Norbert Aust – der Regenmacher

Curt Kösters

Hat Norbert Aust recht, wenn er die Homöopathie zur Esoterik erklärt, die ihre ausbleibenden Erfolge mit allerlei Schutzbehauptungen hinwegerklärt?

Harald Walach schrieb in seinem Beitrag Ist Homöopathie also nun ein Placebo?

Effekte tauchen häufig erst nach einer dritten oder vierten Verschreibung auf, wenn zusätzliche Informationen vorliegen und oft, wenn die Hoffnung bereits verpufft ist.

Dazu schreibt nun Norbert Aust, ein bekannter Vertreter der Skeptiker-Szene, dass man die Spezifität der Homöopathie schlecht mit der Wirksamkeit von Verschreibungen erst nach dem 3. oder 4. Mal begründen könne. Genauso gut könne man dann behaupten, dass man mit Tangotanzen Regen machen kann. Denn wenn man es richtig macht, lange genug wartet etc. dann würde es auch irgendwann mal regnen. Und wenn man dann das Regnen auf das Tangotanzen zurückführen wolle, dann sei das doch offensichtlicher Unsinn. – Der vollständige Text findet sich auf dem Blog von Norbert Aust. [Link]

Sehr geehrter Herr Doktor Aust!

Möglicherweise verstehen Sie hier etwas falsch – vielleicht wollen Sie aber auch falsch verstehen.

Lassen Sie uns doch zunächst von akuten Erkrankungen sprechen – da ist es übersichtlicher und einfacher zu verstehen.

Wenn ich einfach mal die letzten 20 akuten Erkrankungen in meiner Praxis durchsehe, dann zeigt sich, dass die erste Verschreibung zu etwa 50% erfolgreich ist. Nun ist mir nicht unbekannt, dass Sie diese Behandlungserfolge ohnehin zum Placebo-Effekt erklären werden. Und auch wenn ich das nur begrenzt nachvollziehbar finde, kann ich das einfach mal so stehen lassen; und daher fängt hier das eigentliche Argument erst an.

Steigende statt sinkende Erfolgsraten mit wachsender Enttäuschung?

Wenn man den Effekt homöopathischer Arzneimittel ausschließlich mit Placebo erklären möchte, dann sollte man erwarten, dass bei den nachfolgenden Verschreibungen die Wahrscheinlichkeit des Erfolges rapide absinkt, bedingt durch wachsende Enttäuschung der Patienten. In der Tat liegt  die Erfolgsrate der zweiten Verschreibung dann bei etwa 40% – und Ihre Begeisterung über diese Aussage kann ich mir jetzt schon vorstellen!

Die Erfolgsrate der nächsten Verschreibungen sinkt dann aber nicht weiter – sondern steigt tendenziell. Wie erklären Sie sich das mit der Placebo-Hypothese?Und wie erklären Sie sich, dass die Erfolgsrate nur wenig mit der Schwere der Erkrankung korreliert – aber deutlich korreliert mit der Präzision der geschilderten Symptome?

Anmerkugen

Und nun noch einige Präzisierungen meinerseits – schon zur Vermeidung weiterer Missverständnisse:

  1. Ich habe hier zwecks Übersichtlichkeit etwas vereinfacht und nicht jede Besserung der Symptomatik als Erfolg bezeichnet – sondern nur Besserungen, die so deutlich waren, dass eine weitere Behandlung nicht erforderlich ist. Die 40%-Erfolgsrate der zweiten Verschreibung bezieht sich also nur auf die verbleibenden 50% noch nicht erfolgreich behandelter Patienten.
  2. In der täglichen Praxis gehe ich bei akuten Krankheiten von einer kausalen Verbindung zwischen Verschreibung und Besserung nur dann aus, wenn die Besserung innerhalb von zwei Stunden auftritt. Wenn also Patienten berichten: „Die Nacht war schlecht, aber heute geht es mir besser“ – dann bin ich äußerst skeptisch hinsichtlich der Kausalität und werte das auch nicht als Behandlungserfolg.
  3. Das Krankheitsspektrum ist in meiner Praxis wahrscheinlich recht ähnlich zu anderen hausärztlichen Praxen – alles zwischen banal und lebensbedrohlich. Lebensbedrohliche akute Krankheiten sind allerdings eher selten in einer hausärztlichen Praxis; und bei diesen 20 Fällen war kein Fall lebensbedrohlich. Nicht überraschend allerdings angesichts der aktuellen epidemiologischen Situation: Etwa die Hälfte hatte eine Influenza.

Die durchschnittliche Krankheitsdauer bis Behandlungserfolg lag bei 2,4 Tagen – bei Patienten mit Influenza bei 2,8 Tagen. Die Erklärung der tendenziell steigenden Erfolgsrate mit natürlichem Verlauf zieht hier also auch nicht so recht.

Und wenn Sie als Regentänzer eine wenigstens annähernd ähnliche Erfolgsbilanz zeigen können, empfehle ich Sie gerne weiter – z.B. an einige Länder in der Sahel-Zone. Die Menschen dort haben  ein Problem.

  • Und das war nun zugegeben polemisch: Denn die Sahel-Zone hat erkennbar kein akutes, sondern ein chronisches Problem.

Hier in Hamburg habe wir nur sehr selten Probleme mit mangelndem Regen; aber schon in Meck-Pomm klagen die Landwirte hin und wieder: Und wenn Sie denen zusagen könnten, dass mit einer 50%igen Wahrscheinlichkeit der Regen innerhalb von 24 Stunden auftritt, könnte ich Sie empfehlen!

Eine Vorwarnung allerdings: Sie müssen dann schon auch liefern! – und in meiner Praxis ist das auch nicht anders. Wenn ich nicht liefere, bleiben die Patienten aus.

Da meine Kompetenz hinsichtlich Regentanz allerdings äußerst begrenzt ist, schlage ich ein anderes Modell vor – wenngleich auch dieses nicht an Erfahrungen in Hamburg anknüpft:

Lawinen?

Angenommen:

  • Sie leben in einem Alpental und die Gefahr von Lawinen ist bedrohlich.
  • Im Nachbartal gibt es jemanden, der behauptet eine Lösung zu haben.
  • Dessen Idee: Die Lawinen auslösen, um sie zu entschärfen.
  • Er hat eine Kanone – und behauptet, damit Lawinen auslösen zu können.

Auf Anhieb klingt das etwas absurd: Lawinen auszulösen, um sie damit zu entschärfen! Noch absurder ist allenfalls seine Behauptung, dass das im Prinzip auch mit der Flinte möglich sei; dann müsse er allerdings sehr viel genauer treffen.

Aber weiterhin angenommen: Sie sind bereit, diese Idee zu erproben (natürlich nicht das mit der Flinte). Ihre Überlegung ist: Im schlimmsten Fall passiert gar nichts; im besten Fall geht die Lawine ab und ist harmlos – und in jedem Fall wissen Sie wenigstens den Zeitpunkt und können sich an einem sicheren Ort aufhalten.

Sie bringen daher diesen Einwohner des Nachbartals – samt seiner Kanone – in Ihr Tal, obwohl das doch ein gewisser Aufwand ist – und dann:

  • Als erstes fragt der nach genauen Karten!
  • Und dann möchte er auch noch Fotografien der Lawinenabgänge aus den letzten Jahren sehen!

Ich verstehe gut, dass Sie an diesem Punkt schon ziemlich genervt sind!

Der Einwohner des Nachbartals erklärt, dass er präzise Informationen braucht – und selbst damit keine 100%ige Erfolgsgarantie für seine Kanonenschüsse abgeben könne. Letzten Endes benötigt er dann sogar zehn Schüsse innert zwei Stunden um die Lawine endlich mal auszulösen. Das ist eine wirklich schwache Leistung – geradezu skandalös!

So wie ich Sie nun als Skeptiker kenne, würden Sie diesen obskuren Einwohner des Nachbartals darauf hinweisen, dass Lawinen so oder so irgendwann abgehen und dass Sie jedenfalls keinen kausalen Zusammenhang erkennen können – und dann würden Sie ihn einfach stehen lassen; soll er doch zusehen, wie er nach Hause kommt (mitsamt seiner Kanone).

Und ich verstehe das vollkommen: Recht haben Sie!

Mit freundlichen Grüßen

Curt Kösters

Placebowirkungen

PS: Ich glaube eigentlich nicht, dass Placebos bei einer akuten Infektion eine entsprechende Erfolgsrate haben. Gut belegt ist das eigentlich nur für Schmerzzustände. Und auch Frau Grams ist uns den angekündigten Nachweis noch schuldig, dass sie

schwere Angstzustände und Depressionen verschwinden, bösartige Krebsgeschwüre zurückgehen und akute eitrige Mandelentzündungen heilen sehen

kann unter einer psychosomatischen Behandlung. Ihr Buch „Homöopathie neu gedacht“ beginnt ja damit, dass sie diese Behandlungserfolge unter einer homöopathischen Behandlung gesehen habe – und auf den weiteren 220 Seiten legt sie dann dar, dass das nur ein Placebo-Effekt gewesen sein könne und dass sie konsequenterweise nun eine psychosomatische Ausbildung machen wird, offenbar um auf diese Weise ähnliche Behandlungseffekte zu erzielen. Ich warte immer noch gespannt.

Reproduzierbarkeit

Und dann gibt es in der Praxis ja noch weitere Phänomene, die aus meiner Sicht schwer mit der Placebo-Hypothese in Einklang zu bringen sind.

Was würden Sie als Regentänzer denken, wenn es nach ihrem Tanz sofort anfängt zu regnen – leider aber nur wenige Minuten? Und nach der Wiederholung regnet es dann wieder nur einige Minuten. Und nach der dritten Wiederholung tanzen Sie mit gesteigertem Rhythmus und dann endlich setzt der erhoffte Dauerregen ein. – Alles Zufall?