wir: Nur etwa ein Drittel der Patienten ist dabeigeblieben [2]. Die Studie dürfte also eher die höheren Kosten abbilden, die durch „doctor hopping“ entstehen, und das wundert eigentlich keinen. Sie aber als Beleg für gesteigerte Kosten durch Homöopathie zu verwenden, erscheint mir fragwürdig.

Auf jeden Fall dient diese Studie weder dazu, irgendwas über die Kosten der Homöopathie zu sagen, noch als Argument dafür, wie schlimm die Homöopathie denn nun ist. Sie dient eigentlich zu gar nichts ausser dazu, zu sagen, Menschen, die Zusatzangebote in Anspruch nehmen, erzeugen mehr Kosten. Vielleicht sind sie ängstlicher und gehen häufiger zum Arzt? Vielleicht haben sie mehr chronische Krankheiten oder haben mehr Probleme? Vielleicht nehmen sie mehr verschiedenen Behandlungen in Anspruch?

Da wäre es schon zielführender, die Studie von Baars und Kollegen zu zitieren, die ich auf meiner Homepage vor einer Weile besprochen hatte [2] (https://harald-walach.de/2014/10/14/versicherungen-herhoeren-komplementaermedizin-ist-billiger/). Diese hatte nämlich eine Kohorte über 6 Jahre verfolgt, die wirklich komplementärmedizinisch – homöopathisch und anthroposophisch-medizinisch – versorgt worden ist. Die Versorgung war nicht nur billiger, der Gesundheitszustand war besser. Die Autoren extrapolierten eine Kostenersparnis von 3.2 Milliarden Euro für Holland, wenn sich alle Menschen so behandeln liessen.

Liebes Spieglein: das war in den Sand gesetzt.


Hier noch Beiträge, die diesen Text von anderen Seiten beleuchten

Ein Leserbrief, der im SPIEGEL nicht abgedruckt wurde

Ein Beitrag im Tagesspiegel: Für eine Medizin auf Beweis- und Erfahrungsbasis

Fairplay bitte!

Spieglein, Spieglein an der Wand…

Die Europäischen Wissenschaftsakademien und die Homöopathie


Literatur

[1] Ostermann, J. K., Reinhold, T., & Witt, C. M. (2015). Can additional homeopathic treatment save costs? A retrospective cost-analysis based on 44.500 insured persons. PLoS One, 10(7), e0134657. https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0134657

[2] Ostermann, J. K., Witt, C. M., & Reinhold, T. (2017). A retrospective cost-analysis of additional homeopathic treatment in Germany: Long-term economic outcomes. PLOS ONE, 12(9), e0182897. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0182897

[3] Baars, E. W., & Kooreman, P. (2014). A 6-year comparative economic evaluation of healthcare costs and mortality rates of Dutch patients from conventional and CAM GPs. BMJ Open, 4, e005332. https://bmjopen.bmj.com/content/4/8/e005332

Fairplay bitte!

Ein Plädoyer für unparteiische Berichterstattung und Forschung in der Homöopathie

Einige Gedanken zu aktuellen Berichterstattungen zur Homöopathie und warum Homöopathie in der Kinderonkologie weder gefährlich noch irreführend ist

«To be free is not merely to cast off ones chains, but to live in a way that respects and enhances the freedom of others»  Nelson Mandela

Katharina Gaertner, Universität und Inselspital Bern

Es ist schon verwunderlich, wie viel Misstrauen homöopathischen Arzneimitteln und ihren Anwendern entgegengebracht wird. Kritiker werden nicht müde sich in Wortspielereien oder wiederholten Zitaten von unwissenschaftlichen Artikeln und Falschmeldungen zu ergehen, ohne eigene Untersuchungen anzustellen oder wissenschaftliches Arbeiten zu unterstützen um offene Fragen zu beantworten. So kam es kürzlich wieder zu diversen Anschuldigungen auf universitäre Einrichtungen, welche integrative Konzepte mit unterstützenden, zusätzlich zur konventionellen Therapie eingesetzten, homöopathischen Interventionen verfolgen [1 – 3]. In der Argumentation stützen  sich die Autoren dabei erneut hauptsächlich auf eine sinnlose, indikationsübergreifende und wissenschaftlich höchst fragwürdige [4] Untersuchung des australischen Gesundheitsministeriums [5] und lassen ausser Acht, dass es unzählige gegensätzliche Untersuchungen gibt [e.g. 6, 7].

Wäre es nicht an der Zeit, dem Wunsch der Bevölkerung (auch in Deutschland) [8, 9] nachzukommen und genauer hinzusehen, anstatt sich in Allgemeinplätzen zu verlieren und ein und dasselbe, bereits widerlegte Argument [6, 7], es gäbe keine wissenschaftlichen Beweise wieder und wieder herunterzubeten und als einzigen Beleg dafür ein oder zwei „Expertenmeinungen“ zu zitieren? Wäre es nicht an der Zeit, sich auf ein Fairplay zu einigen, Transparenz für die Bevölkerung zu schaffen und die Universitäten ihre Arbeit machen zu lassen?

Beginnen wir also mit Fairplay von unserer Seite:

Ja, über alle verschiedenen medizinischen Anwendungen homöopathischer Arzneien für die unterschiedlichsten Krankheitsbilder kann keine allgemeine Aussage hinsichtlich der Wirksamkeit getroffen werden. Bei genauerem Hinsehen finden sich jedoch 53 unterschiedliche Indikationen zu denen mindestens zwei kontrollierte Studien vorliegen, welche eine spezifische Intervention mit einer oder mehreren spezifischen homöopathischen Arzneie(n) testen [10]. Zumindest diese Studien sollten für diese spezifischen Fragestellungen hinsichtlich Ihrer Güte näher untersucht werden. Betrachten wir also zum Beispiel die gerade so in Verruf geratene, zusätzlich homöopathische Behandlung in der (Kinder-)onkologie: In der laufend aktualisierten, auf den «Clinical Practice Guidelines» des Institute of Medicine basierenden, online Version für therapeutische Praxisempfehlungen «uptodate» wird hierzu eine Kohortenstudie [11] und zwei unkontrollierte Beobachtungsstudien [12, 13] bezüglich der Symptomkontrolle durch individualisierten homöopathischen Verschreibungen zitiert. Die Autoren sehen damit genügend empirische Grundlage diese Therapie in dem so schwierigen Feld austherapierter Patientinnen als additive Therapie einzusetzen [14]. Dem könnten nach ausführlicher Recherche sogar noch weitere pragmatische randomisiert-kontrollierte Studien mit gutem klinischen Erfolg hinzugefügt werden [15, 16]. Ebenfalls existieren Studien zu homöopathischen Routineverschreibungen, mit positiven Effekten bei der Nebenwirkungskontrolle von Krebspatienten [17, 18]. Nun beziehen sich diese Empfehlungen natürlich auf erwachsene Patientinnen und noch liegt keine Evidenz durch kontrollierte Studien im Bereich der pädiatrischen Krebspatientinnen vor, jedoch zeigen Fallserien und langjährige positive Erfahrung durch Betroffene und Behandelnde [19], dass es längst an der Zeit wäre eine weitere kontrollierte Studie finanziell zu unterstützen. Das wäre dann, nun ja, fairplay eben.

Die angesprochenen Universitäten tragen mit ihrem Angebot zu der Möglichkeit der weiteren Erforschung der subjektiv und objektiv erfolgsversprechenden homöopathischen Therapien bei. Sie handeln damit ganz im Sinne universitärer Grundsätze. Wir können als faire Player in einer demokratischen Gesellschaft natürlich dieser Kakophonie der Hetzer nicht die Meinungsäusserungen verbieten,  jedoch plädiere ich dafür, dass Universitätskrankenhäuser sich nicht durch das Foulplay einiger mächtiger Unwissender beirren lassen und Patienten und Ärzten weiterhin die Möglichkeit und Freiheit lassen, sich nach bestem Wissen und Gewissen, und auf Basis der vorliegenden international anerkannten Empfehlungen [11], für die im Einzelfall als beste erscheinende Therapie entscheiden zu dürfen.

Referenzen

[1] Karberg S & Woratschka R. Heftige Kritik an Berliner Uniklinik: Charité-Webseite enthielt Lob für Homöopathie gegen Krebs [Internet, 22.08.2018: https://www.tagesspiegel.de/politik/heftige-kritik-an-berliner-uniklinik-charite-webseite-enthielt-lob-fuer-homoeopathie-gegen-krebs/22941508.html, zitiert am 12. September 2018].

[2] Feldwisch Drentrup H. Charité in der Kritik: «Homöopathie hat an Uniklinika keinen Platz» [Internet, 06.08.2018: https://medwatch.de/2018/08/06/charite-in-der-kritik-homoeopathie-hat-an-uniklinika-keinen-platz/, zitiert am 12. September 2018].

[3] Winnat C. Münchener Uniklinik wegen Homöopathie in der Kritik [Internet, 20.08.2018: https://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/gesundheitswirtschaft/article/966347/muensteraner-kreis-uniklinik-wegen-homoeopathie-kritik.html, zitiert am 12. September 2018].

[4] Tournier A & Roberts R. Response by the Homeopathy Research Institute to ‘the Australian Report’ NHMRC Information Paper: ‘Evidence on the Effectiveness of Homeopathy for Treating Health Conditions’ National Health and Medical Research Council, März 2015.[Pressemitteilung]. Homeopathy Research Institute, 2016. [Internet: https://www.hri-research.org/wp-content/uploads/2016/02/HRI-Response-to-NHMRC-Information-Paper.pdf, zitiert am 15. August 2018].

[5] Council AHaMR. NHMRC Information Paper: Evidence on the effectiveness of homeopathy for treating health conditions. National Health and Medical Research Council; 2015. [Internet: www.nhmrc.gov.au/guidelines-publications/cam02, zitiert am 15. August 2018].

[6] Bornhöft G, Wolf U, von Ammon K, Righetti M, Maxion-Bergemann S, Baumgartner S, Thurneysen AE, Matthiessen PF. Effectiveness, safety and cost-effectiveness of homeopathy in general practice – summarized health technology assessment. Forsch Komplementmed. 2006;13 Suppl 2:19-29. Epub 2006 Jun 26.

[7] WissHom. Forschungsbericht Homöopathie: Der aktuelle Stand der Forschung zur Homöopathie: Versorgungsforschung, Randomisierte kontrollierte klinische Studien, Meta-Analysen und Grundlagenforschung. Hrsg.: Wissenschaftliche Gesellschaft für Homöopathie (WissHom). Köthen (Anhalt), Mai 2016. 56 Seiten.

[8] De Sombre S. Homöopathische Arzneimittel 2014. Bekanntheit, Verwendung und Image. Ergebnisse einer bevölkerungsrepräsentativen Umfrage. Allensbach: Institut für Demoskopie Allensbach; 2014 [Internet: https://www.bah- bonn.de/index.php?eID=dumpFile&t=f&f=4233&token=8724d36ab6615321300b76f72312 6d5e07d6e21e, zitiert am 07.08.2015]

[9] DHU Pressemitteilung.  August 2018 [Internet: http://httpwww.dhu.n2g32.com/cnyhl59z-nnkgk907-mtyc76jn-qza, zitiert am 12.09.2018]

[10] Gaertner K, Torchetti L, Kundi M, Mittal R, Khurana A, Manchanda RK, Frass M. Literature overview of Controlled clinical studies with Homeopathic Medicines and Interventions. 72nd LMHI-Kongress, 05.-08. September, Kapstadt, Südafrika. Vortrag

[11] Guethlin C, Walach H, Naumann J, et al. Characteristics of cancer patients using homeopathy compared with those in conventional care: a cross-sectional study. Ann Oncol 2010; 21:1094.

[12] Thompson EA, Mathie RT, Baitson ES, et al. Towards standard setting for patient-reported outcomes in the NHS homeopathic hospitals. Homeopathy 2008; 97:114.

[13] Thompson EA, Reilly D. The homeopathic approach to the treatment of symptoms of oestrogen withdrawal in breast cancer patients. A prospective observational study. Homeopathy 2003; 92:131.

[14] Strada EA, Russel KP. Psychological, rehabilitative, and integrative therapies for cancer pain. Abraham J, ed. UpToDate. Savarese, DMF: UpToDate Inc. http://www.uptodate.com [Internet: https://www.uptodate.com/contents/psychological-rehabilitative-and-integrative-therapies-for-cancer-pain?topicRef=14248&source=see_link#H44713537, zitiert am 12. September 2018]

[15] Frass M, Friehs H, Thallinger C, Sohal NK, Marosi C, Muchitsch I, Gaertner K, Gleiss A, Schuster E, Oberbaum M. Influence of adjunctive classical homeopathy on global health status and subjective wellbeing in cancer patients -a pragmatic randomized controlled trial. Complement Ther Med. 2015;23(3):309-317.

[16] Thompson E, Montgomery A, Douglas D, Reilly D. A Pilot, Randomized, Double-Blinded, Placebo-Controlled Trial of Individualized Homeopathy for Symptoms of Estrogen Withdrawal in Breast-Cancer Survivors. J Altern Complement Med. 2005;11(1):13-20.

[17] Balzarini A, Felisi E, Martini A, De Conno F. Efficacy of homeopathic treatment of skin reactions during radiotherapy for breast cancer: a randomised, double-blind clinical trial. Br Homeopath J. 2000;89:8-12.

[18] Schlappack O. Homeopathic treatment of radiation-induced itching in breast cancer patients. A prospective observational study. Homeopathy 2004; 93:210.

[19] Magi T, Kuehni CE, Torchetti L, Wengenroth L, Lüer S, Frei-Erb M. Use of Complementary and Alternative Medicine in Children with Cancer: A Study at a Swiss University Hospital. PLoS One. 2015 Dec 22;10(12):e0145787. doi: 10.1371/journal.pone.0145787. eCollection 2015.

Die Deutschen wollen Homöopathie

Ergebnisse einer repräsentativen Befragung

Harald Walach

Die Deutsche Homöopathie Union ist Deutschlands größter Hersteller homöopathischer Arzneimittel. Sie hat eine repräsentative Umfrage durchführen lassen, die die Einstellungen und Erfahrungen der Deutschen zur Homöopathie erfassen sollte. Klugerweise wurde eine Firma beauftragt, die solche Studien professionel in ihrem Portfolio hat. Die Firma Kantar TNS beschreibt sich so: Sie sei „eines der renommiertesten Institute für Marktforschung sowie Politik- und Sozialforschung in Deutschland. … In der politik- und sozial­wissenschaftlichen Forschung haben wir mit Großprojekten zur sozialen Sicherheit und öffentlichen Gesundheit immer wieder Wissenschaftsgeschichte geschrieben. Besonders in der Bildungs- und Arbeits­marktforschung, in der Familien- und Seniorenforschung oder in der Gesundheits­vorsorge.” Profis also.

Diese Profis haben nun eine repräsentative Befragung der Deutschen durchgeführt und 1050 Deutsche im Alter zwischen 16 und 64 Jahren befragt. Die Pressemeldung und die Kurzdarstellung der Befunde gibt es hier:

PressemeldungGrafiken

Kurz gefasst zeigen die Daten, was wir seit den ersten Allensbach-Befragungen aus den 60er Jahren wissen: Die Deutschen mögen ihre Homöopathie, sie haben gute Erfahrungen damit und befürworten ein friedliches Nebeneinander von konventioneller und komplementärer Medizin in der Allgemein-versorgung und Forschung. Ganz kurz: Die Bürger sind weniger leicht ins Bockshorn zu jagen als man denkt. Gottseidank, könnte man dazusagen, in Zeiten von Fake-News, Social-Media Propaganda und was es sonst so alles an Verballhornungen gibt.

75% der Befragten befürworten nämlich das Miteinander von Schulmedizin und komplementärer Medizin wie Homöopathie und Naturheilverfahren. Das kommt nicht von ungefähr. Denn 56% haben Erfahrung mit homöopathischen Arzneimitteln aus eigener Hand, meistens bei Erkältungskrank-heiten. 80% wollen mitentscheiden, welche Arzneimittel in ihrem Fall verwendet werden, und 60% wollen in der Apotheke wählen können, wollen, dass ihr Hausarzt zwischen diesen Möglichkeiten auswählen kann und dass die Kasse dies erstattet. 72% lehnen ein Verbot von Medikamenten der Homöopathie und Naturheilkunde ab.

Es wäre nun schön, wenn diese Befragung zur Gänze publiziert wird, idealerweise in einer peer-reviewten Zeitschrift.

Die Daten zeigen aus meiner Sicht: Menschen machen ihre Erfahrungen mit und im Gesundheitssytem. Wer seine Kinder zum xten Mal mit einer kurzfristig wirksamen Antibiotikabehandlung bei Ohrenentzündung behandelt sieht und erlebt wie jeder Rückfall schneller kommt und anschließend durch eine homöopathische Kur Ruhe einkehrt, der hat eben seine Erfahrung gemacht. Dem ist es anschließend egal, ob ihm hundert Skeptiker klarmachen wollen, das sei nur ein Placebo-Effekt gewesen, wohingegen Antibiotika wirklich gegen Erreger wirken. Tun sie auch; das Problem ist aber, dass sie noch verschiedene andere Wirkungen haben, die wir nicht wollen, z.B. dass sie das Mikrobiom angreifen, unsere schützende und nährende Schicht aus Darmbakterien; dass sie Resistenzen fördern; und dass sie langfristig die Abwehrkraft eben nicht stabilisieren.

Dies zeigt aus meiner Sicht: es gibt disparate Welten. Die Welt der klinischen Forschung, die sich allzusehr, technisch gesprochen, auf interne Validität verlegt, also die methodische Gültigkeit der Ergebnisse, aber sich wenig um die externe Validität kümmert, also die Brauchbarkeit der Ergebnisse. Das habe ich verschiedentlich diskutiert [1-3]. Dies führt dazu, dass wir viel gültiges Wissen über in der Praxis wenig brauchbare Praktiken haben und dass in der Praxis hilfreiche Dinge entweder nicht oder schlecht beforscht sind oder so, dass die Ergebnisse nicht für die Praxis relevant sind.

Jetzt wurde die Welt der Bürger sichtbar, wie sie sich in ihrer persönlichen Erfahrung darstellen. Wer dazu beitragen will, kann sich beteiligen. Unter #MachAuchDuMit kann sich jeder mit seinen eigenen Geschichten in den sozialen Medien melden oder seine Geschichte an die DHU direkt schicken (dhu@homoeopathie-natuerlich.de). Ich gehe davon aus, dass auch die Geschichten über die vielen schrecklichen Fehlgriffe homöopathischer Ärzte und Praktiker dort ebenso Platz haben, liebe Skeptiker, wie die Heilungsgeschichten. Dann wird sich ja zeigen, welche Wahrnehmungsverzerrung die grössere ist.

[1] Walach, H., Falkenberg, T., Fonnebo, V., Lewith, G., & Jonas, W. (2006). Circular instead of hierarchical – Methodological principles for the evaluation of complex interventions. BMC Medical Research Methodology, 6(29). https://bmcmedresmethodol.biomedcentral.com/articles/10.1186/1471-2288-6-29

[2] Walach, H., & Loef, M. (2015). Using a matrix-analytical approach to synthesizing evidence solved incompatibility problem in the hierarchy of evidence. Journal of Clinical Epidemiology, 68, 1251-1260. https://www.jclinepi.com/article/S0895-4356(15)00321-2/abstract

[3] Klement, R. J., Bandyopadhyay, P. S., Champ, C. E., & Walach, H. (2018). Application of Bayesian evidence synthesis to modelling the effect of ketogenic therapy on survival of high grade glioma patients. Theoretical Biology and Medical Modelling, 15(12). https://tbiomed.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12976-018-0084-y

 

Alles Zufall?

Die Nachfrage nach Homöopathie und diverse Anti-Homöopathie-Aktionen

Harald Walach

Im Jahr 2015 erschien ein Marktforschungsbericht der Firma „Transparency Market Research“ in den USA. Der sagt einen Anstieg des Marktvolumens von knapp 400 Millionen USD im Jahr 2014 auf 17 Milliarden USD weltweit 10 Jahre später im Jahre 2024 voraus. Das scheint aus heutiger Perspektive mächtig überzogen. Könnte es sein, dass der Bericht manchen Strategen zu denken gegeben hat? Könnte es sein, dass wir die ab den Jahren 2014/15 in Deutschland und davor schon anderswo laufenden Kampagnen gegen die Komplementärmedizin im allgemeinen und gegen die Homöopathie im speziellen auf diesem Hintergrund betrachten sollten? Wer so etwas sagt, wird rasch einmal als „Verschwörungstheoretiker“ tituliert. Damit wird dann das endgültige Denk- und Redeverbot besiegelt. Aber vielleicht lohnt es sich, nachzudenken? Oder wahrscheinlicher: Es ist alles Zufall?

Vor Kurzem veröffentlichte die Webseite des European Committee on Homeopathy (ECH) (homeopathyeurope.org/global-demand-homeopathy-forecast-surge) eine Notiz über einen Marktforschungsbericht, der von der US Firma „Transparency Market Research“ stammt. Man kann sich ein Sample frei bestellen (www.transparencymarketresearch.com/sample/sample.php?flag=S&rep_id=16460), das die Kernaussagen des Berichts ohne die zentralen Zahlen enthält. Wenn man ihn bestellen will, erhält man eine freundliche Email folgenden Inhalts:

Thank you for showing the interest in our research report titled “Homeopathy Product Market (Product Type – Tincture, Dilutions, Biochemics, Ointments, and Tablets; Application – Analgesic and Antipyretic, Respiratory, Neurology, Immunology, Gastroenterology, and Dermatology; Source – Plants, Animals, and Minerals) – Global Industry Analysis, Size, Share, Growth, Trends, and Forecast 2016 – 2024.

Please find the attached sample pages of the report for your perusal. The listed price of the report is US$ 5795. However, as a first time business engagement we would be glad to reserve a flat discounted price of US$2500.

Auf gut Deutsch: Das ist ein richtig teurer (und vermutlich auch solid gemachter) Bericht mit einer Marktvorhersage aufgrund gegenwärtiger Daten und vergangener Trends. Da ich die Kleinigkeit von 2.500 USD nicht frei zur Verfügung habe, konnte ich mir die Details nicht ansehen. Aber so viel habe ich aus den zur Verfügung gestellten Beispielseiten und der Webseite des ECH entnommen: Der Bericht sagt einen weltweiten Anstieg des Marktanteils der Homöopathie von knapp 400 Millionen USD 2014 auf 17 Milliarden in 10 Jahren, also 2024 vorher, einen Anstieg um das Vierzigfache also. Dieser Anstieg sei getrieben durch die Nachfrage in den Kernländern Europas (wo ja auch einige der wichtigsten Hersteller ihre Basis haben und die traditionelle Kenntnis und Publikumsinteresse groß sind), aber würde vor allem durch Nachfrage in anderen Ländern, Asien, Südamerika vorangebracht werden.

Umsatzsteigerung um das Vierzigfache?

Einmal kurz innehalten und durchatmen: Anstieg der Wirtschaftsleistung (und damit des Umsatzes und des Reingewinnes) um den Faktor 41,5 oder 4.150%? Kann mir jemand einen Wirtschaftszweig nennen, außer der Hunger- und Kriegshilfe, für den das realistisch erscheint? Ja, gut möglich, dass auch dieser Bericht falsch ist. Aber wichtig sind ja nicht die Fakten, wie wir seit Trumps Tweets wissen, sondern was die Nachrichten darüber auslösen. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass es sich eine US Marktforschungsfirma leisten kann, für einen vierstelligen Betrag einen Bericht zu verhökern, der nicht auf solider Basis steht. Die vergangenen Daten liegen ja vor; Modelle zur Vorausberechnung gibt es mittlerweile auch. Wie pflegte Orwell zu sagen? Wer die Gegenwart und die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert auch die Zukunft. Der Punkt ist: die Vergangenheit kann man nicht mehr ändern, außer in einer systemischen Psychotherapie, wo es noch nie zu spät war für eine glückliche Kindheit. Aber die Voraussage der Zukunft ist notorisch fehlerbehaftet.

Wenn man jüngsten wissenschaftlichen Daten glauben darf, dann ist die Nachfrage nach Naturheilkunde zwar nicht zurückgegangen, hat aber auf jeden Fall ein Plateau erreicht. Neulich habe ich mich mit einer homöopathischen Ärztin unterhalten, die mir sagte, sie hätten Schwierigkeiten, junge Kollegen für eine Weiterbildung zu gewinnen. Das Interesse an der Homöopathie flaue ab. Daten, die Klaus Linde und seine Gruppe vor kurzem publiziert haben, zeigen bereits einen abflachenden Trend [1]; allerdings zeigen bei einer Befragung von Medizinstudierenden (220 aus Homöopathiekursen an Kliniken) diese immer noch Interesse, weil sie der Meinung sind, der konventionellen Versorgung fehle es an ganzheitlicher Perspektive und weil sie persönlich gute Erfahrungen haben [2]. Unter der Hand hört man, dass manche sich doch besorgt zeigen, wegen der anhaltenden Kampagne gegen die Homöopathie, die vor allem auf der politischen Bühne (www.homöopathie-forschung.info/easac), aber auch im Internet und in den öffentlichen Medien ausgetragen wird. Da erhebt sich doch die Frage: Könnte es sein, dass diese beiden Themenblöcke miteinander zu tun haben? Könnte es sein, dass die Kampagne befeuert wurde, gerade weil der Homöopathie von Wirtschaftsforschungskreisen ein drastischer Zuwachs an Marktanteilen vorausgesagt wurde? (Wir wollen allerdings auf dem Boden bleiben: selbst wenn das stimmen würde, wäre der Gesamtanteil sicher nicht grösser als vielleicht 1-2%, aber immerhin.)

Meine Erfahrungen in England

Das wird nicht nachweisbar und auch nicht entscheidbar sein, aber einmal kritisch um die Ecke denken wird ja noch erlaubt sein, ohne dass man gleich zum Verschwörungstheoretiker avanciert, oder? Mich erinnert das an etwas, das ich erlebt habe, als ich 2005 für 5 Jahre nach England ging. Damals war in Deutschland noch allgemeine öffentliche Freude über die Forschung und die Daten zur Komplementärmedizin die Regel. Ich erinnere: Die Erprobungsverfahren der kleinen Krankenkassen waren abgeschlossen – wir haben das Verfahren der IKK evaluiert und festgestellt, dass Homöopathie und Akupunktur in der niedergelassenen Praxis bei Patienten, die mit chronischen Belastungen kamen, durchaus respektable Effekte erzeugt [3]. Die Erprobungsverfahren der großen Kassen waren gerade angelaufen, die am Ende zur Integration der Akupunktur in die Regelversorgung führten. Damals erzeugten deutsche Arbeitsgruppen aufgrund der Erprobungsverfahren die größten Datensätze, die in der Akupunkturforschung jemals erzeugt wurden, so dass eine große Meta-Analyse zweifelsfrei zeigen konnte, dass Akupunktur besser wirkt, als ein Placebo und auf jeden Fall besser ist als Nichtstun und meistens sogar besser als Standardtherapie [4]. Damit war die Akupunktur aus der Schmuddelecke herausgetreten.

In dieser Zeit also, als in Deutschland die Komplementärmedizin und ihre Beforschung en vogue war, öffentlich beachtet und belobigt wurde, ging ich nach England. Und was stellte ich fest? Hier war eine heftige Kampagne gegen die Komplementärmedizin im Gange, die mich sehr verwunderte, war doch England das Land, in dem es viele Studiengänge und einige Universitätsabteilungen dazu gab, wo die Königin sich immer noch einen homöopathischen Leibarzt hält, wo es – damals – drei homöopathische Krankenhäuser gab, usw. Ich fasse meine damaligen Einsichten und Erfahrungen knapp zusammen, die ich auch ausführlicher beschrieben habe [5; dort auch ausführlichere Daten und Belege]:

Das Muster

Das Muster, das ich beobachtet habe, war folgendes. Es tauchte eine für die konventionelle Behandlung ungünstige Meldung in der Presse auf. Es dauerte keine Woche, meistens vergingen ca. 3-5 Tage, dann kamen, ebenfalls in der Presse, meistens etwas prominenter, Kritiker der Komplementärmedizin zu Wort, die auf Seite 2, 3 oder 4 ausführlich darüber schrieben, wie unwissenschaftlich Komplementärmedizin, Homöopathie zumal, sei. Oder dass Universitäten doch bitteschön nicht dermaßen unwissenschaftliches Zeug wie Akupunktur und manuelle Therapie unterrichten sollten, von Homöopathie ganz zu schweigen. Die Reihenfolge war in etwa: Zwei in unmittelbarer Nachbarschaft erscheinende Meta-Analysen zerlegten den Mythos von der Wirksamkeit der Antidepressiva; kurz darauf die ersten Meldungen über Unwirksamkeit der Komplementärmedizin. Das englische NICE (damals National Institute for Clinical Excellence, eine Art unabhängiger Health Technology Assessment Behörde, an dessen Beispiel entlang das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWiG in Deutschland entwickelt wurde) gab eine neue Richtlinie zur Rückenschmerzbehandlung heraus. Darin stand: Bei chronischen Rückenschmerzen bitte keine Medikamente und keine Routine-Röntgenuntersuchungen oder Bildgebungen sondern (in dieser Reihenfolge): Bewegung, Manipulation, Akupunktur, Massage (all das wurde damals und wird von manchen aus dem universitären Bereich noch heute als „Komplementärmedizin“ gehandelt). Ein paar Tage später folgte eine Aktion der englischen Skeptikercommunity, in der Universitäten zur Herausgabe ihrer Validierungsakten zu Komplementärmedizin-Studiengängen aufgefordert wurden (auf nicht autorisierten Briefköpfen des National Health Service, wie mir ein Freund und Kollege erzählte). NICE entschied, neue Antidemenzmedikamente nicht zuzulassen; ein vernünftiger Schritt, wie sich herausstellte, da die Medikamente viel kosten, wenig wirken und starke Nebenwirkungen haben. Ein neuer Aufschrei in der Presse: Den armen Patienten würden wirksame Substanzen vorenthalten, aber die Quacksalberkügelchen würden nicht verboten, usw.

Ich könnte die Beispiele weiterführen. Aber diese mögen genügen um zu zeigen: Wenn ich nicht ganz blind bin, dann gibt es einen deutlichen zeitlichen Zusammenhang zwischen schlechten Nachrichten für Big Pharma und konventionelle Behandlungsmodalitäten und dem Beginn von öffentlichen Kampagnen gegen die Komplementärmedizin als Ganzes oder Teile wie Homöopathie, Akupunktur oder Manuelle Therapie. Alles Zufall? Klar. Was sonst. Alles andere wäre Verschwörungstheorie. Das tun nur Verrückte und solche, die Zusammenhänge überbewerten. Kann man ja in jeder Analyse der diversen Skepitkervereine weltweit nachlesen.

Also: bitte nicht überbewerten. 2014 sagt ein renommiertes Marktforschungsinstitut den Anstieg des Marktanteils von Homöopathika um 4.150% in 10 Jahren weltweit voraus. Ca. um die gleiche Zeit beginnt zufällig eine Kampagne gegen die Homöopathie. Kurz danach schließen sich internationale skeptische Wissenschaftler, die rein zufällig viel Förderung von der pharmazeutischen Industrie kriegen, zusammen und kommen mal so ganz nebenbei auf die Idee, man müsse die Homöopathie im öffentlichem Rahmen abkanzeln, einfach im Dienst der Erkenntnis, was sonst. Und ebenfalls rein zufällig startet in Deutschland eine Kampagne gegen die Homöopathie. Und ganz zufällig folgt das Muster einem ebenfalls zufälligen Muster, das man die letzten 7 oder so Jahre in England und im Übrigen auch in den USA beobachten konnte.

Aber bitte, es ist wirklich alles, alles Zufall auf der Welt. Auch die Entstehung der Welt. Auch das Werden und Vergehen von großen und kleinen und mittelkleinen Koalitionen, Pharmafirmen und anderen Interessensgruppen, von Skeptikerbewegungen und natürlich auch von Informationsplattformen zur Homöopathie. Willkommen in der postmodernen Zeit der reinen Zufälligkeit und Beliebigkeit. Das einzige was nicht beliebig scheint, und das macht sie wahrscheinlich zum Ziel des Zorns, ist die Homöopathie. Denn da darf man seine Kügelchen nicht zufällig auswählen, sondern muss sich an die Regeln halten. Sonst funktioniert sie nicht. Aber wenn sie funktioniert, dann ist es eben wieder reiner Zufall oder Sinnestäuschung. Auch gut.

Literatur

[1] Linde, K., Alscher, A., Friedrichs, C., Joos, S., & Schneider, A. (2014). Die Verwendung von Naturheilverfahren, komplementären und alternativen Therapien in Deutschland – eine systematische Übersicht bundesweiter Erhebungen. Forschende Komplementärmedizin, 21, 111-118. https://www.karger.com/Article/Abstract/360917

[2] Jocham, A., Berberat, P. O., Schneider, A., & Linde, K. (2017). Why Do Students Engage in Elective Courses on Acupuncture and Homeopathy at Medical School? A Survey. Complementary Medicine Research, 24(5), 295-301. https://www.karger.com/Article/Abstract/468539

[3] Güthlin, C., Lange, O., & Walach, H. (2004). Measuring the effects of acupuncture and homoeopathy in general practice: An uncontrolled prospective documentation approach. BMC Public Health, 4(6). https://bmcpublichealth.biomedcentral.com/articles/10.1186/1471-2458-4-6

[4] Vickers, A. J., Cronin, A. M., Maschino, A. C., Lewith, G. L., MacPherson, H., Foster, N. E., et al. (2012). Acupuncture for chronic pain: Individual patient data meta-analysis. Archives of Internal Medicine, 172, 1444-1453. doi:10.1001/archinternmed.2012.3654

[5] Walach, H. (2009). The campaign against CAM – a reason to be proud. Journal of Holistic Health Care, 6(1), 8-13.

Walach, H. (2009). The campaign against CAM and the notion of „evidence-based“. Journal of Alternative & Complementary Medicine, 10, 1139-1142. http://online.liebertpub.com/doi/abs/10.1089/acm.2009.0423