Die populärsten Irrtümer über die Homöopathie

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– und die konventionelle Medizin

Zusammenfassung und Abschluß: Der Status der Homöopathie und die derzeitige Kampagne

Harald Walach

In dieser Serie haben wir die wichtigsten Irrtümer über die Homöopathie und am Rande auch einige über die konventionelle Medizin aufgeklärt. Damit kommt diese kleine Reihe vorläufig zum Abschluß.

Homöopathie verwendet ein altes und bewährtes Therapiekonzept. Das Ähnlichkeitsprinzip ist ein therapeutisches Prinzip, das auch in der konventionellen Medizin angewandt wird. Die Homöopathie hat eine Methode gefunden, es nutzbar zu machen, nämlich durch die Arzneimittelprüfung am Gesunden. Diese hilft dabei, die Arzneimittelbilder zu erzeugen. Das Potenzierungsprinzip ermöglicht es, auch giftige oder chemisch träge Stoffe durch eine Art der Erschließung nutzbar zu machen, die wir noch nicht verstanden haben. Dass höhere Potenzen bei guter Passung der Arzneimittelbilder besonders gut zu wirken scheinen ist ein Paradox, das die Homöopathie rein empirisch entdeckt hat und für das wir keine Erklärung haben. Aber das macht die Homöopathie nicht zu einer Absurdität, wie die Kritiker meinen, sondern zu einer wissenschaftlichen Anomalie. Die Konsequenz sollte sein: jetzt erst recht versuchen zu verstehen, was da passiert. Für die Praxis heisst das: Homöopathie erzeugt offenbar gerade mit den hohen Potenzen Effekte. Das belegen nicht nur klinische, sondern auch Grundlagenforschungsstudien. Dass hier die Datenlage zwar nicht eindeutig, aber doch deutlich positiv ist, zeigen eine ganze Reihe von Meta-Analysen und Überblicksarbeiten. Natürlich, man kann sie alle ignorieren und, wie manche, nur 5% der Daten zur Bewertung heranziehen und dann zur oft gehörten, aber deswegen nicht weniger falschen Ansicht kommen, es gäbe keine wissenschaftlichen Belege. Diese Aussage ist nachweisbar falsch. Ihre Wiederholung hat nichts mit Aufklärung zu tun, sondern ist reine Propaganda über deren Motivation wir anschließend noch ein bisschen spekulieren wollen. Dass die Datenlage zu Homöopathie zwar positiv, aber nicht eindeutig ist, hat sie mit der konventionellen Medizin gemeinsam. Legt man auch bei der konventionellen Medizin strenge Massstäbe an, so ist nur der geringste Teil aller standardmäßigen Anwendungen wirklich gut belegt, und sehr beliebte Massnahmen sind weniger gut untersucht, als man das gerne hätte. Fast die gesamte Chirurgie beruht, ähnlich wie die Homöopathie, auf Empirie, auf Erfahrungswissen. Viele kardiologische Interventionen, z.B., sind noch nie in einer verblindeten randomisierten Studie evaluiert worden [1]. Im Fall der Chirurgie kommt unterstützend hinzu, dass wir dort auch noch ein paar mechanistische Argumente haben. Aber diese sind, wie so manche Studie gezeigt hat, nicht immer richtig [2]. Sollte man daher die ganze Chirurgie zum Fenster hinauswerfen? Ich glaube, es ist nützlich, wenn man, wie jeder klinische Praktiker das tut [3], unterschiedliche Typen von Daten heranzieht, um sich ein Bild über ein Fachgebiet zu machen. Klinische Studien gehören sicher dazu, aber auch andere Informationen, z.B. unmittelbare Erfahrungen, langfristige Beobachtungsstudien, Fallsammlungen und Fallbeschreibungen von Heilungen bei Einzelfällen mit schlechter Prognose [z.B. 4]. Gerade solche Fälle füllen die homöopathische Materia Medica seit es Homöopathie gibt und sie haben u.a. zur Verbreitung der Homöopathie beigetragen. Natürlich könnte man da sagen: alles Placebo-Effekte. Möglicherweise ist die Homöopathie ja wirkliche eine extrem kluge Art und Weise, Selbstheilungseffekte hervorzurufen. Das wäre es nämlich, was man unter dem Begriff „Placebo-Effekt“ verstehen müsste: Effekte der Selbstheilung [5]. Und vielleicht würde eine sorgfältige Untersuchung der Homöopathie ja dazu beitragen, diese besser zu verstehen und nutzbar machen zu können.

Die empirische Befundlage zur Homöopathie ist also nicht sehr viel anders als die in der konventionellen Medizin; darauf haben verschiedene Autoren immer wieder hingewiesen [6]. Der Unterschied besteht darin, dass wir für die konventionelle Medizin ein akzeptiertes theoretisches Narrativ haben: das Maschinenmodell vom menschlichen Organismus, das vermeintlich so manches erklärt. Dass dies sehr häufig auf Abstraktionen und auch falschen Konstruktionen beruht, steht auf einem anderen Blatt, das wir jetzt nicht umdrehen wollen. Im Gegensatz dazu haben wir zur Homöopathie kein brauchbares theoretisches Narrativ, das erklären könnte, wie Homöopathie wirkt. Alles was es gibt sind Spekulationen. Das ist wichtig zu wissen und anzuerkennen. Das bedeutet aber nicht, dass Homöopathie deswegen stümperhaft ist und nicht funktioniert. Es bedeutet: Wir haben keine Ahnung, wie wir diese emprischen Befunde und die klinischen Erfolge der Homöopathie verstehen können und in den Gesamtbestand des wissenschaftlichen Wissens einordnen sollen. Da würden auch ehrliche Homöopathiebefürworter und ich selber allen Kritikern zustimmen. Ein etwas gesteltzer Begriff für diesen Sachverhalt ist: die Homöopathie ist eine wissenschaftliche Anomalie. Wissenschaftliche Anomalien sollten, das zeigt die wissenschaftshistorische und wissenschaftstheoretische Diskussion und der gesunde Menschenverstand, untersucht und ernstgenommen werden, nicht ausgegrenzt. Ich persönlich bin der Meinung, dass dies komplexer ist, als viele denken, weil aus meiner Sicht die empirische Signatur der Homöopathie darauf hinweist, dass wir es mit einer Klasse von Phänomenen zu tun haben, die sich nicht ins gängige Schema der klassischen Effekte von Ursache-Wirkung einordnen lassen.

Wolfgang Pauli, einer der Begründer der Quantenmechanik, und Carl Gustav Jung, einer der Gründerväter der Tiefenpsychologie, haben in ihrem Dialog eine neue Klasse von Phänomenen regelhafter, aber nicht-kausaler Beziehung gefordert, die sie mit dem etwas unglücklichen Namen „Synchronizität“ belegt haben [7]. Damit meinten sie regelhafte Beziehungen, die nicht durch Ursache-Wirkung zustande kommen, sondern durch Sinnentsprechung und die zwar regelhaft, aber nicht kausal vermittelt sind, also durch Austausch von Energie und Signalübertragung. Sie haben damit aus meiner Sicht einen weitsichtigen Schritt getan, der noch wenig verstanden ist. Möglicherweise gibt es ja eine solche Art der regelhaften Bezogenheit, die dennoch nicht klassisch-kausaler Natur ist. Homöopathie wäre dann möglicherweise, neben anderen Phänomenen, ein Beispiel dafür.

Daraus die Unwissenschaftlichkeit der Homöopathie konstruieren zu wollen, wie das die Homöopathiekritik tut, ist wissenschaftshistorisch schlecht informiert und sachlich falsch. Daraus lässt sich allenfalls konstruieren, dass die Homöopathie mit den gängigen Modellen von wissenschaftlicher Regelhaftigkeit nur schwer verstehbar ist. Das würde, glaube ich, nur schwer bestreitbar sein. Aber das heisst noch lange nicht, dass Homöopathie unwissenschaftlich ist. Eine Definition von Wissenschaftlichkeit, so haben wir gesehen, aus dem Horizont dessen heraus, was wir derzeit wissen, war schon immer die Methode der ewig Gestrigen, die sich jedem Fortschritt und jeder Neuerung verschlossen haben. Das klassische Argument einer solchen Haltung ist: Es ist unmöglich, weil … [setzen Sie alle möglichen derzeitigen Wissensbestände ein]. Und der Beweis, dass es doch möglich ist, hat noch in beinahe jedem Fall unser Wissen und unsere Handlungsmöglichkeit bereichert. Eisenbahnen sind möglich geworden und haben uns nicht geschadet. Flugzeuge sind möglich geworden, staubsaugende und rasenmähende Roboter und weiss der Geier was sonst noch alles, von dem man zuvor sagte, es sei unmöglich.

Damit sind wir auch bei des Pudels Kern angelangt:

Die Homöopathie ist in zweierlei Hinsicht ein Stein des Anstoßes und darum wird sie so heftig bekämpft. Zum einen widersteht sie der Analyse des mechanistisch-materialistischen Mainstream-Paradigmas und ist daher ein theoretisches Ärgernis, das bekämpft werden muss. Zum anderen ist Homöopathie pragmatisch-klinische erfolgreich und würde, wenn breiter verwendet und allgemein akzeptiert, so manche derzeit gängige Methode der Therapie wenn nicht überflüssig machen, so doch deutlich in ihrer Beliebtheit einschränken. Das ist ein Wirtschaftsfaktor, der den meisten im Gesundheitswesen tätigen Akteuren nicht angenehm ist. Denn alle Akteure verdienen damit, dass sich nichts ändert.

Es gibt derzeit eine extrem aggressive Kampagne gegen die Homöopathie, die ich seit mindestens 2006 beobachte. Sie ging los, als sich in der wissenschaftlichen Literatur die Erkenntnis durchzusetzen begann, dass manche vielversprechenden pharmakologischen Mainstreaminterventionen weniger wirksam sind, als man dachte und verschiedene Hoffnungsträger der pharmakologischen Industrie sich als nicht tragfähig erwiesen, wie etwa eine ganze Palette von Antidementiva [8]. Sie dürfte damit vergesellschaftet sein, dass wirtschaftliche Vorhersagen der Homöopathie eine drastische Nachfragesteierung prophezeit haben [s. Beitrag zu dem EASAC-Statement]. Aber vielleicht ist ja die theoretisch-ideologische Motivation sogar nocht stärker: Die Homöopathie fordert das herrschende Mainstream-Paradigma heraus, das implizit behauptet ein materialistisches Weltbild würde ausreichen, um uns Menschen, unser Leben, unser Handeln, unser Bewusstsein zu erklären, wie es der momentane implizite Konsens von Wissenschaftsakteuren, Wissenschaftsjournalisten und einer materialistisch-ökonomisch getriebenen Zeitströmung zu sein scheint. Dass diese Haltung alles andere als bewiesen ist und nichts anderes als eine ideologische Vermutung, steht auf einem anderen Blatt (vgl. https://www.galileocommission.org/). Denn im Rahmen dieses Paradigmas lässt sich Homöopathie nicht verorten, und die liebedienernden Versuche von Seiten der Homöopathie, dies zu tun, halte ich persönlich für die größte Schnapsidee innerhalb der Homöopathieforschung. Die Homöopathie ist ein Stein des Anstoßes, der unser scheinbar so klares und eindeutiges Bild der Wirklichkeit verunstaltet, weil sie nicht hineinpasst. Darum wird sie so aggressiv bekämpft.

Oder kann mir jemand verraten, welches sonst die Motivation sein sollte? Es hat sich noch immer das, was nichts taugt, von selber abgeschafft. Das ist das Prinzip der Evolution, dachte ich, oder? Warum also Zeit, Energie, Druckerschwärze, Speicherkapazität auf etwas verwenden, das sowieso nichts als Blödsinn ist? Kommt etwa jemand auf die Idee, eine Kampagne gegen Spielautomaten, oder noch besser, gegen Autos und Computerspiele anzuzetteln, obwohl man in diesen Bereichen vermutlich mehr Gefährdungs- und Problempotenzial verorten kann, als bei der Homöopathie? Ich denke, diese Kampagne zeigt, dass die Homöopathie von verschiedenen Aktivisten als potenziell gefährlich eingestuft wird: gefährlich nicht für Menschen, auch nicht für Patienten, sondern gefährlich für die allgemeine Akzeptanz eines materialistisch-naturalistischen Weltbildes, wie es einige selbsternannte Wissenschaftspäpste vertreten, von Daniel Dennett über Sam Harris und Steven Pinker [9] und viele andere, die sich in der Bewegung der „Brights“ zusammengetan haben (http://www.the-brights.net/). Und gefährlich auch für den momentanen Konsens dessen, was Krankheit und Heilung ist. Aber wenn man in die Geschichte der Wissenschaft blickt, dann war das vermeintliche Wissen immer schon der größte Feind der wirklichen Erkenntnis. In diesem Sinne ist das vermeintliche Wissen über die Homöopathie, das die Homöopathiekritik zu verbreiten versucht reaktionär: es versucht eigentliche Erkenntnis zu verhindern, auch wenn die Homöopathiekritiker selber das vermutlich gar nicht verstehen, weil sie ohne historischen und wissenschaftstheoretischen Horizont agieren.

Die populärsten Irrtümer über die Homöopathie und die konventionelle Medizin

–          Irrtum Nr. 1 – Therapieprinzip unbewiesen

–          Irrtum Nr. 2 – Unwissenschaftlich

–          Irrtum Nr 3 – Fehlende Diagnostik

–          Irrtum Nr. 4 – Ungeprüfte Medikamente

–          Irrtum Nr. 5 –Teurer Zucker

–          Irrtum Nr. 6 – Widerwärtige Arzneimittel

–          Irrtum Nr. 7 – Gefährlich

–          Irrtum Nr. 8 –Potenzierung – alles Hokuspokus

–          Irrtum Nr. 9 – Unmöglich

–          Irrtum Nr. 10 –  „Nichts drin“

–          Irrtum Nr 11 – Veraltete Theorie

Referenzen

[1] Tricocci, P., Allen, J. M., Kramer, J. M., Califf, R. M., & Smith Jr, S. C. (2009). Scientific evidence underlying the ACC/AHA clinical practice guidelines. Journal of the American Medical Association, 301, 831-841.

[2] Moseley, J. B., O’Malley, K., Petersen, N. J., Menke, T. J., Brody, B. A., Kuykendall, D. H., et al. (2002). A controlled trial of arthroscopic surgery for osteoarthritis of the knee. New England Journal of Medicine, 347, 81-88.

[3] Gabbay, J., & le May, A. (2004). Evidence based guidelines or collectively constructed „mindlines“? Ethnographic study of knowledge management in primary care. British Medical Journal, 329, 1013-1017.

[4] Mahesh, S., Mallappa, M., & Vithoulkas, G. (2017). Embryonal carcinoma with immature teratoma: A homeopathic case report. Complementary Medicine Research, online first(DOI: 10.1159/000481819). https://www.karger.com/Article/Abstract/481819

Nwabudike, L. C. (2018). Case reports of acne and homeopathy. Complementary Medicine Research, 25, 52-55. https://www.karger.com/Article/Abstract/486309

Teut, M., & Dippler, C. (Eds.). (2017). Homöopathie bei Demenz: Eine Fallsammlung. Pohlheim: Ahlbrecht.

[5] Walach, H. (2015). Reconstructing the meaning effect – The capacity to self-heal emerges from the placebo concept. Tidsskrift for Forskning i Sygdom og Samfund, 23, 111-139. https://www.galileocommission.org/wp-content/uploads/2018/06/Walach_Placebo-Effect_Tijdskrit-for-Forsning_2015.pdf

Walach, H. (2018). Heilung kommt von innen: Selbstverantwortung für die eigene Gesundheit übernehmen. München: Knaur Verlag.

Walach, H., & Breitkreutz, F. (2018). Placebo und Placeboeffekte. In H. Walach, S. Michael & S. Schlett (Eds.), Das große Komplementärhandbuch für Apotheker und Ärzte (pp. 356-374). Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft.

[6] Milgrom, L. R. (2012). Homeopathy UK: The sick man of Europe? Forschende Komplementärmedizin, 19, 120-122. https://www.karger.com/Article/Abstract/339950

[7] Meier, C. A. (Ed.). (1992). Wolfgang Pauli und C.G. Jung. Ein Briefwechsel 1932-1958. Heidelberg: Springer.

Walach, H. (1998). Der Komplementaritätsgedanke in der Interaktion zwischen Psychologie und Physik. In J. Jahnke, J. Fahrenberg, R. Stegie & E. Bauer (Eds.), Psychologiegeschichte – Beziehungen zu Philosophie und Grenzgebieten (pp. 85-108). München: Profil.

Walach, H. (2000). Magic of signs: a non-local interpretation of homeopathy. British Homeopathic Journal, 89, 127-140. https://www.researchgate.net/publication/12380520_Magic_of_signs_A_non-local_interpretation_of_homeopathy

[8] Turner, E. H., Matthews, A. M., Linardatos, E., Tell, R. A., & Rosenthal, R. (2008). Selective publication of antidepressant trials and its influence on apparent efficacy. New England Journal of Medicine, 358, 252-260.

Kirsch, I., Deacon, B. J., Huedo-Medina, T. B., Scoboria, A., Moore, T. J., & Johnson, B. T. (2008). Initial severity and antidepressant benefits: A meta-analysis of data submitted to the food and drug administration. PLoS Medicine, 5(2), e45.

NICE. (2006). Dementia: Supporting people with dementia and their carers in health and social care. London: National Institute for Clinical Excellence.

NICE. (2009). Donepezil, galantamine, rivastigmine (review) and memantine for the treatment of Alzheimer’s disease (amenden). London: National Institute for Clinical Excellence.

Walach, H. (2009). The campaign against CAM and the notion of „evidence-based“. Journal of Alternative & Complementary Medicine, 10, 1139-1142. https://www.liebertpub.com/doi/abs/10.1089/acm.2009.0423

[9] Walach, H. (2019, im Druck). Schöne neue Welt? Ein Essay über Steven Pinker (2018) Enlightenment Now. Aufklärung und Kritik, im Druck(2), 181-193. http://www.gkpn.de/aufklaerung_und_kritik.htm

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Die populärsten Irrtümer

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– über die Homöopathie und die konventionelle Medizin – Teil 11

Harald Walach

Weil ich in Debatten immer wieder die gleichen falschen Aussagen höre, stelle ich sie hier einmal zusammen mit den entsprechenden Argumenten, Daten und Fakten: Irrtümer, die über die Homöopathie geäussert werden, meistens mit entsprechenden Irrtümern über die Medizin gepaart. Ich hoffe, das entspannt die Debatte, die ich als unnötig polarisiert und wenig konstruktiv wahrnehme. Es geht weiter mit

Irrtum Nr 11 – Veraltete Theorie

Die Homöopathie ist in ihrem theoretischen Modell im 18. Jahrhundert stecken geblieben, die moderne Medizin hingegen hat ein klares wissenschaftliches Modell der Theorie- und Therapieentwicklung

Die Homöopathie ist in der Tat ein Kind des 18. Jahrhunderts, der Aufklärung und des Versuchs, medizinische Praxis auf rationale, d.h. in diesem Falle empirisch beobachtbare Grundlagen zu stellen. Sie ist eine rein empirisch gefundene und weiter entwickelte Methode. Das ist ihre Stärke und Schwäche zugleich. Die Stärke: Sie ist der Erfahrung verpflichtet. Die Schwäche: Sie hat keine wirklich gute Theorie, die ihre Wirkweise verstehen lassen könnte. Dass sie sich seither nicht weiterentwickelt hätte, wie oft zu hören ist, ist hingegen falsch. Die Homöopathie hat die Methode der Entdeckung von Arzneimitteln, die homöopathische Prüfung am Gesunden, verfeinert.1-3 Dabei nehmen Freiwillige homöopathische Substanzen zu sich und beobachten die Veränderungen, die dabei auftreten. Während bei Hahnemann und seinen Schülern diese Versuche noch ohne Verblindung und Kontrollen und oft mit niedrig potenzierten und giftigen Stoffen durchgeführt wurden, werden solche Versuche heutzutage in aller Regel verblindet gemacht – d.h. die Prüfer wissen nicht, was sie zu sich nehmen, oder wenn sie die Substanz kennen, die geprüft wird, wissen sie nicht, ob sie in der Versuchs- oder Kontrollgruppe sind. Es gibt klare Regeln, die sich im Laufe der Praxis gebildet haben, wann man davon ausgeht, dass ein beobachtetes Symptom von einer Prüfssubstanz herrührt und wann nicht: z.B. wenn das Symptom dem Prüfer vorher unbekannt war, also noch nie so etwas erlebt hat und in deutlicher zeitlicher Nähe zur Einnahme stand; wenn es wiederholt bei verschiedenen Prüfern vorkommt; wenn ein lange bereits bestehendes Symptom plötzlich und dauerhaft verschwindet; um nur ein paar wichtige Regeln zu nennen.4,5 Und ausserdem müssen dann diese Symptome in der klinischen Praxis bestätigt werden. Das bedeutet, sie müssen dazu führen, dass das Arzneimittel dann auch im Krankheitsfalle therapeutisch wirkt. Daher ist das Vorgehen zirkulär und hat viel Ähnlichkeit mit der Methode der qualitativen Sozialforschung (wie sie etwa in der „Grounded Theory“ sichtbar wird6): Symptome werden in Arzneimittelprüfungen dokumentiert. Sie werden dann beim Kranken zur Arzneimittelfindung verwendet. Und wenn sie sich bewähren, gehen sie in die sog. Materia Medica, also den Arzneimittelbestand und die Repertorien ein, die Verzeichnisse, mit denen Arzneimittel gefunden werden. Damit hat die Homöopathie ein klares, empirisch-fundiertes methodisches Modell.7 Sie hat in der Tat keine gute Theorie.

Aber auch an anderen Stellen hat sich die Homöopathie weiter entwickelt:

  • Die Höhe der verwendeten Potenzen wurde immer wieder neu diskutiert; letzten Endes haben sich heute überwiegend deutlich höhere Potenzen durchgesetzt, als die noch von Hahnemann verwendeten.
  • Während Hahnemann gegenüber der Verwendung von so genannten Nosoden noch deutliche Vorbehalte hatte, gehören sie heute zum gut etablierten Standard.

Aber auch die Verschreibungstechniken insbesondere bei chronischen Erkrankungen haben sich deutlich weiter entwickelt; die gegenwärtige Vielfalt der Ansätze zeigt allerdings auch, dass es offenbar noch ungeklärte Fragen gibt.

Die moderne Medizin orientiert sich an dem theoretischen Modell, das durch Descartes eingeführt wurde und von Virchow kodifiziert wurde8,9. Es betrachtet den Organismus als Maschine und Krankheit als zelluläre, mittlerweile enzymatisch oder genetisch dingfest zu machende Störung dieser Maschine. Daraus leitet sich ab, dass man zuerst versuchen muss, diesen Fehler zu finden und ihn dann zu beheben, etwa, indem man chirurgisch oder pharmakologisch eingreift. Der Organismus wird dabei eher als passiv zu Beeinflussendes gesehen. Dies halte ich für eine nützliche Abstraktion, die aus der Entstehungsgeschichte der modernen westlichen Medizin her gut verstehbar ist und die im Akutfall auch bestens funktioniert. Diese Medizin entstand ja aus der Akutversorgung von Menschen, die im Krieg verletzt wurden, von Infektionskranken und akut Erkrankten, deren Leben bedroht war. In all diesen Fällen ist dieses Denken sehr nützlich, wie uns die großen Erfolge der akuten und Notfallmedizin zeigen.

Allerdings hat sich die Theoriebildung weiterentwickelt. Der menschliche Organismus, so hat sich gezeigt, ist keine passive Maschine, sondern ein höchst aktives System. Die moderne Theorie nicht-linearer und komplexer Systeme, die sich in den letzten 20-30 Jahren in der Biologie allmählich breit macht, hilft dies zu verstehen10,11. Als Resultat dieses Verstehens zeigt sich: Der Organismus reagiert nie passiv auf irgendeine Intervention, sondern immer aktiv. Daher haben alle Reize – das Eindringen immunologischer Fremdkörper, wie Bakterien oder Viren, die Einnahme einer pharmakologischen Substanz – zunächst einmal unmittelbare Erst-Wirkungen. Sie haben aber auch mittelbare Zweit-Wirkungen. Das ist das, was der Organismus daraus macht: Die Entzündung, die er in die Wege leitet, um mit dem immunologischen Fremdkörper fertig zu werden, oder die Gegenregulation auf den pharmakologischen Reiz. Diese komplexe Systemdynamik lässt sich mit Hilfe der einfachen Maschinenmodelle, die immer noch in den Köpfen der Meisten herumspuken, nicht mehr adäquat theoretisch begreifen12. Zugespitzt formuliert: Die moderne Medizin folgt immer noch einem theoretischen Paradigma, das im 16. Jahrhundert gegründet wurde, im 19. Jahrhundert verfeinert wurde und im wesentlichen die modernen Entwicklungen der Theoriebildungen ignoriert. Das geht gut, solange man sich nur um akute Probleme zu kümmern hat. Das funktioniert weniger gut bei allen anderen Problemen. Und das sind etwa 70-80% aller Probleme, deretwegen Menschen heute Ärzte aufsuchen.

In diesem Sinne ist vielleicht die Homöopathie sogar die implizt fortschrittlichere Methode. Denn sie gibt gar nicht erst vor in einen maschinellen Vorgang einzugreifen, den es so ohnehin nicht gibt, der nur eine Abstraktion auf einer bestimmten Handlungsebene ist. Folgt man den modernsten Theoriebildungen, dann ist die Homöopathie eher als eine Regulationstherapie einzustufen, die den Organismus zu therapeutischer Selbstregulation anregt13. Denn sie greift auf keinen Fall molekular ins physiologische Geschehen ein. Das, was ihr viele Kritiker zum Vorwurf machen, ist am Ende sogar ihr großes Plus?

Literatur

  1. Shah R. HIV Nosode: The Homeopathic Pathogenetic Trial. Forschende Komplementärmedizin / Research in Complementary Medicine 2015; 22(3): 156-62.
  2. Endler PC, Schulte J, Stock-Schöer B. Ultra High Dilutions Revisted After 21 Years. Homeopathy 2015; 194(4 Special Issue): 221-342.
  3. Walach H, Teut M. Scientific provings of ultra high dilutions in humans. Homeopathy 2015; 104: 322-7.
  4. Bayr G, Stübler M. Haplopappus baylahuen. Eine Prüfung mit den Potenzen D2, D3, D6 und D12. Heidelberg: Haug; 1986.
  5. Riley DS. Homöopathische Arzneimittelprüfungen in der Antihomotoxischen Medizin. Biologische Medizin 1998; 27: 23-8.
  6. Glaser BG, Strauss AL. Grounded Theory. Strategien qualitativer Forschung. Bern: Huber; 1998.
  7. Walach H, Schüppel R. Homöopathieforschung – Eine Taxonomie. Forschende Komplementärmedizin 1997; 4: 344-7.
  8. Uexküll Tv, Wesiack W. Theorie der Humanmedizin. Grundlagen ärztlichen Denkens und Handelns [Theory of Medicine. Foundations of Medical Thinking and Action]. München: Urban & Schwarzenberg; 1988.
  9. Meyer-Abich KM. Was es bedeutet, gesund zu sein. Philosophie der Medizin. München: Hanser; 2010.
  10. Capra F, Luisi PL. The Systems View of Life. A Unifying Vision. Cambridge: Cambridge University Press; 2014.
  11. Hyland ME. The Origins of Health and Disease. Cambridge: Cambridge University Press; 2011.
  12. Schlage WK, Westra JW, Gebel S, et al. A computable cellular stress network model for non-diseased pulmonary and cardiovascular tissue. BMC Systems Biology 2011; 5(1): 1-15.
  13. Walach H. Homöopathie als Basistherapie. Plädoyer für die wissenschaftliche Ernsthaftigkeit der Homöopathie. Heidelberg: Haug; 1986.

 

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Die populärsten Irrtümer

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– über die Homöopathie und die konventionelle Medizin – Teil 10

Weil ich in Debatten immer wieder die gleichen falschen Aussagen höre, stelle ich sie hier einmal zusammen mit den entsprechenden Argumenten, Daten und Fakten: Irrtümer, die über die Homöopathie geäußert werden, meistens mit entsprechenden Irrtümern über die Medizin gepaart. Ich hoffe, das entspannt die Debatte, die ich als unnötig polarisiert und wenig konstruktiv wahrnehme. Es geht weiter mit

Irrtum Nr. 10 –  „Nichts drin“

Curt Kösters

Dr. Norbert Aust von der Initiative „Netzwerk Homöopathie“:

Er betont, dass es sich bei Homöopathie um „Pseudomedizin“ handelt – und er bezweifelt, dass stark verdünnte Stoffe wirken können, wenn sie sich nicht mehr nachweisen lassen. „Es ist deshalb unmöglich, weil ein Wirkstoff, der nicht vorhanden ist, nicht wirken kann.“ [1]

Nun ist „unmöglich“ in der Naturwissenschaft immer ein großes Wort (s. Irrtum 9 „unmöglich“ – daran haben sich schon manche die Finger verbrannt. Auch die seinerzeit neu entdeckte Radioaktivität schien ja zunächst mal gegen ein fundamentales Prinzip, den Energieerhaltungssatz, zu verstoßen und wurde entsprechend skeptisch kommentiert.

Dennoch

Weitgehend unstrittig ist ja, dass zumindest in Hochpotenzen keine Substanz mehr enthalten ist (wenn man die Nanopartikel hier mal außen vor lässt).

Und wenn nichts drin ist, kann auch nichts wirken. – Dieses Argument ist hoch plausibel – weit plausibler zum Beispiel, als das Schwingen der Ekel-Keule.

Dieses Argument versteht jeder – und es ist daher nicht überraschend, dass es als zentrales Argument der Anti-Homöopathie-Kampagne Verwendung findet, mit entsprechenden Buttons und anderen Werbe-Acessoires verbreitet und mit öffentlichen Aktionen medienwirksam in Szene gesetzt wird („10:23“ – „Nichts drin – nichts dran“).

Das einzige (wirklich nur klitzekleine) Problem mit diesem Argument ist eigentlich nur, dass diese Hochpotenzen doch eine Wirkung zeigen.

Und wenn sie eine Wirkung zeigen, dann muss „etwas drin“ sein – sei dies nun Substanz oder Energie oder sonst etwas [2].

Die Wirkung, die wir täglich in der Praxis sehen – auch bei schweren Erkrankungen – lässt sich ja noch trefflich weg diskutieren, solange man das nicht selbst gesehen hat [3].

Bei klinischen Studien, insbesondere Doppelblindstudien, wird es da schon schwieriger [4]. Doppelblindstudien wurden ja gerade entwickelt, um Placebo-Effekte von echten Arzneiwirkungen zu unterscheiden. Und die Mehrzahl der Doppelblindstudien in der Homöopathie zeigt einen Effekt. Hier spaltet sich bereits die Skeptiker-Gemeinde bei dem Versuch, diese schwer verdauliche Tatsache hinweg zu erklären [5].

So richtig schwierig wird es aber bei der Grundlagenforschung [4]. Wenn man in einem Labor zeigen kann, dass Hochpotenzen einen Effekt haben der sich von dem Kontrollversuch unterscheidet, dann muss „etwas drin“ sein. Und solche Experimente gibt es mittlerweile in großer Zahl – darunter auch erfolgreich replizierte Modelle.

Da wird es zunehmend schwieriger mit dem wegdiskutieren und der Zeitpunkt, dass das auch in der wissenschaftlichen Community akzeptiert wird, ist einigermaßen absehbar (eher Jahre als Jahrzehnte).

Gut erkennbar ist der sich anbahnende Wandel aber auch schon daran, dass das zentrale Sprachrohr der Skeptiker-Gemeinde in Deutschland für die Anti-Homöopathie-Kampagne, das so genannte Informationsnetzwerk Homöopathie, mittlerweile eine Doppelstrategie zum Thema Grundlagenforschung fährt:

Während Norbert Aust einerseits noch in bewährter Manier versucht das Haar in der Suppe der einzelnen Studien zu finden [6], erklärt er andererseits vorsichtshalber schon mal die gesamte Grundlagenforschung zu Hochpotenzen als irrelevant für die Diskussion um die Homöopathie [7].

Das ist auch insofern bemerkenswert, als noch Weymayr in seinem Buch „Die Homöopathie-Lüge“ (2012) zwar gleich die gesamte klinische Forschung zur Homöopathie als irrelevant erklärte, dann aber doch großzügig einräumte, dass ihn relevante Ergebnisse aus der Grundlagen-Forschung überzeugen könnten.

Norbert Aust ist hier deutlich vorausschauender.

Die Irrelevanz der Grundlagenforschung

Die Stellungnahme von Dr. Aust in seinem Blog „Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie“ zeigt einen der wichtigsten Aspekte für die Beurteilung der „homöopathischen Grundlagenforschung“ auf, zu der die high dilution research zweifellos gehört: Den fehlenden Bedeutungszusammenhang solcher Forschungen (und ihrer Ergebnisse) für die Grundfrage der Richtigkeit des homöopathischen Gedankengebäudes und vor allem des Nachweises einer spezifischen Wirksamkeit. [7]

[…]

Das Erforschen extremer Verdünnungen, also über den Punkt hinaus, an dem vom Ursprungsstoff noch etwas vorhanden ist, ist sehr weit weg vom behaupteten Phänomen und der angeblich erheblichen klinischen Wirksamkeit der Homöopathie. Es müsste erst die Brücke aufgebaut werden, dass die Differenzen, die da gefunden worden sind, Bestand haben und irgendeinen Bezug zur Wirkung der Homöopathie hätten. [7]

[Hervorhebung im Original]

Man immunisiert sich schon mal dagegen – dass die Ergebnisse in der Grundlagenforschung mittlerweile doch recht konsistent sind und dass da in der Zukunft noch mehr drohen könnte. – Allerdings entlarvt sich auch das ganze Informationsnetzwerk Homöopathie mit eben diesem Versuch einer Immunisierung als rein ideologisches Unterfangen.

Begründet wird das in der Darstellung des INH mit folgenden Argumenten:

  1. Worin besteht die Heilkraft / das Agens, das beim Patienten wirksam werden soll? Ein identifizierbarer Wirkstoff ist es nicht, denn schon ab recht niedrigen Potenzen ist das Lösungsmittel von der Lösung nicht mehr unterscheidbar.

Stimmt! – Den genauen Wirkungsmechanismus kennen wir noch nicht. Aber replizierbare Modelle schaffen überhaupt erst die Grundlage für dessen Erforschung. Mit replizierbaren Labor-Modellen kann man dann anfangen zu untersuchen, wodurch sich z.B. der Effekt blockieren lässt – und so die Natur des Effektes allmählich eingrenzen. So funktioniert Wissenschaft.

  1. Wie wird der richtige Grundstoff dafür aus dem Einsatzmittel selektiert? Beispiel: In der Homöopathie verwendet man die ganze Biene („Apis mellifica“), die aus tausenden verschiedenen Stoffen besteht. Wie wird der Richtige daraus selektiert?

Was ist das Problem? – Wenn ein bestimmtes Stoffgemisch in einer homöopathischen Arzneimittelprüfung untersucht wurde, und deren Symptome dann wiederum in der klinischen Anwendung verifiziert werden, dann ist dieses Stoffgemisch ein Einzelmittel im Sinne der Homöopathie. Jedes Mittel pflanzlicher oder tierischer Herkunft beruht auf einem solchen Stoffgemisch. Selektiert werden muss da gar nichts. Es geht eben um die Wirkung des geprüften Stoffes.

Apis mellifica ist allerdings tatsächlich ein problematisches Beispiel, weil die ursprüngliche Prüfung auf der Wirkung des Bienengiftes beruht.

Einzelne Hersteller sind daher auch dazu übergegangen das Bienengift selbst anzubieten unter der Bezeichnung Apisinum.

In der Praxis funktioniert allerdings auch Apis mellifica bei Symptomen, die an die Wirkung von Bienengift erinnern. Eine gewisse Großzügigkeit scheint dem Ähnlichkeitsprinzip inhärent zu sein (bei akuten Verschreibungen allerdings eher als bei chronischen).

  1. Warum werden die unvermeidlichen Verunreinigungen des Lösungsmittels nicht potenziert?

  2. Was wird potenziert, wenn der Urstoff nicht mehr vorhanden ist?

  3. Wie wird die zu potenzierende Eigenschaft selektiert? Beispiel: Warum wird nicht die Giftwirkung von Arsen durch das Potenzieren verstärkt, sondern nur die heilende Wirkung?

  4. Wie wird die Wirkung der Heilkraft durch Schütteln auf die zehn- oder hundertfache Menge übertragen?

  5. Wie wird die Wirksamkeit dabei verstärkt? Warum merkt man im normalen Leben hingegen nichts von der verstärkenden Wirkung des Schüttelns? Was ist der Unterschied, ob ich ein homöopathisches Präparat schüttele oder meinen Kaffee?

  6. Wie wird diese verstärkte Heilkraft auf dem Zucker gespeichert, nachdem die Lösung verdunstet ist?

  7. Wie wird die Heilkraft vom Zucker gelöst und im menschlichen Körper transportiert?

Das alles sind äußerst interessante Fragen, die sich eben nur mit Hilfe weiterer Grundlagenforschung beantworten lassen. – Aber stabil replizierbare Modelle sind dafür eine conditio sine qua non.

Replizierbar sind einzelne Modelle inzwischen – und das ist doch auch schon mal schön, weil es eben zeigt, dass doch „etwas drin“ ist, auch wenn sie noch nicht ganz stabil sind.

  1. Wie wird die Stelle identifiziert, an denen die Heilkraft ihre Wirkung entfalten soll, was nach homöopathischer Auffassung sehr spezifisch ist und von sehr vielen Faktoren außerhalb der Zelle bestimmt wird, etwa davon, was der Proband / Patient nachts träumt?

Was genau soll damit gesagt werden? Die Vorstellung in der Homöopathie ist zumindest, dass das jeweilige Mittel auf den gesamten Organismus wirkt. Aber selbstverständlich reagiert nicht jeder Teil in gleicher Weise. Der Darm zum Beispiel kann bei der Gabe entsprechender Substanzen Durchfälle entwickeln – das Hirn neigt in der Regel nicht dazu.

Und übrigens: Bitte diese Frage auch an die konventionelle Pharma-Forschung richten! – Meines Wissens sind die meisten der postulierten Rezeptoren bisher nicht wirklich nachgewiesen, und wenn, dann gibt es sie an vielen Stellen. Warum also dann eine „spezifische“ Wirkung postulieren? Opiatrezeptoren gibt es im Darm, an Blutzellen, in Gefäßen und nicht nur im Gehirn!

  1. Wie unterscheidet die Heilkraft, ob sie durch einen Gesunden oder durch einen Kranken eingenommen wurde? Im ersten Fall müsste sie Prüfsymptome erzeugen, im zweiten nicht, denn das wären dann unerwünschte Nebenwirkungen, die in der Homöopathie ja nicht auftreten.

Eine Einmalgabe erzeugt recht selten Symptome (und das gilt übrigens auch für ein ganzes Fläschchen auf einmal). Wenn man im Rahmen einer homöopathischen Arzneimittelprüfung Symptome gezielt hervorrufen möchte, muss das Mittel in kürzeren Abständen häufiger wiederholt eingenommen werden. Und das erzeugt dann Symptome – auch nicht bei allen Prüfern, aber doch bei ausreichend vielen. (Und warum das so ist, weiß niemand.)

Sehr selten erzeugt aber auch die Einmalgabe Symptome, die für das Arzneimittel typisch sind. Voraussetzung dafür ist eine hohe Empfindlichkeit des Probanden bzw. Patienten und wahrscheinlich auch ein bestimmter Grad an Übereinstimmung zwischen den Symptomen des Mittels und den konstitutionellen Symptomen des Prüfers.

Diese Reaktion ist aber erstens selten, zweitens sind die Symptome dann nicht persistierend und drittens sind sie funktioneller Natur [8].

Bei Kranken genügt in der Regel die einmalige Gabe eines passenden homöopathischen Arzneimittels um eine Reaktion zu erzeugen. – Das hat offenbar mit dem Prinzip der Kritikalität zu tun (s.u.).

Offenbar ist es eben so, dass ein kranker Organismus etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist, so dass eine kleine Arzneimittelgabe ihn anregt, während ein gesunder Organismus relativ stabil ist und von einer einmaligen Arzneigabe nur sehr selten berührt wird.

  1. Wie unterscheidet die Heilkraft, ob sich die vorgefundene Zelle in der richtigen Region des Körpers befindet, also auf der rechten oder linken Seite zum Beispiel?“

s. Antwort auf Frage 10 – Und: Die Frage ist doch eigentlich umgekehrt: Warum tendieren manche Menschen dazu, Symptome an unterschiedlichen Stellen und möglicherweise auch zu unterschiedlichen Zeiten aber immer auf der gleichen Körperseite zu bekommen? (z.B. Halsentzündung rechts, Schmerzen im Handgelenk rechts und Schmerzen im großen Zeh wiederum rechts) – Klassisch pathophysiologisch ist das kaum zu erklären (vielleicht wäre dies mit einer Pathophysiologie, die sich auf die Theorie komplexer Systeme gründet zu erklären, aber die gibt es leider noch nicht); aber es kommt eben vor; und für eine homöopathische Verschreibung ist so etwas interessant und wichtig. Manche homöopathische Mittel zeigen in der Arzneimittelprüfung eben auch bevorzugt Symptome auf einer Körperseite.

  1. Wie unterscheidet die Heilkraft gesunde von kranken Zellen? Wenn die Zelle gesund ist, muss die Heilkraft an dieser Stelle die spezifischen Symptome erzeugen, die sie heilen kann, wenn die Zelle krank ist. Dies aber auch nur dann, wenn der Patient gesund ist, und nicht anderweitig krank (s. oben). Eine kranke Zelle muss sie hingegen heilen.

Das hat mit dem Prinzip der Kritikalität zu tun. Einfach gesagt: Eine Lawine kann man eben nur dort auslösen, wo genug Schnee liegt

  1. Wieso ist nach homöopathischer Auffassung weniger Wirkstoff in den Präparaten wirksamer, allerdings darf man von Hochpotenzen nicht zu viele nehmen, weil die Wirkung sonst zu stark wird? Welche Dosis-Wirkungs-Beziehung gilt denn nun?

Eine wirklich schöne Frage – und die Antwort ist nicht unkompliziert; z.T. muss man sicherlich auf die noch ausstehenden Ergebnisse künftiger Grundlagenforschung verweisen.

Warum das Prinzip der Potenzierung überhaupt funktioniert, wissen wir eben auch noch nicht. – In früheren Beiträgen zum Ähnlichkeitsprinzip und zur Potenzierung wurde aber schon darauf hingewiesen, dass dieses Prinzip rein pragmatisch entstanden ist aus dem Versuch, die Toxizität von Substanzen zu verringern. Mit einiger Überraschung stellte Hahnemann dann fest, dass die Heilwirkung bei einigen Patienten durch diese spezifische Form der Verdünnung sogar zunahm.

Aus dieser klinischen Beobachtung entstand dann innerhalb von etwa zehn Jahren das Prinzip der Potenzierung.

Allerdings: Die Heilwirkung nimmt nur bei ausreichender Passgenauigkeit zu (d.h. Übereinstimmung der Symptome des Patienten mit den Symptomen, die das Mittel hervorrufen kann). D.h. die Anforderung an die Präzision der Verschreibung steigt tendenziell mit der Höhe der Potenz. – Während Baldrian-Extrakt bei recht vielen Menschen einen arzneilichen Effekt hat, sind die Anforderungen an eine Verschreibung von Valeriana officinalis in einer Hochpotenz doch wesentlich höher.

Genau genommen ist die Heilwirkung auch keine Wirkung des Mittels; sie ist vielmehr eine Reaktion des Organismus auf den Reiz, also die Provokation durch das Arzneimittel. (Wenn man jemanden mit kaltem Wasser überschüttet, wird ihm oder ihr anschließend warm)

Man kann damit natürlich auch nur Reaktionen auslösen, die in der Möglichkeit des Organismus liegen. Genau genommen erhöht man also nur die statistische Wahrscheinlichkeit einer Spontanheilung – das aber wiederum offenbar sehr deutlich. (vgl. Norbert Aust – der Regenmacher)

Und um das Ganze jetzt noch komplizierter zu machen:

Manchmal sind Patienten sehr empfindlich und entwickeln Prüfungssymptome aufgrund einer Einmalgabe. Manchmal ist auch die Reaktion auf das Mittel zu stark.

In solchen Fällen kann man das Mittel bei der nächsten Einnahme dann verdünnen um die Reaktion abzuschwächen. – Aber das ist dann eben eine Verdünnung ohne weiteres Schütteln (oder eben eine recht hohe Verdünnung mit nur wenig Schütteln).

Und soweit sich das aus klinischer Erfahrung sagen lässt: Auch diese Verdünnung folgt nicht ganz einer klassischen pharmakologischen Dosis-Wirkungs-Kurve. Eine Halbierung der Dosis führt nicht zu einer Halbierung der Reaktion. Vielmehr scheint das eher einer logarithmischen Skala zu folgen: Eine Halbierung der Reaktion erfordert in etwa eine Verdünnung im Verhältnis von 1:50 (etwas zwischen 1:10 und 1:100 – ganz exakt lässt sich das nicht quantifizieren).

Anmerkungen

[1] Norbert Aust hier zitiert nach <http://www.br.de/radio/bayern2/gesellschaft/tagesgespraech/homoeopathie-medizin-heilkunst-hokuspokus-100.html>

[2] Bezüglich „sonst etwas“: Ich bin selbst kein Physiker und werde mich daher hüten, physikalische Hypothesen zu formulieren. Aber ich kann Physiker fragen.

Vor Jahren habe ich einmal Hans-Peter Dürr gefragt ob es denkbar sei, dass neben der Materie und der Energie noch Struktur bzw. Information als eine dritte Kategorie betrachtet werden könne.

Der Hintergrund meiner Frage: Wenn man einen Eisenstab magnetisiert (z.B. durch einfaches Reiben), ändert man eigentlich nur die Anordnung der Teilchen (aber nicht deren Chemie) – aber diese strukturelle Änderung hat dann einen physikalischen Effekt (nämlich den Magnetismus) – und eben dieser Effekt kann auch zur Speicherung von Informationen verwandt werden.

Die Antwort von Dürr war, dass dem so sei – nur sei die Information die eigentliche und grundlegende Kategorie, vor Energie und Materie.

Und diese Antwort fasziniert mich bis heute, auch weil sie bereits im Johannesevangelium formuliert ist mit Bezug auf die Genesis. („Am Anfang war das Wort … „)

Siehe auch Galileo-Report.

[3] Ich kenne eigentlich nur einen einzigen Fall, wo jemand das selbst gesehen hat und die Wirkung dennoch bestreitet –  Dieser Fall ist faszinierend und schwer zu erklären; ich versuche es daher gar nicht erst.

In aller Regel aber sind Menschen, die die gelegentlich doch sehr eindrucksvolle Wirkung eines passenden homöopathischen Mittels bei einer schweren akuten Krankheit gesehen haben (wenn sich der Zustand innert weniger Minuten deutlich bessert) sofort und unmittelbar überzeugt.

Und so nährt sich die ganze Diskussion um die Wirksamkeit von homöopathischen Mitteln aus dem Spannungsverhältnis zwischen dem Begriff Evidenz und dem englischen evidence.

Evidenz bezeichnet das unmittelbar aus eigener Anschauung Einleuchtende. – Wer einen Fallschirmabsprung erlebt oder auch nur gesehen hat, braucht keine Studie, um die Wirksamkeit von Fallschirmen zu beurteilen – und schon gar keine randomisierte Studie.

Menschen, die diese Erfahrung nicht gemacht haben, aber genau wissen dass „nichts drin“ ist fragen verständlicherweise nach den wissenschaftlichen Beweisen (evidence).

Aber wie überzeugt man Blinde von der Existenz von Farben?

[4] Forschungreader WissHom

[5] Die wichtigsten Erklärungsstrategien von Skeptiker-Seite um zu erklären, wieso die Mehrzahl der Doppelblindstudien einen signifikanten Effekt zeigt:

Publikations-Bias – die negativen Studien werden einfach nicht veröffentlicht und der Rest ist dann durch den statistischen Zufall zu erklären. – Das Problem ist nur, dass es dann eine recht große Zahl von unveröffentlichten Studien geben müsste, was wiederum schwer in Einklang damit zu bringen ist, dass Studien in der Homöopathie überwiegend nicht von Arzneimittelfirmen finanziert werden sondern von Stiftungen und öffentlichen Geldern; und bei diesen Finanzierungen lassen sich negative Ergebnisse kaum unterschlagen. Weiterhin zeigen eben auch die Ergebnisse der Funnel-Plot-Analyse bei der Meta-Analyse von Shang et al., dass es einen Publikations-Bias bei den Homöopathie-Studien nicht in größerem Maßstab geben kann.

Methodische Schwächen – Die meisten Studien genügen nicht mehr heutigen methodischen Standards. – Stimmt bedingt! – Nur ist das in der konventionellen Medizin nicht anders (s. Irrtum Nr. 2 – Unwissenschaftlich; Die Europäischen Wissenschaftsakademien und die Homöopathie) und ohnehin wird eine Studie dadurch noch nicht irrelevant. Ferner zeigen eben auch die methodisch hochwertigen Studien einen Effekt (ein Problem, mit dem sich auch schon Shang et al. herumschlagen musste, aber die fanden eine elegante Lösung s.u.; schon Shang und Kollegen bescheinigten übrigens den Homöopathiestudien insgesamt gute methodische Qualität).

Fälschung – Diese Behauptung wurde von Edzard Ernst aufgestellt, nur leider völlig ohne irgendeinen Beleg.

Indiskutabel – Dieser wissenschaftstheoretisch eher kühne aber immerhin originelle Ausweg stammt von Christian Weymayr (Die Homöopathie-Lüge). – Positive Homöopathie-Studien seien irrelevant, weil die Homöopathie per se unmöglich sei und daher wissenschaftlich gar nicht untersuchbar. (s. Irrtum „unmöglich“).

Siehe dazu auch die Widerlegung des sog. „Szientibilitätsarguments“ durch Walach und Fischer: Walach, H., & Fischer, K. (2014). Leserbrief zu Christian Weymayr: „Scientabilität – ein Konzept zum Umgang der EbM mit homöopathischen Arzneimitteln“. Z. Evid. Fortbild. Qual. Gesundh.wesen (ZEFQ) (2013) 107, 606-610. Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen, 108(1), 80.e81-e83.

Irrelevant – Eine ebenfalls sehr originelle Lösung dieses Dilemmas wurde erstmals in der Metaanalyse von Shang et al. präsentiert und in dem Review von NHMRC noch verfeinert. Man schließe einfach alle Studien unterhalb einer willkürlich festgelegten Probandenzahl aus der Betrachtung aus und der Rest zeigt dann keinen relevanten Effekt mehr. Das ist nun zwar methodisch höchst fragwürdig (Bei einer Metaanalyse werden die Ergebnisse der Einzelstudien zusammengefasst und der Effekt dann neu gerechnet, die Größe der Einzelstudien ist daher nur von geringer Relevanz) und auch völlig unüblich bei Metaanalysen, aber äußerst elegant und wirksam.

[6] s. Blog von Norbert Aust Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie. Seine Kritik an einzelnen Studien schreibt er durchaus mit einigem Sachverstand und nicht alle seine Einwände gegen einzelne Studien sind irrelevant. Bedauerlich ist nur die Einseitigkeit seiner Darstellung (die fundamentale Kritik an Shang et al. z.B. formuliert er so, dass die Aussage der Studie damit nicht in Frage gestellt wird – Schade!). Bedauerlich ist aber auch, dass er seine Kritik nicht an die wissenschaftlichen Journals schickt, in denen die Originalarbeiten der jeweiligen Autoren publiziert wurden. Damit würde er sich in den wissenschaftlichen Diskurs begeben, müsste dann allerdings auch damit leben, dass einige seiner Argumente auch leicht zu entkräften sind.

[7] Forschung an ultrahohen Verdünnungen – relevant oder nicht?

[8] Es ist aber durchaus Gegenstand der Diskussion, ob diese Reaktionen als Unerwünschte Arzneiwirkungen (UAW) gesehen werden sollten. – Seitens des Bundesamtes für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) werden sie jedenfalls so gewertet.

Meine persönliche Meinung dazu:

Es handelt sich ja nicht um pharmakologische Wirkungen (dazu ist die Dosis zu niedrig) sondern um sehr individuelle wenn auch spezifische Reaktionen.  Und jetzt mal etwas spitzfindig: Wenn es keine pharmakologische Wirkung gibt, kann es auch keine unerwünschten Wirkungen geben. – Allerdings bin ich durchaus auch der Meinung, dass etliche der seltenen UAWs (<1:100.000 – unter Einbeziehung des bekannten Underreporting von UAWs de facto also ca. 1:10.000) bei konventionellen Pharmaka wahrscheinlich auch in diesen Bereich fallen. Das sind möglicherweise zum Teil auch keine wirklichen UAWs sondern individuelle aber doch spezifische Reaktionen. Idiosynkrasie nannte man so etwas früher auch.

Es geht dabei auch um die Unterscheidung:

  • Wenn ich auf jemanden schieße und der fällt tot um, dann ist das nachvollziehbarerweise strafbar (je nach der Situation als Mord oder Totschlag – mindestens aber Körperverletzung mit Todesfolge)
  • Wenn ich ein Buch schreibe und nach dem Lesen dieses Buches bringen sich reihenweise Leute um, dann ist das auch nicht schön – aber nicht strafbar.

Der wesentliche Unterschied nämlich: Das Erstere ist eine Wirkung – das Zweite eine Reaktion. – Für Wirkungen bin ich verantwortlich, für Reaktionen nur sehr begrenzt.

Und nicht einmal in dem deutlich restriktiveren 19. Jh wurden „Die Leiden des jungen Werther“ verboten, obwohl sich nach dessen Lektüre reihenweise junge Männer umbrachten.

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Die populärsten Irrtümer

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– über die Homöopathie und die konventionelle Medizin – Teil 9

Harald Walach

Weil ich in Debatten immer wieder die gleichen falschen Aussagen höre, stelle ich sie hier einmal zusammen mit den entsprechenden Argumenten, Daten und Fakten: Irrtümer, die über die Homöopathie geäußert werden, meistens mit entsprechenden Irrtümern über die Medizin gepaart. Ich hoffe, das entspannt die Debatte, die ich als unnötig polarisiert und wenig konstruktiv wahrnehme. Es geht weiter mit

Irrtum Nr. 9 – Unmöglich

Homöopathie ist unmöglich. Sie widerspricht allem, was wir über die Natur wissen und ist daher rein theoretisch so unwahrscheinlich, dass wir uns gar nicht erst mit ihr befassen müssen

Ich halte das für das dümmste von allen Argumenten. Und zwar aus folgendem Grund: Auch nur eine kursorische Kenntnis der Wissenschaftsgeschichte zeigt uns, dass dieses Argument das Argument der konservativen, ängstlichen Geister war, die auf einem bestimmten Status Quo der Erkenntnis beharrt haben und mit diesem Argument Neuerungen aller Art begegnet sind. Und in fast jedem bekannten prominenten Fall – nicht in jedem, aber in vielen Fällen – hat es sich als falsch erwiesen. Die Beispiele würden eine lange Liste füllen. Hier sind ein paar prominente Beispiele:

Emilio Parisano meinte, unter Rückgriff auf die Physiologie des Aristoteles, es könne keinen Herzschlag geben und keiner in Venedig hätte je einen Herzschlag gehört (und das meinte er durchaus ernst).1p 107

In der Diskussion um die Bewegung der Erde wurde argumentiert, es wäre unmöglich, dass sich die Erde bewege, denn dann würde ja nichts an seinem Platz bleiben; außerdem würden die Menschen an der anderen Seite der Erde, wenn sie denn rund wäre, herunterpurzeln.2

Der Mond könne keine Unebenheiten haben, meinten die Astronomen vor der Benutzung von Teleskopen, weil er lt. Aristoteles ein perfekter Himmelskörper wäre.3,4

Die Umwandlung von Elementen wurde vor der Entdeckung der Radioaktivität als unmöglich angesehen und auch diese wurde höchst skeptisch beäugt.5

Lange dachte man, es wäre unmöglich, oder zumindest höchst unwahrscheinlich, dass es außerhalb unseres Sonnensystems Sterne mit Planeten gäbe. Heute kennt man viele hundert solcher Planeten in anderen Sonnensystemen.6

Bis vor etwa 150 Jahren dachte man, es wäre unmöglich, dass die Winkelsumme eines Dreiecks größer oder kleiner als 180° sein könne, bis die Riemannsche Geometrie, die sich mit gekrümmten Räumen befasste, zeigte, dass in gekrümmten Räumen dies eben sehr wohl der Fall sein kann. Dies ist die Basis für Einsteins Relativitätstheorie und viele andere Entwicklungen.7

Als die erste Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth in Betrieb genommen wurde, meinten Kritiker, es wäre höchst gefährlich, bei solchen Geschwindigkeiten unterwegs zu sein und dem Menschen wäre es unmöglich, sie auszuhalten.

Die jüngere Medizin ist voll von solchen Beispielen der angeblichen Unmöglichkeit:

Es wäre unmöglich, Blut, Organe oder andere Körperbestandteile zu transplantieren, sagte man, bis man die immunologischen Voraussetzungen verstand und beherrschen konnte. Das Nervensystem und das Immunsystem seien getrennte Systeme, die keinerlei Kontakt miteinander hätten. Das galt, bis man im Rahmen psychoneuroimmunologischer Forschungen entdeckte, dass das Immunsystem konditionierbar ist und in der Tat kein Neurotransmitter existiert, der nicht auch immunologische Funktionen hat und umgekehrt.8,9

Es gibt natürlich auch Gegenbeispiele: Irrtümer, bei denen man eine Weile dachte, etwas Neues gefunden zu haben: Blondlet dachte etwa, er hätte neue Strahlen gefunden, die N-Strahlen. Sie lösten sich relativ rasch in Nichts auf.10 Aber bei diesen und allen anderen Irrtümern wird man finden: Keiner hat sich länger als eine Generation gehalten. Falls die Homöopathie zu solchen Irrtümern zählt, dann hat sie sich mehr als 200 Jahre gehalten und damit mehr als 7 Generationen. Rein historisch gesprochen ist allein dies eine Anomalie. Denn andere Theorien, wie etwa der Brownianismus, der zur selben Zeit entstand und dem damals die intellektuelle Elite anhing und der damit viel einflussreicher war als die Homöopathie, sind sang und klanglos im Boden der Geschichte verschwunden.11 Irrtümer haben sich historisch gesehen relativ rasch geklärt.

Das Unmöglichkeitsargument macht, wann immer es angewandt wird, eine fatale Voraussetzung: dass nämlich der derzeitige Stand des Wissens der unhintergehbare Horizont der Wissenschaft sei. Damit ist es implizit fortschrittsfeindlich, konservativ und wenn es dann noch im Verein mit publizistischen und politischen Einschüchterungsversuchen wie im Fall der Homöopathiekritik auftritt, dann nimmt es faschistoide Züge an. Dass es grundsätzlich töricht ist, sich eines solchen Arguments zu bedienen, zeigen nicht nur die Geschichte, sondern ein paar grundlegende Überlegungen. Wenn es stimmen würde, dann hätten wir heute einen Stand des Wissens erreicht, der nicht mehr revidierbar wäre, bzw. dann wären Bestandteile unseres Wissens grundlegend und für alle Zeiten festgeschrieben. Das wäre zwar grundsätzlich denkbar, ist aber der Sache nach höchst unwahrscheinlich und der Logik nach nicht gut argumentiert.

Das Sache nach würde es bedeuten, dass unsere Naturwissenschaft im Prinzip schon alles Wesentliche erkannt hat und nur noch ein paar Details auszufüllen sind, bis wir das perfekte Bild der Welt haben. Abgesehen davon, dass das seit Menschen Wissenschaft betrieben haben, fast alle Generationen so gesehen haben, ist es ein schlecht informiertes Bild unserer Wissenschaft. Wir haben zwar viele wichtige Erkenntnisse erworben, deren Revision unwahrscheinlich ist. Eine neue Art der Physik müsste sicher so beschaffen sein, dass sie die bekannten und bewährten Gesetze integriert. Die Bernouilleschen Auftriebsgesetze werden sicher auch in einer anderen Art der Physik funktionieren und Flugzeuge auch dann fliegen, wenn jemand einmal eine Theorie vorschlägt, die Quantenphysik und Relativitätstheorie integriert. Aber das heißt nicht, dass wir alles wissen, was wichtig ist zu wissen. Unsere Wissenschaft hat z.B. überhaupt keine Ahnung, wo sich etwa 95% der Energie und Materie im Universum befinden.6,12,13 Jedenfalls sind sie nicht sichtbar und mit unseren Mitteln erkennbar – schwarze Löcher zählen nicht, denn sie sind schon bei der erkennbaren Materie eingerechnet. Unsere Wissenschaft weiß auch nicht, wie die Physik des ganz Großen, die Relativitätstheorie, mit der Physik des ganz Kleinen, der Quantentheorie, zu verbinden ist. Die Evolutionstheorie, so fruchtbar sie ist, lässt sehr vieles im Dunkeln, angefangen von der Frage, wie es kam, dass die Grundkonstanten so beschaffen sind, wie sie es sind, damit unser Universum entstehen konnte, bis zu den Detailfragen wie genau sich Wettbewerb und Kooperation zueinander verhalten.6 Bis vor Kurzem dachte man, Quanteneffekte würden nur den subatomaren Bereich betreffen. Mittlerweile wissen wir, dass die Photosynthese ein makroskopischer Quanteneffekt ist, dass Pflanzen Photonen zur Speicherung von Information verwenden können und wer weiß zu was sonst noch.14,15 Empirisch gesehen ist das Umöglichkeitsargument, das von einem fixen, unveränderten und wahren Bestand von Wissen ausgeht also im einfachsten Falle töricht, im schlimmsten Falle destruktiv.

Logisch ist die Vermutung, wir hätten schon alles Wissen oder wären kurz davor, die wichtigsten Sachen zu wissen, falsch. Denn die Wahrheit einer Theorie lässt sich gar nicht erweisen; das hat Popper gesehen16,17. Wir können höchstens Theorien aufbauen, die viele Versuche der Widerlegung überstehen, so wie etwa die Quantentheorie, die weit mehr als 300 Versuche sie zu widerlegen überstanden hat. Aber ist sie deswegen wahr? Nein. Sie ist brauchbar. Sie ist höchstwahrscheinlich nicht wahr in einem philosophischen Sinne17. Denn sie ist mit anderen Theorien, eben der Relativitätstheorie, unvereinbar. Also wird es höchstwahrscheinlich eine theoretische Struktur geben müssen, die beide auf einer tieferen Ebene vereinigt. Zu behaupten, man könne die Unmöglichkeit von etwas aufweisen, setzt voraus, man hätte einen absoluten, unbezweifelbaren und nicht mehr wegzudiskutierenden Grund des Wissens. Und genau den gibt es im Rahmen der Wissenschaft nicht. Denn jede theoretische Struktur, das hat Gödel klar gesehen, muss auf ein System außerhalb ihrer selbst zurückgreifen, die sie als gegeben oder akzeptiert voraussetzt.18-20

Daher wird es immer nur relativ gut gesichertes Wissen geben, das immer unter Revisionsvorbehalt steht. Die Unmöglichkeit oder das Nichtvorhandensein von etwas kann man nicht beweisen. Denn das setzt voraus, dass man das ganze Universum zu allen Zeiten und an allen Orten untersuchen könnte und das ist nicht möglich.

Insofern müsste das Unmöglichkeitsargument lauten: Die Homöopathie ist unmöglich unter der Maßgabe, dass Wirkungen nur von Molekülen ausgehen können. Das ist ein Satz, der sicher schwer zu bezweifeln ist. Die Frage ist nur: Wie gehaltvoll ist er? Wer sagt, dass Wirkungen nur von Molekülen ausgehen können? Das ist nur sinnvoll unter einer bestimmten im tieferen Sinne unausgesprochenen Voraussetzung, nämlich der Voraussetzung einer materialistischen Interpretation der Welt und der Naturwissenschaft. Aber wer weiß ob sie stimmt? Wir machen im Alltagsleben laufend die Erfahrung, dass eine nichtmaterielle Ursache, etwa mein Wunsch, oder sonst ein mentaler Vorgang, eine Wirkung in der materiellen Welt hat. Das ist ein Paradox, das noch immer nicht gelöst ist und auf das Peter Bieri vor Zeiten einmal hingewiesen hat.21 Ich will mich jetzt nicht in die Tiefen des Bewusstseinsproblems verlieren; das habe ich andernorts getan.22-27 Nur so viel: die allseits weit verbreitete Meinung, man könne Bewusstsein als Resultat der Neuronenaktivität und damit als materielles Phänomen verstehen halte ich für ein postmodernes Märchen. Mit dieser Idee bin ich in zunehmend größerer und illustrerer Gesellschaft von Philosophen und anderen Psychlogen28-34. Wir können sogar im Rahmen der Physik die Paradoxie beleuchten: Am Ursprung der materiellen Eigenschaften von Molekülen und Atomen liegt eigentlich nichts anderes als mathematische Information. Denn Materie löst sich immer mehr ins Nirwana des Formalismus auf, je tiefer man blickt.35,36 Und wenn man ganz strikt argumentiert, dann ist die eigentliche Ursache von Ereignissen keine materielle, sondern eine formale, nämlich die formale Struktur von Gesetzen, die sich irgendwann im Materiellen bemerkbar machen. Komisch oder?

Das heißt nun alles nicht, dass damit die Homöopathie erklärt oder verstanden wäre. Es heißt nur: das Argument von der Unmöglichkeit der Homöopathie ist kein Argument sondern Ideologie, die ihre eigenen Voraussetzungen noch nicht durchschaut hat. Und eine Ideologie, die ihre eigenen Voraussetzungen nicht kennt, ist Fanatismus. Und sie hat sogar einen Namen: Szientismus.37-39

Das früher als unmöglich Gesehene wurde im Laufe der Wissenschaftsgeschichte dann in den Corpus des Wissens und des Möglichen aufgenommen, wenn sich empirisch gezeigt hat, dass es doch möglich ist, und wenn sich theoretisch gezeigt hat, wie es möglich ist. Allerdings mussten dazu häufig die Grenzen der Methodik verschoben werden. William Harvey hat die Vivisektion eingeführt und Hunde bei lebendigem Leibe aufgeschnitten an denen er ein schlagendes Herz sehen und zeigen konnte, eigentlich eine methodische Unappetitlichkeit. Galileo benutzte das kurz zuvor erfundene Fernrohr, um die Landschaft des Mondes, die Phasen der Venus und die Monde des Jupiters zu zeigen. Ob wir die Wirksamkeit oder die Effekte der Homöopathie mit den vorhandenen empirischen Mitteln zweifelsfrei klären können, weiß ich nicht. Wir können mit randomisierten Systemvergleichen klären, ob Homöopathie, verglichen mit konventioneller Medizin, gleich gut, besser oder schlechter ist. Solche Studien gibt es leider nur wenige, und wo es sie gibt, zeigen sie in der Regel mindestens Gleichwertigkeit. Wir können mit Placebo-kontrollierten Studien klären, ob Homöopathie im Sinne einer klassischen lokalen pharmakologischen Ursache wirkt. Diesen Befund habe ich anderweitig immer mal wieder diskutiert (s. unten Links zur Studienlage) und ich werde noch darauf zurückkommen. Ich persönlich habe meine Zweifel, ob sich eine solche lokale Kausalität wird nachweisen lassen. Ich denke, wir haben es bei der Homöopathie mit einem nicht-klassischen Phänomen zu tun, dem wir mit den vorhandenen Denkschemata und Forschungsmodellen nur begrenzt gerecht werden können. Daher scheint sie „unmöglich“ zu sein. Aber wenn wir sie als Herausforderung auffassen, sie besser zu verstehen und nicht als „unmöglich“ abkanzeln, dann haben wir eher eine Chance, etwas Neues zu entdecken, das wir bisher noch nicht gekannt haben. Die Analyse des Fortschritts in der Wissenschaft und in der Medizin zeigt, dass das die klügere Heuristik ist.

Links zur Studienlage

Die Europäischen Wissenschaftsakademien und die Homöopathie

Ist Homöopathie also nun ein Placebo? Pros, Cons, und einige Fälle zum Nachdenken

Plausibilitätsbias und die weit verbreitete Meinung, die Homöopathie sei „widerlegt“

Die populärsten Irrtümer – Nr. 2 – Unwissenschaftlich

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  39. van Fraassen B. Naturalism in epistemology. In: Williams RN, Robinson DN, eds. Scientism: The New Orthodoxy. London: Bloomsbury; 2016: 64-95.
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Die populärsten Irrtümer

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– über die Homöopathie und die konventionelle Medizin – Teil 8

Weil ich in Debatten immer wieder die gleichen falschen Aussagen höre, stelle ich sie hier einmal zusammen mit den entsprechenden Argumenten, Daten und Fakten: Irrtümer, die über die Homöopathie geäußert werden, meistens mit entsprechenden Irrtümern über die Medizin gepaart. Ich hoffe, das entspannt die Debatte, die ich als unnötig polarisiert und wenig konstruktiv wahrnehme.

Es geht weiter mit

Irrtum Nr. 8 –Potenzierung – alles Hokuspokus

von Susann Buchheim-Schmidt

Kritiker der Homöopathie stellen die Wirksamkeit der homöopathischen Therapierichtung per se in Frage, da durch den hohen Verdünnungsgrad keine Wirkung mehr möglich sei. Dabei wird häufig das sogenannte „Bodenseeargument“ ins Feld geführt.

Bezüglich der Technik des Potenzierens kommt immer wieder die Frage auf: „Wodurch ist als Notwendigkeit nachgewiesen, dass man gegen den Erdmittelpunkt schütteln muss?

Verdünnen um zu Detoxifizieren

Hahnemann untersuchte nach dem Chinarindenversuch im Jahre 1790 viele weitere Arzneimittel auf ihre potentielle Wirksamkeit für die Homöopathie. Oft handelte es sich um giftige Stoffe, da von diesen schon eine entsprechende Wirkrichtung bekannt war oder diese schon in der Allopathie verordnet wurden. Er nannte auch klar das Vergiftungsbild als eine der Grundsäulen für ein homöopathisches Arzneimittelbild, neben homöopathischen Arzneimittelprüfungen am Gesunden und klinischen Erfahrungen. Zu nennen als toxische Ausgangsstoffe für homöopathische Arzneien, die auch schon von Hahnemann verwendet wurden, sind beispielsweise die Tollkirsche (Atropa belladonna), der Blaue Eisenhut (Aconitum napellus), Quecksilberpräparate (Mercurius solubilis) oder auch Arsentriooxid (Arsenik; Arsenicum album).

Hahnemann wollte seine Patienten nicht schaden. Dies war z.B. in der damaligen allopathischen Medizin mit hohen Gaben quecksilberhaltiger Arzneien im Falle der Syphilis “Standard“; Franz Schubert etwa dürfte an den Folgen der Quecksilberdampfbäder verstorben sein, die er wegen seiner Syphilis verordnet bekam. Daher verdünnte Hahnemann die Ausgangsstoffe unter die toxische Konzentration, auch weil er feststellte, dass bei ausreichender Symptomähnlichkeit nur sehr kleine Dosen notwendig waren. Diese Verdünnung erfolgte – wie auch heute noch in der Laborarbeit gängige Praxis – schrittweise als Verdünnungsserie, was besonders exakte Konzentrationsverhältnisse garantiert. Als Verdünnungsverhältnis wählte er Hunderterschritte, woraus später die sogenannten C-Potenzen (Centesimalpotenzen) abgeleitet wurden. Um eine Durchmischung der Verdünnungen zu garantieren wurde geschüttelt. Dies alles hatte zunächst nichts mit Potenzierung zu tun, sondern war ein ganz pragmatischer Ansatz.

Daher sprach er bis zum Jahre 1821 auch noch von Verdünnungen. Erst später machte er die Erfahrung, dass mit steigenden Verdünnungsschritten der Arznei auch die Wirkstärke und Wirkdauer anstieg. Der Begriff „Potenzierung“ wurde erst im Jahre 1827 das erste Mal gebraucht. (Schmidt, Taschenatlas Homöopathie)

Potenzierung mittels Schüttelschlägen – Was schreiben die Arzneibücher vor?

Mit der Anzahl der Schüttelschläge experimentierte Hahnemann Zeit seines Lebens und fand mit 10 Schlägen für die C-Potenzen (Verhältnis 1:100) und 100 Schlägen für die LM/ Q-Potenzen (Verhältnis 1:50.000) schließlich das Optimum. (Chronische Krankheiten Band 3 1837; Organon 6. Auflage)

Die starken Schüttelstöße sollten „mit der Hand gegen einen harten, aber elastischen Körper“ ausgeführt werden. „Etwa auf ein mit Leder eingebundenes Buch“ (Organon 6. Auflage).

Von einer „Verschüttelung gegen den Erdmittelpunkt“ ist nirgends die Rede. Allerdings bieten abwärts gerichtete Schüttelschläge naturgemäß die größte Krafteinwirkung auf die Arznei. Mystifiziert wird hier jedoch nichts. 1879 (über 30 Jahre nach Hahnemanns Tod) wurde in Willmar Schwabes Pharmacopoea Homeopathica Polyglotta -dem Vorläufer des heutigen Homöopathischen Arzneibuchs (HAB)- vorgeschrieben, dass die Potenzierung mit 10 kräftigen abwärts gerichteten Schlägen mit dem Arm durchzuführen sei.

Auch hier ist nicht vom Erdmittelpunkt die Rede. Ebenso wenig in allen anderen offiziellen homöopathischen Arzneibüchern in und außerhalb Europas, wie dem deutschen HAB, der Pharmacopée Française (FP), den Monografien zur Herstellung von Homöopathika im Europäischen Arzneibuch (Ph. Eur), der Britischen Homöopathischen Pharmacopoe, der Homöopathic Pharmacopoeia of India (HPI), der Homeopathic Pharmacopoeia of the United States (HPUS) und der Brazilian Homeopathic Pharmacopoeia.

(Arzneinbuchvergleich des Subcommittee Pharmacy im ECH)

Das Märchen vom Erdmittelpunkt hat also seinen Ursprung wohl gar nicht in Homöopathenkreisen, sondern wurde vermutlich von Homöopathiekritikern selbst gestreut, um die Unglaubwürdigkeit der (Herstellungs)methode stärker zu verdeutlichen?

Auch ist keineswegs vorgeschrieben, dass die Schüttelschläge mit der Hand durchzuführen sind. Schon Hahnemann erwähnt im Organon in einer Fußnote des § 270 die Möglichkeit, dass „der Arznei Stöße mittels einer kräftigen Maschine gleichsam eingezwungen“ werden. Auch die oben genannten homöopathischen Arzneibücher lassen die Möglichkeit der mechanischen Verschüttelung zu, insbesondere, wenn „der Bewegungsablauf der manuellen Verschüttelung hinsichtlich Frequenz und Strecke entspricht“. (HAB H.5.4.1.)

Das Bodenseeargument

Ein weiteres Argument der Kritikerszene ist das sogenannte „Bodenseeargument“. Gemeint sind dabei Konzentrationsberechnungen verschiedener homöopathischer Potenzen, um die Unmöglichkeit einer Wirksamkeit zu verdeutlichen.

Beispiel: Ein Tropfen Substanz auf die Menge Wasser im Bodensee würde rein rechnerisch einer D18 entsprechen.

Vergessen wird dabei, dass bei einer homöopathischen Behandlung nicht unbedingt ein potenziertes und damit hoch verdünntes Arzneimittel angewendet werden muss. Das Hauptmerkmal der homöopathischen Therapierichtung ist die Anwendung der Arzneimittel nach dem Ähnlichkeitsprinzip („Simileprinzip“), dies kann durchaus auch mit der Urtinktur oder sehr tiefen Potenzen erfolgen.

Vergessen wird bei solchen Konzentrationsberechnungen auch, dass nicht einfach verdünnt und umgerührt wird (was bei der Riesenmenge Wasser im Bodensee gar nicht möglich wäre), sondern schrittweise verdünnt und dabei -zunächst mittels Verreibung, später mittels Schüttelschlägen- potenziert wird.

Dass es rein auf die Herstellungstechnik bezogen große Unterschiede zwischen einfachem Verdünnen und Potenzieren gibt, soll im Folgenden verdeutlicht werden:

Der Trituarationsprozess

Bei der Milchzuckerverreibung (Trituration) eines Arzneistoffes -von Hahnemann bis zur C3 für fast jede Arznei gefordert- wird die Ausgangssubstanz im Verhältnis 1:100 (für C-Potenzen) oder 1:10 (für D-Potenzen) mit anteiligen Mengen Lactosemonohydrat (jeweils 1/3) in einer rauen Reibschale (Mörser) verrieben. Dabei sind genaue Zeiten einzuhalten, um eine wirkliche Durchmischung der Ausgangssubstanz zu garantieren. Pro Verreibungsschritt ist nach HAB Vorschrift 7 eine Stunde vorgeschrieben.  Durch den Verreibungsprozess wird die Partikelgröße von Arzneistoff und Milchzucker sehr stark verkleinert und es erfolgt ein sehr inniger Durchmischungsprozess. Man hat am Ende der dreistündigen Verreibungszeit in der C3 eine Partikelgröße im Nanometerbereich.

Durch diesen Prozess wird es auch möglich, schwer lösliche Salze oder auch als Grundsubstanz komplett inerte Stoffe (z.B. Lycopodium) für den menschlichen Körper verfügbar zu machen. Zudem hat sich die Löslichkeit des Milchzuckers in Bezug auf Alkohol verändert, man spricht von kolloidaler Löslichkeit.

Ab der 3. Potenz kann dann auf das flüssige Potenzierungsfverfahren (Herstellung von Dilutionen) mittels der oben beschriebenen Verschüttelungsmethode übergegangen werden.

Es gibt einige Theorien darüber, wieso die Information der potenzierten Arznei auf den Trägerstoff (Milchzucker oder Alkohol) übergeht und trotz der Verdünnung eine Wirkung bzw. sogar Wirksteigerung -Voraussetzung ist dabei die Ähnlichkeit zwischen Arznei und Symptomen- zu beobachten ist. Eine abschließende, zufriedenstellende Erklärung warum das so ist, gibt es jedoch tatsächlich noch nicht.

Fakt ist allerdings, dass die Trägersubstanzen in denen ein Arzneistoff potenziert wurde, sich in verschiedenen physikalischen Parametern (NMR-Relaxationszeitmessungen (T1/T2); UV VIS-Untersuchungen) deutlich von einfach nur verschüttelten Kontrollen unterscheiden. Gründe dafür im Herstellungsprozess zu suchen ist naheliegend.

„Ein theoretisches Modell, welches diese Modifikationen als Träger von spezifischen Arzneimittelwirkungen interpretiert, steht jedoch noch aus“; heißt es auch im Forschungsreader der WissHom 2016.

Fazit:

Die Vorschriften des bei der Herstellung von Homöopathika verwendeten Teils des HAB (HAB-Vorschriften 1 bis 17, sowie 43 und 44; jetzt teilweise ins Europäischen Arzneibuch übernommen) sind präzise formuliert und basieren auf Hahnemanns Herstellungsvorschriften im „Organon der Heilkunst“, den „Chronischen Krankheiten“ und der „Reinen Arzneimittellehre“. Mystische Details wie z.B. der Erdmittelpunkt oder Angaben darüber, ob rechts- oder linksherum verrieben oder zu welcher Tageszeit verschüttelt werden sollte, sind dort nicht zu finden und gehören auch nicht zu den Grundlagen der Homöopathie.

Quellen:

https://www.pharmazeutische-zeitung.de/ausgabe-352013/homoeopathie-glaubenskrieg-um-globuli/

Hahnemann, Samuel: Organon der Heilkunst, 6. Auflage: http://www.zeno.org/Kulturgeschichte/M/Hahnemann,+Samuel/Organon+der+Heilkunst+(6.+Auflage)

Schmidt, Josef: Taschenatlas Homöopathie in Wort und Bild, Haug-Verlag, Heidelberg 2001

Hahnemann, Samuel: Chronische Krankheiten Band 3, 1837 – „Vorwort über das Technische in der Homöopathie“

http://www.zeno.org/Kulturgeschichte/M/Hahnemann,+Samuel/Die+chronischen+Krankheiten/Arzneimittel/Dritter+Theil/Vorwort

Schwabe, Willmar: Pharmacopoea Homeopathica Polyglotta; Second Edition; Boericke&Tafel, New York 1880

European Committee for Homeopathy (SC Pharmacy): Comparison of homeopathic preparation methods in pharmacopoeias (2016)

Homöopathisches Arzneibuch (HAB), DAV, Stuttgart 2018

Schwarzbach, R./ Buchheim-Schmidt, S.: Fachrechnen für PTA, DAV, Stuttgart 2013

2nd DynHom Colloquium Mai 2017 organized by Unio Homeopathica Belgica

Baumgartner, S.: Stand der Grundlagenforschung in der Homöopathie 2016

Im WissHom-Forschungsreader: http://www.wisshom.de/dokumente/upload/7cda0_forschungsreader_2016_ergschutzgeb%C3%BChr_180713.pdf

Rissel, R.: Kritische Fragen an die Homöopathie

https://www.muench-akademie.de/shop/publikationen/kritische-fragen-an-die-homoeopathie/

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Die populärsten Irrtümer

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–  über die Homöopathie und die konventionelle Medizin – Teil 7

Harald Walach

Weil ich in Debatten immer wieder die gleichen falschen Aussagen höre, stelle ich sie hier einmal zusammen mit den entsprechenden Argumenten, Daten und Fakten: Irrtümer, die über die Homöopathie geäussert werden, meistens mit entsprechenden Irrtümern über die Medizin gepaart. Ich hoffe, das entspannt die Debatte, die ich als unnötig polarisiert und wenig konstruktiv wahrnehme. Es geht weiter mit

Irrtum Nr. 7 – Gefährlich

Homöopathie ist potenziell gefährlich, denn sie könnte ja wichtige Behandlungen verhindern. Konventionelle Behandlung hingegen ist auf jeden Fall ratsam.

Das beliebte Argument von Homöopathiekritikern, dass Homöopathie gefährlich ist, weil sie wichtige Behandlungen verzögert und verhindert, ist aus meiner Sicht vor allem eines: unbelegte Polemik.

Theoretisch stimmt das Argument natürlich: wenn zu Zeiten, wo wir wirksame Behandlungen gegen lebensbedrohliche Erkrankungen wie einen akuten Herzinfarkt oder Schlaganfälle haben, jemand erst homöopathische Kügelchen verwendet, dann ist das ein professioneller Fehler.

Praktisch ist es aber meines Wissens nicht belegt, dass dies tatsächlich ein Problem darstellt. Die großen Befragungsstudien, die es gibt, zeigen, dass Patienten Homöopathie und andere komplementäre Verfahren vor allem komplementär, also in Ergänzung, verwenden.1,2 Selten ist Homöopathie die erste Wahl. Meistens kommen Patienten zum homöopathischen Arzt nach einer Odyssee durchs System. Solche Patienten bleiben dann oft dieser Behandlung treu, auch bei anderen und akuten Beschwerden. Dagegen ist aus meiner Sicht kaum was einzuwenden. Denn jeder gute homöopathische Arzt ist zunächst einmal Arzt und kennt die Grenzen seiner Kunst. Übersichtsarbeiten, die der Homöopathie Nebenwirkungen bescheinigt haben wollen,3 leiden unter groben handwerklichen Fehlern.4

Und im Übrigen: Entweder ist die Homöopathie wirkungslos, dann kann sie keine Nebenwirkungen haben und die einzige gefährliche Wirkung wäre die Unterlassung. Oder aber die Homöopathie kann Nebenwirkungen haben, dann ist sie aber auch nicht wirkungslos.

Aber wie sieht es denn mit der Unterlassung wirklich aus? Wie gesagt: Daten sprechen eher dagegen, dass das ein Problem wäre. Und sieht man sich die potenziellen Nebenwirkungen konventioneller Medikamente an, dann bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob es nicht eine kluge Strategie ist, im Normalfall, also dann, wenn keine Gefahr im Verzug ist, zunächst eine homöopathische Therapie zu versuchen und erst dann, wenn das nicht funktioniert, zu stärkeren Geschützen zu greifen. Denn immerhin sind tödliche Nebenwirkungen von konventionellen Arzneien je nach Lesart Todesursache Nr. 2, 3 oder 4 in der modernen Welt.5,6 Die Gefahr an den langfristigen Folgen einer Dauermedikation zu sterben ist deutlich höher als die Gefahr durch homöopathische Therapie eine lebensrettende Massnahme zu versäumen und dadurch zu sterben.

Weil diese Frage aber noch niemand untersucht hat, muss dies Spekulation bleiben. Meine Lieblingsstudie wäre: Einer Kohorte von nicht wirklich ernsthaft Kranker in einem Alter von über 50 Jahren alle Medikamente zu entziehen und durch Placebo zu ersetzen (idealerweise ohne dass sie davon wissen) und den Gesundheitszustand nach einem halben Jahr zu untersuchen. Ich wette eine Kiste Champagner, dass er besser wäre. Da ich diese Studie aber nie bewilligt bekomme und jemand anderer sie nicht machen wird, kriege ich mal wieder meinen Champagner nicht.

Anmerkung 23.2.2019

In diesem Dokument wurden zwei Sätze gestrichen:

„Das Problem taucht allenfalls da auf, wo weniger gut ausgebildete Heilpraktiker ärztliche Versorgungsfunktion übernehmen. Das hat aber weniger mit der Homöopathie, als mit dem System zu tun.“

Diese Sätze waren missverständlich und wurden missverstanden. – Und ich bedaure das.

Es ging mir nicht um eine Diskreditierung von Heilpraktikern.

Dass Heilpraktiker heutzutage viel lernen und wissen müssen, ist mir durchaus bekannt. Wir hatten in unserem Studiengang in Frankfurt/Oder auch viele Heilpraktiker und alle, die ich kennengelernt habe, haben mir viel Respekt abgerungen.

Aber wenn Heilpraktiker ärztliche Versorgungsfunktionen übernehmen und auch schwere Krankheiten behandeln, müssen sie sich darüber klar sein, dass sie sich außerhalb des ärztlichen Versorgungssystems bewegen und damit eine besondere Verantwortung haben.

Erfahrene Heilpraktiker wissen das und kennen die Grenzen.

Das Problem ist aber, dass die Heilpraktiker-Ausbildung keinen zwingenden klinischen  Teil hat.

Auch frisch gebackene Ärzte haben nach Absolvierung ihres Studiums und der Staatsexamina zunächst mal nur viel Wissen angehäuft – und haben noch wenig eigene Erfahrung mit richtigen Patienten und echten Krankheiten.

In ihrer klinischen Ausbildung sehen sie dann in der Regel auch schwerere Krankheitsfälle und  bekommen ein Gefühl für die Schwere von Krankheiten, für Situationen, wo es heikel wird, wo man jemanden um Hilfe bitten muss (im Krankenhaus dann den Oberarzt).

Ausreichende Praxiserfahrung kompensiert diesen Mangel an klinischer Ausbildung – aber bei den Anfängern ist es die klinische Ausbildung, die den Unterschied macht.

Und dass Ärzte dennoch Fehler machen – auch gravierende Fehler – ist hinlänglich allgemein bekannt. – Vielleicht sollte ich diesen Punkt gelegentlich noch vertiefen.

Worum es mir in dem Artikel eigentlich nur ging: Mit der Homöopathie als Methode hat das alles nichts zu tun.

Links

Der perfekte Mord? Neue Albernheiten zum Thema Homöopathie

Stellungnahme WissHom zu: BELLADONNA-HALTIGE HOMÖOPATHIKA … schwere Störwirkungen und Todesfälle in USA, Arznei-Telegramm 3/17 (a-t 2017; 48: 31-2)

Stellungnahme AEHA: Sicherheit homöopathischer Arzneien in Europa gewährleistet

Stellungnahme AEHA: Fakten zu Homeopathic Teething Tablets

Referenzen

  1. Ostermann T, Vollmar HC, Raak C, Jacobi F, Büssing A, Matthiesen PF. Potenzielle Inanspruchnahme von Gesundheitsprofessionen durch privat Versicherte unter Berücksichtigung komplementärmedizinischer Versorgungsleistungen. Forschende Komplementärmedizin 2015; 22: 369-479.
  2. Linde K, Alscher A, Friedrichs C, Joos S, Schneider A. Die Verwendung von Naturheilverfahren, komplementären und alternativen Therapien in Deutschland – eine systematische Übersicht bundesweiter Erhebungen. Forschende Komplementärmedizin 2014; 21: 111-8.
  3. Posadzki P, Alotaibi A, Ernst E. Adverse effets of homeopathy: a systematic review of published case reports and case series. The International Journal of Clinical Practice 2012; 66: 1178-88.
  4. Walach H, Lewith G, Jonas W. Can you kill your enemy by giving homeopathy? Lack of rigour and lack of logic in the systematic review by Ernst and colleagues on adverse effects of homeopathy. International Journal of Clinical Practice 2013; 67: 385-6.
  5. Gøtzsche PC. Deadly Psychiatry and Organised Denial. Copenhagen: People’s Press; 2015.
  6. Gøtzsche PC. Deadly Medicines and Organised Crime: How Big Pharma Has Corrupted Health Care. London: Radcliff; 2013.
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Die populärsten Irrtümer

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– über die Homöopathie und die konventionelle Medizin – Teil 6

Weil ich in Debatten immer wieder die gleichen falschen Aussagen höre, stelle ich sie hier einmal zusammen mit den entsprechenden Argumenten, Daten und Fakten: Irrtümer, die über die Homöopathie geäußert werden, meistens mit entsprechenden Irrtümern über die Medizin gepaart. Ich hoffe, das entspannt die Debatte, die ich als unnötig polarisiert und wenig konstruktiv wahrnehme. Es geht weiter mit

Irrtum Nr. 6 – Widerwärtige Arzneimittel

Curt Kösters

Die Inhaltsstoffe der homöopathischen Mittel sind widerwärtig. Wenn die Leute nur wüssten, was sie da zu sich nehmen …

Und damit eben diese Leute das dann auch erfahren, wird dann gerne auch die Forderung nach einer deutschen Bezeichnung der Arzneimittel erhoben mit dem hehren Ziel der Transparenz.

Deutsche Bezeichnung

Zuletzt wurde diese Forderung nach mehr Transparenz 2017 von der Verbraucherschutzbeauftragten der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Mechthild Heil, erneut erhoben

– und eigentlich ist dazu auch alles schon gesagt.

Hier finden Sie den Kommentar des Anwenderbündnisses für den Erhalt homöopathischer Einzelmittel und im Anschluss an diesen Beitrag dokumentiere ich auch noch meinen Kommentar seinerzeit.

Worum geht es?

Es geht hier um die Ausgangssubstanzen für die Herstellung homöopathischer Mittel und deren behauptete Widerwärtigkeit.

Nun wurden und werden in der Medizin immer schon seltsame Dinge verwendet – und manche vielleicht sogar mit Erfolg: Angeblich haben z.B. die alten Ägypter infizierte Wunden mit Schimmel behandelt; und wenn es denn stimmt, war das vielleicht sogar wirksam: Immerhin wurde das erste wirkliche Antibiotikum – das Penicillin – in einem Schimmelpilz entdeckt.

Aber auch heute noch finden sich in der Medizin Dinge, die locker in die Unterhaltung bei Tisch eingestreut, unter Garantie dem einen oder anderen den Appetit verderben wird – und Ihnen den Zugriff auf den Löwenanteil des Desserts sichern werden.

Was halten Sie von Wundbehandlung mit lebenden Fliegenmaden? Diese Behandlung wurde entdeckt, nachdem man in den Kriegen gesehen hatte, dass Patienten, deren Wunden von Maden infiziert war, weniger häufiger Sepsis bekamen.

Die Einnahme von Würmern ist eine effektive (und sinnvolle) Behandlung bei entzündlichen Darmerkrankungen.

Der neueste Hit sind allerdings Stuhltransplantationen.

Für das gesunde deutsche Geschmacksempfinden können aber auch schon Blutegel zur Belastung werden, eine alte Behandlungsmethode, die bei Arthrose nachweislich wirksam ist. (Michalsen, A., Kotz, S., Lüdtke, R., Moebus, S., Spahn, G., & Dobos, G. J. (2003). Effectiveness of leech therapy in osteoarthritis of the knee. Annals of Internal Medicine, 139, 724-730.)

Aber auch konventionelle Arzneimittel haben manchmal eine Herkunft, die man sich ungern im Detail vorstellt – eben z.B. Blutegel (bzw. deren Speichel).

Und leider sind sogar Lebensmittel gelegentlich nicht ganz frei von Bestandteilen mit Ekel-Faktor (s. unten).

Manchmal sind die Bestandteile auch gefährlich.

Und es ist jetzt doch noch eine wirklich interessante Frage: Was ist denn eigentlich schlimmer? – eklig oder gefährlich?

In der Tat gibt es seltsame Mittel in der Homöopathie: „Kakerlaken, Kellerasseln, Krötengift oder faules Rindfleisch“ – um Mechthild Heil im Original zu zitieren – und die war immerhin die Verbraucherschutz-Beauftragte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion!

Und auch wenn die Kellerassel jetzt etwas unpräzise ist – (die Kellerassel, Porcellio scaber, kommt in der homöopathischen Materia medica definitiv nicht vor – gemeint ist hier wahrscheinlich die Mauerassel, Orniscus asellus, – und die gehört zu einer ganz anderen Familie der Asseln – so ist das mit den deutschen Bezeichnungen), so ist diese Aufzählung doch schön in ihrer Ausdruckskraft.

In der Homöopathie wird vieles verwendet, was

  • Sich in irgendeiner Form als toxikologisch bzw. arzneilich wirksam erwies (darunter auch zahlreiche konventionelle Pharmaka – wenn auch selten – und dann natürlich in potenzierter Form )
  • Bereits in der Volksheilkunde verschiedener Länder Verwendung fand
  • Sich in einer homöopathischen Arzneimittelprüfung als symptomträchtig erwies

Homöopathen sind neugierig und experimentierfreudig. Die Bedingungen für die homöopathische Verwendung einer Substanz sind allerdings, dass es:

  • Toxikologische Berichte
  • Homöopathische Arzneimittelprüfungen
  • Präzise beschriebene Symptome von erfolgreich behandelten Patienten

gibt.

Idealerweise sind alle drei Punkte erfüllt. Weniger bekannte und erprobte Mittel erfüllen auch nur zwei, oder gar nur einen dieser Punkte.

Die Kriterien des Bundesamtes für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) sind allerdings ohnehin wesentlich strenger.

Derzeit hat ein neues homöopathisches Mittel dort kaum eine Chance in der Registrierung.

Neben etlichen anderen Kriterien (wie z.B. zwei Arzneimittelprüfungen) muss auch die spezifische homöopathische Bekanntheit und die bereits erfolgreiche Verwendung in der Homöopathie für ein Mittel nachgewiesen werden, bevor dieses Mittel registriert und auf den Markt gebracht werden kann (warum nur erinnert mich das an den klassischen Test aus Catch-22?) – Aber auch das nur am Rande.

Was ich mich hier eigentlich frage: Was genau ist das Problem mit seltsamen Ausgangssubstanzen homöopathischer Mittel?

Bekanntlich ist ja „nichts drin“, wie die gleichen Skeptiker nicht müde werden zu betonen.

Sind das die gleichen selbsternannten Hyper-Rationalisten – die letzten Verteidiger der bedrohten Aufklärung wider die Flut der Barbarei – die einzig wahren Gläubigen der neuen Religion des Szientismus – die jetzt meinen eine Ekel-Kampagne betreiben zu müssen?

Sind das die gleichen Leute, die in der ersten Panik – nach der Publikation des Atropin-Versuchs an Rattendärmen zu dem etwas verzweifelten und äußerst zweifelhaften (aber doch wunderschön spitzfindigen) Argument griffen, dass man eine Belladonna C 30 ja gar nicht herstellen könne (weil in jedem beliebigen Wasser bereits vor der Herstellung mehr Belladonna sei)?

Diese Art von Kritikern müsste sich mal entscheiden: nichts drin oder eklig? Beides zusammen geht nicht.

Aber die logische Inkonsistenz hindert offenbar nicht daran einfach beide Argumente zu verwenden.

Diese Ekel-Kampagne leidet aber nicht nur unter logischer Inkonsistenz:

Die Forderung nach deutschen Arzneimittelbezeichnungen war und ist:

  • albern – deutsche Arzneimittelbezeichnungen würden nicht zu mehr Transparenz führen, sondern vielmehr zu völliger Verwirrung (s. unten)
  • irrational – wenn ohnehin „nichts drin“ ist, dann bezeichnet der Name ja nicht die Inhaltsstoffe, sondern nur deren Herkunft bzw. die Geschichte der Herstellung
  • undurchfühbar, denn dann müssten auch alle konventionellen Arzneistoffe mit deutschen Namen ausgezeichnet werden, und das geht gar nicht, weil sie chemischer Natur sind und chemische Namen sind in der Regel keine deutschen, sondern Kunstbezeichnungen. Oder wie sollte man den chemischen Namen Sulfonamid eindeutschen? Schwefeleiweiss? Und Acetylsalicylsäure? Essigsaureweidenrindensäure? Und Pentobarbital?
  • Diese Forderung ist politisch auch gar nicht durchsetzbar – schon gar nicht im Kontext der EU. In der logischen Konsequenz würde sie dazu führen, dass z.B. Penicillin fortan als „Schimmelpilz-Extrakt“ bezeichnet werden müsste – und spätestens dann würden verschiedene sehr einflussreiche Pharma-Konzerne aktiv werden.

Und wenn man die erfahrene Abgeordnete Mechthild Heil (seit 2009 Mitglied des Deutschen Bundestages, seit 2016 Mitglied des Bundesvorstandes der CDU) nicht für unterbelichtet hält, darf man annehmen, dass ihr das auch klar war.

Worum geht es wirklich

Um Rationalität geht es jedenfalls nicht bei der Ekel-Kampagne.

Kommen wir zurück auf die interessante Frage, was denn eigentlich schlimmer ist: eklig oder gefährlich?

Unser Verstand würde jederzeit sagen: Gefährlich ist schlimmer als eklig – unser Gefühl sagt etwas anderes.

Die Botschaft mag im Einzelfall irrational sein – aber um rational abgelehnt zu werden müsste sie zunächst die Großhirnrinde erreichen.

Über Ekel wird in tieferen, uralten Hirnarealen entschieden; der Verstand sucht dann nach Argumenten um eine emotional längst getroffene Entscheidung zu rationalisieren. Ekel-Botschaften sind daher recht wirksam um Verhaltensänderungen hervorzurufen.

Die rational absurde Forderung nach deutschen Arzneimittelbezeichnungen wird in diesem Kontext dann doch sinnvoll. Sie dient als Vehikel um die Ekelbotschaft elegant zu transportieren.

Ähnlich verhält es sich mit der Forderung nach Abschaffung der Apothekenpflicht für Homöopathika.

Auch diese Forderung ist nicht durchsetzbar. – Mechthild Heil bekam nicht nur Widerspruch aus anderen Fraktionen, sie wurde auch prompt von einem Fraktionskollegen zurückgepfiffen.

Auch diese Forderung ist vorwiegend ein Vehikel für eine Negativbotschaft: Homöopathika sind unwirksam!

Die Tatsache, dass sie sehr wohl wirksam sind und die Tatsache, dass die Beweislage dafür jedenfalls nicht schlechter ist als für viele konventionelle Präparate wurde hier schon in verschiedenen Beiträgen erörtert:

Zwei wesentliche Erkenntnisse

können wir also aus dieser Geschichte ziehen:

Erstens: Es gibt eine gut koordinierte und strategisch geplante Kampagne gegen die Homöopathie. Diese bedient sich höchst professioneller Medienstrategien um Negativ-Botschaften in den Köpfen zu verankern. Gezielt wird dabei mit Mitteln der Assoziationsumsteuerung gearbeitet. Begriffe wie „unwirksam“, „nichts drin“, „Pseudomedizin“, „Quacksalber“ spielen dabei eine zentrale Rolle. Bestimmte Zielgruppen (wie Schwangere, Eltern) werden dabei gezielt mit Assoziationen wie „gefährlich“, „eklig“ angesprochen.

Zweitens: Mechthild Heil ist eine Aktivistin in dieser Kampagne. Das lässt sich bereits aus dieser gezielten Platzierung von Negativbotschaften ablesen und dazu muss man gar nicht wissen, dass sie auch bei GWUP Blog-Beiträge schreibt. Insbesondere die Ekel-Botschaft wird praktisch nur von echten Aktivisten verwendet; ansonsten hat sie bisher keine große Verbreitung gefunden, da sie eben weder logisch, noch richtig ist.

Die hartnäckige Wiederholung von einigen wenigen Kernbotschaften ist ein klassisches und wirksames Instrument der Propaganda. Bei ausreichender Hartnäckigkeit kommt es auf den Wahrheitsgehalt dann gar nicht mehr an.

Und da ich mich nicht auch noch für diese Kampagne instrumentalisieren lassen möchte und deren Botschaften transportieren, habe ich einen Moment darüber nachgedacht, ob ich diesen Beitrag nicht doch lieber mit einem freundlichen Maikäfer-Bild illustrieren sollte (auch der wird ja in der Homöopathie verwendet). – Ich habe mich dann doch für die Schabe entschieden.

Dokumentation

Und hier nun die Dokumentation eines Kommentars zu dem damaligen Artikel in der DAZ:

CDU/CSU und der Verbraucherschutz

Die Verbraucherschutzbeauftragte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Mechthild Heil, fordert eine deutsche Benennung der homöopathischen Mittel.

„Die Menschen erwarten heutzutage, dass sie in allen Bereichen unseres täglichen Lebens angemessen und verständlich informiert werden. Was für das morgendliche Frühstück und den Mietvertrag gilt, sollte auch für die Homöopathie gelten.“

2014 hatte Mechthild Heil diese Forderung schon einmal aufgestellt und begründet dass „sich in homöopathischen Mitteln teils abenteuerliche Inhaltsstoffe fänden: Kakerlaken, Kellerasseln, Krötengift oder faules Rindfleisch. Der Verbraucher müsste verständlich darüber informiert werden, was er zu sich nimmt.“

Die CDU/CSU möchte also harte Kante zeigen im Verbraucherschutz und fordert eine umfassende und vollständige Verbraucherinformation – in allen Bereichen unseres täglichen Lebens. Das ist doch mal eine gute Nachricht – insbesondere für das Frühstück.

Foodwatch wird es freuen; diese Organisation hatte zuletzt in einem Offenen Brief an den Bundesminister der Ernährung Christian Schmidt (CSU) vom 17.3.2014 und in einer Presseerklärung vom 04.07.2016 gefordert, die staatliche Lebensmittelbuch-Kommission abzuschaffen, „weil diese immer wieder irreführende Produktbezeichnungen als Standard festsetzt“ – „Zitronenlimonade ohne eine Spur Zitronensaft oder ‚Alaska-Seelachs‘ aus gefärbtem Lachsersatz.“ Foodwatch bezeichnet das als „Staatlich legitimierte Verbrauchertäuschung.“ Auch „Geflügelwürstchen“, die überwiegend aus Schweinefleisch hergestellt werden, finden keinen Beifall von Foodwatch.

Viele Verbraucherverbände fordern eine transparentere Deklaration von Lebensmitteln. In Zukunft wird sich die CDU/CSU also an die Spitze dieser Bewegung setzen und auch das Zustandekommen von EU-Handelsabkommen entsprechend kritisch begleiten.

Vielleicht sollte sich Frau Heil zunächst einmal etwas umfassender informieren über das Thema – vielleicht bei einer guten Tasse des Edelkaffees Kopi Luwak. Der Verkäufer garantiert nicht nur für die Echtheit, sondern auch für die artgerechte Tierhaltung!

Der Kaffee wird nämlich aus Affenexkrementen hergestellt. Die Kaffeebohnen werden zunächst von den Affen verzehrt und anschließend ausgeschieden. Aus den Exkrementen werden sie dann mit großer Mühe wieder heraus gelesen. Möglicherweise ist das eine besonders schonende Form der Fermentierung – möglicherweise aber auch nur eine geniale Werbeidee für extrem teuren Kaffee – letztendlich lässt sich das wahrscheinlich nur anhand des Geschmacks entscheiden. Ich vermeide hier die deutsche Bezeichnung für das Wort Exkremente und verstoße damit wohl bereits gegen die strenge Verbraucher-Informations-Richtlinie, die Frau Heil dann ja wohl initiieren wird.

Einige Informationen stelle ich vorab gerne schon mal zur Verfügung – allerdings ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

  • Eßbares aus Klärschlamm
  • Food, Inc. – Was essen wir wirklich? (Film)
  • Die Ernährungslüge: Wie uns die Lebensmittelindustrie um den Verstand bringt – Buch von Hans-Ulrich Grimm

Übrigens: Eine handelsübliche Tafel Schokolade enthält wohl mehr Kakerlaken-Bestandteile als die jährliche Gesamtproduktion des homöopathischen Arzneimittels Blatta orientalis in Deutschland – im Unterschied zu dem Arzneimittel allerdings völlig undeklariert – noch nicht mal auf lateinisch.

Dass Schokolade in den USA bis zu 4% Kakerlaken-Anteile enthalten darf, ist aber wahrscheinlich ein Gerücht – Nämlich: „Anything less than 60 insect pieces per 100 grams of chocolate (two chocolate bars‘ worth) is deemed safe for consumption.“ – In Gewichtsprozenten sind das sicherlich wesentlich weniger als 4%.

Und weil es so nett ist, hier gleich noch ein paar denkwürdige Nahrungsbestandteile:

11 Horrifying (and Sometimes Sexy) Ingredients Hidden in Popular Foods

Und was nun die offenbar vordringlicheren homöopathischen Mittel angeht:

  • Wenn ich in Google Nux vomica eingebe habe ich 849.000 Ergebnisse (darunter auch die bekanntesten deutschen Bezeichnungen Krähenauge oder Brechnuss auf der ersten Ergebnis-Seite) mit allen relevanten Informationen zu diesem homöopathischen Mittel.
  • Bei der Suche nach Krähenauge wiederum habe ich 21.500 Ergebnisse – auf der ersten Seite allerdings vorwiegend Hinweise zur Behandlung von Hühneraugen.
  • Die Suche nach der Brechnuss liefert wenigstens 61.800 Ergebnisse – auf der ersten Seite allerdings schon den Hinweis, dass Brechnuss eine Sammelbezeichnung ist und dass es verschiedene Brechnüsse gibt mit auch sehr unterschiedlicher Giftigkeit (und sehr unterschiedlicher Bedeutung in der Homöopathie).

Die deutschen Bezeichnungen sind also eher verwirrend und es scheint mir daher, dass die eindeutige (taxonomisch begründete) lateinische Bezeichnung doch klarere Verbraucherinformationen liefert als jede mögliche deutsche Bezeichnung. – Und das ist ja auch der Sinn eindeutiger Nomenklaturen.

Und das gilt übrigens auch für Blatta orientalis. Was ist nun die deutsche Bezeichnung? – Kakerlake? – Küchenschabe? – Schabe?

Kakerlake ist eine taxonomisch unklare Bezeichnung – als Kakerlaken werden etwa auch die Braunbandschabe (Supella longipalpa), Braune Schabe (Periplaneta brunnea) und die Australische Schabe (Periplaneta australasiae) bezeichnet.

Wikipedia leitet die Suche nach Kakerlake daher weiter auf die Küchenschabe – die Küchenschabe ist aber nicht Blatta orientalis sondern Blattella germanica.

Blatta orientalis ist die Bäckerschabe, was sich auch rasch herausfinden lässt, wenn man mit der eindeutigen Bezeichnung Blatta orientalis sucht.

Anmerkung

Dieser Kommentar wurde ursprünglich nur als Leserbrief verfasst. Für die Dokumentation hier wurden nur die Schreibweisen geprüft und ein erklärender Satz eingefügt. Inhaltlich wurde nichts verändert, da der Kommentar sich auf einen bereits zurückliegenden Vorgang bezieht; Mechthild Heil ist ja nicht mehr Verbraucherschutzbeauftragte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

Die angegebenen Zahlen zu der Google-Recherche sind daher vermutlich nicht mehr ganz aktuell. – Ferner: Wikipedia bezeichnet mittlerweile auch Blatta orientalis als „Küchenschabe“ – so ist das mit den deutschen Bezeichnungen.

Ergänzend dann aber auch noch aus Wikipedia:

Eine Studie, die 2005 in den USA vom “National Institute of Environmental Health Sciences“ (NIEHS) und dem “National Institute of Allergy and Infectious Diseases“ (NIAID) durchgeführt wurde, stellte fest, dass Allergene, die von Schaben stammen, Asthmasymptome in stärkerem Maße hervorrufen können als andere bekannte Auslöser.

Und wofür und warum wird nun Blatta orientalis in der Homöopathie verwendet?

Als ein Patient Tee trank, bei dem eine Küchenschabe aufgegossen worden war, wurde zufällig entdeckt, dass Blatta orientalis Asthma bessert. Seitdem konnte man seine Wirkung auf eine ganze Reihe von Asthmaanfällen nachweisen (Ray in Hom. Recorder, 1890, S. 193).

(Zitiert nach Der Neue Clarke – Eine Enzyklopädie für den homöopathischen Praktiker, Stefanovic 1991)

Bitte schließen Sie jetzt nicht daraus, dass Blatta orientalis für jede Form von Asthma das richtige Mittel wäre.

Interessant ist das eher als Hinweis zum Ähnlichkeitsprinzip.

Bildnachweis:

Amerikanische Großschabe  – Wikipedia – von Von User Preiselbeere on de.wikipedia – Eigenes Werk, CC BY-SA 2.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=919616

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Die populärsten Irrtümer

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– über die Homöopathie und die konventionelle Medizin – Teil 5

Weil ich in Debatten immer wieder die gleichen falschen Aussagen höre, stelle ich sie hier einmal zusammen mit den entsprechenden Argumenten, Daten und Fakten: Irrtümer, die über die Homöopathie geäußert werden, meistens mit entsprechenden Irrtümern über die Medizin gepaart. Ich hoffe, das entspannt die Debatte, die ich als unnötig polarisiert und wenig konstruktiv wahrnehme. Es geht weiter mit

Irrtum Nr. 5 –Teurer Zucker

von Susann Buchheim-Schmidt

  1. Homoöpathie ist ein großes Geschäft

Lebostein 21.03.2014

Die Homoöpathie-Freunde regen sich immer über die Geldschneiderei der klassischen Medizin auf. Dabei ist das bei der Homoöpathie viel schlimmer. Das ist ein Riesengeschäft und eine riesige Abzocke! Da wird Wasser und Zucker für ordentlich Geld verkauft…

Fakt ist, dass es sich dabei um Arzneimittel handelt, die behördlich reguliert sind und diversen rechtlichen Anforderungen, wie z.B. dem Arzneimittelgesetz, den hohen Anforderungen an die „Gute Herstellungspraxis“ (GMP) und vielen weiteren – auch europäischen Regularien – genügen müssen.

Die Herstellung von Homöopathika unterscheidet sich bzgl. der gesetzlichen Anforderungen an den Herstellungsprozess in keiner Weise von der Herstellung herkömmlicher Arzneimittel.

Ausgangsstoffe

Die Ausgangsstoffe müssen zunächst entweder selbst angebaut oder beschafft werden. Dies ist vielen Regularien, wie z.B. Anforderungen an Saatgut und Anbau, Verzicht auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, Dokumentation etc. unterworfen.

Vor der eigentlichen Herstellung müssen sämtliche Ausgangsstoffe geprüft werden und den Arzneibuchanforderungen (Homöopathisches Arzneibuch/ Europäisches Arzneibuch) entsprechen. Die aus den Ausgangsstoffen hergestellten Urtinkturen werden vor der Weiterverarbeitung ebenfalls geprüft,  dazu sind bis zu 10 teilweise aufwändige analytische Untersuchungen nötig. Das unterscheidet Homöopathika in keiner Weise von Arzneimitteln der konventionellen Medizin.

Im Gegenteil: Die Prüfung von Pflanzenmaterial ist teilweise aufwändiger und komplexer als die von chemisch genau definierten Ausgangsstoffen.

Herstellung

Der weitere Herstellungsprozess, die Verreibung bzw. Verschüttelung der Ausgangsstoffe (das sogenannte Potenzieren) zum fertigen Produkt, muss selbstverständlich auch den hohen Qualitätsanforderungen an die Arzneimittelherstellung entsprechen und aufwändig kontrolliert und dokumentiert werden.

Teuer ist bei der Herstellung nicht allein das Ausgangsmaterial sondern insbesondere die Hilfsstoffe wie z.B. Ethanol, der gerade bei hohen Potenzen in größeren Mengen anfällt: Potenziert wird nach dem gesetzlich vorgeschriebenen Homöopathischen Arzneibuch (HAB) im Regelfall nicht mit Wasser, sondern mit Ethanol-Wasser-Gemischen. Dabei werden für jeden Potenzierungsschritt größere Mengen an Alkohol (je nach Potenz 51-90 Vol%) verbraucht, der wiederum den pharmazeutischen Qualitätsanforderungen entsprechen muss und nicht gerade preiswert ist. Für jeden Potenzierungsschritt muss bei der in Deutschland vorgeschriebenen Mehrglasmethode zudem ein neues Arzneigläschen verwendet werden.

Die Annahme, dass man mit wenig Ausgangsstoff genug Material für alle Zeiten hätte, ist ebenfalls falsch. Tatsache ist, dass die Haltbarkeit homöopathischer Arzneimittel genau wie die in der konventionellen Medizin max. 5 Jahre beträgt. Auch die Haltbarkeit von Urtinkturen als Ausgangsmaterial ist begrenzt.

Registrierung und Zulassung

Bevor jedoch ein Homöopathikum überhaupt industriell im hergestellt werden kann, muss es von der Behörde registriert werden oder – sofern es eine Indikation beansprucht – zugelassen werden.

Für die Registrierung eines Mittels müssen Dokumente vorgelegt werden, die die Sicherheit des Arzneimittels belegen, dazu sind aufwändige Recherchen im Bereich Toxikologie notwendig. Auch muss bei Registrierungen die homöopathische Verwendung des Mittels belegt werden, mittlerweile z.B. mit zwei Arzneimittelprüfungen, für die die gleichen rechtlichen Anforderungen wie für klinische Prüfungen gelten (Votum der Ethikkommission, Prüfarzt, Probandenversicherung, etc.).

Wenn eine Indikation angegeben werden soll, muss eine Zulassung beantragt werden und dann ist der Aufwand noch wesentlich größer, denn es müssen – ebenso wie für konventionelle Präparate – Studien vorgelegt werden.

Tatsache ist, dass schon die Registrierung eines einzelnen Mittels viele Tausend Euro kostet; dass jede Änderung eines Beipackzettels bei der Behörde angezeigt werden muss und diese berechnet dafür wiederum eine Gebühr.

Demgenüber steht, dass viele der über 1000 Einzelmittel (ABDA-Datenbank) nur selten verwendet werden. Bei manchen Präparaten werden weniger als 10 Packungen im Jahr verkauft und die Hersteller haben diese nur in ihrem Sortiment um den Patienten und Therapeuten ein vollständiges Set an Mitteln in verschiedenen Potenzen anbieten zu können. Ausnahmen wie die sogenannte „1000er Regel“ sind in diesen Fällen zwar nach AMG auch möglich, aber auf viele Einzelmittel nicht anwendbar.

Der Verbrauch ist – insbesondere bei Hochpotenzen – ja sehr gering, weil nur wenige einzelne Globuli in großen Abständen verabreicht werden.

Konventionelle Arzneimittel

Richtig ist, dass die Entwicklung eines neuen Arzneimittels im konventionellen Bereich viele Millionen Euro kostet. Allerdings sind diese Mittel dann auch patentierbar und die Gewinnspannen ungleich höher als bei Homöopathika.

Tatsache ist letztendlich auch, dass für homöopathische Arzneimittel, in Deutschland die gleichen Anforderungen an die Erfassung, Bewertung und Dokumentation von Arzneimittelrisiken gelten wie für die konventionellen Arzneimittel, egal ob die Mittel zugelassen oder registriert sind. Diese Anforderungen an die Arzneimittelsicherheit sind mit einem weiteren hohen organisatorischen und Dokumentationsaufwand verbunden.

Summa summarum reden wir bei homöopathischen Einzelmitteln von einem Apothekenverkaufspreis zwischen 8 und 10 Euro je nach Hersteller für eine Potenz bis C30 pro Fläschchen (ABDA-Datenbank). Dieser Preis steht durchaus im Verhältnis zum Produktionsaufwand und ist, auch verglichen mit anderen Präparaten aus dem Bereich Selbstmedikation, nicht hoch.

Quellen:

http://www.spiegel.de/forum/gesundheit/glaubensfrage-homoeopathie-meine-kinder-bekommen-kuegelchen-thread-121580-6.html

https://www.bfarm.de/DE/Arzneimittel/Arzneimittelzulassung/Zulassungsarten/BesondereTherapierichtungen/Homoeopathische_und_anthroposophische_Arzneimittel/KriterienIndikationen.html

HAB 2018 (Homöopathisches Arzneibuch)

http://www.pharmazie.com (ABDA Datenbank)

https://www.gesetze-im-internet.de/amg_1976/ (Arzneimittelgesetz)

https://www.gesetze-im-internet.de/amg_1976/__63c.html

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Die populärsten Irrtümer

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– über die Homöopathie und die konventionelle Medizin – Teil 4

Harald Walach

Weil ich in Debatten immer wieder die gleichen falschen Aussagen höre, stelle ich sie hier einmal zusammen mit den entsprechenden Argumenten, Daten und Fakten: Irrtümer, die über die Homöopathie geäussert werden, meistens mit entsprechenden Irrtümern über die Medizin gepaart. Ich hoffe, das entspannt die Debatte, die ich als unnötig polarisiert und wenig konstruktiv wahrnehme. Es geht weiter mit

Irrtum Nr. 4 – Ungeprüfte Medikamente

Konventionelle Medikamente müssen klinisch geprüft werden, homöopathische nicht

Über die Zulassung homöopathischer Arzneien entscheidet nach dem Arzneimittelgesetz das Bundesinstitut für Arzneimittel. Das Arzneimittelgesetz sieht in der Tat für die „Besonderen Therapierichtungen“, wie sie heißen, Sonderregelungen vor. Dazu gehören neben der Homöopathie die Phytotherapie und die anthroposophische Medizin. Für die Homöopathie gilt eine Registrierung der Einzelmittel nach dem Homöopathischen Arzneibuch, einem Herstellungskodex der gleichzeitig Gesetzescharakter hat, weil er vorschreibt, wie homöopathische Arzneien hergestellt werden müssen. Einzelmittel erhalten dann eine Registrierung und dürfen über Apotheken ohne weiteres vertrieben werden und jeder kann sie kaufen. Aufgrund der Komplexität der Verschreibungsregeln kann damit aber nur derjenige etwas anfangen, der weiß, wie man die Homöopathie handhabt. Daher werden diese registrierten Arzneien auch nicht weiter beforscht, denn sie gehen ohne Indikationshinweis in den Markt. Will hingegen ein Hersteller eine Indikation für eine Kombination oder eine Einzelsubstanz xyz beantragen, etwa bei abc-Krankheit, dann müssen dafür Belege vorgelegt werden. Je nachdem wie schwer die abc-Krankheit ist, müssen die Belege dann aus bereits durchgeführten Studien (aus der Literatur) kommen oder auch eigene Studien durchgefürt werden. Die Arzneimittelkommission D hat in ihrer Beratungsfunktion für das BfArm eine Abstufung von Indikationen vorgeschlagen, die dazu führt, dass die Beanspruchung von Indikationen für homöopathische Arzneien durch Hersteller in etwa so gehandhabt werden wie bei konventionellen Arzneien auch: Es müssen Studien vorgelegt werden. Die Registrierung von Einzelmitteln ist aus der Tradition begründet und kann in etwa mit der Rechtssicherheit von Gewohnheitsrecht verglichen werden. Gewisse althergebrachte Kombinationen konnten auch über das Gewohnheitsrecht weitere Zulassung erhalten.

Ähnlich wird es auch bei konventionellen Arzneimitteln gehandelt: Neue Substanzen müssen einen Wirksamkeitsnachweis durch Studien erbringen. Alteingesessene Arzneimittel in der Regel nicht. Penicillin z.B. wurde meines Wissens nie durch eine verblindete Studie in seiner Wirksamkeit bewiesen, einfach weil nach seiner Einführung der Erfolg so offensichtlich war und weil man eine klare Theorie seiner Wirkung hatte. Umgekehrt gab und gibt es viele Stoffe in der konventionellen Pharmakologie, deren Wirkung lange nicht geklärt war, genauer gesagt, bei denen man wusste, dass sie wirken, aber nicht genau wie. Das war etwa der Fall für die Acetylsalicylsäure. Als Präparat aus Weidenrindenextrakt war es der Volksheilkunde seit langer Zeit als Fiebermittel bekannt. Als Aspirin synthetisiert wurde es seit 1899 als Patent geführt. Die Wirkweise, nämlich die Hemmung der Prostaglandinsynthese, wurde erst 1971 aufgeklärt. Es gibt viele Beispiele von Arzneimitteln, die nie auf ihre Wirksamkeit geprüft wurden, aber über Traditionsargumente im Arzneischatz geblieben sind. Es gibt Beispiele für Medikamente die gut geprüft wurden, auch Wirsamkeitsnachweise erbracht haben, aber trotzdem nur begrenzt brauchbar sind. Die in dem ersten Beitrag dieser Reihe kurz genannten SRRIs sind dafür ein gutes Beispiel. Das kommt daher, dass zu Zulassungszwecken je nach Verfahren nur ein bis zwei positive Studien vorliegen müssen und es egal ist, wieviele negative Befunde vorhanden sind, solange positive Belege nachweisbar sind.

Anders gesprochen: Die Zulassung prüft nur, ob im Prinzip Wirksamkeit vorhanden ist, nicht ob diese Wirksamkeit klinisch tauglich ist. Im Fall der Homöopathie ist dies über das Traditionsargument geschehen. Denn hier haben Arzneien auch eine deutlich andere Rolle: Sie werden nicht für Krankheiten, sondern im Wesentlichen für Symptomkonstellationen, ober überspitzt für Personen verwendet. Daher scheidet das übliche Prüfverfahren hier aus und der Gesetzgeber hat das erkannt und konsequent übernommen. Wird hingegen eine Krankheitsindikation beansprucht, dann greift auch hier die indikationsbezogene Überprüfung, wie in der konventionellen Medizin auch.

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Die populärsten Irrtümer

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– über die Homöopathie und die konventionelle Medizin – Teil 3

Harald Walach

Weil ich in Debatten immer wieder die gleichen falschen Aussagen höre, stelle ich sie hier einmal zusammen mit den entsprechenden Argumenten, Daten und Fakten: Irrtümer, die über die Homöopathie geäussert werden, meistens mit entsprechenden Irrtümern über die Medizin gepaart. Ich hoffe, das entspannt die Debatte, die ich als unnötig polarisiert und wenig konstruktiv wahrnehme. Es geht weiter mit

Irrtum Nr 3 – Fehlende Diagnostik

Die Homöopathie kennt keine vernünftige Diagnostik, wohingegen die konventionelle Medizin eine klare Basis für ihre Therapie hat, nämlich die moderne Diagnostik

Diagnostik kommt vom Griechischen und heisst „gründliche Kenntnis“. Damit ist natürlich die gründliche Kenntnis der Krankheit gemeint, und dass diese Kenntnis vom Krankheitsbegriff abhängt, dürfte einsichtig sein.

Der Krankheitsbegriff der Homöopathie ist ein deskriptiv-phänomenologischer: Homöopathie beschreibt Krankheit als die Sammlung aller individuell vorliegenden Symptome. Wenn jemand einen Schmerz im Bauch hat, dann interessiert in der Homöopathie zunächst nicht die pathophysiologische Ursache des Schmerzes, sondern wie er sich genau anfühlt, wie er zu beschreiben ist, wann er sich bessert und verschlimmert, und vor allem, was genau ihn ausgelöst hat. So kann dann etwa ein Schmerz im Bauch, der aufgetaucht ist, nachdem man vom Tod der geliebten Großmutter erfahren hat eine ganz andere Bewertung erfahren als einer, der aufgetaucht ist, als man den Brief bekommen hat, dass man in einer Woche das Examen antreten muss, und der wird wieder anders gewertet als einer, der aufgetaucht ist, nachdem man beim ansonsten so guten Italiener ein vielleicht schon etwas merkwürdig riechendes Vitello tonnato gegessen hat, usw. Denn in jedem Falle führt die „causa“, also die Umstände,1 unter denen der Schmerz aufgetaucht ist, zu einer anderen Arzneimittelwahl, die in dem Fall weniger aus den Arzneimittelprüfungen selber, als aus der gründlichen Kenntnis der homöopathischen Materia medica herrührt, in die neben den Vergiftungssymptomen und den Arzneimittelprüfsymptomen auch die klinische Erfahrung eingegangen ist. Und diese lehrt, dass die Umstände einer akuten Erkrankung für die Wahl der Arznei wichtig sind. Daher kann der gleiche Typ von Bauchschmerz im Falle eines Verlustes einer geliebten Person mit großer Trauer z.B. zu der Indikation „Ignatia“ führen, im Falle der Antizipationsangst vielleicht zu „Gelsemium“ oder „Argentum nitricum“, und im Falle einer Magenverstimmung aufgrund einer Vergiftung vielleicht zu „Arsenicum album“, „Nux vomica“ oder „Okoubaka“, je nachdem, welche anderen Symptome noch vorhanden sind.

Zentral und wegweisend für die homöopathische Arzneimittelfindung ist die Gesamtheit der vorhandenen Symptome. Diese werden je nach Fall, ob akut oder chronisch, ob langdauernd oder kurzfristig, jeweils anders gewichtet und sind Teil eines komplexen Diskurses in der Homöopathie, der seit Hahnemann noch nicht beendet ist, welche Symptome am wichtigsten sind. Im akuten Fall sind das wie gesagt die verursachenden Umständen, die „causa“; dann vor allem die Modalitäten, also was ein Symptom verschlimmert, was es bessert; sodann die begleitenden anderen Symptome. Eine akute Magenverstimmung etwa, die mit Durchfall und Erbrechen einhergeht führt dann zu einer anderen Arzneimittelwahl als eine, die mit Kopfschmerz und Verstopfung einhergeht. Im ersten Fall wird man eher an Arsenicum album denken, im zweiten Fall eher an Nux vomica. Dann spielen vor allem bei akuten somatischen, aber auch anderen Erkrankungen, die psychischen Symptome, eine wichtige Rolle, weil sie differenzieren helfen. Wenn man etwa im Repertorium unter „trockenem Husten“ nachsieht, dann wird man dort ca. 200 Arzneimittel finden, die „trockenen Husten“ im Angebot haben. Das ist also ein relativ nutzloses Symptom, wenn es ohne weitere Charakterisierung kommt. Daher kann es ausschlaggebend sein, wenn man dazu weiß: Das ist der trockene Husten einer Person, die sonst immer fröhlich und gut gelaunt ist, aber seit diesem Husten plötzlich weinerlich und verzagt wirkt. Denn der ist anders zu behandeln, d.h. mit einer anderen Arznei, als der trockene Husten einer Person, die schon immer eher ärgerlich und leicht gereizt ist, aber seither nicht mehr auszuhalten, weil sie bei dem geringsten Anlass an die Decke geht.

Und so dienen die vorliegenden Symptome der Diagnostik: nämlich der Kenntnis des Arzneimittels, das im konkreten Falle Hilfe verspricht. Im Idealfall ist in der Homöopathie Diagnose identisch mit der therapeutischen Handlungsanweisung: Nimm das Arzneimittel, das die Gesamtheit der Symptome abdeckt: similia similibus curentur – Ähnliches soll man mit Ähnlichem heilen. Denn der Name des homöopathischen diagnostischen Ergebnisses ist der Name des Therapeutikums: der angezeigten, indizierten Arznei.

Der praktische Fallstrick ist dabei das unverfänglich erscheinende Wort von der „Gesamtheit der Symptome“ und vor allem ihrer Gewichtung bei der Wahl der Arznei. Hier herrscht – insbesondere bei der Behandlung chronischer Erkrankungen –  innerhalb der Homöopathie ein buntes Gemisch von Meinungen und Schulen vor. Die einen stützen sich dabei mehr auf eine phänomenologische Essenz. Andere gehen ganz klassich vor und suchen die vorstechenden Symptome mit ihren Modalitäten. Wieder andere haben andere Systeme im Kopf. Hahnemann hat darauf hingewiesen, in seinem berühmten § 153 des Organons,2 dass vor allem die besonderen, herausragenden und eigentümlichen Symptome wichtig für die Arzneimittelwahl sind. Denn sie helfen zwischen konkurrierenden Arzneien differenzieren. Auf jeden Fall macht die Bewertung und das Verständnis, vor allem eines komplexen therapeutischen Falles, die homöopathische Kunst aus, auf die ich jetzt nicht eingehe. Denn das ist das, was ein guter homöopathischer Arzt in einer langen Zusatzausbildung lernt: wie mit den Symptomen umzugehen ist, wie man sie am besten versteht und ordnet, welche wann wichtig und wann unwichtig sind. Nur als kleines Beispiel: Psychische Symptome spielen in der Homöopathie immer eine große Rolle und können, vor allem im akuten Falle, den differenzierenden Ausschlag geben. Aber wenn der Hauptgrund der Therapie in einer Verstimmung der Psyche besteht, dann sind die wichtigen differenzierenden Symptome gerade nicht die psychischen, sondern die unscheinbaren körperlichen, ob etwa bei Traurigkeit jemand Appetit auf bestimmte Speisen hat oder eine sonst vorhandene Essens- oder Getränkevorliebe plötzlich verschwindet, etc.

Auf jeden Fall ist homöopathische Diagnostik im Rahmen des Möglichen immer auch die therapeutische Handlungsanweisung: das homöopathische Arzneimittel. Im Grunde ist homöopathische Diagnostik Mustererkennung. Sie versucht das Muster der vorhandenen Symptome mit dem Muster der Symptome, wie sie aus der Arzneimittellehre bekannt sind, in Deckung zu bringen. Dieser Vorgang ist naturgemäß „fransig“, „fuzzy“, wie das moderne Wort heißt. Denn viele Symptome sind Teil vieler Arzneimittelbilder, etwa der trockene Husten, oder Kopfschmerzen in der Stirne. Manche Symptome sind sehr typisch für bestimmte Arzneien, kommen also sehr häufig, oder fast immer vor, wie etwa der große Durst beim Arzneimittel Bryonia, oder die Durstlosigkeit bei Apis, so dass es schon fast ein Ausschluß ist, wenn jemand dieses Symptom nicht vorweist.

Moderne statistische Verfahren können solche komplexe Mustererkennungsprozesse erleichtern. Wir haben zum Beispiel einmal gezeigt, dass man mit einer sog. „Grade of Membership“- Analyse, die eine Art „fuzzy-set“ Statistik darstellt, Symptome von Belladonna von solchen unter Placebo in einer Arzneimittelprüfung trennen kann3. Andere haben gezeigt, dass man mit entsprechenden Verfahren durchaus statistische Trennungen zwischen solchen Kategorien vornehmen kann4,5. Das hat in der Konsequenz dazu geführt, dass heute mächtige Computerprogramme vorliegen, die mit entsprechenden Algorithmen die Mustererkennung zwischen Symptomen und Arzneimitteln unterstützen.

Wir halten fest: Homöopathie kennt sehr wohl eine klare Diagnostik. Deren Resultat ist die Handlungsanweisung: das indizierte Arzneimittel.

Und zur Mustererkennung: Wenn Sie sich das Computertomogramm am Anfang noch einmal anschauen finden Sie den Gorilla!

Wie sieht es mit der Diagnostik in der modernen Medizin aus? Diese ist ja klarerweise dafür bekannt, dass die Diagnostik der Behandlung vorausgeht. Zuerst muss die Ursache einer Erkrankung erkannt werden. Daher ist diagnostische, pathophysiologische Forschung einer der Haupttreiber medizinischer Forschung überhaupt. Denn, so das implizite Modell, wenn man erst die Ursache der Erkrankung erkannt hat, dann kann man sie auch – idealerweise ursächlich – behandeln. Auch hier stimmt die Theorie im Prinzip durchaus und ist vor allem für akute Krankheiten und Notfälle sehr einleuchtend: Ich erkenne diagnostisch, ob ein gebrochener Arm einfach gebrochen ist oder kompliziert und kann danach entscheiden, ob er durch eine einfache Schienung oder eine komplexere Prozedur (z.B. eine Operation) wieder gerichtet wird. Die Diagnostik, in dem Fall vermutlich Röntgen – oder MRT, legt eine klare Entscheidung nahe. So ähnlich ist es mit anderen akuten Zuständen auch: Ein akuter Herzinfarkt führt zunächst einmal zu klar indizierten therapeutischen Massnahmen, die gut untersucht und in aller Regel wirksam sind, von der pharmakologischen Blutverdünnung bis zur chirurgischen Unterstützungen.

Im Falle der Infektionskrankheiten hat die Diagnostik der Erreger dazu geführt, dass man auch hier entsprechende Maßnahmen entwickeln konnte: Antibiotika für bakterielle Erreger und spezifische antivirale Medikamente für bestimmte Viren. Mittlerweile kann sogar festgestellt werden, welche Erreger gegen welche Antibiotika resistent sind und wir können entsprechend differenziert reagieren.

Aber schon wenn es um komplexere klinische Entitäten geht, wird die Passung zwischen Diagnose und Handlungsanweisung vage. Denn nicht immer ist klar, wie eine zugrundeliegende Krankheit denn nun behandelt werden soll. Diagnostisch ist unsere moderne Medizin extrem weit fortgeschritten. Aber die Überlegung, wie aus der Erkenntnis der Ursachen auch eine Erkenntnis der Therapie folgt, ist in den meisten Fällen nicht zwingend. Hier sind ein paar Beispiele, um dies zu illustrieren:

In allen Fällen psychiatrisch-klinischer Diagnosen stellen die Diagnosen keinerlei kausale Erkenntnis bereit, sondern sind eine sich im Laufe der Jahre verändernde Ansammlung von Symptomen.6,7 Je nach Fachgebiet und Krankheit kann eine Diagnose eine deskriptiv-symptomatologische Kategorie sein, wie zum Beispiel die Diagnosen „Psoriasis“ oder „Fibromyalgie“, oder eine generisch-kausale wie die Diagnose „Arthritis“, oder „Krebs“, oder „atopische Dermatitis“, oder eine spezifisch kausale wie etwa „MRSA bedingte Sepsis“. In keinem Falle ist mit dieser Diagnose eine ein-eindeutige Handlungsanweisung verbunden. Vielmehr hängt es dann sehr von der vertieften Kenntnis des Krankheitsprozesses ab, wie die Handlungsanweisung aussieht. Daher gibt es Verzweigungen und Unterverzweigungen der Spezialisierung. Und oft führen auch diese Erkenntnisse zwar zu einem besseren Verständnis dessen, wie es zu der Krankheit hat kommen können, aber nicht immer zu einer Erkenntnis, wie man sie behandeln sollte. Das heisst: Es ist ein weit verbreitetes Missverständnis, dass in der konventionellen Medizin die Diagnose zwingend zur Behandlung führt. Zwar ist Diagnose eine Voraussetzung für gute Behandlung. Aber nicht immer führt eine gute Diagnostik zu einer guten und wirksamen Behandlung.

Ich will das an einigen Beispielen illustrieren:

Wir wissen z.B. mittlerweile, dass „Fibromyalgie“ ein generalisiertes Schmerzsyndrom darstellt. Lokale Entzündungen spielen dabei keine Rolle. Vielmehr handelt es sich höchstwahrscheinlich entweder um eine generalisierte autonome Dysregulationsstörung oder um eine zentrale Schmerzverarbeitungsstörung oder eine Mischung davon.8-12 Konsequenzen für die Behandlung: nur teilweise. Gestufte Bewegungstherapie kann helfen, kognitive Verhaltenstherapie kann helfen,13,14 manchmal kann sogar Meditation und Achtsamkeit helfen,15-19, obwohl sie anscheinend nicht die autonome Erregbarkeit verändert,20 auch Homöopathie kann helfen,21-24 aber ob sich von all dem die zugrundeliegenden Probleme bessern oder verändern, wissen wir nicht.

Atopische Dermatitis („Neurodermitis“), oder andere atopische Erkrankungen (Heuschnupfen, Asthma) sind Störungen der immunologischen Erregbarkeit, die zu lokalen Entzündungen führen. Wo sie herkommen, wird diskutiert. Vermutlich ist ein Teil erblich bedingt, ein anderer Teil auf frühkindliche Sensibilisierung mit Allergenen zurückzuführen bzw. auf mangelndes Allergentraining aufgrund zu steriler kindlicher Umwelt. Homöopathen behaupten schon seit bald einem Jahrhundert dass die atopischen Erkrankungen zusammenhängen und eine topische Behandlung der Haut bei Neurodermitis zu einer Gefahr von Asthmaerkrankung führt und dass eine homöopathische Asthmabehandlung über den Genesungsprozess zu einem Wiederaufflammen der Hauterscheinungen der atopischen Dermatitis führt, bis diese dann verschwindet.25 Das ist ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich die Sichtweisen sind: Für die konventionelle Medizin sind atopische Erkrankungen unterschiedliche Erkrankungen mit ähnlichem mechanistischem Hintergrund – Immunregulationsstörungen – für die Homöopathie sind sie verschiedene Gestalten einer Krankheit einer Person. Jedenfalls kann die Diagnose „atopische Dermatitis“ dazu führen, dass man die immunologischen Entzündungsprozesse lokal behandelt, lokal oder systemisch unterdrückt oder dass man versucht, potenzielle Allergene zu finden und diese zu meiden. Lange wurde den pharmakologischen Methoden der Vorzug gegeben, obwohl schon lange bekannt war, dass möglicherweise Nahrungsmittelunverträglichkeiten die Basis für eine atopische Störung bieten können.26 Weil die zugrundeliegende Immunologie höchst komplex und daher umstritten ist, wurde diese Erklärung bisher nicht allgemein akzeptiert, obwohl es dafür gute Gründe und einige Daten gibt.25,27,28 Wie also ist genau an dieser Stelle die „Ursache“ der Erkrankung definiert? Ist es der aktuelle Immunprozess, der zu einer Entzündung führt? Ist es die erworbene oder genetische immunologische Übererregbarkeit? Ist es die vorhandene oder fehlende Exposition? Ist es das Antigen im Essen? Die Eingrenzung der Ursache als solche ist, wenn man genauer hinsieht, gar nicht so einfach und eindeutig, genausowenig wie die therapeutische Konsequenz.

Selbst bei anscheinend klaren Diagnosen ist die Klarheit bald zerronnen, wenn man tiefer blickt und weiter denkt. Koronare Herzkrankheit – eine scheinbar klare Diagnose: Unterversorgung des Herzmuskels, weil zu wenig Blut fliesst, da die Koronararterien teilweise verstopft sind. Ursache? Nicht ganz klar. Immunologisch? Evtl. bedingt und angestossen durch mangelnde positive Beziehung?29 Das sprichwörtliche „gebrochene Herz“? Zu viel Fett im Blut? Oder zu viel Zucker? Oder beides?30,31 Oder zu wenig Bewegung? Oder zu viel Stress? Oder die falsche Persönlichkeit? Oder alles miteinander? Diagnose klar, Ursachen unklar. Handlungsanweisung? Operieren? Mit Bypass? Oder Stent? Oder gar nicht? Oder lieber mal medikamentös? Oder mit Ernährungsumstellung? Alles möglich, alles probiert worden, alles nicht so einfach und alles nicht ganz klar in der finalen Wirksamkeit.

Nicht dass ich jetzt nahelegen will: Dann lieber doch zu Kügelchen greifen, wenn jemand an koronarer Herzkrankheit leidet. Denn wenn ein Krankheitsprozess schon so weit fortgeschritten ist, dass es zu strukturellen Veränderungen im Organismus gekommen ist – Verengung der Gefässe, Krebswachstum, Arthrose wären typische Beispiele dafür – , dann ist es auch mit Homöopathika sehr schwer, eine Heilung zu erreichen. Aber die Beispiele zeigen: So einfach ist es mit der Entweder-Oder-Logik auch hier nicht.

Die Diagnose führt bei der Homöopathie idealerweise zum richtigen, indizierten Arzneimittel und das führt idealerweise zu einer Heilung oder Besserung. Nicht immer ist die Diagnose einfach. Nicht immer findet man das Arzneimittel beim ersten Griff. Und manchmal hilft auch das scheinbar best-indizierte Arzneimittel nichts. Auch das gibt es.

Aber das ist bei der konventionellen Medizin oft auch so. Manchmal ist die Diagnose klar und ergibt eine einfache, klare Handlungsanweisung. Sehr oft ist die Diagnose klar, aber die Handlungsanweisung hängt von der Kenntnis, der Vorliebe und den Umständen ab. Und manchmal hat man eine klare Diagnose und weiß nicht, was das nun konkret therapeutisch heißen soll.

Wir sehen: Die Medizin ist wie das Leben. Unaufgeräumt, weniger klar, als wir es gerne hätten und endet trotz aller Bemühungen meistens mit dem Tod.

Literatur

  1. Köhler G. Lehrbuch der Homöopathie. (Bd.1: Grundlagen und Anwendungen). Stuttgart: Hippokrates; 1982.
  2. Hahnemann S. Organon der Heilkunst. (6. Aufl., Nachdruck herausgegeben von R. Haehl). Stuttgart: Hippokrates; 1979, orig. 1921.
  3. Walach H, Kohls N. Grade-of-Membership (GoM) – analysis as a sensitive method for evaluating categorical data – introduction and some examples. In: Beauducel A, Biehl B, Bosniak M, Conrad W, Schönberger G, Wagener D, eds. Multivariate Research Strategies – Festschrift for Werner W Wittmann. Aachen: Shaker; 2005: 151-72.
  4. Davidson J, Woodbury M, Morrison R, Shore J, Bedayn G. Multivariate analysis of five homoeopathic medicines in a psychiatric population. British Homoeopathic Journal 1995; 84: 195-202.
  5. Rutten ALB, Stolper CF, Lutgen RFG, Barthels RWJM. Repertory and likelihood ratio: time for structural changes. Homeopathy 2004; 93: 120-4.
  6. Fava GA, Sonino N. Psychosomatic assessment. Psychotherapy and Psychosomatics 2009; 78: 333-41.
  7. Fava GA. The intellectual crisis of psychiatric research. Psychotherapy and Psychosomatics 2006; 75: 202-8.
  8. Hyland ME, Hinton C, Hill C, Whalley B, Jones RC, Davies AF. Explaining unexplained pain to fibromyalgia patients: finding a narrative that is acceptable to patients and provides a rationale for evidence based interventions. British Journal of Pain 2016; 10(3): 156-61.
  9. Pütz P. Hypercortisolemic disorders. In: Hellhammer DH, Hellhammer J, eds. Stress: The Brain-Body Connection. Basel: Karger; 2008: 39-59.
  10. Julien N, Goffaux P, Arsenault P, Marchand S. Widespread pain in fibromyalgia is related to a deficit of endogenous pain inhibition. Pain 2005; 114: 295-302.
  11. Raison CL, Miller AH. When not enough is too much: the role of insufficient glucocorticoid signaling in the pathophysiology of stress-related disorders. American Journal of Psychiatry 2003; 160(9): 1554-65.
  12. Cohen H, Neumann L, Shore M, Amir M, Cassuto Y, Buskila D. Autonomic dysfunction in patients with fibromyalgia: application of power spectral analysis of heart rate variability. Seminars in Arthritis and Rheumatism 2000; 29: 217-27.
  13. Sprott H. What can rehabilitation interventions achieve in patients with primary fibromyalgia? Current Opinion in Rheumatology 2003; 15: 145-50.
  14. Sim J, Adams N. Systematic review of randomized controlled trials of nonpharmacological interventions for fibromyalgia. Clinical Journal of Pain 2002; 18: 324-36.
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