Alles Zufall?

Die Nachfrage nach Homöopathie und diverse Anti-Homöopathie-Aktionen

Harald Walach

Im Jahr 2015 erschien ein Marktforschungsbericht der Firma „Transparency Market Research“ in den USA. Der sagt einen Anstieg des Marktvolumens von knapp 400 Millionen USD im Jahr 2014 auf 17 Milliarden USD weltweit 10 Jahre später im Jahre 2024 voraus. Das scheint aus heutiger Perspektive mächtig überzogen. Könnte es sein, dass der Bericht manchen Strategen zu denken gegeben hat? Könnte es sein, dass wir die ab den Jahren 2014/15 in Deutschland und davor schon anderswo laufenden Kampagnen gegen die Komplementärmedizin im allgemeinen und gegen die Homöopathie im speziellen auf diesem Hintergrund betrachten sollten? Wer so etwas sagt, wird rasch einmal als „Verschwörungstheoretiker“ tituliert. Damit wird dann das endgültige Denk- und Redeverbot besiegelt. Aber vielleicht lohnt es sich, nachzudenken? Oder wahrscheinlicher: Es ist alles Zufall?

Vor Kurzem veröffentlichte die Webseite des European Committee on Homeopathy (ECH) (homeopathyeurope.org/global-demand-homeopathy-forecast-surge) eine Notiz über einen Marktforschungsbericht, der von der US Firma „Transparency Market Research“ stammt. Man kann sich ein Sample frei bestellen (www.transparencymarketresearch.com/sample/sample.php?flag=S&rep_id=16460), das die Kernaussagen des Berichts ohne die zentralen Zahlen enthält. Wenn man ihn bestellen will, erhält man eine freundliche Email folgenden Inhalts:

Thank you for showing the interest in our research report titled “Homeopathy Product Market (Product Type – Tincture, Dilutions, Biochemics, Ointments, and Tablets; Application – Analgesic and Antipyretic, Respiratory, Neurology, Immunology, Gastroenterology, and Dermatology; Source – Plants, Animals, and Minerals) – Global Industry Analysis, Size, Share, Growth, Trends, and Forecast 2016 – 2024.

Please find the attached sample pages of the report for your perusal. The listed price of the report is US$ 5795. However, as a first time business engagement we would be glad to reserve a flat discounted price of US$2500.

Auf gut Deutsch: Das ist ein richtig teurer (und vermutlich auch solid gemachter) Bericht mit einer Marktvorhersage aufgrund gegenwärtiger Daten und vergangener Trends. Da ich die Kleinigkeit von 2.500 USD nicht frei zur Verfügung habe, konnte ich mir die Details nicht ansehen. Aber so viel habe ich aus den zur Verfügung gestellten Beispielseiten und der Webseite des ECH entnommen: Der Bericht sagt einen weltweiten Anstieg des Marktanteils der Homöopathie von knapp 400 Millionen USD 2014 auf 17 Milliarden in 10 Jahren, also 2024 vorher, einen Anstieg um das Vierzigfache also. Dieser Anstieg sei getrieben durch die Nachfrage in den Kernländern Europas (wo ja auch einige der wichtigsten Hersteller ihre Basis haben und die traditionelle Kenntnis und Publikumsinteresse groß sind), aber würde vor allem durch Nachfrage in anderen Ländern, Asien, Südamerika vorangebracht werden.

Umsatzsteigerung um das Vierzigfache?

Einmal kurz innehalten und durchatmen: Anstieg der Wirtschaftsleistung (und damit des Umsatzes und des Reingewinnes) um den Faktor 41,5 oder 4.150%? Kann mir jemand einen Wirtschaftszweig nennen, außer der Hunger- und Kriegshilfe, für den das realistisch erscheint? Ja, gut möglich, dass auch dieser Bericht falsch ist. Aber wichtig sind ja nicht die Fakten, wie wir seit Trumps Tweets wissen, sondern was die Nachrichten darüber auslösen. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass es sich eine US Marktforschungsfirma leisten kann, für einen vierstelligen Betrag einen Bericht zu verhökern, der nicht auf solider Basis steht. Die vergangenen Daten liegen ja vor; Modelle zur Vorausberechnung gibt es mittlerweile auch. Wie pflegte Orwell zu sagen? Wer die Gegenwart und die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert auch die Zukunft. Der Punkt ist: die Vergangenheit kann man nicht mehr ändern, außer in einer systemischen Psychotherapie, wo es noch nie zu spät war für eine glückliche Kindheit. Aber die Voraussage der Zukunft ist notorisch fehlerbehaftet.

Wenn man jüngsten wissenschaftlichen Daten glauben darf, dann ist die Nachfrage nach Naturheilkunde zwar nicht zurückgegangen, hat aber auf jeden Fall ein Plateau erreicht. Neulich habe ich mich mit einer homöopathischen Ärztin unterhalten, die mir sagte, sie hätten Schwierigkeiten, junge Kollegen für eine Weiterbildung zu gewinnen. Das Interesse an der Homöopathie flaue ab. Daten, die Klaus Linde und seine Gruppe vor kurzem publiziert haben, zeigen bereits einen abflachenden Trend [1]; allerdings zeigen bei einer Befragung von Medizinstudierenden (220 aus Homöopathiekursen an Kliniken) diese immer noch Interesse, weil sie der Meinung sind, der konventionellen Versorgung fehle es an ganzheitlicher Perspektive und weil sie persönlich gute Erfahrungen haben [2]. Unter der Hand hört man, dass manche sich doch besorgt zeigen, wegen der anhaltenden Kampagne gegen die Homöopathie, die vor allem auf der politischen Bühne (www.homöopathie-forschung.info/easac), aber auch im Internet und in den öffentlichen Medien ausgetragen wird. Da erhebt sich doch die Frage: Könnte es sein, dass diese beiden Themenblöcke miteinander zu tun haben? Könnte es sein, dass die Kampagne befeuert wurde, gerade weil der Homöopathie von Wirtschaftsforschungskreisen ein drastischer Zuwachs an Marktanteilen vorausgesagt wurde? (Wir wollen allerdings auf dem Boden bleiben: selbst wenn das stimmen würde, wäre der Gesamtanteil sicher nicht grösser als vielleicht 1-2%, aber immerhin.)

Meine Erfahrungen in England

Das wird nicht nachweisbar und auch nicht entscheidbar sein, aber einmal kritisch um die Ecke denken wird ja noch erlaubt sein, ohne dass man gleich zum Verschwörungstheoretiker avanciert, oder? Mich erinnert das an etwas, das ich erlebt habe, als ich 2005 für 5 Jahre nach England ging. Damals war in Deutschland noch allgemeine öffentliche Freude über die Forschung und die Daten zur Komplementärmedizin die Regel. Ich erinnere: Die Erprobungsverfahren der kleinen Krankenkassen waren abgeschlossen – wir haben das Verfahren der IKK evaluiert und festgestellt, dass Homöopathie und Akupunktur in der niedergelassenen Praxis bei Patienten, die mit chronischen Belastungen kamen, durchaus respektable Effekte erzeugt [3]. Die Erprobungsverfahren der großen Kassen waren gerade angelaufen, die am Ende zur Integration der Akupunktur in die Regelversorgung führten. Damals erzeugten deutsche Arbeitsgruppen aufgrund der Erprobungsverfahren die größten Datensätze, die in der Akupunkturforschung jemals erzeugt wurden, so dass eine große Meta-Analyse zweifelsfrei zeigen konnte, dass Akupunktur besser wirkt, als ein Placebo und auf jeden Fall besser ist als Nichtstun und meistens sogar besser als Standardtherapie [4]. Damit war die Akupunktur aus der Schmuddelecke herausgetreten.

In dieser Zeit also, als in Deutschland die Komplementärmedizin und ihre Beforschung en vogue war, öffentlich beachtet und belobigt wurde, ging ich nach England. Und was stellte ich fest? Hier war eine heftige Kampagne gegen die Komplementärmedizin im Gange, die mich sehr verwunderte, war doch England das Land, in dem es viele Studiengänge und einige Universitätsabteilungen dazu gab, wo die Königin sich immer noch einen homöopathischen Leibarzt hält, wo es – damals – drei homöopathische Krankenhäuser gab, usw. Ich fasse meine damaligen Einsichten und Erfahrungen knapp zusammen, die ich auch ausführlicher beschrieben habe [5; dort auch ausführlichere Daten und Belege]:

Das Muster

Das Muster, das ich beobachtet habe, war folgendes. Es tauchte eine für die konventionelle Behandlung ungünstige Meldung in der Presse auf. Es dauerte keine Woche, meistens vergingen ca. 3-5 Tage, dann kamen, ebenfalls in der Presse, meistens etwas prominenter, Kritiker der Komplementärmedizin zu Wort, die auf Seite 2, 3 oder 4 ausführlich darüber schrieben, wie unwissenschaftlich Komplementärmedizin, Homöopathie zumal, sei. Oder dass Universitäten doch bitteschön nicht dermaßen unwissenschaftliches Zeug wie Akupunktur und manuelle Therapie unterrichten sollten, von Homöopathie ganz zu schweigen. Die Reihenfolge war in etwa: Zwei in unmittelbarer Nachbarschaft erscheinende Meta-Analysen zerlegten den Mythos von der Wirksamkeit der Antidepressiva; kurz darauf die ersten Meldungen über Unwirksamkeit der Komplementärmedizin. Das englische NICE (damals National Institute for Clinical Excellence, eine Art unabhängiger Health Technology Assessment Behörde, an dessen Beispiel entlang das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWiG in Deutschland entwickelt wurde) gab eine neue Richtlinie zur Rückenschmerzbehandlung heraus. Darin stand: Bei chronischen Rückenschmerzen bitte keine Medikamente und keine Routine-Röntgenuntersuchungen oder Bildgebungen sondern (in dieser Reihenfolge): Bewegung, Manipulation, Akupunktur, Massage (all das wurde damals und wird von manchen aus dem universitären Bereich noch heute als „Komplementärmedizin“ gehandelt). Ein paar Tage später folgte eine Aktion der englischen Skeptikercommunity, in der Universitäten zur Herausgabe ihrer Validierungsakten zu Komplementärmedizin-Studiengängen aufgefordert wurden (auf nicht autorisierten Briefköpfen des National Health Service, wie mir ein Freund und Kollege erzählte). NICE entschied, neue Antidemenzmedikamente nicht zuzulassen; ein vernünftiger Schritt, wie sich herausstellte, da die Medikamente viel kosten, wenig wirken und starke Nebenwirkungen haben. Ein neuer Aufschrei in der Presse: Den armen Patienten würden wirksame Substanzen vorenthalten, aber die Quacksalberkügelchen würden nicht verboten, usw.

Ich könnte die Beispiele weiterführen. Aber diese mögen genügen um zu zeigen: Wenn ich nicht ganz blind bin, dann gibt es einen deutlichen zeitlichen Zusammenhang zwischen schlechten Nachrichten für Big Pharma und konventionelle Behandlungsmodalitäten und dem Beginn von öffentlichen Kampagnen gegen die Komplementärmedizin als Ganzes oder Teile wie Homöopathie, Akupunktur oder Manuelle Therapie. Alles Zufall? Klar. Was sonst. Alles andere wäre Verschwörungstheorie. Das tun nur Verrückte und solche, die Zusammenhänge überbewerten. Kann man ja in jeder Analyse der diversen Skepitkervereine weltweit nachlesen.

Also: bitte nicht überbewerten. 2014 sagt ein renommiertes Marktforschungsinstitut den Anstieg des Marktanteils von Homöopathika um 4.150% in 10 Jahren weltweit voraus. Ca. um die gleiche Zeit beginnt zufällig eine Kampagne gegen die Homöopathie. Kurz danach schließen sich internationale skeptische Wissenschaftler, die rein zufällig viel Förderung von der pharmazeutischen Industrie kriegen, zusammen und kommen mal so ganz nebenbei auf die Idee, man müsse die Homöopathie im öffentlichem Rahmen abkanzeln, einfach im Dienst der Erkenntnis, was sonst. Und ebenfalls rein zufällig startet in Deutschland eine Kampagne gegen die Homöopathie. Und ganz zufällig folgt das Muster einem ebenfalls zufälligen Muster, das man die letzten 7 oder so Jahre in England und im Übrigen auch in den USA beobachten konnte.

Aber bitte, es ist wirklich alles, alles Zufall auf der Welt. Auch die Entstehung der Welt. Auch das Werden und Vergehen von großen und kleinen und mittelkleinen Koalitionen, Pharmafirmen und anderen Interessensgruppen, von Skeptikerbewegungen und natürlich auch von Informationsplattformen zur Homöopathie. Willkommen in der postmodernen Zeit der reinen Zufälligkeit und Beliebigkeit. Das einzige was nicht beliebig scheint, und das macht sie wahrscheinlich zum Ziel des Zorns, ist die Homöopathie. Denn da darf man seine Kügelchen nicht zufällig auswählen, sondern muss sich an die Regeln halten. Sonst funktioniert sie nicht. Aber wenn sie funktioniert, dann ist es eben wieder reiner Zufall oder Sinnestäuschung. Auch gut.

Literatur

[1] Linde, K., Alscher, A., Friedrichs, C., Joos, S., & Schneider, A. (2014). Die Verwendung von Naturheilverfahren, komplementären und alternativen Therapien in Deutschland – eine systematische Übersicht bundesweiter Erhebungen. Forschende Komplementärmedizin, 21, 111-118. https://www.karger.com/Article/Abstract/360917

[2] Jocham, A., Berberat, P. O., Schneider, A., & Linde, K. (2017). Why Do Students Engage in Elective Courses on Acupuncture and Homeopathy at Medical School? A Survey. Complementary Medicine Research, 24(5), 295-301. https://www.karger.com/Article/Abstract/468539

[3] Güthlin, C., Lange, O., & Walach, H. (2004). Measuring the effects of acupuncture and homoeopathy in general practice: An uncontrolled prospective documentation approach. BMC Public Health, 4(6). https://bmcpublichealth.biomedcentral.com/articles/10.1186/1471-2458-4-6

[4] Vickers, A. J., Cronin, A. M., Maschino, A. C., Lewith, G. L., MacPherson, H., Foster, N. E., et al. (2012). Acupuncture for chronic pain: Individual patient data meta-analysis. Archives of Internal Medicine, 172, 1444-1453. doi:10.1001/archinternmed.2012.3654

[5] Walach, H. (2009). The campaign against CAM – a reason to be proud. Journal of Holistic Health Care, 6(1), 8-13.

Walach, H. (2009). The campaign against CAM and the notion of „evidence-based“. Journal of Alternative & Complementary Medicine, 10, 1139-1142. http://online.liebertpub.com/doi/abs/10.1089/acm.2009.0423